11.07.1994

„Aufgehängt wie Schlachtvieh“

Joachim Fest war in den sechziger Jahren Chefredakteur beim NDR-Fernsehen. 1973 trat er mit einem erfolgreichen, wenngleich umstrittenen 1200-Seiten-Wälzer als Hitler-Biograph hervor. „Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli“, das neue Buch des gebürtigen Berliners, 67, bis 1993 Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen, erscheint diese Woche im Siedler Verlag, Berlin (416 Seiten; 44 Mark). Der SPIEGELdruckt einen Auszug.
Noch in der Nacht auf den 21. Juli 1944 setzte eine ausgedehnte Fahndung ein. Die Nachforschungen erstreckten sich auf sämtliche Personen, die mit den Beteiligten privat oder dienstlich in Berührung gekommen oder früher schon ins Blickfeld der Überwachungsbehörden geraten waren.
Im Hauptquartier wurde gegen Mitternacht Generalmajor Hellmuth Stieff verhaftet. Um die gleiche Zeit erhielt General Erich Fellgiebel, während er nach Philosophenmanier in ein Gespräch mit seinem Ordonnanzoffizier, Oberleutnant Hellmuth Arntz, über ein Jenseits vertieft war, "an das er nicht glaubte", den lange erwarteten Anruf. Er sagte nur: "Ich komme!", und als Arntz ihn beim Abschied fragte, ob er eine Pistole habe, erwiderte er: "Man steht, man tut das nicht."
Am folgenden Tag wurde der SS-Obersturmbannführer Georg Kießel zum Leiter einer "Sonderkommission 20. Juli" ernannt, die bald auf 400 Beamte anwuchs. Die Stichworte für die justizförmige Erledigung des Staatsstreichs gab Hitler in einer Lagebesprechung aus: "Diesmal werde ich kurzen Prozeß machen. Diese Verbrecher sollen nicht die ehrliche Kugel bekommen. Ein Ehrengericht soll sie aus der Wehrmacht ausstoßen, dann kann ihnen als Zivilisten der Prozeß gemacht werden. Und innerhalb von zwei Stunden nach der Verkündung des Urteils muß es vollstreckt werden! Die müssen sofort hängen ohne jedes Erbarmen! Und das wichtigste ist, daß sie keine Zeit zu langen Reden erhalten dürfen. Aber der Freisler wird das schon machen. Das ist unser Wyschinski."
Doch mit jedem folgenden Tag dehnte sich der Kreis der Verdächtigen weiter aus. Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben, der nach den Plänen der Putschisten den Oberbefehl über die Wehrmacht hätte übernehmen sollen, war einer der ersten, die verhaftet wurden, morgens gegen fünf Uhr hatte die Gestapo den preußischen Finanzminister Johannes Popitz aus der Wohnung geholt, dann traf es Hans Oster und Wilhelm Canaris von der Abwehr, den konservativen Politiker Ewald von Kleist-Schmenzin und viele andere. Noch kurz vor dem 20. Juli hatte die für die Wehrmacht zuständige Observationsstelle der Gestapo keine besonderen Anhaltspunkte gemeldet und nur beiläufig den "Defätismus" der Gruppe um Ludwig Beck und Carl Goerdeler erwähnt.
Auch Hitler selber scheint zunächst nur an jene "ganz kleine Clique ehrgeiziger Offiziere" geglaubt zu haben, von der in seiner Rundfunkansprache die Rede gewesen war. Jetzt zeigte sich zu aller Bestürzung, daß hinter der Tat Stauffenbergs eine breite, weit über das Militär hinausreichende und linke wie rechte Kräfte umfassende Bewegung stand, deren Verzweigungen bis in vermeintlich parteitreue Kreise reichten. _(y 1994 Siedler Verlag, Berlin. )
Graf Helldorf, Polizeipräsident von Berlin und SA-Führer, hatte noch am Abend des 20. Juli selbstbewußt versichert, man werde es nicht wagen, Hand an ihn zu legen, doch jetzt griffen die Verfolger ohne langes Zögern zu. Andere, wie General Wagner, begingen Selbstmord.
Major Hans Ulrich von Oertzen, der das Wehrkreiskommando am Hohenzollerndamm zum Umsturz gedrängt hatte, war es im Verhaftungsdurcheinander gelungen, zwei Gewehrsprenggranaten zu verstecken, von denen er die eine, kurz bevor er abgeführt werden sollte, dicht an seinem Kopf zündete. Als er schwerverletzt zusammenbrach, schleppte er sich mit letzter Kraft zum Versteck der zweiten Granate, preßte sie in den Mund und zog ab. Doch auch diese Toten weiteten nur den Kreis der Verdächtigen auf ihre Mitarbeiter, Freunde und Angehörigen aus.
Die strengen Maßstäbe, die dem Widerstand seit je den seltsam wehrlosen Zug vermittelt haben, behaupteten sich auch in der Niederlage. Die wenigsten versuchten zu fliehen. Sie ordneten ihre persönlichen Dinge und warteten gelassen, standhaft und, wie sie glaubten, auf alles vorbereitet. Viele forderten ihre Verhaftung sogar heraus. Im Vordergrund stand dabei der Gedanke, Freunde und Angehörige vor der drohenden Erpressung zu bewahren, doch stets hatten solche Entschlüsse auch mit jener kategorischen Moralität zu tun, die für nahezu alle der feste Grund unter den Füßen war.
"Nicht fliehen - standhalten!" begründete Stauffenbergs Adjutant Friedrich Karl Klausing seine Entscheidung, sich freiwillig zu stellen; er wolle "die gefangenen Kameraden nicht im Stich lassen". Auch der Ordonnanzoffizier Fabian von Schlabrendorff lehnte die Flucht ab, desgleichen Adam von Trott zu Solz von der Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis, "seiner Frau und der Kinder wegen", wie er sagte. Generalmajor Henning von Tresckows Bruder Gerd, der zwar eingeweiht, aber als Oberstleutnant einer Division an der italienischen Front viel zu weit vom Geschehen entfernt war, um Verdacht erregt zu haben, offenbarte sich seinen Vorgesetzten, wurde abgewiesen, beharrte aber auf seiner Selbstbezichtigung, sah sich schließlich verhaftet und in das Gestapo-Gefängnis in der Lehrter Straße eingeliefert. Dort nahm er sich Anfang September, physisch und psychisch zermürbt, das Leben.
