27.09.1993

Grüne„Mensch, Junge, komm“

In einer Fernsehsendung, die sich mit den Folgen der Hamburger Bürgerschaftswahlen befaßt, kommt es am vergangenen Montag abend zu einem kurzen Schlagabtausch unter den Siegern.
Selbstbewußt führt der Chef der Statt Partei, Markus Wegner, der GAL-Spitzenkandidatin Krista Sager einen "gewaltigen Unterschied" vor Augen: Während er sich für die Menschen einzusetzen gedenke, schiele sie nach der Machtteilhabe. Die Angegriffene reagiert darauf zögernd - und das hat Gründe.
Zwar verrät ihr erhöhter Lidschlag noch am folgenden Morgen eine ziemliche Wut auf den frechen Kritiker ("Das war die blanke Demagogie"), aber eine gewisse Befangenheit kann sie auch da zunächst nicht ablegen. Denn "irgendwie" gefällt der hanseatischen Ökopax-Protagonistin "dieser naive große Junge" einer über Nacht ins Rampenlicht gestürmten Wählergemeinschaft. Den sieht sie "ein bißchen so, wie wir früher waren".
Doch solche Zeiten sind nun endgültig passe. In einem Anflug mild-mütterlichen Spotts erscheinen der 40jährigen vormaligen Gymnasiallehrerin die Umtriebe des Bürgerprotestlers nur noch als "niedlich". Soll der Politrebell seinen von ihm behaupteten Altruismus pflegen - Krista Sager weiß, daß, wer wirklich etwas bewegen möchte, "natürlich Gestaltungsmacht" erlangen muß.
So hat sie am vorletzten Sonntag mit 13,5 Prozent den größten Wahlerfolg verbucht, der den Grünen in Bund und Ländern je zuteil geworden ist, und den will sie jetzt in Regierungsbeteiligung ummünzen. "Es kommt aufs Machen an", heißt ihr energischer Marschbefehl.
In den Blickpunkt gerückt ist im politisch ausgedörrten Stadtstaat eine Pragmatikerin, die die eigene Couleur derart gründlich umgefärbt hat, daß sie selbst ehedem unversöhnlichen Gegnern den Kopf verdreht. Angetan bestätigt ihr allen voran das bürgerlichkonservative Hamburger Abendblatt nicht nur "Glaubwürdigkeit und Sachkenntnis"; es hält sie auch schlichtweg für ministrabel.
Die beträchtlichen Sympathiewerte, die sich die Tochter eines Bremer Malermeisters und einer Dänin binnen kurzem erworben hat, wurzeln im wesentlichen in ihrem geradlinigen Naturell. Weder schreckt die zierliche Frau mit dem akkuraten Meckischnitt der in ihrem alternativen Milieu fortdauernd verpönte "Personenkult", noch läßt sie sich "sonstwie" - gemeint: "in den Sachfragen" - gefangennehmen.
Herausgestellt wird das "Stinknormale", eine Unmittelbarkeit, sich den Menschen und Dingen zu nähern, die sie im Kern ihrem "halbskandinavischen Ursprung" zurechnet. Ohne Scheu händigt die Kandidatin so in der heißen Wahlkampfphase der einstmals verhaßten Bild-Zeitung das private Fotoalbum aus - und wie selbstverständlich legt sie sich, wo es ihr nötig erscheint, mit "verschrateten Ökofreaks" an.
Vermutlich wäre das kaum gutgegangen, stünde der leisen Ketzerin ("Die Fundis bei uns sind jetzt alle Neo-Realos") nicht die solide Sach- und Facharbeiterin zur Seite. Als bisherige Vorsitzende des Wirtschaftsausschusses ihrer Fraktion hat sie dabei mitunter sogar den Stadtregenten Voscherau beeindruckt.
Dem dient sie nun zielstrebig "die von den Wählern einzig gewünschte Koalition" an, doch der Sozialdemokrat sperrt sich dagegen. Weniger "das Mädchen" bereitet ihm Qualen, dem er "durchaus Begabung" attestiert - dem in der Seele gekränkten Ersten Bürgermeister ist der Grünen-Klüngel mit seiner vermeintlichen "Stillstandspolitik" höchst suspekt.
Wie bricht man solche Verhärtungen auf? Im Laufe der letzten Tage gewinnt der Eindruck an Gewicht, die streitbare GALierin habe den schwer angeschlagenen potentiellen Partner schon nach der ersten Hochrechnung allzu forsch herausgefordert. Der stehe "noch unter Schockwirkung", rief sie ihm etwas salopp vor TV-Kameras hinterher.
Andererseits: Was erwartet die Öffentlichkeit von einer Wahlsiegerin, deren Partei es immerhin gelang, ihren Stimmenanteil fast zu verdoppeln? Natürlich lastet auch auf ihr der Druck, sie könne, was da an der Urne erreicht wurde, beim nun fälligen Senatspoker "wieder verdaddeln".
Mit einer im Politgeschäft seltenen Aufrichtigkeit hatte die Kandidatin vor der Entscheidung einem Reporter ihren Herzenswunsch verraten: Ihr "Traum" sei es, der SPD die absolute Mehrheit abzunehmen - wenn der aber Wirklichkeit geworden sein sollte, "fängt der Alptraum an". Am Morgen danach fühlt sie sich "spürbar gerädert".
Unter den vielfältigen Befürchtungen, die die "grüne Führungsfrau" (taz) begleiten, ist die Sorge, "über den Tisch gezogen zu werden", nicht die geringste. Denn versuchte sie nur ein Profi Mores zu lehren, der sich selbst der "Falkenhaftigkeit" rühmt, wäre der Verhandlungsjob schon schwierig genug. Es baut sich aber auch darüber hinaus eine verstärkte Abwehrfront auf.
