29.03.1993

ComicsKomische Umbildung

Asterix-Schöpfer Uderzo und ein deutscher Kleinverleger streiten um die Grenze zwischen Plagiat und Parodie.
Der dicke Obelix, der als Kind in den Zaubertrank gefallen ist, sitzt auf der grünen Wiese und liest ein Heft, in dem vollbusige Gallierinnen abgebildet sind: "Asterwix". Pikiert wendet sich Hund Idefix von seinem Herrchen ab.
Die Persiflage des französischen Erfolgscomics Asterix stammt aus der Feder des österreichischen Karikaturisten Manfred Deix, der gemeinsam mit der Creme deutscher Kollegen, von Hans Traxler bis Gerhard Seyfried, den Comicband "Die hysterischen Abenteuer von Isterix" verfaßt hat. Dem Münchner Verleger Hans Gamber, der sein Geld mit Spaßversionen bekannter Zeitschriften verdient (LüStern, Playbock, Dr. Spiegel), hat der Jux bislang jedoch mehr Prozeßkosten verursacht als Gewinn eingebracht.
Seit Gamber vor rund vier Jahren Isterix und "Falsches Spiel mit Alcolix" auf den Markt brachte, wird vor deutschen Gerichten darüber gestritten, ob die Comichefte erlaubte Parodien oder verbotene Plagiate sind. Vor zweieinhalb Wochen zog sich der Bundesgerichtshof aus der Affäre: Weil die Comics teils ein "eigenschöpferisches Werk", teils aber eine "unfreie Bearbeitung" darstellten, verwiesen die Juristen den Kasus zurück an das Münchner Oberlandesgericht.
Dort könnte nun ein skurriler Rechtsstreit enden, bei dem bislang weder Kläger noch Beklagter, geschweige denn die Richter eine gute Figur machten. Denn die Rechtsfrage, um die Asterix-Herausgeber Uderzo und Asterix-Imitator Gamber streiten, ist in Wirklichkeit eine Geschmacksfrage.
Der sehr weit gefaßten Definition des Dudens, nach der es sich bei einer Parodie um die "komisch-satirische Umbildung oder Nachahmung eines meist künstlerischen, oft literarischen Werkes oder des Stils eines Künstlers" handle, mochte bislang kein Richter folgen. In gewohnter Juristen-Manier hatte sich schon die erste Instanz, das Landgericht München I, an ein Grundsatzurteil geklammert, das der Bundesgerichtshof (BGH) 1971 gegen Hans Traxlers Parodie auf Walt Disneys Tod in der Satire-Zeitschrift Pardon gefällt hatte.
Der BGH sah damals als wichtigstes Merkmal einer Parodie "die antithematische Behandlung der Vorlage" an. Die Parodie habe sich "komisch oder satirisch" mit dem von ihr aufgegriffenen Gegenstand auseinanderzusetzen. Dabei müsse sie manchmal auch Charakteristika ihres Vorbildes übernehmen. Letztlich sei aber "eine zulässige freie Benutzung nur dann gegeben, wenn angesichts der Eigenart des neuen Werkes die entlehnten eigenpersönlichen Züge des geschützten älteren Werkes verblassen".
Ob solcher Vorgaben verblaßte auch die in Gambers Werken enthaltene Komik gegenüber den Versuchen der Richter, ihren eigenen Geschmack jeweils zu objektivieren. Bereits im Sommer 1991 versuchte der 29. Zivilsenat des Oberlandesgerichts München in einem 38seitigen Urteil Geschichte für Geschichte, Cartoon für Cartoon dem Wesen von Werk und Witz auf die Schliche zu kommen.
"Die Anlehnung an die Originalfiguren", entschieden die Richter über das Isterix-Titelbild, sei "für jeden Kenner der Asterix-Hefte offenkundig, obwohl die Darstellung der Figuren als Rocker eine deutliche Verfremdung enthält. Der Umstand, daß Asterix und Obelix als Angehörige einer neuzeitlichen gesellschaftlichen Randgruppe gezeigt werden, ist für sich betrachtet keine Auseinandersetzung mit den Originalfiguren in Form einer antithematischen Behandlung". Gambers Deutung der Darstellung, nach der sich "Asterix und Obelix als Rocker gegenüber der heutigen Bourgeoisie ebenso auflehnen wie die Gallier die Lebensweise der Römer abgelehnt haben", überzeuge nicht.
Der 1. Zivilsenat des Bundesgerichtshofes versuchte erst gar nicht, durch neue Grundsätze ein Problem zu lösen, für das es keine Lösung gibt. Denn abgesehen von krassen Nachahmungen bleibt es in den meisten Fällen Anschauungssache, wann etwas noch Plagiat oder schon Parodie ist.
Die BGH-Richter verboten zwei Isterix-Beiträge, die beim Oberlandesgericht noch als Parodien durchgegangen waren, während sie zwei andere erlaubten, die von den Münchner Oberlandesrichtern indiziert worden waren. Der Deix-Cartoon trägt nun das Prädikat Parodie, ein von Seyfried gezeichneter Strip über Asterix und Obelix beim Mauerfall soll dagegen eine "abhängige Nachschöpfung" sein.
Das eigentliche Problem des Geschäfts mit Abwandlungen bereits vorhandener Werke wurde in Karlsruhe nicht behandelt: das ökonomische. Bleiben nämlich Produkte wie die von Gamber Ausnahmen, so können die Richter die "künstlerische Freiheit" weit auslegen. Nehmen sie jedoch überhand, werden Gerichte zum Schutze der Verleger von Originalen restriktiver urteilen müssen.
Immerhin retteten die BGH-Richter Kleinverleger Gamber erst mal vor dem Ruin, indem sie fast den kompletten Alcolix-Band als Parodie passieren ließen, den die Münchner für ein Plagiat gehalten hatten. Denn Gambers Prozeßkosten belaufen sich bereits auf rund 300 000 Mark.

DER SPIEGEL 13/1993
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