Immer wieder kam es vor, daß die Gesuchten ihren Verfolgern geradezu entgegengingen, erfüllt von einem Gefühl zwischen Stolz und Müdigkeit, unfähig oder ungewillt, sich weiterhin zu verstecken und jenes allzulang geführte Doppelleben fortzusetzen, dessen Preis, wie sie glaubten, die Selbstachtung war. Der Jurist Ulrich von Hassell machte sich von seinem bayerischen Wohnsitz aus auf die umständliche, von vielen Zwischenaufenthalten behinderte Reise nach Berlin, wanderte einige Tage lang ruhelos durch die Straßen und erwartete dann, gefaßt an seinem Schreibtisch sitzend, das Kommando der Gestapo. Theodor Steltzer wiederum weigerte sich, von Norwegen aus nach Schweden hinüberzuwechseln, sondern kam statt dessen nach Berlin zurück und bestand sogar auf seiner Auffassung, daß man als Christ nicht einmal vor den Vernehmungsbeamten oder vor dem Volksgerichtshof die Unwahrheit sagen dürfe.
Zu den Beweggründen hinter allen diesen ebenso wirklichkeitsfremden wie bewegenden Verhaltensweisen zählte sicherlich auch die Absicht, das bevorstehende Gericht als Tribüne einer vielstimmigen Anklage zu nutzen, um am Ende doch noch, vor gleichsam schon gefallenem Vorhang, jene große Entlarvung des Regimes vorzunehmen, die viele von ihnen sich von dem sehnsüchtig herbeigewünschten Prozeß gegen Hitler erhofft hatten. Aber diese Illusion zerstob rasch.
Den jenseits des engsten Täterkreises zunächst im dunkeln tappenden Ermittlern gelang es im Lauf der folgenden Monate rund 600 Verdächtige festzunehmen. Eine zweite Verhaftungswelle Mitte August ("Aktion Gewitter") erfaßte noch einmal rund 5000 vermutete Regimegegner vornehmlich aus den Reihen der Weimarer Parteien und Verbände. Auch in den Vernehmungen haben einige der Angeschuldigten eher Ernst und Ethos ihres Tuns bezeugen als ihr Leben retten wollen. Der Leiter der Sonderkommission erklärte schon bald, "der männliche Standpunkt der Idealisten (habe) sofort einiges Licht in das Dunkel" gebracht.
Wie arglos-mutig und in vielen Fällen geradezu zum Selbstopfer drängend dieses Auftreten sich auch ausnehmen mag, so war es vielleicht doch die einzige Verteidigung, auf die das Regime keine Antwort hatte. Wenn Hitler anfangs offenbar eine spektakuläre, den sowjetischen Schauprozessen der dreißiger Jahre nachgebildete Inszenierung der Verhandlungen mit Film, Rundfunkübertragungen und ausgedehnten Presseberichten im Auge gehabt hatte, gab er den Gedanken daran bald auf. Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg beispielsweise erklärte vor Gericht: "Wir haben diese Tat auf uns genommen, um Deutschland vor einem namenlosen Elend zu bewahren. Ich bin mir klar, daß ich daraufhin gehängt werde, bereue meine Tat aber nicht und hoffe, daß sie ein anderer in einem glücklicheren Augenblick durchführen wird."
Dergleichen Äußerungen, die von vielen Angeklagten kamen, drängten die Regie der Verfahren zunehmend in die Defensive. Am 17. August 1944 untersagte Hitler jede weitere Berichterstattung, und am Ende wurden nicht einmal mehr die vollstreckten Hinrichtungen bekanntgemacht.
Im ganzen blieb die Aufklärung des weitläufigen Hintergrundes der Verschwörung mühsam. Von Stieff und Fellgiebel weiß man, daß sie selbst unter der Folter mindestens sechs Tage lang keine Einzelheiten hergaben. Entgegen einer verbreiteten Legende wurden auch keine Namensregister oder Kabinettslisten gefunden.
Desgleichen hat Schlabrendorff, von dem eine ins einzelne gehende Schilderung der vier Stufen der Folter stammt, angefangen von Dornenschrauben auf den Fingerwurzeln über die sogenannten Spanischen Stiefel bis zum Streckbett und anderen Torturen, keinen Mitverschworenen der Heeresgruppe Mitte preisgegeben. Selbst als man ihn zuletzt vor die noch einmal aus dem Grab gezerrte, verstümmelte Leiche seines Freundes Tresckow führte, schwieg er, und auch aus Oster, Kleist-Schmenzin oder dem Sozialdemokraten Wilhelm Leuschner war trotz aller Quälereien nur das mehr oder minder schon Bekannte herauszubringen.
Doch was die Gefolterten nicht hergaben, leistete nun die Gegenseite. Als wollten sie Hitler einen letzten Dienst erweisen, veröffentlichten englische Rundfunksender ständig Namen von Leuten, von denen sie behaupteten, daß sie auch am Staatsstreich teilgenommen hätten.
Am 4. August trat unter dem Vorsitz des Feldmarschalls von Rundstedt der von Hitler verlangte "Ehrenhof" zusammen, dem als Beisitzer Feldmarschall Keitel, Generaloberst Guderian sowie die Generäle Schroth, Specht, Kriebel, Burgdorf und Maisel angehörten. Ohne Einvernahmen und ohne Beweisverfahren schlug die Runde 22 Offiziere zur Ausstoßung aus dem Heer vor und entzog sie damit, dem Willen Hitlers entsprechend, dem gesetzlich vorgeschriebenen kriegsgerichtlichen Verfahren.
Zuständig für alle Beschuldigten war damit der 1934 für "Staatsverbrechen" eigens errichtete Volksgerichtshof, und Hitler befahl, die Verhandlung in beschränkten Räumlichkeiten und vor einem ausgewählten Zuhörerkreis zu führen. Er bat den Präsidenten des Gerichts, Roland Freisler, sowie, wenn der Bericht darüber zutreffend ist, den Scharfrichter ins Führerhauptquartier und bestand darauf, daß jeder geistliche Beistand versagt werde. "Ich will, daß sie gehängt werden, aufgehängt wie Schlachtvieh", lautete seine Anweisung.
Am 7. August begannen im großen, mit Hakenkreuzfahnen ausgehängten Saal des Berliner Kammergerichts die Prozesse. Angeklagt waren Witzleben, Stieff, Klausing, Yorck sowie der Ex-General Erich Hoepner, der Berliner Stadtkommandant Paul von Hase und die Offiziere Robert Bernardis und Albrecht von Hagen. Um die Beschuldigten schon äußerlich zu entwürdigen, führte man sie ohne Kragenbinde, Witzleben sogar ohne Hosenträger und Hoepner in einer Strickjacke in den Verhandlungsraum. Allen waren, wie ein Augenzeuge überliefert hat, die Spuren der "erlittenen Quälereien der Untersuchungshaft" anzusehen. Unter einer Hitler-Büste präsidierte im roten Talar Roland Freisler.
