28.06.1993

Deutsche Sorgen

Eine gewöhnliche Erfahrungsverarbeitung: Am 24. Februar 1989, einem Freitag, Talk-Show in Berlin. Geleitet von Lea Rosh. Der Titel, formuliert von Heiner Müller: Heimat-O, Heimat-W: O Weh-Heimat. Lea Rosh eröffnet mit mir. Ob es mich störe, wenn über mich in der Zeitung stehe, der linke Schriftsteller . . . und linke stehe in Anführungszeichen. Sie erinnert daran, daß ich es einen Monat davor nicht abgelehnt habe, mit CSU-Abgeordneten in Wildbad Kreuth über einen Deutschlandvortrag zu diskutieren, den ich im Oktober ''88 in München gehalten hatte. Es war klar, daß sie meinte, ich habe mich nicht zu wundern, wenn bei mir die Platzbezeichnung links in Anführungszeichen geraten sei.
Zwei Talk-Show-Teilnehmer aus dem Westen polemisierten an diesem Abend am heftigsten gegen meinen Münchner Vortrag: Günter Gaus und Klaus Wagenbach. Gaus nannte meinen Standpunkt oberflächlich und platt. Wagenbach bezeichnete, was ich beisteure, als Stammtischreden. Gaus zitierte, daß ich in meiner Rede gesagt habe, ich wolle in Leipzig und in Dresden ins Theater gehen können. Aber das könne ich doch, rief Gaus. Ich erinnerte daran, daß ich auch gefordert habe, die Leipziger müßten genauso in Stuttgart ins Theater gehen können. Es half nichts. Ost- und Westteilnehmer erledigten mich unisono.
Die sprachen alle im Namen von so herrlichen Positionen wie Internationalismus, Vernunft und Aufklärung. Wagenbach, zum Beispiel: Seine Heimat sei die Sprache, er habe zuerst den Prager Juden Kafka studiert, dann sei er der Verleger des in London lebenden österreichischen Juden Erich Fried geworden, das und die Sprache des aus Czernowitz stammenden Juden Celan, das sei seine Heimat. So türmte er eine fabelhafte Selbstplazierung auf, gegen die ich nur noch Abkömmling eines Provinzstammtischs war, der ganze Abende mit der CSU verbringt und immer noch als Intellektueller gelten will.
Ich mußte am nächsten Morgen nach Paris fliegen, hatte erst am Montag dort zu tun. Samstag und Sonntag blieb ich im Zimmer. Nicht weil es regnete, sondern weil ich den Sätzen und Gesten, die mir in Berlin verpaßt worden waren, nicht standhalten konnte, ohne nachzuschreiben, aufzuschreiben, was mir dort passiert war.
Das Auffallendste bei diesem Aufschreiben: die mangelnde Souveränität. Wenn man die ganze Talk-Show, so wie sie einem im Gedächtnis geblieben ist, auf dem Papier wiederholt, hat man den gloriosen Positionen der anderen keine besseren eigenen Positionen entgegenzusetzen. Es kann sich nicht darum handeln, jetzt durch nachträgliche Argumentation auf dem Papier besser wegzukommen als in Berlin vor laufenden Kameras. Zuerst einmal muß man alles so nachschreiben, wie es da gelaufen ist. Es muß auf dem Papier für dich so blamabel verlaufen wie dort im Studio.
Warum fühlst du dich aber bei diesem Aufschreiben besser als dort? Das ist jetzt eben das alltägliche Wunder: Dadurch, daß man etwas aufschreibt, führt nicht mehr Lea Rosh ihre vorbedachte Meinungs-Regie, sondern die Sprache. Wirklich ganz von selbst kriegt diese so bestürzt wie aufklärerisch auf dich einredende Versammlung von Menschen, die nichts so sehr sind wie erstklassig, diese prima Versammlung kriegt etwas fast Dröhnendes, und dadurch auch etwas Bedrohliches. Sie sagen dir, daß man so, wie du bist, nicht sein darf, wenn man noch dazugehören will.