Neue Töne beherrschen die Freie und Hansestadt. Solange "das Mädchen" im politischen Kräftespiel nur mehr als theoretische Möglichkeit galt, ergötzte sich eine um frische Storys bemühte lokale Journaille an dem "Star" (Hamburger Morgenpost). Nach der Wahl brandmarkt dasselbe Blatt Krista Sagers gewandelte GAL als "machtbesoffen". _(* 1991 während der Debatte über ) _(Diätenerhöhungen; in der Brusttasche ) _(kopierte Tausendmarkscheine. )
Henning Voscheraus trickreiche Soziologismen, mit denen er die Grünen samt ihrer Spitzenkraft als im Grunde unzeitgemäße "Wohlstandskinder" abmeiert, scheinen sich durchzusetzen. Wie mit denen der Kampf um den für rechte Rattenfänger empfänglichen kleinen Mann gewonnen werden könne, fragt der Bürgermeister bebend.
Die in "Koalitions-Vorspielen" noch unerfahrene Krista Sager bemüht sich, dem doppelstrategisch entgegenzutreten. Nach innen gibt die in Yoga und anderen Formen der Kontemplation erprobte GAL-Chefunterhändlerin beruhigende Parolen aus: "Laßt euch nicht verrückt machen, Leute." Dem mit Wegners Statt Partei liebäugelnden Sozialdemokraten signalisiert sie zugleich das Äußerste: Sie sei bereit, "über alles zu reden; Tabus sind für mich in der Politik kein Thema".
Die Pädagogin hofft darauf, sich dem Juristen Voscherau therapeutisch vertrauter zu machen. Kritisch ruht ihr Blick auf einem Charakter, den sie für chronisch verunsichert hält, "weshalb der immer so vor sich hin larmoyieren muß" - aber es ist kein böser Blick. "Mensch, Junge, komm", möchte sie ihn ermutigen.
Grüne Sirenenklänge? Klänge, die Ängste verscheuchen sollen und nicht zuletzt auch für die eigene Orientierung bestimmt sind. Innere Stabilität tut not; denn so trefflich sie den Ober-Sozi analysiert, der zwar "Herr des Verfahrens, aber leider nicht Herr seiner selbst" sei, sieht sie das Zwiespältige, das in ihrer Rolle liegt.
Mehr als zehn Jahre Zugehörigkeit zu einer Partei, die einst von Schwarmgeistern wie Thomas Ebermann dominiert wurde, gemahnen die Erneuerin zur Vorsicht. Wie eh und je waltet in ihrer GAL "eine Linksfühligkeit", die sich nicht kurzerhand unterpflügen läßt. Noch immer umstellen die in der letzten Woche einmütig gewählte Fraktionschefin "Familien, deren Machtanspruch zu berücksichtigen ist".
Wie wird man diesem Interessengeflecht gerecht, und wo beginnt der Prozeß der Selbstverleugnung? Ist die Weigerung ihrer als industriefeindlich verschrienen Partei, etwa dem Ausbau des Hamburger Hafens zuzustimmen, schon das letzte Wort - oder sammeln sich da nicht bereits im Hinterkopf der Krista Sager Ausfluchtgedanken? Ob sie sich "auch Formelkompromisse" vorstellen könne, wird sie auf einer Pressekonferenz gefragt, und die Antwort darauf ist ein als leises Ja zu deutendes Räuspern.
Erkennbar kämpft in solchen Momenten mit der ökologisch fixierten Vordenkerin die "kommunale Bordstein-Politikerin", als die sie sich auch versteht. Der sind zwar grüne Grundsätze keineswegs schnuppe geworden, aber ein bißchen mehr möchte sie "in Richtung Umsetzung" steuern: "Nette Ziele formulieren kann jeder. Die Leute verlangen von uns, daß wir''s endlich anpacken."
Es war ihre Idee - später bundesweit gerühmt -, auf die Hamburger Parlamentarier falsche Tausendmarkscheine regnen zu lassen, als in der Bürgerschaft eine Mehrheit den vermaledeiten Diätencoup landen wollte. Doch selbst die originellsten Happenings helfen ihr nun nicht mehr.
Nun geht es für die Frau, die auf dem Fahrrad ("Fünf-Gang-Nabenschaltung") ins Rathaus kurvt, "um die Macht des Faktischen", inklusive aller Gefährdungen, die für sie damit verbunden sind. Wie stellt sie es an, die Regierungsbeteiligung, wenn sie denn noch erreicht werden sollte, mit dem "Bewegungscharakter" ihrer Partei zu vereinen? Was bedeutet dieser Einschnitt für die eigene politische Entwicklung?
Es gehört zu den Vorzügen der Krista Sager, daß sie sich nicht verschließt, wenn ihr ihre Wahrnehmungsfähigkeit Unangenehmes vermittelt: "Wann immer sich ein Linker auf die realen Verhältnisse einläßt", sagt sie plötzlich, "wird er Sozialdemokrat."
"Der Spielraum", mit dem sie verhindern will, sich ihrer selbst zu entfremden, "ist der der Hoffnung". Y
* 1991 während der Debatte über Diätenerhöhungen; in der Brusttasche kopierte Tausendmarkscheine.
Von Hans-Joachim Noack

DER SPIEGEL 39/1993
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