Zwei Jahre zuvor war er zum Präsidenten des Volksgerichtshofs berufen worden, und sicherlich war er der Jurist nach dem Bilde des Regimes. Ein gewisses Mißtrauen auf seiten Hitlers schwand gleichwohl nie, und der Hinweis auf den Hauptankläger der Moskauer Prozesse, Andrej Wyschinski, deutete die Ursachen an. Denn nachdem Freisler während des Ersten Weltkriegs in russische Kriegsgefangenschaft geraten war, hatte er es im Verlauf der Oktober-Revolution zum Kommissar gebracht und rühmte sich, seine Laufbahn als überzeugter Kommunist begonnen zu haben. 1925 hatte sich Freisler dann der NSDAP angeschlossen.
Seine lärmende, herrische Verhandlungsführung mit dem Ziel, wie er gelegentlich bekannte, die Angeklagten zu "atomisieren", hatte nicht zuletzt mit seinem theatralischen Temperament zu tun, den radikalen Posen, die er liebte, dem ausgekosteten Nachweis, Herr über Leben und Tod zu sein, dem die Unterwürfigkeit gegenüber Hitler nur zu genau entsprach. Trotz aller abstoßenden Züge, seiner offenen Lust an der Infamie und der Herabwürdigung der Angeklagten, haben sich nur wenige der merkwürdigen Faszination entziehen können, die er verbreitete. Helmuth von Moltke hat nach seiner Verhandlung geschrieben, Freisler sei "begabt, genial und nicht klug, und zwar alles dreies in der Potenz".
Freisler eröffnete den ersten Sitzungstag mit dem Bemerken, das Gericht habe über "die ungeheuerlichste Anklage (zu befinden), die in der Geschichte des deutschen Volkes je erhoben worden ist", und setzte die Entwürdigungspraktiken fort, indem er die Beschuldigten durchweg als "Lumpen", "Verbrecher", "Verräter" oder "Charakterschweine" bezeichnete und Stauffenberg immer wieder "den Mordbuben Stauffenberg" nannte. Gezielt beschränkte er die Vernehmung auf den bloßen Tathergang und schnitt alle Versuche der Angeklagten ab, sich zu ihren Motiven zu äußern. Die Verteidiger schlugen sich, bei allen Ausnahmen, die es auch gab, vielfach offen auf die Seite der Anklage. So vertrat der Verteidiger Witzlebens, Dr. Weissmann, in seinem Plädoyer die Auffassung, das Urteil sei im Grunde schon gesprochen durch "das göttliche Schicksal in der Form des Wunders der Errettung, als es dem deutschen Volke den Führer vor der Vernichtung bewahrte".
Am Ende verurteilte Freisler alle acht Angeklagten zum Tod durch den Strang und beendete die Verhandlung mit den Worten: "Wir kehren zurück in das Leben, in den Kampf. Wir haben keine Gemeinschaft mehr mit Ihnen. Das Volk hat sich von Ihnen befreit, ist rein geblieben. Wir kämpfen mit unserem Führer, ihm nach für Deutschland!"
So war es von nun an Mal um Mal. Schon am 10. August folgte die nächste Verhandlung mit den Angeklagten Fellgiebel, Berthold von Stauffenberg (Bruder des Hitler Attentäters Claus von Stauffenberg) und vor allem Fritz von der Schulenburg, der Freisler mit Ernst und Hohn zusetzte. Ebenso trat später der Jurist Josef Wirmer auf, der einer Äußerung Freislers, er werde sich bald in der Hölle wiederfinden, mit einer knappen Verneigung entgegnete: "Es wird mir ein Vergnügen sein, wenn Sie bald nachkommen, Herr Präsident."
Nicht immer gelang es dem Vorsitzenden, den Vorgeladenen das Wort abzuschneiden. Der Jurist Hans Bernd von Haeften, Mitglied des Kreisauer Kreises, sprach von der "weltgeschichtlichen Rolle Hitlers als eines großen Vollstreckers des Bösen". Ewald von Kleist-Schmenzin bekannte sich zum Hochverrat seit dem 30. Januar 1933 als einem "gottverordneten Gebot".
Cäsar von Hofacker, Adjutant des Militärbefehlshabers in Frankreich, General von Stülpnagel, hatte schon im Verhör erklärt, er habe am 20. Juli mit dem gleichen Recht gehandelt wie Hitler am 9. November 1923, und sein Bedauern über das Scheitern des Attentats ausgedrückt. Jetzt fiel er dem Vorsitzenden bei einer der zahlreichen Unterbrechungen seinerseits ins Wort: "Sie schweigen jetzt, Herr Freisler. Denn heute geht es um meinen Kopf. In einem Jahr geht es um Ihren Kopf." Und Fellgiebel riet ihm, er möge sich mit dem Aufhängen beeilen, sonst werde er eher hängen als die Verurteilten.
Am Nachmittag des 8. August, unmittelbar nach dem Ende der Gerichtsverhandlung, wurden die Verurteilten zur Hinrichtungsstätte Plötzensee überführt.
In der Haftanstalt wurde den Verurteilten nur die Zeit zum Umkleiden gewährt. Einzeln, im Zuchthausdrillich und in Holzschuhen überquerten sie, vorbei an einer laufenden Kamera, den Gefängnishof und betraten dann durch einen schwarzen Vorhang den Hinrichtungsraum. Auch hier war eine Kamera aufgestellt, die jedem ihrer Schritte folgte, von der Ankunft bis hinüber unter die Haken, die an einer quer über die Decke laufenden Schiene befestigt waren. Ein Film, im Auftrag des Führers gedreht, sollte den gesamten Prozeß in allen seinen Phasen ausführlich und in allen Einzelheiten zeigen.
Grelles Scheinwerferlicht lag über der Szenerie, ein paar Beobachter standen herum: der Generalstaatsanwalt, Gefängnisbeamte, Fotografen. Die Henker nahmen den Verurteilten die Handschellen ab, legten ihnen eine kurze, dünne Schlinge um den Hals und entkleideten sie bis zur Hüfte. Und auf ein Zeichen hin hoben sie die Delinquenten in die Höhe, ließen sie teils plötzlich, teils behutsam in die Schlingen fallen und zogen ihnen, noch bevor das Ende kam, die Hosen herunter. Nach jeder Exekution gingen der Scharfrichter und seine Gehilfen zu dem Tisch im vorderen Teil des Raumes und stärkten sich mit Schnaps, bis von draußen die Schritte des nächsten Opfers zu hören waren.
