20.12.1993

KircheVon der Parkbank in die Hölle

Deutschlands bekanntester und umstrittenster Theologe, Eugen Drewermann, geht in seiner Kirchenkritik noch weiter als bisher. „Unchristlich“ nennt er den neuen Weltkatechismus und die Moral-Enzyklika des Papstes. In den katholischen Dogmen sieht er „Hindernisse auf dem Weg zu Gott“.
Eugen Drewermann, Einzelkämpfer in einer Paderborner Etagenwohnung, hat seinen Widerpart gewechselt. Jahrelang stritt sich der Theologe und Psychotherapeut mit dem Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt, der einige hundert Meter entfernt residiert. Nun hat er Papst Johannes Paul II. im Visier.
Und es geht nicht mehr, wie in der Paderborner Auseinandersetzung, um das eine oder andere katholische Dogma, sondern um den "gesamten dogmatischen Überbau der kirchlichen Lehre", den Deutschlands bekanntester und umstrittenster Kirchenkritiker "einer gründlichen Revision unterziehen" will.
Der Papst brachte den "Katechismus der katholischen Kirche" heraus, den er amtlich autorisierte und aller Welt als "Kompendium der ganzen katholischen Glaubens- und Sittenlehre" empfahl. Die deutsche Ausgabe kam im Mai auf den Markt.
Im Oktober veröffentlichte Johannes Paul II. überdies eine Enzyklika "Glanz der Wahrheit", die an alle Bischöfe gerichtet und ebenso wie der Katechismus für alle Katholiken verpflichtend ist. Höchstselbst legt der Papst so wortreich wie noch keiner seiner Vorgänger dar, welche Moral die katholische Kirche "im Namen und mit der Autorität Jesu Christi" lehrt und fordert.
Beide Schriftstücke, den Weltkatechismus und die Moral-Enzyklika, hält Drewermann für "unchristlich".
"Grundlage der Religion", so der Paderborner in seinem jetzt erschienenen _(* Augustin Cranach zugeschrieben (um ) _(1582, Stadtkirche Wittenberg). ) Buch "Glauben in Freiheit"*, "kann nicht mehr sein, was ein ,kirchlicher Oberhirte'' in Glaubens- und Sittenlehren als verpflichtend vorgibt."
Gegen Erzbischof Degenhardt kämpfte Drewermann noch als Priester; seit einiger Zeit darf er diesen Beruf nicht mehr ausüben. Als erster katholischer Theologe seit Kriegsende wurde er wegen falscher Lehre erst vom Katheder, dann auch von Kanzel und Altar verbannt. Letzteres geschah, als er vor zwei Jahren in einem SPIEGEL-Gespräch (Heft 52/1991) seine Meinung noch pointierter äußerte als in seinen Büchern.
Mit "Glauben in Freiheit" zieht der Paderborner David auf ein neues Schlachtfeld in seinem Kampf gegen den Goliath Kirche. Vorher hatte er sich zunächst in drei Bänden mit der traditionellen Moraltheologie, dann in zwei weiteren mit der _(* Eugen Drewermann: "Glauben in ) _(Freiheit". Walter-Verlag, ) _(Solothurn/Düsseldorf; 720 Seiten; 88 ) _(Mark. "Katechismus der katholischen ) _(Kirche". Erschienen in vier Verlagen; ) _(816 Seiten; 36 Mark. Johannes Paul II.: ) _("Glanz der Wahrheit". Christiana-Verlag, ) _(Stein am Rhein; 128 Seiten; 12 Mark. ) gängigen Bibelauslegung auseinandergesetzt und schließlich selbst drei Bibelkommentare verfaßt, zwei über das Markus-, einen über das Matthäusevangelium.
Nun will er in drei Bänden - einer Art Anti-Dogmatik - das ganze Lehrgebäude der katholischen Kirche zum Einsturz bringen.
Da stoßen zwei Welten frontal aufeinander. "Die Dogmen sind Lichter auf unserem Glaubensweg, sie erhellen und sichern ihn", verkündet der Papst. "Die Dogmen sind Hindernisse auf dem Weg zu Gott", behauptet Drewermann.
Verschiedener können die Gegner in dieser Auseinandersetzung nicht sein. Auf der einen Seite das Oberhaupt einer Weltkirche, der die Gläubigen zu Hunderttausenden davonlaufen, die aber noch immer reich und mächtig ist. Auf der anderen Seite ein einzelner, der ohne Auto, Telefon und Kühlschrank lebt.
