10.01.1994

VerlageKurz vor Ladenschluß

Ausverkauf bei Luchterhand: Rechte am Werk von Christa Wolf, eben erst erworben, werden schon wieder feilgeboten.
Es war eine seltsame Annonce. Vor knapp zwei Jahren, im Februar 1992, schalteten Christa Wolf und gut zwei Dutzend andere Schriftsteller im Börsenblatt des deutschen Buchhandels eine Anzeige, um sich schützend vor "ihren Verlag" und seine beiden Verlegerinnen zu stellen. Die Autoren legten darin "den Medien nahe, auf Äußerungen zu verzichten, die die Arbeit des Luchterhand Literaturverlages behindern und seinen Autoren schaden".
Anlaß: Kurz zuvor hatte die Zeit unter dem Titel "Unkenrufe" gefragt, ob Luchterhand "zu retten" sei. Und die Neue Zürcher Zeitung unkte mit nur wenig Optimismus gleich hinterher: Noch sei der Verlag "nicht verloren".
Nun könnte er es doch sein. Die Krisensymptome häufen sich. Das Gesamtwerk von Christa Wolf, der erfolgreichsten Repräsentantin der DDR-Literatur, wurde in der vergangenen Woche anderen Verlagen zum Kauf angeboten. Luchterhand hatte Rechte erst kürzlich vom einstigen DDR-Verlag Aufbau erworben. Zusätzlich möchte Luchterhand auch die Buchrechte des Erzählers Peter Härtling ("Schubert") versilbern. Was sich nun zuspitzt, zeichnete sich schon vor zwei Jahren ab und ließ den berühmtesten Luchterhand-Autor, Günter Graß, mitsamt einem neuen Romanmanuskript - Titel: "Unkenrufe" - nach mehr als 30 Jahren Verlagstreue das Weite suchen.
Andere Luchterhand-Autoren, von Peter Bichsel bis Gabriele Wohmann, verließen ebenfalls den Verlag - entnervt von der nach ihrer Ansicht unzulänglichen Geschäftsführung der beiden Verlegerinnen Elisabeth Raabe und Regina Vitali. Graß hatte die Unzufriedenheit mit den beiden auf die Formel "sachliche Inkompetenz" gebracht.
Luchterhand zählte noch in den achtziger Jahren zu den wichtigsten deutschen Literaturverlagen. Schriftsteller aus beiden Teilen Deutschlands, aus Österreich und der Schweiz fanden hier ihr Domizil: Peter Bichsel, Günter Graß, Max von der Grün, Peter Härtling, Günter Herburger, Gert Hofmann, Ernst Jandl, Helga M. Novak, Peter Schneider, Gabriele Wohmann, ebenso - für den Markt außerhalb der DDR - Christoph Hein, Hermann Kant, Irmtraud Morgner und Christa Wolf.
Probleme wurden erstmals 1987 sichtbar, als die damaligen Privateigner den Verlag an einen niederländischen Konzern veräußerten, ohne die Autorenrunde auch nur zu fragen. Die wähnte sich vergebens durch ein elf Jahre altes Statut vor solchen Kollektivverkäufen geschützt. Die Holländer, ohnehin mehr an der juristischen Fachbuchabteilung von Luchterhand interessiert, ließen sich vom Protest beeindrucken und die deutsche Literatur wieder ziehen.
Es war nicht zuletzt dem Einfluß von Graß zu verdanken, daß das literarische Luchterhand-Erbe überraschend den Verlegerinnen Raabe und Vitali anvertraut wurde, die zuvor den Zürcher Arche-Verlag erworben hatten und nun Luchterhand dazukauften. Geschätzter Preis: knapp zwei Millionen Mark.
Graß hatte 1976 das Autorenstatut durchgesetzt, um den "Rest Leibeigenschaft" im Verhältnis von Autor und Verleger zu tilgen. Das, versprachen 1987 die neuen Luchterhändlerinnen, sollte wiederbelebt werden. "Ob das wirklich gutgeht?" fragte besorgt die FAZ.
Drei Jahre später brach mit der Vereinigung eine verkaufsträchtige Sparte deutscher Literatur bei Luchterhand weg: Hein, Kant und - zunächst - Christa Wolf blieben ihrem Stammverlag Aufbau treu, und überhaupt ließ das Interesse an Büchern aus der ehemaligen DDR schlagartig nach.
Die Verlegerinnen stürzten sich in hektische Aktivitäten, zogen mit Luchterhand erst von Darmstadt nach Frankfurt, dann weiter nach Hamburg um. Etliche Mitarbeiter schieden aus.
Im Sommer vergangenen Jahres wurden für weit mehr als eine Million Mark sämtliche Rechte an den Werken der Galionsfigur Graß dem Steidl-Verlag verkauft und die Taschenbuchreihe "Sammlung Luchterhand" für einen etwas geringeren Betrag an den Deutschen Taschenbuch-Verlag verhökert. Nun kommt der beabsichtigte Verkauf der Härtling- und Wolf-Buchrechte hinzu.
Bei Suhrkamp ist wohl vergebens angeklopft worden: An Verhandlungen, "die hinter dem Rücken der Autoren ausgetragen werden", möchte sich Verlagschef Siegfried Unseld nicht beteiligen. "Solche Gespräche führe ich nur, wenn die Autoren anwesend sind."
Das Kölner Verlagshaus Kiepenheuer & Witsch, ebenfalls aus Hamburg angesprochen, wollte sich Ende vergangener Woche nicht in die Karten gucken lassen, doch ist es ein offenes Geheimnis, daß engere Kontakte zu Christa Wolf geknüpft wurden.
Sowohl der ehemalige Star der DDR-Literatur als auch Peter Härtling zählen zu jenen raren deutschen Gegenwartsautoren, die selbst in Krisenzeiten von Verlegern umworben werden. Beide könnten schon im Verlauf dieser Woche ein neues verlegerisches Dach finden.
Schwierig dürfte dann die Situation für andere Autoren werden: für Debütanten, experimentelle oder sonstwie als schwierig geltende Dichter, die von traditionsreichen Häusern, zu denen der renommierte Luchterhand-Verlag einst zählte, trotz geringer Publikumswirksamkeit stets mitgetragen wurden.
Der Niedergang des Hauses Luchterhand scheint unaufhaltsam: Eine Vorschau auf das Frühjahr 1994 wird es nicht mehr geben. Darin sollte ein neues Buch von Christa Wolf angekündigt sein. Titel: "Auf dem Weg nach Tabou".
Wolf Brümmel, 46, seit kurzem Mitglied der Luchterhand-Geschäftsführung, bestätigt, daß es Verhandlungen mit anderen Verlagen gibt, doch stehe dabei weniger der Verkauf einzelner Autoren zur Debatte.
"Es geht um den ganzen Laden", sagt er. Was passiert, wenn sich für den angeschlagenen Verlag kein Liebhaber findet, weiß er auch nicht, ist aber wohl klar: Ladenschluß. Y

DER SPIEGEL 2/1994
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 2/1994
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Verlage:
Kurz vor Ladenschluß

  • Doku über Filmemacher Ulrich Seidl: Ist das denen nicht peinlich?
  • Kampf für zweites Brexit-Referendum: Mr. Cobb gibt nicht auf
  • Seidlers Selbstversuch: Abwracken für Anfänger
  • Von wegen stilles Örtchen: Singende Klofrau begeistert Kaufhauskunden