Hitler hatte schon die Berichte über die Verhaftungen, über neu auftauchende Verdachtsgruppen sowie die Protokolle der Vernehmungsbeamten "gierig verschlungen". Noch in der frühen Nacht trafen jetzt die Filme vom Prozeß und von der Exekution in der Wolfsschanze ein, und Hitler ließ auch seine Umgebung daran teilhaben. Der Putsch sei "vielleicht das segensreichste Ereignis für unsere Zukunft gewesen", sagte er und konnte sich an den Bildern seiner überwundenen Gegner nicht satt sehen. Aufnahmen der Erhängten lagen noch Tage später auf dem großen Kartentisch in seinem Bunker. Es waren, vor einem auf allen Seiten einstürzenden Horizont, große Befriedigungen, die er daraus zog, seine letzten Triumphgefühle.
Das exzeßhafte Wesen des Regimes trat aber nicht nur in der Intensität zutage, mit der es seine Vergeltungsbedürfnisse befriedigte, sondern auch in der Breite der einsetzenden Verfolgungen: Eine mit altgermanischem Brauchtum verbrämte Rachsucht traf auch die entfernten Angehörigen der Verdächtigten. Zwei Wochen nach dem 20. Juli, auf einer Gauleitertagung in Posen, erklärte Heinrich Himmler, der Reichsführer SS, in einer Rede, die sich in aller Breite mit dem gescheiterten Staatsstreich befaßte, er werde "hier eine absolute Sippenhaftung einführen", wie sie "sehr alt und bei unseren Vorfahren gebräuchlich gewesen (ist). Sie brauchen bloß die germanischen Sagas nachzulesen. Dieser Mann hat Verrat geübt, das Blut ist schlecht, da ist Verräterblut drin, das wird ausgerottet, bis zum letzten Glied in der ganzen Sippe. Die Familie Graf Stauffenberg wird ausgelöscht werden bis ins letzte Glied".
Dieser Androhung entsprechend ließ Himmler alle Angehörigen der Gebrüder Stauffenberg, von den Ehefrauen bis zum drei Jahre alten Kind einerseits und zum 85jährigen Vater eines Vetters andererseits festsetzen. Auch der Bruder Alexander, der nicht eingeweiht war, wurde aus Athen nach Berlin geschafft und im Anschluß an ausgedehnte Verhöre in ein Lager eingeliefert, der Besitz der Verwandten "insgesamt" eingezogen. Gräfin Stauffenberg kam nach ergebnislosen Vernehmungen ins Konzentrationslager Ravensbrück, ihre Mutter desgleichen, während die Kinder unter dem von der Gestapo erdachten, denkbarerweise als Anspielung auf den George-Kreis gemeinten Namen "Meister" einem Heim übergeben wurden. Ähnlich erging es den Angehörigen der Familien Goerdeler, Tresckow, Lehndorff, Schwerin, Kleist, Oster, Trott, Haeften, Popitz, Hammerstein und vielen anderen.
Einen neuen Schub und neue Hinweise erhielt die Arbeit der Ermittlungsbehörden, als es am 12. August gelang, Carl Goerdeler zu verhaften. Drei Wochen lang hatte er sich bei ergebenen Freunden meist in oder nahe Berlin versteckt und, wie besessen vom Glauben an seine auch jetzt nicht endende Berufung, noch einmal eine Denkschrift verfaßt.
Auf seine Ergreifung war ein Kopfgeld von einer Million Mark ausgesetzt, und nach langem, erschöpften Schwanken, ob er sich weiterhin verbergen oder ins Ausland fliehen solle, hatte er schließlich alle Hoffnung fahrenlassen und sich aufgemacht, um ein letztes Mal seine westpreußische Heimat zu sehen. Nach einer abenteuerlichen Reise von drei Tagen, in Wäldern und Warteräumen kampierend, war er bis nach Marienwerder gelangt, wo er auf dem Weg zum Grab seiner Eltern erstmals von einer Frau erkannt und so ausdauernd verfolgt worden war, daß er umkehren mußte. Nach einer weiteren Nacht im Freien hatte er am folgenden Morgen, am Ende seiner Kraft, eine Gastwirtschaft aufgesucht, war aber von einer Luftwaffen-Angestellten, die einst im Hause seiner Eltern verkehrt hatte, erkannt und weniger aus Bosheit oder Geldgier als aus wichtigtuerischem Eifer denunziert worden.
Seine Beteiligung an den Umsturzplänen hat er gleich im ersten Satz des ersten Verhörs eingeräumt, doch vom Attentat rückte er auch jetzt wieder ab und bezeichnete das Scheitern Stauffenbergs als "Gottesurteil". "Du sollst nicht töten!" hatte er mahnend einer Bekannten zugerufen, mit der er wenige Tage nach dem 20. Juli auf einer U-Bahn-Station zusammengetroffen war. Welche führende Stellung er jedoch im Kreis der Regimegegner eingenommen hatte und wie weit die Verbindungen in die zivile Welt reichten, erfuhren die Ermittler, die noch immer vornehmlich auf das Bild vom Militärkomplott festgelegt waren, zu ihrer eigenen Überraschung erst jetzt, und zwar durch keinen anderen als durch Goerdeler selbst.
Die Bereitwilligkeit, mit der er Namen von Unternehmern, Gewerkschaftsführern und Kirchenleuten, auch Motive, Absprachen und Ziele preisgab, hat ihm nicht nur bei einer Anzahl von Mithäftlingen den Ruf eines "Verräters" eingetragen, sondern auch seine Biographen vor beunruhigende Fragen gestellt. Gewiß wird man den Schock berücksichtigen müssen, den die Einkerkerung ihm zugefügt hatte. Hinzu kam im Lauf der Zeit die nervliche Zerrüttung eines Mannes, der weitaus länger als alle anderen Verurteilten in einer Einzelzelle isoliert war, an schwere Ketten gefesselt, durch nicht endende Verhöre gezerrt, und Nacht für Nacht in grellem Scheinwerferlicht bei offener Tür, mit einem Posten davor, zugebracht hatte.