Noch ist offen, wie sich die katholische Kirche gegen den Angriff des Paderborner Rebellen verteidigen wird, über den der Rheinische Merkur schrieb: "Seine Sprache ist schärfer, geradezu vernichtend geworden."
Vor knapp zwei Jahren haben die deutschen katholischen Bischöfe den Kurs gegenüber Drewermann radikal geändert, vermutlich werden sie ihn nun erneut wechseln müssen.
Anfang 1992, kurz nach dem Berufsverbot, schien die katholische Kirche noch zur weiteren Auseinandersetzung mit dem Theologen bereit zu sein.
Im ZDF trat der Stuttgarter Bischof Walter Kasper zu einem Streitgespräch mit dem Ex-Priester an und verlor laut Frankfurter Allgemeine nach Punkten.
Die Katholische Akademie in Bayern widmete Drewermann eine Tagung und machte daraus ein Buch: "Fragen an Eugen Drewermann. Eine Einladung zum Gespräch".
Und sogar noch im Juni 1992 auf dem Katholikentag in Karlsruhe durfte der Irrlehrer mit der Berlinerin Hanna-Renate Laurien über das Credo streiten.
Aber dieser Schein der Offenheit trog. Damals schon wurde eine schwarze Mauer hochgezogen, inzwischen ist sie bundesweit dicht.
Für die katholische Kirche ist Drewermann zur Unperson geworden. Ihm öffnet sich kein Dom und keine Dorfkirche, keine Akademie und kein Gemeindesaal, keine katholische Schule und keine katholische Hochschule oder Fakultät. Der Paderborner muß schon über die Grenze nach Frankreich fahren, um mit einem Bischof - Jacques Gaillot aus dem nordfranzösischen Evreux - im Fernsehen aufzutreten.
Hierzulande setzten an einigen Orten, kleinen im Süden und großen im Norden, katholische Geistliche sogar ihre evangelischen Amtsbrüder unter Druck, die Drewermann auftreten lassen wollten: Im Zeitalter der Ökumene werde man doch wohl nicht einen Ex-Priester auf eine evangelische Kanzel oder gar an einen evangelischen Altar lassen. Bislang blieben die Protestanten standfest.
Die katholische Kirche hat den Kritiker nicht zum Schweigen bringen können. Weiterhin hat Drewermann mehr Zulauf als irgendein anderer deutscher Theologe und als irgendein Bischof. Er predigt, meditiert und doziert in Sälen, Messehallen und evangelischen Kirchen.
Selten reichen die Räume. Oft werden Lautsprecher montiert wie in Erfurt, als sich 2500 im evangelischen Augustinerkloster drängten und der Rest im Freien zuhörte.
Bis auf den letzten Platz gefüllt waren in Paris der größte Hörsaal der Medizinischen Fakultät, in Hamburg die Musikhalle und der Michel, in Berlin die Urania gleich zweimal hintereinander beim selben Thema. Im bayerischen 4500-Seelen-Dorf Grönenbach zog Drewermann mit 3000 in ein Bierzelt, weil die evangelische Kirche zu klein und die katholische ohnehin verschlossen war.
Neun von zehn Einladungen lehnt der Kirchenkritiker ab, trotzdem ist er fast jede Woche ein, zwei Tage unterwegs.
Bleibt er in Paderborn, liest oder schreibt er früh und spät je vier Stunden. Nachmittags führt er Gespräche "mehr als Seelsorger denn als Therapeut" mit Besuchern, die bei ihm ihre Ängste und Nöte loswerden wollen. Meist haben sie ihm in irgendeinem Saal zu Füßen gesessen und erhoffen nun individuellen Rat. Von keinem hat er je Honorar verlangt. Er glaubt sogar umgekehrt, ihnen Dank zu schulden: "Ohne diese Gespräche könnte ich keine Bücher schreiben."
Er benutzt keine Schreibmaschine und keinen Computer. Jede Zeile in seinen Büchern ist handgeschrieben, bis zur letzten Fußnote. Die Skripte läßt er abtippen und schickt sie in Schüben von 100 oder 150 Blatt in die Setzerei. Oft werden die ersten Seiten eines Buches schon gedruckt, wenn er an den letzten noch schreibt.
