27.09.1993

ItalienZwischen zu vielen Fronten

In vielen Kirchen der Altstadt von Genua gibt es kein Weihwasser mehr. Die Süchtigen hatten sich angewöhnt, ihre Spritzen damit zu waschen. Seitdem zögern die Priester, die Becken aufzufüllen.
Auch in San Giovanni di Pre, einer Pilgerkirche aus dem 12. Jahrhundert, ist die Marmorschale neben dem Eingang trocken. Der Gemeindepriester Don Carlo Mazzarello, ein Greis von 89 Jahren, öffnet die Kirche nur für eine Messe am Tag, und auch das mit Furcht. Zu oft sind Gläubige während des Gottesdienstes von Drogenabhängigen überfallen und ausgeraubt worden. "Hier sitzt niemand gern mit dem Rücken zur Tür", sagt Don Carlo.
Genuas Altstadt, früher das pulsierende Zentrum einer kosmopolitischen Seerepublik, die im 14. Jahrhundert den Handel im Mittelmeer beherrschte, ist zu einer finsteren Kasba geworden. Von den Bürgerpalästen fällt der Putz in schwarzschimmeligen Fladen. Rostende Stahlgerüste biegen sich unter dem Druck von einsturzgefährdeten Mauern. Aufgebrochene Rollgitter zeigen an, wo Obdachlose in aufgegebenen Läden Unterschlupf gefunden haben.
Unter den 25 000 Italienern der Altstadt hausen inzwischen fast ebenso viele Nordafrikaner. Nur etwa 10 000 von ihnen haben eine Aufenthaltsgenehmigung. Mindestens genauso viele tauchten illegal im Gewirr der "caruggi", der mittelalterlichen Gassen, unter. Fragt man Italiener in der Altstadt nach ihren farbigen Nachbarn, dann heißt es nicht selten: "Es werden immer mehr. Wir sind schon in der Minderheit."
Zu 50, zu 100 hausen die Afrikaner in Kellerräumen, Dachböden oder Zwischengeschossen einstmals prächtiger Bürgerhäuser, deren Besitzer vor vielen Jahrhunderten an den Kreuzzügen teilnahmen oder Dogen stellten.
Ihre Nachfahren verlangen 150 000 bis 300 000 Lire (155 bis 310 Mark) für einen Schlafplatz, der im Wechsel mit anderen benutzt werden muß. Aussicht auf Einkünfte gibt es nicht für die Fremden - außer im Drogenhandel.
"Wir leben zwischen zu vielen Fronten hier", seufzt ein alter Mann an der Piazza Sauli, dessen Tischlerei seit 1826 vom Vater auf den Sohn vererbt wurde. Ob er sie halten kann, ist ungewiß: Auch ihm bleiben die Kunden weg, weil sie die marokkanischen Dealer fürchten, die unmittelbar vor der Tischlerei ihre Geschäfte betreiben.
Zugleich aber müssen sich die Altstädter gegen die - überwiegend weißen - Drogenabhängigen wehren, die sich mit Gewalttaten, Einbruch und Raub das Geld für den Stoff beschaffen. Den Rauschgifthandel en gros wiederum kontrollieren ein paar Camorra-Familien aus Neapel, die sich vor mehr als zwei Jahrzehnten in der Via di Pre niederließen und dort die meisten Läden besitzen.
Vor der kleinen Drogerie der Enrica Percoco an der Piazza dei Greci eröffneten maghrebinische Händler ihren Markt: Heroin, Kokain, Haschisch gibt es reichlich im Angebot. Sobald es dunkelte, mußte die Frau ihr Geschäft schließen, weil keiner ihrer Kunden sich den Weg durch die Ansammlung finsterer Gestalten bahnen mochte, die den Eingang verstellten.
"Bleib in deinem Laden, wenn wir hier sind, Alte", hatte ihr ein Dealer barsch befohlen, als sie wieder einmal zu protestieren versuchte. Aber die 60jährige Ladenbesitzerin war nicht einzuschüchtern. Vor kurzem ließ sie sich auf einer Bank neben ihrem Laden nieder und verkündete, sie werde sich nicht wegbewegen, "bevor das Territorium, das man uns streitig macht, wieder das unsere ist".
Enrica Percoco begann einen Hungerstreik. Der dauerte sieben Tage und sechs Nächte, dann hatte sie durchgesetzt, was sie seit langem verlangt hatte: ständigen Polizeischutz vor ihrem Laden.
Jetzt parkt rund um die Uhr ein Mannschaftswagen auf der Piazza dei Greci, vier schwerbewaffnete Carabinieri bewachen die Drogerie: ein Bild wie aus Belfast. Ähnlich sieht es seit ein paar Wochen überall in der Altstadt aus.
In den brütendheißen Sommernächten war Aufruhr in Genua. Weiße Jugendliche, die meisten genau wie die Immigranten ohne Arbeit und ohne jede Aussicht auf einen Job, eröffneten die Hatz auf schwarze Mitbewohner, malträtierten sie mit Stangen und traten sie, bis die Farbigen blutend am Boden liegenblieben. Daraufhin rotteten sich auch die Afrikaner zusammen und griffen die weißen Jugendlichen an. Italien erlebte seinen ersten Rassenkrawall, einen ersten Krieg von Armen gegen Arme in einem städtischen Elendsviertel.
Eilends beorderte der oberste italienische Polizeichef, Vincenzo Parisi, Verstärkung von 500 Mann aus anderen norditalienischen Städten nach Genua. Jetzt patrouillieren Carabinieri in Trupps von acht bis zehn durch die Altstadt, unter ihnen viele junge Beamte, die ratlos in Stadtplänen blättern, wenn sie in Gassen gerufen werden, die sie nicht kennen.