Gleichwohl ist er in der Sache keinen Schritt zurückgewichen. Noch in seinen Aufzeichnungen während dieser Wochen hat er Hitler einen "Vampyr" und "Schänder des Menschentums" genannt, von der "viehischen Ermordung von einer Million Juden" gesprochen und über die Feigheit derer geklagt, die solche Verbrechen "teils unwissend, teils verzweifelnd" geschehen lassen. Nachweislich hat er zahlreiche Freunde und Mitverschwörer vor dem Zugriff der Gestapo bewahrt und wohl auch die Taktik der Irreführung durch eine verwirrend gemeinte, Tatsache auf Tatsache und Detail auf Detail häufende Gesprächigkeit verfolgt.
Aber aufs Ganze gesehen ist Goerdeler sichtlich auch vor den Vernehmungsbeamten seinem lebenslangen Wahrheits- und Vernunftglauben auf geradezu todbringende Weise treu geblieben. Nichts dispensierte ihn, wie er glaubte, von der Pflicht zu einem letzten Versuch, dem verblendeten, das Land zum Abgrund reißenden Hitler die Augen zu öffnen und vielleicht doch noch zu einem Dialog mit ihm zu kommen.
Am 8. September stand Goerdeler zusammen mit Ulrich von Hassell, Josef Wirmer und Wilhelm Leuschner vor dem Volksgerichtshof. Die Verhandlung verlief wie alle vorausgegangenen auch: mit einem tobsüchtigen Freisler, der keinem der Angeklagten eine Gelegenheit gab, sich zu seinen Motiven zu erklären, und Goerdeler am Ende als "ehrgeizzerfressenen, ehrlosen, feigen Verräter und politischen Kriegsspion", als "Verräter durch und durch" zum Tode verurteilte.
Doch während Wirmer und Hassell am gleichen Tag hingerichtet wurden und Leuschner 14 Tage später, blieb Goerdeler fast noch 5 Monate am Leben. Teils wollte man wohl weitere Informationen aus ihm herausholen, teils auch von dem Verwaltungsfachmann Memoranden über die Reformen und den Wiederaufbau nach dem Kriege ausarbeiten lassen, aber die eigentliche Absicht war vermutlich, ihn als letzte Karte bereitzuhalten, falls Himmler doch noch jenes aberwitzige Spiel versuchen würde, über Hitler hinweg Verbindung zum Gegner aufzunehmen. Dafür spricht unter anderem, daß auch Popitz, der am 3. Oktober zum Tode verurteilt worden war, zunächst verschont blieb.
Goerdeler hat in jenen Wochen auch gehofft, daß sich die Dinge hinauszögern ließen und der Krieg zu Ende gehen werde, so daß er und seine Mitgefangenen doch noch gerettet würden. Aber der alliierte Vorstoß ins Innere Deutschlands kam nicht voran, und inzwischen erhob der Justizminister Thierack immer dringlichere Vorstellungen, warum Goerdeler und Popitz noch am Leben seien. Als am Mittag des 2. Februar 1945 SS-Leute unter Geschrei in Goerdelers Zelle drangen, zerbrach, wie so vieles andere zuvor, auch diese letzte Hoffnung.
Am 15. September meldete der Chef des Reichssicherheitshauptamtes, Ernst Kaltenbrunner, daß die Untersuchungen im wesentlichen abgeschlossen und weitere Gesichtspunkte nicht mehr zu erwarten seien. Nur acht Tage später jedoch fiel dem Amt ein Aktenbestand in die Hände, der das gesamte Bild umwarf.
Nach dem Selbstmord des Abwehr-Oberstleutnants Werner Schrader, eines engen Vertrauten Osters, hatte dessen Fahrer sich, unglücklich und erfüllt von dem Gefühl, allein gelassen zu sein, an den Kommissar Franz Xaver Sonderegger gewandt und ihn auf ein Konvolut von Akten hingewiesen, das 1942 in die Preußische Staatsbank und später nach Zossen geschafft worden war. Als Sonderegger, neugierig geworden, nach Zossen fuhr und den Panzerschrank öffnete, kam das gesamte von Hans von Dohnanyi zusammengetragene Material der von Beck, Oster und General Franz Halder organisierten Staatsstreichunternehmen aus den späten dreißiger Jahren zum Vorschein: Protokolle, Einsatzpläne, Adressen, Notizen zur Affäre Blomberg-Fritsch, lose Blätter, alles sorgfältig archiviert, und sogar einige Seiten der schon lange gesuchten Tagebücher des Admirals Canaris.
Weit bestürzender als dieser Quellenfund war die plötzlich einbrechende Erkenntnis, daß die bislang allen Aufklärungsbemühungen zugrunde liegende Ausgangsüberlegung falsch und die Verschwörung des 20. Juli nicht das Werk einiger unzufriedener, zurückgesetzter oder abgehalfterter Offiziere aus den Zeiten des niedergehenden Kriegsglücks war. Vielmehr trat jetzt zutage, daß ihre Anfänge bis ins Jahr 1938 zurückreichten, die höchsten Wehrmachtsspitzen darin verwickelt und überdies die Motivkomplexe weitaus breiter waren, als irgend jemand je vermutet hatte: In dem von Kaltenbrunner angefertigten Protokoll war von der Absicht zur Verhinderung des Krieges die Rede, von verbreiteter Kritik an der "Behandlung der Judenfrage", von der Kirchenpolitik sowie dem generell "verderblichen Einfluß" Himmlers und der Geheimen Staatspolizei.
Hitler war so betroffen, daß er befahl, keines dieser Dokumente ohne seine besondere Genehmigung in den Prozessen vor dem Volksgerichtshof zu verwenden. Zudem ordnete er an, die Aufklärung dieser Vorgänge streng abzusondern und die Verhaftung General Halders und dessen Anwesenheit in der Prinz-Albrecht-Straße vor allen übrigen Gefangenen geheimzuhalten. In der Tat brach mit diesem Dokumentenfund und den Aufschlüssen, die er vermittelte, die selbstverfertigte Legende der Einheit von Führer und Volk zusammen, und es war offenbar diese Einsicht, die einen hohen Beamten des Justizministeriums verzweifelt sagen ließ: "Der 20. Juli wächst uns über den Kopf. Wir werden der Sache nicht mehr Herr."
Auch hat es den Anschein, als habe der Fund von Zossen auf Hitler selber eine fast schockartige Wirkung gehabt. Jedenfalls ließ er den Prozeß über die neu ans Licht gekommene Verschwörung zurückstellen und die damit belasteten Häftlinge Anfang Februar, als ein amerikanischer Luftangriff Teile der Gestapo-Zentrale zerstörte, nach Buchenwald und anschließend nach Flossenbürg in der Oberpfalz bringen. Womöglich hat er sogar daran gedacht, die Angelegenheit totzuschweigen und dem allmählichen Vergessen anheimzugeben.