Er ruht auch nicht am siebten Tag. Fahrzeit ist Arbeitszeit, wenn er mit der Bahn reist. Urlaub gönnt er sich selten und dann auch nur für ein paar Tage. Zuletzt war er auf Helgoland, Rügen und Gotland.
Die Frau, die ihm den Haushalt führt, wurde zum Gegenstand der Paderborner Auseinandersetzung, als sie bei einem TV-Interview in der Wohnung neben Drewermann saß und von dem Reporter als dessen "Lebensgefährtin" vorgestellt wurde. Erzbischof Degenhardt verlangte sogleich Aufklärung, Drewermann verweigerte sie: "Ich werde doch nicht 20 Jahre mit einem Menschen zusammenleben und ihn dann eine Dienstmagd oder eine Haushälterin nennen."
Drewermann hat ein sechsstelliges Jahreseinkommen, aber er lebt etwa so, wie er sterben möchte: "ohne Schulden und mit nicht mehr als 20 Mark in der Tasche".
Sein Konto ist meist ziemlich leer, er gibt für andere weit mehr Geld aus als er für sich selbst verbraucht. Drewermann unterstützt Organisationen wie Greenpeace und WWF, mehr noch viele Einzelpersonen. Auch den Tierschutz fördert er, Vegetarier ist er "aus Liebe zu den Tieren".
1977 ist Drewermanns erstes Buch - seine Habilitationsschrift - erschienen. Bis Mitte 1992 sind es, wie ein Verlag errechnet hat, 53 geworden, mit 14 475 Seiten, einem Ladenpreis von insgesamt 2010 Mark und einer Auflage von 1,1 Millionen Exemplaren.
Die Themen sind breit gestreut. Tiefenpsychologisch gedeutet hat Drewermann die _(* Von Paul von Limburg, aus dem ) _(Stundenbuch des Herzogs von Berry (15. ) _(Jahrhundert). ) "Kindheitsgeschichte nach dem Lukasevangelium", Grimms Märchen (bislang 11 Bände) und Saint-Exuperys "Kleinen Prinzen", sein mit 300 000 Exemplaren bislang bestverkauftes Werk ("Das Eigentliche ist unsichtbar").
170 000 Exemplare wurden von den "Klerikern", einem Psychogramm des Priesterberufs, verkauft. Dieses Jahr kam es in Frankreich heraus und verdrängte dort den Weltkatechismus auf der Bestsellerliste von Platz eins.
Neben Drewermanns eigenen Werken gibt es noch eine üppige Sekundärliteratur, in der Anhänger und Gegner seine Theologie deuten. Und auch der sechsjährige Paderborner Glaubensstreit führte zu etlichen Titeln.
Bei dem Disput Degenhardt-Drewermann glaubten manche, der Erzbischof sei noch rückständiger als andere katholische Oberhirten und verteidige Positionen, die seine Amtsbrüder schon aufgegeben hätten. Nun steht alles, was der erzkonservative Degenhardt als katholisches Glaubensgut gegen den Ketzer von nebenan verteidigte, als "sichere Lehre" auch im päpstlichen Weltkatechismus.
Die Jungfrauengeburt war demnach ein gynäkologisches, die leibliche Auferstehung ein physikalisches Ereignis. Das Grab Jesu war leer ("ein wesentliches Zeichen"), und die Wunder, die Jesus laut Bibel vor und nach seinem Tode vollbrachte, haben sich allesamt tatsächlich ereignet. Fehlt nur noch die Behauptung, ein Fotograf hätte die Himmelfahrt aufnehmen können. Aber so weit war auch Degenhardt nicht gegangen.
Mit keinem einzigen Wort wird im Katechismus dem Zweifel ein Türchen geöffnet, ob Jesus wirklich auf Wasser gewandelt ist, Tote auferweckt und 5000 Menschen mit 5 Broten und 2 Fischen gesättigt hat, ob er nach Tod und Auferstehung mit seinen Jüngern gesprochen, gegessen und getrunken hat.
Für Drewermann hingegen sind die Wunderberichte "im wesentlichen Bilder, die symbolisch zeigen sollen, welche Kraft Jesus gehabt hat, Menschen zu sich selbst zu führen". Und die Auferstehungsgeschichten "sollen im Bild verkünden, daß die Liebe und das Leben stärker sind als der Tod".
Wie einst dem Paderborner Erzbischof wirft Drewermann nun dem Papst vor, er wolle "zum Aberglauben verpflichten".
