20.12.1993

ErbforschungALLE MACHT DEN GENEN?

Sind Intelligenz, Alkoholsucht oder Gewaltbereitschaft angeboren? Mit zweifelhaften „Entdeckungen“ versuchen Genetiker, den Einfluß der Erbanlagen auf das Verhalten zu belegen. Damit schüren sie einen alten Glaubenskrieg: Triumphiert das Erbgut über die Erziehung, droht am Ende die Genokratie.
So ist das mit den simplen Erklärungen für komplizierte biologische Zusammenhänge: Leicht konsumierbar und nur fürs Kurzzeitdenken unters Volk gebracht, nisten sie sich ein im Langzeitgedächtnis des Biedermenschen - bequemer Gast und guter Geist im Speicher unterm Schädeldach.
Warum die einen saufen, andere aber nicht, weshalb ein Mensch zum Mörder wird, während sein Mitmensch die Faust nicht zu ballen wagt, wieso es manche zum Nobelpreis bringen, wo viele doch das Wort kaum richtig schreiben können, sind solch schwierige Fragen, die offenbar nach einfachen Antworten verlangen.
Generationen von Psychologen und Sozialwissenschaftlern haben sich daran versucht, so komplexe Phänomene wie Homosexualität, Kriminalität, Intelligenz, Schizophrenie oder Alkoholismus zu erklären. Doch die Früchte ihrer Forschung fielen kaum je auf so fruchtbaren Boden wie die knappen Formeln ihrer naturwissenschaffenden Kollegen.
Was Erbforscher zum Verhalten verkünden, beziehungsweise, was von der Kunde bei der Kundschaft ankommt, sind jene kurzen Wahrheiten, die allenthalben Konjunktur haben in der immer schwerer zu verstehenden Weltwirklichkeit.
Pathologisches Trinken? Angeboren. Genial oder eher schlichten Gemüts? Schicksal, denn keiner kann sich seine Eltern aussuchen. Depressiv? " . . . vom Mütterlein die Frohnatur", dichtete schon Goethe. "Schwul geboren?" Siehe X-Chromosom. Wohin Genetiker auch schauen, wenn sie nur lange genug suchen - alles vererbt.
Wen interessiert dann noch, wenn publikumswirksam errichtete, verhaltensgenetische Deutungsgebäude zusammenklappen wie Pappkameraden in billigen Schießbuden - widerrufen, widerlegt, weil widersinnig: Die meisten Genfunde überleben im öffentlichen Bewußtsein ihren wissenschaftlichen Gegenbeweis. Und wenn einer sich hält, dann nur als leicht erhöhte Wahrscheinlichkeit, daß ein bestimmtes Gen bei Menschen mit bestimmten Eigenschaften häufiger auftritt.
Der Zusammenhang körperlicher Merkmale mit biologischer Mitgift - "Vom Vater hab' ich die Statur" - ist augenfällig. Nirgends wird er so offensichtlich wie im Falle eineiiger Zwillinge. Daß diese Geschwister mit identischem Gensatz einander äußerlich gleichen wie Batterie-Hühnereier, verführt geradezu zur Annahme, auch ihre inneren, die Verhaltensmerkmale, seien deckungsgleich. Die jeweils mit gehörigem Medienwiderhall verkündeten Resultate von "Zwillingsstudien", insbesondere der "Minnesota Twins", scheinen die Vorurteile des gesunden Menschenverstandes nur zu bestätigen. Vor allem Thomas J. Bouchard von der University of Minnesota ist sich sicher: Charakterzüge werden genetisch festgelegt, "determiniert" - ja selbst Religiosität, politische Ausrichtung, Zufriedenheit im Beruf und sexuelle Neigung.
Vererbung total?
Wenn andere Forscher Botschaften wie die von Bouchard auch heftig kritisieren - die Vorwürfe reichen von Voreingenommenheit über Schlamperei bis Fälschung -, so liefern die Daten nichtsdestoweniger Zündstoff für einen alten Glaubenskrieg: Die Debatte um den biologischen Determinismus - unsere Gene, unser Los? - ist wieder voll entbrannt.