Dabei hast du ihnen bei deinem Notieren mehr zugestimmt als dort im Studio. Auf dem Papier hast du sie in ihrem Rechthaben richtig aufblühen lassen. Aber dadurch, daß du ihnen nachträglich ihren Sieg nichts als bestätigt hast, hat die Art, wie dieser Sieg errungen wurde, offenbar einen Knacks bekommen. Ohne daß du das wolltest, sind Gaus und Wagenbach ein eher keifendes Komiker-Duo geworden. Waren sie das nicht dort auch, oder wirst du jetzt ungerecht? Aber wieso sollst ausgerechnet du gerecht sein? Du mußt überleben. Dieses Wochenende.
Am Sonntag abend konnte ich in Paris essen gehen; die Berliner Erfahrung war durch eine Version beantwortet, mit der ich leben konnte.
Bei diesem zwanghaften Notieren hat man keine Kraft, sich zu übergeordneten Standpunkten zu erheben. Nachträglich sieht man, daß wieder einmal die Darstellung Hilfe brachte, die Sprache eben, unser nichtkommandierbarer Reichtum, unsere unerschöpfliche Armut.
Aber der Grund, auf dem diese nachträglich als Groteske erlebbare Show ablief, war seriöser Geschichtsgrund: die deutsche Teilung. Die sollte als vernünftig und bestehenswert erscheinen. Dazu sollte der sich gerade selbst abhalfternde Linksintellektuelle vorgeführt werden. Die Auswahl der Gesprächsteilnehmer repräsentiert das Konzept.
Wir erleben zur Zeit, wie 15- bis 25jährige ihre Erfahrungen verarbeiten. Nicht mit Sprache, sondern mit Worthülsen, mit Meinungs-Plunder aus dem schlimmsten Fundus und mit Gewalt. Unsere Tagesordnung ist gestört. Zum letzten Mal ist sie so gestört worden durch die Anschläge der RAF. Nach 1968 haben wir durch weitgehende Urteile aus aufbegehrenden Studenten unbelehrbare Terroristen gemacht.
Jetzt machen wir Rechtsradikale aus Jugendlichen, die ihren Protest so kraß wie möglich kostümieren. Das ist eine Protestbewegung von rechts, aber es ist in erster Linie eine Protestbewegung. Und wie radikal sie schon ist oder noch wird, hängt wieder von uns ab. Von Politik ist bis jetzt noch kaum die Rede bei diesen Verwirrten und Versprengten. Wenn sie den Mund aufmachen, kommt zäh Hilflosigkeit heraus. Und wenn sie mit Requisiten des Nationalsozialismus auftreten, dann doch wohl, weil sie wissen, daß das uns am meisten weh tut und daß man damit am schnellsten weltweit ins Fernsehen kommt.
Allerdings: Wenn sie sich den Satz "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" an den Arm kleben, dann sollten die, die das zum Erbrechen finden, zuerst einmal überlegen, wie es zu diesem Satz kommt. Vererbt wird dergleichen nicht. Und nicht jedesmal sind ein trunksüchtiger Vater und eine demütigende Sonderschulerfahrung die Ursache. Vielleicht wird jeder andere Bedingungen dafür nennen.
Meine erste Reaktion ist da: Armer Mensch. Wenn einer nichts anderes hat, worauf er stolz sein kann als auf seine Nationalität, ist er als Deutscher doch wirklich arm dran. Andererseits kann man aber aus einer Nation auch nicht austreten wie aus einem Verein, um nicht mittragen zu müssen, was diese Nation als Nation angestellt hat.
Meine zweite Reaktion auf einen solchen Schauersatz: Ich glaube ihn nicht. Nation - das ist keinem die Hauptsache. Längst nicht mehr. Und nie mehr. Der Satz ist eine Demonstration, eine Imponiergebärde. Wer diesen Satz hißt, weiß, daß er uns trifft, daß er uns wehtut. Und das will er vor allem.
Dritte Reaktion: Solche Sätze und die dazugehörenden Taten vollbringen Kinder, die in einer Gesellschaft aufwuchsen, in der alles Nationale ausgeklammert oder rückhaltlos kritisch behandelt wurde. Aus den allertriftigsten Gründen. Schon das Wort Nation war nur noch möglich in der schimpflichsten Verbindung: Nationalsozialismus. Der zweiten Worthälfte ist jetzt Ähnliches passiert.
