27.09.1993

RüstungBilliger Rasierer

Für indonesische Entwicklungsgelder hat Bonn 39 NVA-Schiffe verscherbelt. Ob die je ankommen, ist ungewiß.
Im schwülen Indonesien wurde Allah gepriesen: "Da haben wir ein Schnäppchen gemacht", frohlockte Wulang Widada, Technischer Direktor an der staatlichen Rüstungswerft PT. PAL in der javanischen Hafenstadt Surabaya.
Soeben hatte sein Chef Bucharuddin Habibie, Forschungs- und Technologieminister des nach Bevölkerung viertgrößten Landes der Welt, nahezu ein Drittel der Marine der ansonsten untergegangenen DDR gekauft. Das war im November letzten Jahres.
Für die 39 Schiffe der NVA wollten die Deutschen jeweils "nicht einmal eine Milliarde Rupien", zusammen gut 28 Millionen Mark. Das sei so "billig", das sei schon "verrückt", befand Widada im indonesischen Wochenblatt Tempo.
In Jakarta rechnete Admiral Mohammed Arifin Journalisten vor, der Neubau einer einzigen Korvette hätte allein ein Vielfaches des Preises sämtlicher deutschen Schiffe verschlungen.
Den kühleren Kopf beim Handeln hat offenbar dennoch Habibies Geschäftspartner Volker Rühe, 51, bewahrt. Für den im eigenen Land politisch umstrittenen Rüstungsexport streicht der Bonner Verteidigungsminister nicht nur Millionen ein. Vor allem hat sich Rühe die um ein Vielfaches teurere Entsorgung des Rüstungsmülls erspart.
Genau damit müssen sich in Kürze womöglich die Indonesier plagen. "Das war kein Schnäppchen", urteilt Kapitän zur See a. D. Hans Jürgen Schäfer, der für die MAN-Rüstungsfirma Ferrostaal im holsteinischen Neustadt indonesische Schiffsbesatzungen für die Überführung ausbildet: "Die haben vergessen, daß viel Geld dazukommt, daß die Schiffe repariert und ausgerüstet werden müssen."
Dieses Urteil teilt der angesehene Far Eastern Economic Review. Mit der DDR-Flotte habe das arme Entwicklungsland ein Geschäft gemacht, das dem Kauf eines Rasierers gleiche: "Der Rasierer ist billig, aber die Klingen kosten viel." Nach einem von Einkäufer Habibie in Jakarta vorgelegten Kabinettspapier, so der Review, stünden eine Milliarde US-Dollar Folgekosten an.
Überdies werden die Schiffe ihren Bestimmungsort womöglich nie erreichen: "Wir sichten die Schiffe täglich", sagt ein Spitzenmanager der Bremer Hegemann-Schiffbaugruppe, in deren Wolgaster Peene-Werft ein Teil der Schiffe überholt wird. "Das Zeug ist total veraltet. Die Motoren sind so schlecht, ob die Schiffe je ankommen, ist zweifelhaft."
Gerügt wird das Geschäft seit längerem auch von der Weltbank, die bereits im Juni kritisierte, daß Habibie Gelder aus seinem Entwicklungshaushalt für unnütze Schiffe ausgibt. Zugunsten des von Habibie geleiteten Nationalstrategischen Rüstungskonzerns BPIS, so der Tadel, würden Sozialausgaben des Drittweltlandes gekürzt.
Leistet Indonesien mithin indirekt Entwicklungshilfe für das Armenhaus Vorpommern? In Wolgast sichern die bislang aus Java erteilten Reparaturaufträge im Wert von 30 Millionen Mark laut Hegemann etwa 150 Arbeitsplätze.
Am vergangenen Donnerstag wurden die ersten drei Schiffe in Neustadt dem eigens angereisten indonesischen Flottenchef Tanto Koeswanto in aller Form übergeben. Auch nach der Zeremonie äußerte Matrosentrainer Schäfer tiefe Skepsis: "Die Schiffe sollen zwar am 1. Oktober in See gehen. Aber an den Termin glaube ich nicht." Y

DER SPIEGEL 39/1993
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