Schlug das Pendel bis vor nicht langer Zeit noch äußerst in die eine Richtung - fast alles läßt sich gesellschaftlich begründen -, schwingt es nun ins andere Extrem: Des Menschen Sein und Handeln lasse sich reduzieren auf die molekulare Zusammensetzung seines Erbguts. Die Koinzidenz der Determinismus-Renaissance mit dem Ableben sozialistischer Utopien mag reiner Zufall sein.
Gleichwohl birgt die Fehde politische Brisanz: Der Zug ins "Gen-Zeitalter" ist unterwegs, gezogen vom High-Tech-Triebwagen Gentechnik. Und die Anzeichen mehren sich, daß die momentanen Zeiten politischer Monokultur - das Gegenmodell ist ja weg - eine neue Gesellschaftsordnung hervorbringen könnten: die Genokratie. Eine solche Herrschaft der Gene zielt ins Herz menschlichen Miteinanders: Es geht um die Verantwortlichkeit des einzelnen für sein Tun und um des Schicksals Schmiede: Ist Glück machbar, Pech unvermeidbar?
Wozu noch Suchtprävention, wenn der Trinker in uns ohnehin von Geburt an treuer Begleiter ist? Sinnlos jedes Erziehungsmodell unter dem Banner der Chancengleichheit, wenn von Egalität kein Reden sein kann. Resozialisation von Straftätern - ein zum Scheitern verurteiltes Anrennen gegen Verbrechergene. Zum Teufel endlich auch mit dem Herumpsychotherapieren an erbkranken Seelen: Wer sagt, daß Gene die Geschicke lenken, bläst auch zur letzten Jagd auf die klassische Psychologie.
Nach der angeblichen Entdeckung des "Schwulen-Gens" fragte die britische Wissenschaftszeitschrift New Scientist in einem Kommentar: "Warum wird diese Forschung jetzt gemacht", wo doch "die wichtigsten Teile der Arbeit vor 50 Jahren hätten durchgeführt werden können"? Statistische Familienstudien zur Ermittlung erblicher Eigenschaften sind in der Tat alles andere als neu, alle eindeutigen Zusammenhänge längst bekannt. "Wissenschaftler", entschieden die Leitartikler, "folgen dem Zeitgeist."
Aufsehenerregende Genfunde und Fortschritte beim Genomprojekt, dem "biologischen Manhattan-Projekt" zur Entschlüsselung des gesamten menschlichen Erbgutes, liefern diesem Zeitgeist den materiellen Unterbau. Die fortschreitende "Genomisierung" fußt auf dem Glauben, vergleichbar dem mechanistischen Körper-Maschine-Modell des französischen Philosophen Rene Descartes, der Mensch als Ganzes ließe sich erklären, wären nur seine Teile und deren Funktionen hinreichend bekannt. Sie mündet in der im 19. Jahrhundert begonnenen vollständigen Materialisierung des Geistes, da Denken nur ein Tanz von Stoffen bleibt zu der Musik, die uns das Erbgut vorgibt. James Watson, Mitentdecker des Erb-Moleküls DNS und bis letztes Jahr Leiter des Genomprojekts, hat diesen Neo-Reduktionismus präzisiert: "Wir waren gewohnt zu denken", sagte er mit einem Anklang atheistischer Arroganz, "daß unser Schicksal in den Sternen lag. Nun wissen wir, zum Großteil liegt es in den Genen."
Besetzt auf der einen Seite die Esoterik mit ganzheitlichen Ideen das freigewordene Terrain schwindender Religion, machen sich andererseits Erblichkeitseiferer anheischig, in der Abfolge von DNS-Bausteinen letzte Wahrheiten zu suchen.
In der Tat: Gene lügen nicht.
