11.07.1994

JazzEllingtons Geist

Bei Greifswald hat ein kleines DDR-Festival die Wende überlebt. Der Jazz-Experte Michael Naura hat für den SPIEGEL zugehört:
Wo die Füchse rückwärts laufen, wo Frösche ihren Blues quaken, wo Graffiti wie "Landsleute, bleibt hier" an den Wänden zerbröseln, da ist der Jazz weit weg. Denkt der westliche Herr Nasehoch. Doch der Jazz ist gleich um die Ecke. In Eldena bei Greifswald, am Schilf des Boddens, in einer wunderbaren Ruine. Bei Deutschlands subtilstem Miniaturfestival des Jazz treffen sich Musiker und Fans seit 14 Jahren inmitten der altehrwürdigen Überreste eines Zisterzienserklosters.
Halbwegs Gebildete kennen diese sakrale Stätte von einem der bedeutenden Bilder der Romantik, von Caspar David Friedrichs "Ruine Eldena". Bis heute haben sich die Erhabenheit dieses von uralten Eichen umsäumten Platzes und - im übertragenen Sinn - die Einfachheit der Liturgie des Ordens erhalten. Das alles prägt das Ritual dieses ungeschliffenen Juwels von einem Festival.
Hier gibt es keinen Bier-und-Brezel-Jazz, keine unterschwelligen Konsum- und Kopulationsanregungen. Die Eldenaer Jazz Evenings sind gesittet, sind sanft, und sie haben die Wende überlebt.
Alles begann 1980 mit dem Mißbehagen einiger Studenten von der Ernst-Moritz-Arndt-Universität, Greifswald, die gegen die musikalische Ignoranz ihrer Stadt antraten. Einer ihrer Wortführer war Tilo Braune, 39, damals Student der Medizin, später auch Genosse Leutnant der Reserve, heute Landtagsabgeordneter der SPD und Festival-Chef.
Die frustrierten Studiosi gründeten eine Arbeitsgemeinschaft Jazz beim Studentenklub "Kiste" an der Uni und beendeten den Jazztiefschlaf an der Küste von Mecklenburg-Vorpommern. Die FDJ gab Geld und mischte sich nicht ein (Jazz gleich Neger gleich Klassenkampf), die Stadtverwaltung geizte, die DDR-Medien reagierten milde.
Einmal im Jahr, zwei Nächte lang im Juli, feierte die junge sozialistische Intelligenz das Festival. Das DDR-Blatt Neue Berliner Illustrierte schrieb: "Zu den begeisterten Zuhörern gehören neben den Studenten auch immer mehr Lehrlinge und Arbeiter." Freundschaft, Jazzgenossen!
Und sie kamen aus der ganzen DDR, und sie zelteten, und sie wußten, Eldena ist zwar nicht das Tor zur Welt, aber doch eine Luke, aus der man die sozialistische Nase stecken kann. Und der Geist Ellingtons schwebte über ihnen.
Irgend etwas war anders an diesem Festivalchen. Zwar bemühte sich Braune um auswärtige Musikerkapazitäten, Albert Mangelsdorff war für 500 Mark Ost der Mann der ersten Stunde, doch den Humus für die ausländischen Blüten lieferten die einheimischen Kräfte. Recken wie der Saxophonist Ernst-Ludwig Petrowsky, später Nationalpreisträger, der Schlagzeuger Günter Sommer, Hannes Zerbe mit seiner Blechband. Sie hatten endemisch ihre DDR-Jazzidentität entwickelt.
Der DDR-Jazz hatte instrumentale Brillanz, aber eben auch etwas Laubenpieperhaftes, die Galapagos-Ästhetik, die sich hinter Mauern oder inmitten von Wasserwüsten entfaltet. Sie "setzten musikalisch um" das Brecht-Gedicht "Oh, ihr Unglücklichen!", und sie kokettierten mit der Sinfonik, wenn sie "Die Eisengießerei" (1926) des russischen Komponisten A. W. Mossolow in die Mangel nahmen.
Auch dem Tanz und der Malerei rückten sie auf die Pelle. Als wollten sie sagen: "Seht, wir sind mehr als Jazzmusiker." Auf kuriose Weise korrespondierten in Eldena manche Gastmusiker aus dem Westen mit diesem DDR-Eigenwuchs. Hochbegabte Kakophoniker wie die englische Sängerin Maggie Nicols und der deutsche Klarinettist Theo Jörgensmann fügten sich vortrefflich ein in das "Ost-Produkt".
Seit der Sozialismus zusammengekracht ist, leben die Eldenaer Jazz Evenings erst richtig auf. Nun schneidet das NDR-Radio mit, und selbst das Fernsehen schnürt durch das Gelände. Der Festival-Etat pieselt etwas kräftiger. Die neureichen Schandtaten der westdeutschen Geschäftspartner mit ihren Besitzerflaggen sind verschwunden, wie der Bier-Panzer einer weltberühmten Gerstensaft-Firma.
Jetzt sind die Bockwürste wieder schlapp wie früher, die Drinks leicht lauwarm und die Werbung fürs Festival ist bescheiden. Doch musikalisch ist das Jazzmeeting frisch durchblutet. Das "Zentral-Quartett", DDR-Superfeger der improvisierten Musik, hat, unfaßlich, nach langem Bimmeln und Hämmern und Hacken und Klöppeln und Kreischen 1994 die Gestade der Blue Notes, ein Label für Jazzplatten, erreicht.
Der musikalische Skorbut ist abgewendet. Schlagzeuger Sommer schreit eine dada-artige Version von "Nun danket alle Gott" in die Ruine. Und auch in das mecklenburg-vorpommerische Publikum kommt Bewegung. So ist's recht, Leute. Move your body!
Wie der Pianist und Ex-Leipziger Joachim Kühn, der mit seinem grandiosen Trio dem Festival einheizt. Und als zum Schluß die amerikanischen Saxophonisten Arthur Blythe, Nathan Davis, Sam Rivers und Chico Freeman mit "Lester Leaps in" einen mächtigen Blues anfachen, weiß jeder in der Kloster-Ruine: Charlie Parker was here. Y
Von Michael Naura

DER SPIEGEL 28/1994
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