Aber die 40jährige Ausgrenzung des Wortes Nation aus dem Sprachschatz der Zurechnungsfähigen, der Meinungsmacher, der Politiker, der Intellektuellen hat nicht verhindert, daß abseits der öffentlichen Meinung das Wort Nation sich erhalten hat. Im Samisdat. Wer vor 1945 lesen und schreiben gelernt hat, der hat die Ausgrenzung miterlebt, vielleicht auch mitgemacht. Der hat aber auch die Selbstunterdrückung erlebt, die damit verbunden war. So kam in 40 Jahren ein sehr reinlicher Sprachgebrauch zustande. Aber das stammt alles aus der einen deutschen Verlegenheit: weiterleben zu müssen mit einer Vergangenheit, die nicht vergehen kann.
Genau dieser Vergangenheit wegen, befanden einige Intellektuelle, müsse Deutschland für immer und ewig geteilt bleiben. Als "Kulturnation" dürfe es übrigbleiben. Immerhin durfte da das Wort einmal in einer freundlichen Koppelung erscheinen. Aber wie das gehen sollte, konnte keiner sagen.
Nation war nicht angesagt. Deutsche Intellektuelle wollten jetzt Europäer sein. Aus dem Stand sprangen sie über die höchste Zukunftslatte: Europa. Vermittlung nicht nötig. Daheim Bayer, draußen Europäer.
Daß ein Europa nur aus Nationen entstehen kann, war überall in Europa bekannt, nur in Deutschland beziehungsweise bei einer bestimmten Art deutscher Intellektueller nicht. Sie rechneten es sich hoch an, daß sie aus den Schrecken und Miseren von 1870 bis 1945 ableiteten, keiner deutschen Nation mehr angehören zu wollen. Mir kommt vor, man könne dem, was die deutsche Nation von 1870 bis 1945 getan hat, nicht durch Austritt, Verabschiedung oder Negation entkommen. Geschichte hört nicht dadurch auf zu wirken, daß wir sie negieren. Als wer wird man denn geboren? Als Kind einer Familie, einer Landschaft, einer Sprache, einer Nation, eines Kulturkreises beziehungsweise Erdteils. Der deutsche Intellektuelle, der sofort und nichts als Europäer sein will, muß den Europäern aus anderen Ländern bis zur Unwahrnehmbarkeit abstrakt vorkommen.
Und weil wir aus den allertriftigsten Gründen die Nation so klein und schlecht gemacht haben, deshalb haben Landsleute, die das nicht ertragen wollten oder konnten, den Nationalismus in Pflege genommen. Ich glaube, die Entwicklung rechtsextremer Gruppierungen sei eine Antwort auf die Vernachlässigung des Nationalen durch uns alle. Und wir alle haben diesen Pflegern nationaler Tendenzen immer jede Legitimität verweigert. Mit dem verständlichen und doch etwas schematischen Hinweis auf die NS-Zeit.
Könnte es nicht sein, daß wir durch diese peinliche Ausgrenzung die Rechtstendenzen radikalisiert haben? Auf jeden Fall haben wir sie aus jedem Diskurs ausgeschlossen. Jetzt tritt uns entgegen eine erbärmlich stammelnde Pubertät, die von allen guten Geistern verlassen ist und sich nur mit Brandsätzen und Gebrüll ausdrücken kann. Aber es sind unsere Kinder. "Wir werden am Vaterland und seiner Zusammenfügung nicht verzweifeln." Wenn es gelungen wäre, die Haltung zu tradieren, die Rudolf Augstein 1953 in diesem Satz formuliert hat, dann gäbe es heute keinen Rechtsextremismus. Nur mit Verteufelung produziert man Teufel.