Mehr noch: Wer behaupte, daß Gott damals mit Wundern in den Naturverlauf eingegriffen habe, fördere heutzutage sogar den Unglauben: "Ein Gott, der alles kann, aber nichts tut, ist nicht glaubwürdig - angesichts von unendlich viel Leid auf Erden."
Und, auf einen Punkt gebracht: "Warum läßt Gott zu, daß in der Dritten Welt täglich Tausende Kinder verhungern, wenn er doch das Wunder der Brotvermehrung wiederholen könnte?"
Mit gleicher Schärfe verwirft Drewermann die Moraldoktrin, wie sie nun im Katechismus und in der Enzyklika zementiert wird. Er nennt sie "unmenschlich, weil sie die Menschen mit starren Geboten und Verboten überfordert, statt ihnen zu helfen, sich von ihren Ängsten und aus ihren Nöten zu befreien".
Der Papstkritiker und der Papst berufen sich auf Jesus, aber jeder tut es so, wie es seiner Grundeinstellung entspricht.
Drewermann zitiert als Leit-Wort: "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet." Das kommt in der Enzyklika des Papstes nicht vor, wohl aber der Satz, mit dem Jesus sogar den lüsternen Blick verbietet: "Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen."
Der Papst hält zwei sogenannte Lasterkataloge für zeitgemäß und wegweisend, von denen der eine beinahe 2000, der andere über 1500 Jahre alt ist.
Zustimmend zitiert Johannes Paul II. den Apostel Paulus: "Unzüchtige, Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, Diebe, Habgierige, Trinker, Lästerer und Räuber" hätten im Reich Gottes nichts zu suchen.
Und vom Kirchenvater Augustinus, der von 354 bis 430 lebte, übernimmt der polnische Papst den Spruch: "Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, Betrug und Gotteslästerung" seien "Untaten", deren sich kein Christ schuldig machen dürfe.
Das Wort "Unzucht" wird aus dem Jahr 393, als Augustinus es gebrauchte, in das Jahr 1993 transportiert. Ziffer 2353 des Katechismus: "Unzucht ist die körperliche Vereinigung zwischen einem Mann und einer Frau, die nicht miteinander verheiratet sind."
Verboten werden auch homosexuelle Beziehungen, Ehebruch und Ehescheidung, sogar Masturbation und jedwedes "Verhältnis". Und es wird, abgesehen von der Masturbation, nicht im geringsten differenziert (siehe Kasten Seite 54).
Was über Abtreibung im Katechismus und in der Enzyklika steht, hält Drewermann für "eine Beleidigung all der Frauen, die in einer hoffnungslosen und tragischen Situation keinen anderen Ausweg mehr wissen als einen Schwangerschaftsabbruch".
Die Abtreibung wird im Katechismus mit ziemlich den gleichen Worten verboten wie der Mord. Dann wird differenziert, aber nur unter dem Stichwort Mord, nicht hinsichtlich der Abtreibung:
Nicht jede Tötung eines Menschen ist nach katholischer Lehre Mord. Ausnahmen sind Notwehr, "gerechter Krieg" und "in schwerwiegendsten Fällen" die Todesstrafe.
Vom Verbot der Abtreibung hingegen gibt es keine einzige Ausnahme, es gilt _(* Von Dirk Bouts (15. Jahrhundert). ) immer und überall, "unabhängig von den weiteren Absichten der Handelnden und von den Umständen" (so Johannes Paul II. in seinem "Glanz der Wahrheit").
Dazu Drewermann: "Hier wird nicht von der jeweiligen Situation her gedacht, sondern hier soll am Leben vorbei den Menschen ein abstraktes Prinzip aufgezwungen werden."
Wer diesem Papst und diesem Katechismus folgen will, der muß den Abbruch einer Schwangerschaft auch dann ablehnen, wenn zu erwarten ist, daß die Frau bei der Geburt stirbt oder wenn sie vergewaltigt wurde - wie Tausende bosnischer Frauen und wie in einem weltweit erörterten Fall ein 14jähriges irisches Mädchen vom Vater seiner besten Freundin.
Im katholischen Weltkatechismus gibt es Teufel und Engel, das Böse und den Bösen, das Fegefeuer für die Auserwählten und das ewige Feuer für die Verdammten. Es gibt Hoffart und Begierde, den Ablaß und die Reue ("auch Zerknirschung genannt"), eine Sündenflut, ein Sündenregister und den Sündenfall Adams und Evas, der "Stammeltern" aller Menschen, Darwin zum Trotz.