"Gene", so der Genetiker Richard C. Lewontin von der Harvard University in seinem Buch "Biology as Ideology", "Gene können gar nichts machen." Genabschnitte der DNS dienen nur als passive Vorlage für die Zusammensetzung von Proteinen. Diese Eiweißstoffe entstehen in einem hochkomplizierten Prozeß, an dem selbst wieder andere Eiweißstoffe beteiligt sind. Eine Sprache allerdings, die DNS-Abschnitten eine aktive Rolle zuweist, nirgends so deutlich wie beim soziobiologischen Gerede vom "egoistischen Gen", entlarvt die Absicht der Benutzer: So "macht" das Erbgut schließlich Menschen friedlich oder aggressiv. Gerade hier aber steckt ein Pferdefuß biologistischer Verhaltensdeutungen: Die schätzungsweise 100 000 Gene eines Menschen "kodieren" 100 000 Eiweißstoffe, jeder mit mindestens einer Funktion. Das undurchschaubar komplexe Zusammenwirken dieser Bestandteile schließt jedoch - auch theoretisch - von vornherein aus, die ungeheure Vielfalt menschlicher Reaktionen und Verhaltensweisen zu prognostizieren: Die Launen des Menschen entziehen sich wie die des Wetters aus Prinzip der langfristigen Vorhersage.
Das ändert nichts daran, daß unser Verhalten auch auf dem Hintergrund genetisch programmierter Reflexe und Instinkte stattfindet. Die Beobachtung dieser in der Regel biologisch sinnvollen, mitunter sogar lebensnotwendigen "festverdrahteten" Reaktionen, wie etwa Flucht, führte bereits in den fünfziger Jahren zur Lehre des "angeborenen Verhaltens". Mit ihren Forschungen an Tieren, unvergessen Konrad Lorenz' "Prägung" von Gänsen auf deren Bezugsperson während der ersten Lebensstunden, schufen Verhaltenskundler das geistige Fundament des neuen biologischen Fundamentalismus. Dessen soziobiologische Kernthese, alle Verhaltensunterschiede seien genetisch festgelegt, hat sogar Unsinn wie "Gewalt-" und "Aggressionsgen" wieder hoffähig gemacht.
Schlachten Kroaten und Serben einander etwa ab, weil ihre Gene es so wollen? Wer das behauptet oder auch nur nicht ausschließt, argumentiert grob fahrlässig. Daß Menschen in der Lage sind, andere Menschen zu hassen und sogar zu töten, liegt offensichtlich im Rahmen ihrer biologischen "Vorsehung". Warum sie es dann machen - immerhin ist der Verstand beteiligt -, hat aber mit dem angeblich angeborenen kleinstkindlichen "Fremdeln" (ein Steckenpferd des Lorenz-Schülers Eibl-Eibesfeld) sowenig zu tun wie Babylächeln mit rheinischem Frohsinn.
Selbst wenn Liebe oder Haß nicht angeboren sind, sondern "erlernt", so gibt es doch Veranlagungen für geistige Qualitäten, etwa Intelligenz. Diese sagenumwobene, nicht klar definierbare Eigenschaft höherer Lebewesen soll nach neueren Erkenntnissen zur Hälfte vererbbar sein, was immer das bedeuten mag. Entscheidend sind ohnehin die verbleibenden 50 Prozent: Was einer daraus macht oder was aus ihm gemacht wird, ob er ein Marx wird, Hitler oder Beethoven, ist vor allem Sache des Erlebten, nicht des Ererbten. Der Geist spielt, salopp gesagt, auf der Klaviatur der DNS - nicht umgekehrt.
Wer dennoch glaubt, teuflische oder göttliche Genies würden geboren, nicht geformt, verschafft dem Fatalismus Nahrung - als wüßten wir es nicht besser: "Es gibt kein Gen oder Gensatz", heißt es sogar im Lehrbuch "Vererbung des Verhaltens" des deutschen Genetikers Florian von Schilcher, der "für die menschliche Intelligenz verantwortlich" wäre.