Weil ich den Rechtsextremismus lieber auf greifbare und begreifbare Ursachen zurückführe, halte ich nichts von Dämonisierung. Man muß die eigenen Kinder annehmen, auch wenn sie sich ins Unerträgliche entwickelt haben. Dann erst recht. Unser Anteil an dieser Entwicklung ist das, was uns mehr interessieren sollte als die Routine der Bekämpfung.
Von Konfrontation profitieren die im Hintergrund operierenden Ideologen. Aber auch die katastrophenfreudigen Medien. Es ist geradezu die ideale Realisierung der Fernseh-Funktion, wenn man einen der radikaleren Intellektuellen des Jahres ''68 jetzt auf dem Bildschirm darüber klagen sieht, daß der Staat, der so gern auf Linke einschlagen ließ, diese kräftige Hand jetzt gegen rechts nicht so tüchtig gebrauche. Also mehr draufschlagen, härter urteilen?
Den Medien wäre es recht. Das ist nicht Bösartigkeit der Medienmacher, sondern die Natur des Mediums, das, wie immer sichtbarer wird, ein eher peinliches Echo der Natur des Menschen ist. Während wir es sonst als eine Annehmlichkeit empfinden, daß wir uns durch Entwicklung aus den von Darwin beschriebenen Zusammenhängen emanzipiert haben, im Fernsehkrawall schlägt der Atavismus voll durch. Da kann, seit die Marktwirtschaft die Einschaltquote braucht, gar nicht genug Brutalität und Brand aus Hollywood importiert werden. Action ist nur noch ein anderes Wort für blutige oder sonst bösartige Protzerei.
In den Talk-Shows wird dann gewissenreinigend die Ablehnung von Gewalt formuliert, obwohl diese Sorte Medien ohne ihre Gewalt feiernden Filme ihren Laden zumachen müßte. Um so günstiger natürlich, wenn Brutalität und Brand nach Hausmacherart auch noch in der täglichen Nachrichtensendung hochzujubeln beziehungsweise zu verteufeln sind. Das ist ja dasselbe. Rüber kommt Gewalt. Fabelhaft, wenn man sich dabei noch als Demokratieschützer empfinden kann. Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse ist da genauso simpel wie in der Serie aus Hollywood, die dabei der Bibel folgt.
Irgendwann wird man prüfen, wie es kam, daß eine so extremistische Bewegung, wie die der Skinheads in so kurzer Zeit und ohne Organisation soviel Zulauf finden konnte. Ich halte das auch für einen Fernseh-Effekt. Und wenn sie dann marschieren, brüllen, schlagen, zünden und töten - dann erst recht drauf auf sie, mobil gemacht, Demokratie geschützt, jedes neue brutale Requisit in Großaufnahme vorgeführt, jeden Brand auf allen Kanälen 20mal wiederholt, der Bildschirm brennt, die Deutschen sind halt so. Das Ausland kann das dann nur noch schaudernd bestätigen.
Dabei wäre doch nichts so wichtig, wie jeden einzelnen Skinheadbuben zu fragen, wie er dazu komme, so aufzutreten. Aber nicht vor laufender Kamera. Gleichaltrige, die ihre Erfahrungen nicht nur auf der Skala links/rechts unterbringen, müßten auf diese neuesten Protestierer zugehen. Nicht bekennerisch, nicht missionarisch, nicht besserwisserisch, sondern interessiert müßten die Gleichaltrigen sein. Interessiert an den momentan Verrufensten. Ein einziger Pfarrer hat bis jetzt, nach meinem Kenntnisstand, Skinheads zu sich ins Pfarrhaus eingeladen. Hat denn irgend jemand auch nur mit einem einzigen dieser neuesten Protestierenden eine Erfahrung gemacht?
Oder ist der Schock schon zu mächtig über uns? Scheucht uns die Trauer aus der Vernunft hinaus? Zumindest könnte sie uns einigen, diese Trauer. Trauer darüber, daß unseresgleichen zum Mordbrenner wird; daß politisches Ressentiment und ökonomische Krise zur schlimmsten aller deutschen Sprachen zurückführen. Man kann sich alles erklären, aber den nächsten 16jährigen, der drei Frauen und zwei Kinder verbrennt, diesen ganz sinnlosen Täter, der damit auch sein eigenes Leben zerstört, den kann man nicht begreifen. Und man kann ihn nicht dem nächstbesten Politiker, den man nicht mag, aufs Konto schreiben.