Voreilig hatten die deutschen Bischöfe 1985 im Katholischen Erwachsenen-Katechismus (Auflage bislang 350 000 Exemplare) den alten Adam als Urvater sterben lassen ("Eine rein wissenschaftliche Frage, keine Frage des Glaubens"). Nun müssen sie ihn leiblich auferstehen lassen.
Als sei die Zeit irgendwann tief im Mittelalter stehengeblieben, wird im Katechismus all denen, die Zucht und Sitte nicht wahren, mit Strafen im Leben und nach dem Tode gedroht.
Schon eine einzige Nacht im falschen Bett kann in die Hölle führen. Denn einer Todsünde wird schuldig und der "ewigen Seligkeit" geht verlustig, wer irgend etwas tut, "was in schwerwiegender Weise sittlich ungeordnet ist". Und was wäre ungeordneter als Unzucht?
Unter Ziffer 1035 werden die Signale für die Höllenfahrt gestellt: "Die Seelen derer, die im Stand der Todsünde sterben, kommen sogleich nach dem Tod in die Unterwelt, wo sie die Qualen der Hölle erleiden." Drewermann: "Zwei Jugendliche auf der Parkbank kommen also, sollte ein Blitz sie erschlagen, unmittelbar in die Hölle."
Damit niemand wähnt, er könne betend und singend der Strafe entrinnen, verweist der Papst in seinem Rundschreiben ausdrücklich darauf, daß es einem Todsünder nicht hilft, "im Glauben zu bleiben". Drewermann: "Kirchgang schützt vor Hölle nicht."
Auf vielen Seiten seines Buches klagt der Paderborner Theologe die katholische Kirche an, "mit der Androhung irrationaler Strafen und durch den Anspruch einer unfehlbaren Wahrheit, von Amts wegen Angst zu erzeugen, Schuldgefühle zu wecken und wachzuhalten, eigenes Denken zu unterdrücken - kurzum, in nahezu jeder Hinsicht ihre Gläubigen abhängig und gefügig zu halten".
In der Beichte sieht Drewermann ein für diese Zwecke besonders geeignetes Instrument. Der Priester könne von jedweder Sünde lossprechen und vor der Verdammnis bewahren, ohne den Beichtenden zu kennen, ohne von dessen "Tat" mehr zu wissen, als der ihm erzählt, und ganz egal, ob es "um Mord, Diebstahl, Kinderschändung oder Kettenrauchen geht".
Drewermanns Konsequenz: "Als Instanz zwischen Gott und den Menschen ist sie überflüssig und schädlich, diese Behörde, die sich Kirche nennt und sich anmaßt, Christus auf Erden amtlich vertreten zu können." Und: "Mit ihrem institutionalisierten Dogmatismus wird die Botschaft Jesu nicht vermittelt, sondern verhindert."
Die Zeit dieser Kirche als einer angsterzeugenden Macht gehe zu Ende, auch wenn sie noch immer versuche, ihre Position mit ausgeklügelten Dogmen, rigorosen Verboten und schlichten Sprüchen zu halten, etwa diesem, der 750 Jahre alt ist: "Es kann Gott nicht zum Vater haben, wer nicht die Kirche zur Mutter hat."
Für Drewermanns "Glauben in Freiheit" brauchen die Christen weder diesen Vater noch diese Mutter.
Der Gott der Kirche ist nicht Drewermanns Gott, denn "er ähnelt einem Obermafioso, der von seinen verängstigten Klienten ständig Schutzgelder erpreßt, die sie zahlen, damit ihnen nicht ihre Boutique oder ihr Wirtshaus in die Luft gesprengt wird. Höllendrohungen und Höllenstrafen - man ist es leid und bedauert die armen Geschöpfe, die sich davon noch schrecken lassen".
Die Reform der katholischen Kirche ist für Drewermann kein Thema mehr: "Es braucht uns nicht länger zu kümmern, wie das Papsttum sich demokratisieren ließe oder wie die kirchliche Beamtenschaft prozentual mit mehr Frauen besetzt werden könnte oder wie die Sonntagsgottesdienste ,lebendiger'' zu gestalten seien."
Ihm geht es nur noch um Wichtigeres: "In der Kirche gibt es Angst, Schuld und Opfer, gebraucht werden Vertrauen, Selbstwerdung und Befreiung."