Da kamen am 4. April durch einen Zufall, wiederum in Zossen, die legendenumwobenen Tagebücher von Canaris zum Vorschein. Der Fund schien Kaltenbrunner so wichtig, daß er die schwarzen Hefte schon am folgenden Tag zu Hitler nach Rastenburg brachte. Und jetzt, während der Lektüre dieser Aufzeichnungen, verdichtete sich in diesem der Eindruck, bei seinem großen und von allen Seiten bedrohten Werk seit Beginn von Intrigen, Meineid, Täuschung und Verrat umgeben gewesen zu sein. In einem maßlosen Ausbruch entluden sich sein Zorn, sein Haß und die Gefühle der Ohnmacht. Dann gab er dem SS-Brigadeführer Hans Rattenhuber, dem Chef der für seinen persönlichen Schutz zuständigen SS-Einheit, den Befehl: "Vernichtung der Verschwörer!"
Kaltenbrunner rief augenblicklich zwei Standgerichte zusammen, die aber als SS-Gerichte nicht einmal die formale Zuständigkeit besaßen und den Schein des Rechts, den sie herstellen sollten, sogleich wieder zerstörten. Das eine begab sich ins Konzentrationslager Sachsenhausen, wo Hans von Dohnanyi festgesetzt war. Er hatte sich einige Zeit zuvor, um den Folterungen durch die Vernehmungsbeamten zu entgehen, mit Diphtheriebazillen infiziert und davon ein schweres Herzleiden, anhaltende Krampfzustände und Lähmungen zurückbehalten. Auf einer Bahre "halb besinnungslos", wurde er vor seine Richter getragen und ohne weitere Umstände, ohne selbst das zwingend vorgeschriebene Protokoll, zum Tod durch den Strang verurteilt.
Ähnlich war es in Flossenbürg, wo zwei Tage später, am 8. April 1945, das andere Standgericht zusammentrat, um Canaris, Oster, Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, den Abwehr-Hauptmann Ludwig Gehre sowie den Heeresrichter Karl Sack zu verurteilen. Von Oster wird berichtet, daß er dem noch immer nach Auswegen suchenden Canaris während der Gegenüberstellung entgegenhielt: "Ich kann nichts anderes aussagen, als was ich weiß. Ich bin doch kein Lump!", und sich leidenschaftlich zu seiner Tat bekannte. Am Ende wurden alle zum Tode verurteilt.
Im Morgengrauen des folgenden Tages fanden die Hinrichtungen statt. Die Verurteilten wurden in die Badezelle geführt, wo sie sich nackt auszuziehen hatten, und dann einzeln über den Hof zum Galgen getrieben. Im Gebälk eines offenen Holzdachs waren Haken angebracht worden, darunter standen Trittbretter, die sie auf ein Kommando hin bestiegen. Dann wurde ihnen die Schlinge um den Hals gelegt und das Trittbrett weggestoßen. Die Leichen wurden verbrannt. Je aussichtsloser die Kriegslage wurde, desto summarischer war auch die große Abrechnung, die damit einsetzte, und das Strafgericht traf Beteiligte wie Entfernte.
Während der gesamten Zeit, im Abstand von zunächst einer Woche und später von jeweils etwa 14 Tagen, hatten die Prozesse ihren Fortgang genommen.
Am 9. und 10. Januar 1945 stand Moltke zusammen mit Alfred Delp, Eugen Gerstenmaier und einigen weiteren Kreisauer Freunden vor Gericht, und es war eher ein prozeßtechnischer als ein innerer Zusammenhang, der den schon am 19. Januar 1944 verhafteten Juristen jetzt so eng mit dem gescheiterten Staatsstreich in Verbindung brachte. Schon unmittelbar nach dem 20. Juli hatte er bemerkt: "Wenn ich frei gewesen wäre, wäre das nicht passiert", und ganz entsprechend hat er auch im Verlauf der Verhandlung an seinen Vorbehalten gegen jeglichen Gewaltakt festgehalten.
Trotz dieses Abstands hat womöglich kein anderer so wie er das tiefste Dilemma des Widerstands zum Ausdruck gebracht. Die Protokolle auch dieser Gerichtssitzung sind verlorengegangen. Aber es gibt zwei Briefe von Moltke, beide kurz nach der Verhandlung am 10. und 11. Januar 1945 an seine Frau geschrieben und durch Gefängnispfarrer Poelchau aus der Zelle gebracht, die mehr als nur persönliche Bekenntnisse sind. In ihrer Mischung aus Gedankenstolz, Tatverachtung und ins Religiöse gewendetem, fast Kleistschem Todesjubel verweisen sie auf größere Zusammenhänge und sind, wie einer der frühen Chronisten des Widerstands nicht ohne Grund bemerkt hat, nur "mit Grausen und Bewunderung" zu lesen.
Sie beginnen mit einer ausführlichen Schilderung der Vernehmungen, in deren Verlauf Freisler bemüht war, nicht Goerdeler, sondern den Kreisauer Kreis, "diese jungen Männer", als geheimen "Motor" des 20. Juli auszugeben. Und es fand nicht nur Moltkes Zustimmung, sondern machte sein ganzes, wieder und wieder hervorgehobenes Glück aus, daß Freisler zuletzt alle konkreten, auf praktische oder organisatorische Anstalten zielenden Vorwürfe fallenließ und statt dessen den "Defätismus" des Denkens, die christlichen und ethischen Grundsätze, zu denen er und seine Freunde zurückwollten, als das eigentlich strafwürdige Verbrechen bezeichnete.
"Letzten Endes", schrieb Moltke, "entspricht diese Zuspitzung auf das kirchliche Gebiet dem inneren Sachverhalt und zeigt, daß Freisler eben doch ein guter politischer Richter ist. Das hat den ungeheuren Vorteil, daß wir nun für etwas umgebracht werden, was wir a) getan haben und was b) sich lohnt. Wir haben keine Gewalt anwenden wollen - ist festgestellt; wir haben keinen einzigen organisatorischen Schritt unternommen, mit keinem einzigen Mann über die Frage gesprochen, ob er einen Posten übernehmen wolle - ist festgestellt; in der Anklage stand es anders. Wir haben nur gedacht, und zwar eigentlich nur Delp, Gerstenmaier und ich. Und vor den Gedanken dieser drei einsamen Männer, den bloßen Gedanken, hat der NS eine solche Angst, daß er alles, was damit infiziert ist, ausrotten will. Wenn das nicht ein Kompliment ist. Wir sind nach dieser Verhandlung aus dem Goerdeler-Mist raus, wir sind aus jeder praktischen Handlung heraus, wir werden gehenkt, weil wir zusammen gedacht haben. Freisler hat recht, tausendmal recht; und wenn wir schon umkommen müssen, dann bin ich allerdings dafür, daß wir über dieses Thema fallen. Vivat Freisler!"