Seit in der vorvergangenen Woche solch ein Pfadfindertrupp in Polizeiuniform von Afrikanern zusammengeschlagen wurde, dürfen die Ordnungshüter wieder Schlagstöcke benutzen.
Sicher fühlt sich Enrica Percoco deshalb nicht. Kürzlich begegnete ihr in der Nähe ihres Ladens ein Nordafrikaner, der sich mit der Hand über die Kehle fuhr, als er sie sah; eine Drohung, vermutet sie.
Wer weiß, was wirklich gemeint war. Aber klärende Worte zu suchen im Umgang miteinander, haben viele Italiener in der Genueser Altstadt und die meisten Ausländer längst aufgegeben.
Zwar kennt Salvatore Pelle, Polizist aus der Altstadt, ein freundlicher Rambo, keine Hautfarbe in der Ausübung seines Amtes. Victoria, die Prostituierte aus Kamerun, kommt zu ihm, wenn der Hausbesitzer die Wuchermiete immer noch weiter nach oben schraubt. Der elfjährige Dealer aus Marokko, den er eingelocht hat, schreibt ihm aus der Erziehungsanstalt und teilt mit, daß er wegrennen werde.
Doch selbst Pelle, der Menschenfreund, ist jetzt enttäuscht. "Ich setze Leute fest, die ich ohne Dokumente auf der Straße antreffe. Aber ich muß sie sofort wieder freilassen." Ein Regierungsdekret aus dem vorigen Jahr sah vor, daß Ausländer, die keinen Wohnsitz und keinen Arbeitsplatz vorweisen können, abgeschoben werden müssen. Aber das Parlament hat das Dekret nicht in der vorgesehenen Zeit zum Gesetz gemacht. "Jetzt ist alles wie vorher, eher schlimmer, weil der Andrang wächst."
Pelle sieht nur einen Ausweg und weiß zugleich, daß der nichts taugt: Deportation der Ausländer ohne Arbeitsplatz und festen Wohnsitz - Modell Bari, wo die italienischen Behörden 20 000 albanische Flüchtlinge kurzerhand in ihr Heimatland zurückverfrachteten.
"Gnade uns Gott, wenn sie die Afrikaner wegschicken", meint Enrica Percoco. "Dann gibt es niemanden mehr zwischen uns und der Mafia."
Die meisten Bürger ahnen es ja auch, daß die Deportation der Afrikaner aus ihren Gassen, wäre sie denn machbar, ihre Probleme nicht lösen würde. "Die Arbeitslosigkeit und den physischen Verfall der Altstadt: Das gab es lange bevor sich die Einwanderer hier niederließen", weiß Gianni Napolano, Buchhändler und Mitglied eines der vielen Bürgerkomitees in der Altstadt. Doch der Kampf der Menschen, die sich, manche seit Jahren, an diesen Komitees beteiligen, zeigt deutlich Spuren von Verschleiß.
Immer hoffnungsloser erscheint vielen Bewohnern das Ausharren in einer Gegend, in der sich alle Plagen bündeln, welche Genua heimgesucht haben.
Das schlimmste Übel liegt wohl darin, daß Genua, einst "la Superba", die Stolze, genannt, seine Mission verloren hat. Der Hafen, früher einer der wichtigsten am Mittelmeer, ist unbedeutend geworden.
Mittelalterliches Zunftdenken der Schauerleute in fataler Verbindung mit falschverstandener linker Militanz haben Genua, so der Genueser Priester und Autor Gianni Baget Bozzo, "zu einem westlichen Vorposten des Sowjetkommunismus gemacht".
Jahrelang weigerten sich Genuas Hafenarbeiter, Container zu entladen. Sie verpaßten ein neues Zeitalter. Livorno und La Spezia, Kleinstädte im Vergleich zu Genua, fertigen heute mehr Schiffe ab als die Hauptstadt Liguriens.
Eine verfehlte Wohnungsbaupolitik, an der Spekulanten und korrupte Politiker verdienten, überzog die Hügel hinter der Stadt mit monströsen Wohnsilos. Die Altstadt, ein kostbares Kompendium europäischer Baugeschichte, ließen die Stadtväter verkommen.
Als absurder Fehlschlag erwies sich der Versuch, den 500. Jahrestag der Entdeckung Amerikas durch den Genuesen Christoph Columbus mit pharaonischen Ausstellungsneubauten am Hafen zu feiern. Statt der vorgesehenen 3,5 Millionen kamen nur 817 000 Besucher. Und niemand hatte sich offenkundig überlegt, was mit dem Gebäudepark, der 750 Millionen Mark kostete, nach der Ausstellung passieren sollte. Jetzt steht er leer und bietet sich Drogenabhängigen als Unterschlupf an.
Selbst alteingesessenen Kriminellen, den Patriziern der Unterwelt, ist die Altstadt inzwischen verleidet. Die Rote Anna, einst Königin des Rauschgifthandels in der Hafengegend, die 22 ihrer 54 Lebensjahre im Gefängnis verbracht hat, ist manchmal richtig zufrieden, daß sie polizeilichen Hausarrest hat. Das Klima draußen auf den Straßen sei ihr zu gewalttätig geworden, bekennt die einstige Gangsterin, deren Haar inzwischen schlohweiß ist.
Am liebsten würde sie mit ihrer vierjährigen Enkelin, deren Mutter im Gefängnis sitzt, weit weg ziehen, aufs Land. Aber das würde ihrem Lebensgefährten den Broterwerb nehmen, der als tüchtiger Autoknacker die Großstadt braucht. Y
"Gnade uns Gott, wenn sie die Afrikaner wegschicken"
Von Valeska von Roques

DER SPIEGEL 39/1993
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