Im Wörtchen "für" steckt das ganz Dilemma der neuen Gendebatte. Wenn die Nachricht "Gen für Homosexualität entdeckt" so plakativ verknappt wird, liegt in der Kürze das Problem: Es gibt keinen Hinweis, daß "Xq28" die sexuelle Orientierung von Männern steuert. Falls die Meldung nicht ohnehin wieder für nichtig erklärt wird: Sie sagt nicht mehr, als daß homosexuelle Männer mit einer gering erhöhten Wahrscheinlichkeit das besagte Gen besitzen. Durch die Konfusion von Kausalität und Korrelation aber entblößt sich die Schwäche der Naturforscher auf ihrem ureigensten Gebiet, der Logik.
Obwohl die allermeisten Gen"funde" von brüchiger Qualität sind, vollzieht sich in den Köpfen schon der nächste Schritt: Erb"schwächen" gehören beseitigt, und zwar auf elegantem Weg. Die Heilkunst als Wundermittel soll behilflich sein: Das Blendwerk Zukunftsmedizin überstrahlt die Schattenseiten der Genforschung mit seiner Verheißung, Erbleiden zu eliminieren - jene oft grausamen Gebrechen, denen ein oder mehrere "Gendefekte" zugrunde liegen. Die Hoffnung auf Heilung verschafft Forschern auf Dauer Freibriefe für jedes Fortschreiten. Wer ihnen aber glaubt, Gendefekte einmal per Gentherapie korrigieren zu können, sollte das Kleingedruckte dieses biologischen Generationenvertrages nicht übersehen: Das Leben in einer genokratischen Grundordnung wird ungemütlich.
Fraglos wäre es schön, ließe sich der Horror von Chorea Huntington oder Zystischer Fibrose beenden. Doch erstens sind mit genetischer Diagnose solcher Leiden noch keineswegs Erfolge bei der Therapie erreicht. Zweitens sind eindeutig vererbbare Krankheiten etwas völlig anderes als mögliche "Prädispositionen" zu Gebrechen wie Krebs. Drittens gliche der Ausgleich eines Gendefektes durch das Einbringen eines "gesunden" Gens in den erbkranken Organismus - die "somatische Gentherapie" - einem Kinderspiel, gemessen an der Korrektur "multigenischer" Veranlagungen. Und viertens ist "Erkrankung", psychische allzumal, in der Mehrzahl der Fälle Definitionssache - und damit oft nur Abweichung von einer wie immer entstandenen Norm. Sind Melancholiker denn malade? Ist ein erhöhter Cholesterinwert, mit erhöhter Herzinfarktanfälligkeit in Verbindung gebracht, schon eine Krankheit? Allein ein Ja auf diese Frage macht Millionen zu gesunden Kranken, die zu behandeln sind.
Überhaupt, was heißt schon krank? Galt nicht in den USA bis in die siebziger Jahre - und gilt nicht bis heute in vielen Köpfen - Homosexualität als krankhaft? Wer glaubt denn ernsthaft, das könnte nie mehr wieder irgendwo so sein? Das "Gegenmittel" hieße dann womöglich "Anti-Xq28", die Antwort auf das "Schwulen-Gen".
Auf die Frage, ob Geld statt für Genforschung nicht besser zum Kampf gegen das Homeless-Problem in den USA verwandt würde, schreibt Daniel Koshland, Herausgeber der Wissenschaftszeitschrift Science, unverblümt: "Was die Leute nicht wahrhaben wollen, ist, daß Obdachlose behindert sind . . . In der Tat wird keine Bevölkerungsgruppe von den Anwendungen der Humangenetik mehr profitieren."
Gentherapie gegen Armut?
Die große Frage nach gesund und krank, nur politisch und nicht genetisch zu klären, bleibt beim Genomprojekt vorerst ausgeklammert: Welches beziehungsweise wessen Erbgut soll eigentlich Standard für die anderen sein, wenn erst die Abfolge der drei Milliarden DNS-Bausteine ermittelt ist? Im Durchschnitt unterscheidet sich ein Mensch vom anderen in immerhin 600 000 dieser "Nukleotide". Von den höchst seltenen Gendefekten, die zu Erbkrankheiten führen, einmal abgesehen: Was wird normal sein und was unnormal oder abnorm, wenn der Mensch erst "gläsern" ist?
