Über die führenden deutschen Ökonomen hat Michael Köhne eine eindeutige Meinung: Die Professoren sind für ihn korrupte Interessenvertreter, die für nicht minder korrupte Politiker Gefälligkeitsgutachten schreiben.
Die Abneigung beruht auf Gegenseitigkeit. "Die halten mich wohl für einen Spinner", sagt Köhne.
Das ausgeprägte Selbstbewußtsein des jungen Wirtschaftswissenschaftlers leidet darunter nicht. Köhne, 33, glaubt beweisen zu können, daß die herrschende Steuertheorie ein Irrtum ist und nur auf der Borniertheit der Herren Professoren beruht. "Die nehmen einen wesentlichen Teil der Literatur nicht zur Kenntnis", sagt er.
Ein Spinner? Fast ehrfürchtig zieht Köhne aus der umfangreichen - und meist wenig schmeichelhaften - Korrespondenz mit bekannten Professoren ein Schreiben von James M. Buchanan. Exzellent sei der ihm zugesandte Aufsatz, schreibt der Nobelpreisträger für Ökonomie dem unbekannten jungen Deutschen. Die Arbeit sei eine wesentliche Ergänzung seines eigenen Modells.
Buchanan rät dem Außenseiter aus dem Saarland, seinen Aufsatz zu überarbeiten und bei einem amerikanischen Fachblatt einzureichen. Das meldet sich zehn Tage nach Eingang der Sendung: Das Manuskript werde so schnell wie möglich gedruckt.
Natürlich hat Köhne sofort die letzten Bände dieses Journals durchforscht. Stolz vermerkt er nun, "daß es bislang kaum ein deutscher Hochschulprofessor geschafft hat, in diesem Journal einen Artikel zu veröffentlichen".
Wenn Köhnes Ansatz sich durchsetzt, dann muß die Steuerlehre neu formuliert werden. "Steuern auf Ersparnisse, Zinsen und Gewinne sind eine Steuer auf die Zukunft", meint Köhne. Hohe Steuern sind für ihn ein kurzfristiges Absahnen, niedrige Steuern eine Investition in die Zukunft. Weniger Steuern, das ist die Botschaft, bringen langfristig _(* Michael Köhne: "Der unsichtbare Strick ) _(- Wie der Staat die Steuerzahler um ihr ) _(Vermögen betrügt". Discovery-Verlag, ) _(St.Ingbert; 289 Seiten; 49,90 Mark. ) mehr ein. Höhere Steuern dagegen bremsen die wirtschaftliche Entwicklung: Arbeitsplätze werden nicht geschaffen und Vermögen nicht gebildet, die bei niedrigerer Besteuerung entstanden wären.
Der Ansatz geht auf den amerikanischen Ökonomen Irving Fisher (1867 bis 1947) zurück. Was der nur theoretisch begründete, will Köhne mit Hilfe des Computers beweisen.
Dreidimensionale Zahlengebirge erscheinen auf dem Bildschirm. Unterschiedliche Steuersätze und Wachstumsraten lassen sich nun variieren. Der Gipfel des Berges verschiebt sich auf der Zeitachse - und er wächst mit der Zeit gewaltig, wenn der Steuersatz niedrig ist und das Wachstum der Unternehmen nicht weggesteuert wird.
"Das ist reine Mathematik, das muß man akzeptieren", sagt Köhne. Den deutschen Professoren unterstellt er, sie verstünden einfach sein mathematisches Modell nicht.
Vielleicht aber geht es auch gegen die Ehre der Ökonomen, daß ein Außenseiter ihre Theorien in Frage stellt. Ein Rundumschlag sei die eingereichte Arbeit, schrieb Professor Olaf Sievert, Landeszentralbankchef in Thüringen, und riet dem Autor, sehr von oben herab, zu mehr Bescheidenheit.
Das allerdings ist nicht Köhnes Stil. Er hat sich statt dessen den ganzen Frust von der Seele geschrieben und das Ergebnis, um keine Kompromisse eingehen zu müssen, im Eigenverlag auf den Markt gebracht*.
Populistisch und polemisch drischt er da auf Parteien, Politiker und Professoren ein - und bietet dabei so viele Angriffsflächen, daß die eigentliche Botschaft unterzugehen droht.
Haß, sagt Köhne, empfinde er gegen die Professoren aber nicht, deren Unzulänglichkeit sei schließlich seine Existenzgrundlage: In St. Ingbert betreibt der Diplom-Volkswirt die Firma Micro Consulting Team, die mit acht Mitarbeitern die angehenden Ökonomen der Universität Saarbrücken auf das Examen vorbereitet. Die Firma läßt ihm in den Semesterferien Zeit, sich wissenschaftlich zu betätigen. Die nächste Schwachstelle der Ökonomie hat er bereits entdeckt, in der Geldpolitik.
"Das Modell habe ich schon im Rechner", sagt Köhne. Daß es, wenn es erst einmal veröffentlicht ist, die Bundesbank aufschrecken wird, daran zweifelt er keine Sekunde. Y
DER SPIEGEL 28/1994
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