21.06.1993

SektenArmee Gottes

Die Polizei ermittelt gegen den Guru Sant Thakar Singh wegen Kindesmißhandlung, Vergewaltigung und Mordverdachts.
Wenn es um sein leibliches Wohl geht, kann es dem indischen Meditationsmeister Sant Thakar Singh, 64, manchmal gar nicht schnell genug gehen. "Wir meditierten, und der Meister ging von Frau zu Frau. Dann warf er mir seinen Umhang über den Kopf. Sein Hosenschlitz war offen. Er zwängte mir seinen Penis in den Mund und ejakulierte, bevor ich überhaupt wußte, was geschah", berichtet eine ehemalige Schülerin über ihre orale Vergewaltigung.
Der lüsterne Guru beließ es nicht dabei. "Es gibt keine Öffnung in meinem Körper, die der Meister nicht benutzt hat", erinnert sich eine andere Frau, die bei dem selbsternannten Nachfolger des 1974 verstorbenen indischen Mystikers Kirpal Singh Spiritualität suchte.
Verwundert beobachteten Schülerinnen bei Singh unheilige Erektionen, die so gar nicht zu den Parolen des überväterlichen Bartträgers passen: "Sexualität ist Tod, Keuschheit ist Leben."
Seine fleischlichen Begierden entschuldigt der Mann, der sich mit Jesus vergleicht, mit dem "Abnehmen von Karma" und dem Auftreten von dunklen Mächten: "Das Frauenproblem ist auch ein Ergebnis der Verführung dieser Teufel auf mein reines Selbst."
Das diabolische Wirken könnte auch weltliche Folgen haben. In Indien, den USA und der Bundesrepublik sind, nach Anzeigen von ehemaligen Singh-Verehrern, Ermittlungsverfahren gegen den geilen Guru anhängig. Polizei und Staatsanwälte recherchieren wegen Steuerhinterziehung, Spendenveruntreuung, Kindesmißhandlung, Vergewaltigung und der Tötung eines Sektenmitglieds.
Rund eine halbe Million Anhänger fühlen sich dem gelernten Wasserbauingenieur weltweit verbunden, darunter etwa 25 000 in Deutschland. Doch viele, die bei Singh ihr Seelenheil suchten, fanden Psychoterror und Sadismus.
Aussteiger zeichnen von ihrem Ex-Guru das Bild eines spirituellen Kriminellen, der Werteverfall und Sinnsuche in westlichen Kulturen skrupellos ausbeutet. Singh-Jüngerinnen berichten von Folterungen unter dem Deckmantel der Heilsbringung.
Einsperren, Anketten, Nahrungsentzug, Zwangsmeditation und Schläge waren für manche Anhänger an der Tagesordnung. Der "Meister" legte immer selbst Hand an, erinnert sich eine Frau. "Zwei Stunden lang riß er mit seinen Fingernägeln jeden einzelnen Fetzen Haut von meinen Ohren, ich wurde vor Schmerz ohnmächtig, aber er prügelte mich immer wieder wach." Andere Leidensgenossinnen bestätigen die sadistische Lust des stets gütig lächelnden Gurus, der vor zwei Jahren auf seiner Tournee durch Deutschland mit wolkigem Geschwafel die Säle in 35 Städten füllte. Vor allem wenn der Möchtegern-Heiler "Teufel" wittert, fällt der Exorzismus hart aus.
In einer TV-Dokumentation des Münchner Journalisten Lorenz Knauer ("In den Fängen des Guru"), der zum Schein der Sekte beitrat, schilderten am Freitag vergangener Woche Singh-Opfer Szenen wie diese: "Ich wurde von Frauen am Boden festgehalten, er ließ sich mit aller Gewalt auf mich fallen, meine Rippen brachen, mir wurde schwarz vor Augen."
Vermutlich noch weiter gegangen ist der "Meisterheilige" bei der Deutschen Rosemarie Maderthanner: Die psychisch kranke Frau, die 1982 ihr Hab und Gut für den "Gottesmenschen" aufgab und ihren Lebensgefährten verließ, starb 1983 unter mysteriösen Umständen: Der indische Totenschein, der einen Herzanfall angab, war offenbar gefälscht, der Leichnam wurde nie entdeckt.
Der deutsche Europa-Repräsentant der Sekte, Wulfing von Rohr, und der Generalsekretär des Meisters, der Inder Captain Gupta, die inzwischen ausgestiegen sind, bezichtigen Singh der Tötung. Gupta: "Er befahl, die Leiche in einen Sack zu stecken, mit Steinen zu beschweren und in den Hooghly-Fluß in Kalkutta zu werfen. Das war nur einer von mehreren mysteriösen Todesfällen."
Eine Amerikanerin schildert, wie die Folterung der manisch depressiven Frau begann: "Er kniete sich auf ihre Kehle, sie sollte von schrecklichen Wesenheiten befreit werden. Später hat er einer Freundin von mir gestanden, daß er sie getötet hat, weil sie die Gruppe gestört hat."
Vor allem auf Frauen wirkt der verheiratete Guru charismatisch. Hypnotische Fähigkeiten werden dem Menschenfischer nachgesagt: "Er macht etwas mit seinen Augen, das dich reinsaugt, und da sitzt du zu seinen Füßen, auch wenn du das gar nicht willst", sagt ein ehemaliges Sektenmitglied.