Nicht ethische Erwägungen stehen im Mittelpunkt des wachsenden Interesses am Erbgut, sondern ökonomische Erwartungen des medizinisch-industriellen Komplexes: Von Gentests, ob sie nun der "Ermittlung" von Krankheiten oder der von Charaktereigenschaften dienen, versprechen sich Pharmafirmen riesige Märkte. Das Genopoly um DNS-Abschnitte, die Jagd nach Genpatenten, entlarvt die hehre Forschung als pure Hoffnung auf Profit.
Die meisten führenden Genforscher sind als Aktienbesitzer und/oder leitende Angestellte mit Gentechnikfirmen verbandelt. Wie stark wissenschaftliche mit wirtschaftlichen Interessen verstrickt sein können, zeigt der Fall des Kenneth Blum von der University of Texas: Nachdem er 1990 einen genetischen "Marker" für Alkoholsucht entdeckt haben wollte - damals Spitzenmeldung der New York Times -, erwarb er kürzlich ein Patent für den entsprechenden Alkoholismus-Test. Sind erst alle Erbanlagen bekannt, ist der Weg nicht weit bis zur totalen Gen-Epidemiologie: Die Suche nach Zusammenhängen zwischen Chromosom und Charakter - Aggressions- und Schwulen-Gen sind nur der Anfang - wird sich nicht verhindern lassen, auch wenn von einem kausalen Zusammenhang keine Rede sein kann. Sie fiele unter Forschungsfreiheit. Um die Folgen brauchen Forscher sich nicht zu kümmern. Da muß die Politik dann "neue Ideen" entwickeln.
Selbst grundsätzliche Befürworter des Genomprojektes malen das Gespenst der Genokratie bereits an die Wand. Der Kölner Genetiker Benno Müller-Hill entwarf im britischen Wissenschaftsjournal Nature ein bedrückendes Szenario. Unter dem Titel "Der Schatten genetischen Unrechts" behauptet er: "Die Kenntnis der DNS-Sequenz einer Person wird statistisch genaue Vorhersagen über Intelligenz und psychische Stabilität der Person erlauben, und so auch über ihr mögliches Schicksal" - als seien solche Prognosen erstens grundsätzlich möglich und zweitens bereits beschlossene Sache.
Die Konsequenzen "genetischen Pechs", so Müller-Hill, könnten "klugerweise den Kräften des Marktes überlassen" werden. Gesetze würden aber nötig sein, "die genetisch Benachteiligten zu schützen". Der Vergleich mit Eugenik und Rassismus der Nazis muß nicht gezogen werden, wenn von der eugenischen Zukunft die Rede ist. Der Genetiker, bekannt durch seine kritischen Studien über die Medizin im Dritten Reich, zeigt am Ende eine bedrohliche Alternative auf: "Politiker . . . werden vor der Wahl stehen zwischen internationalem Faschismus oder . . . einer weltweit fundamental verbesserten Gesellschaftsstruktur."
Alle Macht den Genen?
Die Apologeten des Genzeitalters wiederholen unablässig eines ihrer wichtigsten Argumente: Wäre es nicht wünschenswert, Eltern frühzeitig vor Erbkrankheiten ihres Nachwuchses warnen zu können? Als könnte man nicht auch darüber geteilter Meinung sein angesichts vieler "Schwächen", wie untersetzter Körperbau oder Unmusikalität, im Gegensatz zu den äußerst seltenen tatsächlichen Erbleiden.