Drewermann will eine "Neubelebung der Mystik", die einst eine der "großen Quellen der Reformation" gewesen sei. Er zögert, den Begriff Mystik zu gebrauchen, der sei wie viele andere in zwei Jahrtausenden Kirchengeschichte "leergeredet und fehlbesetzt" worden. Was er meint, beschreibt er so: _____" Mystik - das ist: daß die Wahrheit Gottes im Menschen " _____" selbst liegt. Kirche, wie wir sie haben, das ist: daß die " _____" Wahrheit Gottes im römischen Lehramt liegt. Mystik - das " _____" ist: daß Gott zum Menschen unmittelbar spricht. Kirche, " _____" wie wir sie haben, das ist: daß Gott nur mittelbar durch " _____" den Mund seiner päpstlichen und bischöflichen Amtsinhaber " _____" sich dem Menschen ,mitteilt''. Man kommt nicht umhin, hier " _____" zu wählen; wo das eine ist, kann das andere nicht sein. "
Drewermann fordert zur Entscheidung auf: "Gott ja, Kirche nein." Er zitiert Voltaires Wort "Von dieser Kirche kann man sich nur lösen" und begründet auf vielen Seiten seines Buches, daß Christen keine Kirche brauchen. Aber er selbst gehört ihr weiter an. Dazu Drewermann: "Ich kann nicht gegen die katholische Kirche aufbegehren und mich dann davonstehlen." Und: "Diesen Konflikt werde ich aushalten, solange es geht. Drinnen bewirke ich mehr als draußen."
Drewermanns Programm widerspricht auch im Detail dem, was der neue Weltkatechismus auf alte Art für verbindlich erklärt.
So ist für den Paderborner Theologen die Offenbarung Gottes nicht auf Jesus und die Apostel beschränkt. Drewermann: "Was Gott uns zu sagen hat, sagt er durch Menschen, durch Tiere, durch Bäume, durch alles, was lebt."
Religiöses "Wissen" könne nicht durch Sätze vermittelt werden, sondern nur "durch traumnahe, dichterische Bilder, die persönliche oder geschichtliche Erfahrungen ausdrücken".
Notwendig sei eine ganz andere religiöse Sprache: "Meditierend, nicht definierend, schwebend, nicht festschreibend, poetisch, nicht dogmatisch geformt."
Gegen die "Kirche von oben" stellt Drewermann in seinem Buch eine "Theologie von unten", die er in mehreren Kapiteln zu entwickeln versucht.
Im nächsten Band seiner Anti-Dogmatik wird es ausschließlich um Jesus gehen: "Die kirchliche Lehre hat sich um seine Botschaft gelegt wie die Schale um eine Walnuß. Wir müssen sie zerbrechen, um an ihren Inhalt heranzukommen."
Insbesondere will Drewermann gegen die "Blut-und-Opfer-Theologie" zu Felde ziehen, aus zwei Gründen.
Einem allgemeinen: "Weil diese Theologie die frohe Botschaft Jesu vom Glück der Menschen in ihr Gegenteil verkehrt."
Und einem speziellen: Um die Jesus-Mutter Maria vor ihrem glühendsten Verehrer, dem polnischen Papst, zu schützen.
Der ließ im Weltkatechismus unter Ziffer 964 zur "sicheren Lehre" erklären, daß Maria sich unter dem Kreuz mit ihrem Sohn Jesus "in mütterlichem Geist verband, indem sie der Darbringung des Schlachtopfers, das sie geboren hatte, liebevoll zustimmte".
Drewermann: "Keine Mutter auf dieser Welt versteht dies als Liebe." Y
* Augustin Cranach zugeschrieben (um 1582, Stadtkirche Wittenberg). * Eugen Drewermann: "Glauben in Freiheit". Walter-Verlag, Solothurn/Düsseldorf; 720 Seiten; 88 Mark. "Katechismus der katholischen Kirche". Erschienen in vier Verlagen; 816 Seiten; 36 Mark. Johannes Paul II.: "Glanz der Wahrheit". Christiana-Verlag, Stein am Rhein; 128 Seiten; 12 Mark. * Von Paul von Limburg, aus dem Stundenbuch des Herzogs von Berry (15. Jahrhundert). * Von Dirk Bouts (15. Jahrhundert).

DER SPIEGEL 51/1993
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