Wir müssen das Klima ändern, in dem diese Taten möglich werden. Durch weitere und verschärfte Ausgrenzung, Verurteilung, Dämonisierung und Kriminalisierung tragen wir nur bei zur nächsten trostlosen Tat. Kommunikation - was für ein Modemythos! Und da ist eine ganze Gruppe Jugendlicher ins _(* Am 31. Januar im Hamburger Thalia ) _(Theater mit den Schauspielern ) _(Marie-Louise Marjan und Roger Moore. ) Asoziale geraten, nur weil ihr Diskurs (der nach rechts tendierende) überhaupt nicht zugelassen wurde.
Wohlmeinende riefen Wohlmeinende für den 30. und 31. Januar 1993 nach Hamburg ins Thalia Theater. Mit Fernsehübertragung. 60. Jahrestag der "Machtergreifung". Der Unterschied zu ähnlichen Veranstaltungen: Es wurden diesmal Künstler aus der ganzen Welt zu Hilfe gerufen gegen den deutschen Rechtsextremismus. Sind wir schon so weit? Vor allem: Können die Künstler aus der ganzen Welt uns helfen? Wolf Biermann sagte dem Publikum, das das Thalia Theater füllte, man sei hier und jetzt unter sich, also Fremde würden hier nicht geschlachtet, das sei sicher, das sei schon eine Basis, man werde ja immer bescheidener.
Vielleicht verstehe ich den Sinn solcher Versammlungen zuwenig. Ich sehe darin eine weitere Grenzziehung gegen die, die zu solchen Versammlungen nie gehen, von ihr nie erreicht werden; in dieser Show der Tadellosen wird kraß klar, daß der Rechtsextreme die neue Unperson ist. Er ist wirklich in jeder Hinsicht inkompatibel. Eine weitere Verschärfung der Ausgrenzung, das ist der Show-Effekt. Hätte man doch einzelne Rechtsextreme eingeladen und hätte versucht, sie mit den internationalen Stars ins Gespräch zu bringen. Ist das schon ganz undenkbar? Sind auch die schon Verbrecher, die noch keinen Brandsatz geworfen haben?
Ich frage jetzt so, weil die unvorhersehbaren Zusammenbrüche der osteuropäischen Wirtschaften eine Krise erzeugt haben, die die 15- bis 25jährigen härter trifft als alle anderen. Nicht die deutsche Einigung ist die Produzentin dieser Krise, sondern doch wohl der Totalbankrott des Staatssozialismus. Ohne die ins Wohlstandsgebiet hereinschwappende Not gäbe es keine Radikalisierung, die sich in diesen grauenvollen Brandstiftungen austobt.
Ich bilde mir aber immer noch ein, mit dieser Krise, mit all ihren Entladungen und Scheußlichkeiten, sei leichter fertig zu werden als mit den Atomkriegsdrohungen des Kalten Krieges. Da waren wir nichts als Objekte für eine tödliche Logistik. Wo die aktuelle Krise mit ihren Scheußlichkeiten hinführt, das liegt an uns, nur an uns. Trotz aller Eskalierung unserer Krise durch den Osteuropabankrott ist der Krisenkern hausgemacht.
Vor mehr als zehn Jahren habe ich einen wahrhaften Spitzenmanager der deutschen Wirtschaft gefragt, warum man so stürmisch vorgegangen sei bei der Anwerbung der ausländischen Arbeitskräfte. Er: Das liege an der Terminierung der Verträge der Spitzenmanager. Drei bis fünf Jahre. Da expandiere eben jeder in diesen Jahren rücksichtslos, um durch Zuwachsprozente die Vertragsverlängerung zu sichern. Und jeder denke dabei: Nach mir die Sintflut. Die haben wir also jetzt. Wir alle haben von diesen bei uns Einquartierten profitiert. Wir haben nicht protestiert, solange wir davon profitierten. Jetzt, in der Krise, weisen die schlimmsten Vorfälle auf die Ursachen zurück, die wir jahrelang goutierten.
