21.06.1993

DDR-VergangenheitKnüller im Angebot

Der Berliner Gesundheitssenator Peter Luther hortet wichtige Akten über den DDR-Sport und schweigt.
Wer nach Unterlagen aus der Zeit des DDR-Dopings forscht, bekommt eine Episode wie aus einem Spionagefilm geschildert. Noch vor dem Mauerfall, so die Geschichte, habe ein Funktionär aus Berlin allen Sportzentren der Republik den Befehl zur kollektiven Aktenvernichtung gegeben. Bei einigen Instituten habe Manfred Höppner, Chefarzt des Sportmedizinischen Dienstes (SMD), eigenhändig die Panzerschränke inspiziert und letzte Dokumente mitgenommen.
Ein halbes Dutzend Kommissionen aus Sport und Politik mühte sich nach der Wende trotz großen Kostenaufwands meist vergebens, die Sünden der Vergangenheit aufzuklären. Ihre einzigen Beweisstücke mußten die Fahnder in Redaktionen und bei Autoren erbetteln.
Dabei wäre die Aufklärung ganz einfach. Der Berliner Gesundheitssenator Peter Luther (CDU) hortet die wichtigsten Dokumente - schweigt aber beharrlich und beruft sich dabei auf den Datenschutz.
Tausende Patientenkarteien von Sportlern aus der gesamten DDR und streng geheime SMD-Berichte waren bei der Reißwolf-Aktion ausgerechnet in _(* Mit Franziska van Almsick. ) Höppners Zentrale übersehen worden. Die Akten übernahm die Berliner Gesundheitsbehörde als Nachlaßverwalter, angeblich um bei Regreßansprüchen früherer DDR-Sportler und Dopingopfer gerüstet zu sein. Nur: Viele Athleten könnten solche Ansprüche erst stellen, wenn sie ihre Akten kennen. So schützt die frühere Blockflöte Luther gleichzeitig den Staat als SMD-Rechtsnachfolger vor Entschädigungsforderungen - und die Täter vor Enttarnung.
Davon profitiert besonders die lokale Prominenz. Dieter Lindemann, der Trainer des neuen deutschen Schwimmwunders Franziska van Almsick, war schon im vergangenen Jahr als DDR-Doper ins Gerede gekommen. Der Landessportbund Berlin weigerte sich, einen Vertrag mit Lindemann zu verlängern, weil dieser keine Erklärung über eine dopingfreie Vergangenheit abgeben wollte.
Doch nach Franziska van Almsicks Medaillengewinnen bei den Olympischen Spielen in Barcelona wollte der Deutsche Schwimm-Verband auf Lindemann nicht verzichten und stellte den Berliner als Stützpunkttrainer ein. Bei einer erneuten Überprüfung durch die Doping-Kommission des Deutschen Sportbundes (DSB) stritt der Coach jedes Dopen ab.
Senator Luther weiß es besser. Seine Unterlagen weisen Lindemann, so Büroleiter Wolfgang Erichson, als "voll belastet" aus. Weil es "mehr als genug Beweise" gebe, habe man auch gegen eine Weiterbeschäftigung votiert. Doch als der Schwimmverband Lindemann engagierte, protestierte der Gesundheitssenator nicht.
Nicht nur Luthers Akten, auch die Unterlagen über die einstigen Stasi-Spione in Trainingsanzügen werden die vereinten deutschen Sportler jetzt, dreieinhalb Jahre nach der Wende, noch mächtig in Bedrängnis bringen. Auf Initiative der SPD-Bundestagsfraktion richteten die Verwalter der Stasi-Akten eine eigene Stelle für den Sport ein. Wenn Hansjörg Geiger, der stellvertretende Leiter der Gauck-Behörde, am Montag vor der Enquete-Kommission des Bundestages zur "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur" über erste Ergebnisse berichtet, wird er, weiß ein Insider, "etliche Knüller präsentieren".
Ärzte, Trainer und Funktionäre müssen um ihre neuen Ämter bangen. In Berichten des Ministeriums für Staatssicherheit ist exakt aufgeführt, wer zum geheimen Kreis der Dopingplaner zählte. Die "Aufstellung der Geheimnisträger für Staatsgeheimnisse" vom 31. Juli 1987 weist allein beim SC Halle 52 und beim SC DHfK Leipzig 45 Funktionäre und Trainer aus.
Auch der Kreis der "Inoffiziellen Mitarbeiter" war weitaus größer als bisher bekannt. Bei den Olympischen Winterspielen 1980 in Lake Placid agierte fast jeder fünfte in der DDR-Delegation für die Stasi - darunter zehn Sportler und neun Journalisten.
Die deutsche Sportführung, die so gern ihre konsequente Aufarbeitung der Geschichte lobt, hat sich bislang noch nicht einmal um allgemein zugängliche Unterlagen bemüht. DSB-Justitiar Jochen Kühl wähnte die Akten schon vor Wochen "irgendwo auf dem Weg nach Koblenz" ins Bundesarchiv. Die Ordner der DDR-Sportverbände stehen aber immer noch in den Außenstellen des Bundesarchivs in Berlin-Lichtenberg, Potsdam und Coswig.
Trotz der hektischen Aktenvernichtung finden sich darin aufschlußreiche Belege für die Manipulationen im DDR-Sport. Sie enthüllen das Baß-Bariton-Geheimnis der ostdeutschen Schwimmerinnen bei Olympia 1976 in Montreal. Auch enttarnen sie einen der Hauptverantwortlichen der republikweiten Dopingplanungen: Professor Hans Gürtler, der über Jahre an entscheidender Stelle mitwirkte und heute wieder als Dozent für Sportmedizin an der Universität Greifswald lehrt.
Beweise gibt es genug. Die angeblich so wißbegierigen Sportfunktionäre müßten die Zeugnisse der dunklen Stunden des deutschen Sports nur wirklich lesen wollen.
* Mit Franziska van Almsick.

DER SPIEGEL 25/1993
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