Es ist hier auf wenigen Zeilen zusammengerafft, was am Widerstand gegen Hitler erinnerungswürdig bleibt, doch seine Schwäche und der tiefste Grund seiner Vergeblichkeit auch. Denn der "Goerdeler-Mist" war nichts anderes als das pragmatische Verhältnis zur Welt, zu den Menschen und den Kräften, kurzum zur Wirklichkeit. Diese Emphase der Distanz war eigentlich allen oppositionellen Gruppen eigen, den einen mehr, den andern weniger, und hat sie auch um ihre Wirkungsmöglichkeiten gebracht, zumal die Gegenseite die Unterscheidung nicht mitmachte und das Denken immer zugleich als Tun erachtete.
Am 12. Januar erging das Todesurteil, und am 23. Januar wurde Moltke zusammen mit neun weiteren Häftlingen hingerichtet. Nur einige Tage später, als Freisler soeben die Verhandlung gegen Fabian von Schlabrendorff aufgerufen hatte, heulten die Alarmsirenen. In dem schwersten Luftangriff, der im Verlauf des Krieges auf Berlin niederging, beschädigte eine Bombe das Gebäude in der Bellevuestraße, in dem die Sitzungen des Volksgerichtshofs unterdessen stattfanden.
Ein herabstürzender Balken traf Freisler am Kopf, er hielt die Akte Schlabrendorff umklammert, sonst war niemand verletzt. Ein von der Straße herbeigerufener Arzt stellte nur seinen Tod fest; es war der Bruder Rüdiger Schleichers, den Freisler am Tag zuvor zum Tode verurteilt hatte. Die Verhandlung mußte ausgesetzt werden, und als der Fall Mitte März erneut aufgegriffen wurde, erreichte Schlabrendorff unter Hinweis auf die erlittenen Foltern einen Freispruch.
Wie Fabian von Schlabrendorff überlebten einige weitere Beteiligte, darunter nahezu alle Freunde Tresckows aus der Heeresgruppe Mitte: Philipp von Boeselager, Gersdorff, Breitenbuch; von den Angehörigen des Kreisauer Kreises unter anderem Einsiedel, Trotha, von der Gablentz und der Jesuitenpater Rösch, ferner Gerstenmaier, der die Rolle des naiven, durch die fremde Welt der Politik stolpernden Theologen derart überzeugend gespielt hatte, daß Freisler ihn zu lediglich sieben Jahren Zuchthaus verurteilte. Hans Gisevius gelang es, dank seiner Auslandsverbindungen, insbesondere durch das Eingreifen von Allen W. Dulles, des Leiters der Organisation für Strategische Dienste "OSS" in Bern, in die Schweiz zu fliehen, die Brüder Hammerstein überlebten in Verstecken.
Als einen Monat später die Rote Armee zum Angriff auf Berlin ansetzte, ging der Rachefeldzug zunächst ungestört weiter. Denn noch immer waren die Gefängnisse überfüllt mit politischen Häftlingen, die entweder bereits verurteilt waren oder ihren Prozeß erwarteten. Am 14. April gab Himmler den Befehl, daß keiner der Inhaftierten überleben dürfe.
Aber die Ereignisse schlugen jetzt über Himmler und der Gestapo zusammen. Am 21. April, dem Tag, an dem Hitler, aufs höchste erregt, General Koller in Wildpark-Werder anrief und ihm mitteilte, daß das Stadtzentrum schon unter Feuer liege, wurden elf noch nicht Verurteilte freigelassen. Am 23. April folgten weitere Entlassungen.
Im Gefängnis an der Lehrter Straße hatte die SS bereits mit der Auflösung der Anstalt begonnen. Auch hier waren 21 weniger Belastete freigesetzt worden. Den übrigen hatte man versichert, sie würden vom Prinz-Albrecht-Palais aus auf freien Fuß gesetzt werden, und zog mit ihnen gegen ein Uhr nachts bei regnerischem Wetter los. An der Invalidenstraße bogen die begleitenden SS-Mannschaften jedoch unter einem Vorwand von der Straße ab, führten die Häftlinge auf ein Trümmergelände und gaben ihnen allen auf das Kommando "Fertigmachen, los!" den Genickschuß. Unter den Ermordeten befanden sich Klaus Bonhoeffer, Rüdiger Schleicher, Friedrich-Justus Perels und Albrecht Haushofer.
Von den Zurückgebliebenen wurden am folgenden Tag noch einmal einige freigelassen und die übrigen anschließend den Justizbehörden übergeben. Aber nach Mitternacht erschien erneut ein SS-Kommando, nahm drei der Gefangenen mit und ermordete sie: Albrecht von Bernstorff, Karl-Ludwig von Guttenberg und den Gewerkschaftsführer Ernst Schneppenhorst.
In den Debatten der zurückliegenden Jahre hatte Goerdeler stets die Auffassung vertreten, die erste und erfolgversprechendste Aufgabe der Verschwörer sei es, die Bevölkerung über die Verbrechen des Regimes aufzuklären: über die vorsätzliche Entfesselung des Krieges, die weit über alle Begriffe hinausreichende Korruption, die Praktiken der Einsatzgruppen, die Vorgänge in den Vernichtungslagern und anderes mehr. Ein Schrei der Entrüstung, so hatte er geglaubt, werde laut werden und Hitler mitsamt seinen Komplizen wie von selbst beseitigen.
Das Scheitern des Attentats und das Unvermögen der Beteiligten, mit einer Kundmachung vor die Öffentlichkeit zu treten, haben es dazu nicht kommen lassen. Es war nun nicht mehr die gläubige Bewunderung von einst, die die Massen an Hitler band, sondern das dumpfe, fatalistisch getönte Gefühl einer Verkettung, aus der es kein Entrinnen gab.