Und die deutsche Einigung? Haben nicht viele Intellektuelle gewarnt? Standen sie nicht mahnend im Weg? Tragen sie jetzt nicht mit vollem Recht die Krise wie einen Kopfschmuck und geben zu verstehen, den ganzen Spuk gäbe es nicht, wenn man auf sie gehört hätte?
Ich glaube: Keiner hat 1989 einen besseren Vorschlag gemacht als Helmut Kohl. Keiner! Um das notorische Gewieher, das eine solche Ansicht auslöst, noch ein bißchen zu verstärken, gestehe ich, daß sich, nach meinem Verständnis, Kohl als lernfähiger erwiesen hat als alle seine Kritiker. Er hat, obwohl er in die Schule des Kalten Krieges ging, sehr schnell mit Gorbatschow von Pullover zu Pullover gesprochen.
Einige seiner Kritiker dagegen wollten noch im November ''89 zusammen mit perestroikafeindlichen SED-Größen ein deutsch-deutsches Konföderationsprojekt basteln. Wahrscheinlich wegen der Utopie. Ich kann Kohls historisches Geschick nicht deshalb madig machen, weil er in der CDU ist. Mir kommt es grotesk oder meinungsbesoffen vor, für die aktuelle Krise und den dadurch ausgebrochenen Rechtsextremismus diese oder jene Partei verantwortlich zu machen. Der Intellektuelle als der strafende Spaziergänger schlechthin.
Der durch Ausgrenzung entstandene Nationalismus und die durch die Krise produzierte soziale Aussichtslosigkeit - diese beiden Motive vereinigen sich jetzt und taugen so zu jeder Selbstverblendung. Wer unser aller Problem noch nach Parteienart aufführt und glaubt, er sei fein heraus, wenn er einem anderen die Schuld zuschiebt, der unterschätzt vielleicht doch die historische Bedingung des aktuellen Übels.
Das ist eine prekäre Konstellation. Ein Deutscher zu sein, das hieß für die Samisdatdeutschen ohnehin schon, gegen die herrschende Vernachlässigung des Nationalen eine gruppenbedürftige Kampfmentalität zu entwickeln. Und jetzt, nachdem der Eiserne Vorhang weg ist, kommen die Asylsuchenden herein, obwohl Arbeit und Wohnung schon drastisch knapp sind. Und schon wird man anfällig für das kranke Evangelium des Hasses. Ressentiment und Not produzieren ein Klima, in dem Gewalt als Ausweg erscheint.
Wer so denkt, fühlt, reagiert, hat verschiedenes nicht mitbekommen, klar. Unsere schöne, nichts als erfreuliche Hineinentwicklung in die westliche Welt zum Beispiel. Aber ist das seine Schuld? Wir haben ihn nicht mitgenommen auf unseren Westtrip. Wir haben ihn zu Hause gelassen, den Deutschen. Dort ist er zurückgeblieben, hat sich entzündet an seiner Zurückgebliebenheit. Jetzt, in Not geraten, von Aussichtslosigkeit bedroht, jetzt tobt er. Jetzt bleibt nichts mehr übrig, als ihn einzusperren, ihn zum Nazi zu machen?
Der Nazi ist der einzige, der sich um ihn gekümmert hat. Ihm müssen wir ihn streitig machen, den Deutschen. Von allen Deutschen hat der Nazi am wenigsten Recht, den Deutschen zu vertreten, da er ja der ist, der der Nation am schrecklichsten geschadet hat. Und ihm sollen wir diese versprengten 15- bis 25jährigen überlassen? Grotesk.
Und ich hatte schon geglaubt, das Ende des Kalten Ideologie-Kriegs bringe von selbst ein Zeitalter hervor, in dem einem nicht mehr täglich mindestens einmal die richtige Meinung abverlangt werden würde. Jetzt sehe ich, daß das erpresserische Meinungabverlangen nicht aufhört. So wie einem um 1970 für jede nicht genehme Äußerung der sogenannte Boden des Grundgesetzes entzogen wurde (die Entzieher waren Rechte bis SPD-Mitte), so möchte jetzt eine verstreutverdrossene Linke jeden erledigen, der sein Leben nicht mit ihrem Bekenntnis verbringen kann.