Singhs Sekte tritt unter den Namen "Kirpal Ruhani Satsang Society", "Holosophische Gesellschaft" und "Lichtheim" in rund 60 deutschen Städten in Erscheinung. Europäisches Hauptquartier ist ein Schloß im 130-Seelen-Dorf Oberbrunn im bayerischen Chiemgau.
Die "Lehre der Heiligen" (Sant Mat) fasziniert offenbar vor allem esoterisch interessierte, gebildete, begüterte Menschen. Mit dabei sind Professoren, Fabrikanten, Ingenieure und Beamte wie die Leiterin des Bayreuther Ordnungsamtes, Sabine Krautstrunk. Die 43jährige Rechtsdirektorin, eine der unbelehrbaren Werbedamen des Meisters und sein Sprachrohr bei Live-Auftritten und in Videos, weist jede Kritik an ihrem Idol zurück.
Falsche Weltuntergangsprophezeiungen ihres Meisters irritieren sie ebensowenig wie Vorwürfe von Aussteigern, daß Spendengelder in dunklen Kanälen versickert sind. Auch der Personenkult mit allgegenwärtigen Meister-Liedern, Meister-Bildern und Meister-Videos stört die Spitzenbeamtin nicht: "Es gibt Drogen und Gewalt auf dem Schulhof, und da scheißt man sich ins Hemd, wenn da ein paar Leute meditieren."
Meditation als Allheilmittel steht im Zentrum der kruden Erleuchtungslehre. Gegen Krebs, Aids und Tbc sei jeder gefeit, der Augen und rechtes Ohr verschließe und sich dem "inneren Licht- und Tonstrom" hingebe. 3 Stunden tägliche Meditation sind Pflicht, 20 sollen es im "goldenen Zeitalter" einmal werden.
Am schlimmsten finden Aussteiger den Singh-Plan, mit der Zwangsmeditation von Kindern einen neuen Menschen zu schaffen, "die Armee Gottes". "Ein Menschenexperiment im großen Stil, zu dem es auf der ganzen Welt kein Vorbild gibt", hat Reporter Knauer in Neu-Delhi im Hauptaschram des Gurus beobachtet: "Kinder werden dort mit Meditation gefoltert."
Wie weit der Meister den Wahnsinn treibt, belegt ein sekteninternes Video. Mit verbundenen Augen, ausgehungert (ein halbes Fladenbrot pro Tag) und durch Schlafentzug übermüdet müssen 250 Kinder 16 bis 20 Stunden am Tag meditieren: im Yogasitz, in der Hocke, im Stehen. Wenn sie vor Erschöpfung umkippen, bekommen sie Schläge von den Aufsehern.
"Die Kinder verlieren kein unnützes Wort", heißt es in einer Sektenbroschüre euphorisch. Und weiter in bester Orwell-Sprache: "Das Leben der Kinder mag wie ein Leben in Gefangenschaft erscheinen, doch die Wirklichkeit ist, daß wir es sind, die gefangen sind, und die Kinder stehen in der Freiheit."
Auch in Deutschland werden Kinder, ja sogar Babies zur Meditation gezwungen. In einem "Mutter-Kind-Haus" in Buchendorf bei München, das von Singh-Anhängerin Gerda Achternbusch, 53, der Ex-Frau des bajuwarischen Filmemachers, geleitet wird, griff vor einem halben Jahr das Starnberger Jugendamt ein. Vier Kinder wurden befreit, nachdem die Hebamme Christin Graba Alarm geschlagen hatte.
Die Methoden, gab die Hebamme bei der Polizei zu Protokoll, seien brutal gewesen: "Unmittelbar nach der Geburt wurden drei Neugeborenen die Augen verbunden und mit Silikonmasse das rechte Ohr ausgegossen."
Den Kindern sei verboten worden, zu spielen oder ins Dorf zu gehen. Kontakt zu Gleichaltrigen außerhalb der Sekte war verboten, selbst wenn es Verwandte waren. Denn solche Kinder, begründet eine Sektenbroschüre ("Spirituelle Erziehung der Kleinsten - etwas Wunderbares") die Isolation, seien "negativ", ja unrein.
Ärzte sehen die Methoden der Sekte mit Grausen. Klaus-Peter Boergen von der Münchner Uni-Augenklinik befürchtet "dauernde Sehschäden" und eine "Asymmetrie der Sehentwicklung", wenn Babies die Augen verbunden werden. Die Kinderärztin Mechthild Papousek vom Münchner Institut für Jugendmedizin spricht von einem "erheblichen Eingriff in die natürlichen Entwicklungsbedingungen des Säuglings und Kleinkinds". Unter den Beschuldigungen von Aussteigern ist die Sekte, die derzeit im US-Staat Oregon eine Schule baut, in die Defensive gegangen, der Rückzug ins Private steht an: Weil die "praktische Durchführung spiritueller Erziehung der breiten Öffentlichkeit derzeit nicht vermittelbar" sei, so beschlossen die "Lichtheim"-Mitglieder, solle spirituelle Erziehung künftig "in eigener Initiative in privatem Rahmen erfolgen".
Auf "circa 100 Säuglinge und mehrere hundert Kinder" schätzt das Bayerische Landesjugendamt die Zahl der jugendlichen Opfer des Gurus in Deutschland.
Ganz frische Seelen hat Singh besonders gern. Vor Auftritten tätschelt er sie zärtlich und gibt ihnen Kosenamen: "Junge Papageien" nennt er sie.

DER SPIEGEL 25/1993
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