So blieben Opposition und Widerstand, was sie von Beginn an gewesen waren: eine Stimmung womöglich bei nicht wenigen, aber die Tat und die Konsequenz einer geringen Minderheit. Der Vereinzelung, die sie stets begleitet hat, entkam sie auch nach dem Ende der Hitler-Jahre nicht. In fataler Übereinstimmung haben die Propagandatechniker des Regimes und die Wortführer der gegnerischen Mächte im Verlauf der letzten Phase des Krieges ihre Tat verkleinert und ihre Beweggründe herabgesetzt. Churchill beschrieb den 20. Juli im Unterhaus als inneren, mörderischen Streit um die Macht, und aus Moskau begrüßte Rudolf Herrnstadt das Scheitern dieses letzten Versuchs von "Herrenclub, Reaktion usw."
Das setzte sich über das Ende des Regimes im Mai 1945 hinaus fort. Der Widerstand scheiterte noch einmal. So wenig wie in den zurückliegenden Jahren stieß er auf Zustimmung oder nur Verständnis, weder von außen noch im Innern.
Geraume Zeit untersagten auch die Besatzungsbehörden alle Veröffentlichungen zum Widerstand oder stellten ihnen doch Hindernisse in den Weg. Ulrich von Hassells Tagebücher erschienen zuerst in der Schweiz, dann in Schweden, Fabian von Schlabrendorffs "Offiziere gegen Hitler" stand ebenso auf dem Index wie Rudolf Pechels "Deutscher Widerstand".
Abwehr und Verneinung waren überall verbreitet. In den amerikanischen Gefangenen- und Internierungslagern sahen Offiziere aus dem Widerstand sich unterschiedslos mit nach wie vor Hitler-treuen Generälen oder Angehörigen der SS zusammengesperrt: Die These von der Identität zwischen Führer und Volk blieb weiterhin gültig. Wer im Kampf gegen das Regime sein Leben aufs Spiel gesetzt hatte, wurde über Jahre und oftmals länger als seine Gegenspieler von gestern festgehalten.
Im Sommer 1947 entließ die amerikanische Militärverwaltung Hitlers Heeresadjutanten, General Gerhard Engel, und eine Anzahl von Generalstabsoffizieren aus der Kriegsgefangenschaft. Den zurückgehaltenen Generalmajor von Gersdorff, der sich im März 1943 mit Hitler hatte in die Luft sprengen wollen, belehrte der Lagerkommandant, warum er weiterhin im Lager bleiben müsse: "Der General Engel hat in seinem ganzen militärischen Leben gezeigt, daß er stets nur die ihm gegebenen Befehle ausführt. Er wird uns auch im Zivilleben keinen Widerstand leisten und ist daher für uns keine Gefahr. Sie aber haben bewiesen, daß Sie gegebenenfalls Ihrem Gewissen gehorchen und dann unter Umständen unseren Anordnungen nicht Folge leisten würden. Deshalb sind Leute wie Sie oder auch der (ebenfalls weiterhin gefangengehaltene, d. Verf.) General von Falkenhausen für uns gefährlich. Aus diesem Grunde müssen wir Sie noch weiterhin in Gewahrsam behalten."
Zur Überlieferung des Widerstands gehört das Bild des in einer Zelle im Keller des Reichssicherheitshauptamts vereinsamten Carl Goerdeler. Zu Beginn des Jahres 1945 unternahm er noch einmal einen Versuch, das Schweigen zu durchbrechen, das über allem zusammenzuschlagen begann, was er und seine Mitverschworenen gedacht und gewollt hatten.
In seiner letzten Denkschrift meldet sich die Ahnung, ob er nicht doch in die Irre gegangen und seine Anstrengung vergeblich gewesen sei, Hitler von der Katastrophe abzuhalten. Er hoffte auf Freunde, die längst hingerichtet waren, notierte Erinnerungen, wandte sich an die Jugend, die Nachwelt und unterbrach die Niederschrift gleichsam mitten im Satz, einem Katarakt verzweifelter Grübeleien über den "gleichgültigen Gott", die Verlorenheit der guten Sache und den Triumph des Bösen, "über Schuld und Gerechtigkeit".

DER SPIEGEL 28/1994
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 28/1994
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Aufgehängt wie Schlachtvieh“

Video 00:51

Mays höchst ehrenvoller Mäusefänger "Lass mich bitte rein"

  • Video "Amateurvideo von Teneriffa: Gigantische Wellen reißen Balkone weg" Video 00:57
    Amateurvideo von Teneriffa: Gigantische Wellen reißen Balkone weg
  • Video "Drogenhandel und Zuhälterei in Kanada: Indigene Gangs von Regina" Video 12:04
    Drogenhandel und Zuhälterei in Kanada: Indigene Gangs von Regina
  • Video "Indien: Baby gerät unter einen Zug - und überlebt" Video 00:51
    Indien: Baby gerät unter einen Zug - und überlebt
  • Video "Möglicher Felssturz im Allgäu: Ein Berg bricht auseinander" Video 02:58
    Möglicher Felssturz im Allgäu: Ein Berg bricht auseinander
  • Video "Wintersport-Gadget: Skifahren - nur ohne Ski" Video 01:08
    Wintersport-Gadget: Skifahren - nur ohne Ski
  • Video "Zwei Kopftuchträgerinnen: Dann sind alle Klischees zusammengebrochen" Video 04:14
    Zwei Kopftuchträgerinnen: "Dann sind alle Klischees zusammengebrochen"
  • Video "Schach-WM-Videoanalyse: Carlsen hatte Angst vor Caruanas Läufern" Video 05:35
    Schach-WM-Videoanalyse: "Carlsen hatte Angst vor Caruanas Läufern"
  • Video "Verblüffende Verwandlung: Junge Asiatin wird zu Einstein" Video 00:42
    Verblüffende Verwandlung: Junge Asiatin wird zu Einstein
  • Video "Videoblog Altes Hirn vs. neue Welt: Warum Langweile gut tut" Video 02:18
    Videoblog "Altes Hirn vs. neue Welt": Warum Langweile gut tut
  • Video "Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!" Video 02:24
    Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!
  • Video "Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau" Video 01:09
    Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau
  • Video "Wir drehen eine Runde: Wie fährt sich ein Hybrid-Kompaktauto?" Video 07:34
    Wir drehen eine Runde: Wie fährt sich ein Hybrid-Kompaktauto?
  • Video "SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau" Video 11:44
    SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau
  • Video "Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt" Video 01:57
    Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt
  • Video "Mays höchst ehrenvoller Mäusefänger: Lass mich bitte rein" Video 00:51
    Mays höchst ehrenvoller Mäusefänger: "Lass mich bitte rein"