Es gibt welche, wie ich selbst erfahren habe, die benutzen ungeniert die in übleren Zeiten entwickelten Verleumdungstechniken, um ihnen Ungenehme zu erledigen, und das im Dienst solch hehrer Wörter wie Aufklärung, Demokratie, Universalismus, Utopie. Könnte das daher kommen, daß Überzeugte auch davon überzeugt sind, daß sie alles dürfen?
Der Linke, das weiß man, hat vor allem recht. Er mißt sich ja andauernd an seinem Gegenteil, dem Rechten. Und er wäre wohl kein Linker, wenn er nicht glaubte, recht zu haben gegenüber seinem Gegenteil. Aber was den Linken besonders auszeichnet: Er hat nicht nur recht, sondern er ist auch der bessere Mensch. Das ist eine Erfahrung. Aber sicher bin ich nicht, daß der Rechte nicht genauso recht hat wie der Linke und sich auch für den besseren Menschen hält. Vielleicht ist das einfach der Vorteil des Dazugehörens. Du hast recht und bist auch noch der bessere Mensch.
Eine Zeitlang habe ich gehofft, meine Schwierigkeit mit dem von mir aus gesehen unempfindlich groben Umgang der Linken mit Nationalem werde an meiner Plazierung auf der Links-Rechts-Skala nichts ändern. Was die Einstellung zu allen Widersprüchen und Problemen der Gesellschaft angeht, habe ich mich ja, nach meinem eigenen Gefühl - aber was ist schon ein Gefühl! -, nicht verändert. Daß man einem Bedürfnis nach Gerechtigkeit nicht in jedem Lebensalter gleichen Ausdruck gibt, stellt sich mir nicht dar als ein Erlöschen des Bedürfnisses.
Aber die Reaktionen verschiedenster Linker auf meinen Umgang mit Traditionen wie Nation haben mir gezeigt, daß es linke Tabus gibt und was es heißt, dagegen zu verstoßen. Sollen sie mit ihren Tabus leben. Links - das sehe ich jetzt als ein jeweils modisch sich zusammenfindendes Credosortiment, dem ich nicht entsprechen kann. Ein ebenso schicker wie skurriler Fundamentalismus.
Daß du einmal einen sehr angenehmen Abend mit Theo Waigel verbracht hast und Theo Waigel dir auch noch sehr sympathisch ist, das wird bei jedem neuen linken Angriff wieder als Munition aufbereitet. Ist das nicht doch ein bißchen jämmerlich? Das Leben mit solchen Überzeugungen beziehungsweise Überzeugten verbringen zu müssen kommt mir jetzt vor wie Atemnot.
Manchmal habe ich den Eindruck, als stammten unsere öffentlichen Meinungen nicht mehr aus Erfahrungen, sondern nur noch aus Meinungen. Auf den öffentlichen Meinungsschienen rumpeln dann die leeren Waggons und machen das große Geräusch. Wenn man diese Schienen meiden könnte! Haltung, das zieht mich mehr an als jede Meinung. Überhaupt alles, was nicht so leicht beabsichtigt werden kann.
Der letzte Hegel-Kongreß hat verlautbart, daß er gegen Fremdenhaß und Rassismus sei, aber die Mitteilung enthält auch den Hinweis, daß die Philosophen nicht glaubten, irgendwie auf die Rechtsextremisten wirken zu können. Ich ziehe diese Mitteilung dem ungebrochenen Bekenntnis zum Guten vor. Wenn einer durch das, was er sagt, hauptsächlich sagt, daß er zu den Guten und nicht zu den Bösen gehöre, denke ich, daß er das hätte erst gar nicht sagen müssen.
Nach allem, was ich durch Interviews über die Skinheadszene weiß, ist eines der wiederkehrenden Motive dieser Versprengten das Unterscheidungsbedürfnis. Vor allem wollen sie nicht so sein wie wir. Nicht so gut, so fein, so klug, so international, so aufklärerisch, nicht so locker, so brillant und flott und weltgerecht, nicht so geschmackssicher, so gelüftet, so diskurssicher, so . . .
Wie würde es auf sie wirken, wenn wir ihnen verständlich machen könnten, daß wir das alles auch eher aus frommem Bedürfnis sind als in alltäglichster Wirklichkeit? Wäre da die Kluft nicht kleiner, das Klima besser? Könnten wir nicht signalisieren, daß wir mit unserer Aufklärung, unserem Universalismus, unserer Utopie praktisch eher wenig anfangen?
Ist auch gar nicht unsere Schuld. Schon Kierkegaard hat geklagt, daß wir zuviel zu wissen gekriegt haben und zuwenig damit anfangen. Ein Versuch in abnehmender Verlogenheit unsererseits . . . vielleicht wäre das nicht die ungünstigste aller wünschbaren Tendenzen. Könnte das uns kommunikationsfähiger machen? Erschütterung des Urteilsstils, Erfahrung geht vor Meinung, Porenöffnung vor Porenverschluß, Schwächebeweise erwünscht. Wer fängt an, unsere gloriose Verabredetheit zu kündigen?
Und wo praktizieren wir unseren Umgang mit den Ausländern? Ich meine nicht den Umgang mit den ausländischen Stars, sondern den mit den Unterprivilegierten. Wer von denen, die jetzt so ernste Gesichter tragen, hat jahrelang Kontakt gehabt mit einem türkischen Arbeiter? In wessen Schriften, nicht Statements, kommen die Unterprivilegierten vor?
Nach besseren Gesetzen rufen ist schön, aber Praxis wäre auch nicht schlecht. Ansonsten würde ich, wenn den Unterprivilegierten geholfen werden soll, lieber auf die Bürgerinitiative vertrauen als auf die Polizei. "Ausländer, na klar", eine Initiative von Irmgard Sollinger, Bodenseekreis. Zum Beispiel. Davon kann es nicht genug geben. Den Kirchen, den Gewerkschaften, den Schulen traue ich Hilfskraft zu. Erst dann und zuletzt meinesgleichen, den Intellektuellen. Es tut mir leid. Ich hoffe natürlich auch, daß ich uns unterschätze.
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Martin Walser *
galt einst als ein Wortführer der linken Intellektuellen und Sympathisant der DKP. Nun klagt er über die gestörte Identität der Deutschen als Nation. Der Rechtsextremismus sei eine "Antwort auf die Vernachlässigung des Nationalen durch uns alle". Sein Patriotismus hat ihm den Beifall der politischen Rechten und die Schelte früherer Weggefährten eingetragen. Als "zynische Verharmlosung von Mord und Totschlag" wurde im ARD"Kulturreport" am vorvergangenen Sonntag eine Walser-Äußerung interpretiert, die den rechtsextremen Hintergrund der Gewalt gegen Ausländer als "Kostümfaschismus" erklärte, die Mordanschläge als "Taten irregeleiteter einzelner". In einem Beitrag für den SPIEGEL nimmt Walser, 66, zu den Vorwürfen Stellung.
Neonazis in Bonn (1987), Nazi-Aufmarsch in Nürnberg (1937)
Prominenten-Gala gegen Ausländerfeindlichkeit*
Kohl, Gorbatschow im Kaukasus (1990)
Türkische Müllarbeiter in Stuttgart
"Jetzt machen wir Rechtsradikale aus Jugendlichen, die ihren Protest so kraß wie möglich kostümieren."
"Auf den öffentlichen Meinungsschienen rumpeln die leeren Waggons und machen das große Geräusch."
"Ich kann sein historisches Geschick nicht deshalb madig machen, weil er in der CDU ist."
"Wo die aktuelle Krise mit ihren Scheußlichkeiten hinführt, das liegt an uns, nur an uns."
* Am 31. Januar im Hamburger Thalia Theater mit den Schauspielern Marie-Louise Marjan und Roger Moore.
Von Walser, Martin

DER SPIEGEL 26/1993
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.