Wer kann schon wissen, ob Krankenkassen, ob Politiker die freie Entscheidung für das Risiko, ein erb"schwaches" Kind zu haben, auf Dauer hinnehmen werden. Sollten nicht gleich alle zum Wissen um ihre Gene gezwungen werden, wenn auf diese Weise enorme Kosten zu vermeiden wären? Sollten Wissende nicht für Behandlung und Betreuung solcher Kinder selbst aufkommen müssen - und dabei finanziellen Ruin riskieren? Wie stünde es dann, selbst bei vager Prädisposition, um Schwulsein oder Trinksucht, um Arbeitsunwillen, Renitenz oder Neigung zum Selbstmord? Wäre in unserer risikoscheuen Welt nicht sogar Nachwuchs mit leicht erhöhter Wahrscheinlichkeit für "Fehler" unerwünscht?
Indem Genetik vorgibt, soziale Probleme zu lösen, schafft sie neue, nie gekannte.
Die Ahnen der Genokraten arbeiten bereits an der nächsten, der höchsten Stufe ihres Treibsatzes, die niemals zu zünden sie allfällig geloben: Die endgültige Ausmerzung "unerwünschter Gene", vergleichbar dem Ausrotten von Krankheitserregern wie den Pockenviren, wäre die letzte Konsequenz der totalen Medizinisierung des Menschen.
Bei der "Keimbahntherapie" - dem Eingriff in Ei- oder Samenzelle oder deren Verschmelzungsprodukt, um Nachkommen Gendefekte zu ersparen - geht es nicht mehr um Behandlung von Krankheiten, sondern um Hebung von Volks- oder Weltgesundheit. Ziel einer genokratischen Gesundheitspolitik wäre folglich: Analysieren und Eliminieren schädlicher Erbanlagen - ein teures Unternehmen zur finalen Kostensenkung im Gesundheitswesen. Würden Embryos dereinst von Genen "befreit", dann hätte unsere Sprache dafür schon das Wort bereit: Das Unerwünschte ließe sich "im Keim ersticken".
Zu oft schon wurde Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" beschworen, als daß Genwissenschaftler es wagen könnten, dieses als ihr wahres Ziel zu verraten. Noch gilt offiziell Selbstbegrenzung: Hände weg von der Keimbahn! Und der großen Mehrheit heutiger Forscher ist es sehr ernst damit. Freilich haben Zauberer, wie Schiller sie verstand, nur wenig Einfluß auf das Treiben ihrer Lehrlinge.
Was, wenn sich kommende Generationen "im internationalen Vergleich" - so die übliche Rechtfertigungsrhetorik für soziale Rückschritte - das Mitschleppen genetischer "Pechvögel" nicht mehr leisten können oder wollen? Ein kleiner Schritt vom Leiden zur Veranlagung - "das Schwulen-Gen nehmen wir dann gleich mit raus", wird der Erbarzt sagen.
Die ultimative Rationalisierung wird bereits diskutiert: der Einsatz von genetisch prognostiziert bestens veranlagten Arbeitnehmern am jeweiligen Arbeitsplatz. "Wenn wir's nicht machen", ist schon zu hören, "dann hängen uns die anderen bei den Kosten ab." Von der Verwirklichung solcher Entwicklungen sind wir (gen)technisch gesehen weniger weit weg, als so mancher es wahrhaben will. Vielerorts geschehen routinemäßig Eingriffe in die Keimbahn, wenn auch noch unspezifisch: Zu Forschungs- oder Fabrikationszwecken erschaffen Biotechniker immer neue "transgene Organismen". An Säugetieren - unseren nächsten Verwandten - läuft diese Forschung auf Hochtouren, und zwar mit beachtlichen Ergebnissen: Krebsmäuse und Pharmakühe machen Schlagzeilen. Diese Techniken dereinst auf Menschenkeime zu übertragen ist ein leichtes.
Braucht Genetik wirklich keine neue Ethik, wie John Maddox glaubt? Der Chefredakteur des britischen Wissenschaftsjournals Nature gibt in einem Leitartikel unumwunden zu: "Die Verfügbarkeit von Gensequenzen und schließlich des gesamten Genoms wird es schlicht leichter, billiger und sicherer machen, wohletablierte Ziele bei der Züchtung von Pflanzen, Tieren und sogar Menschen zu verfolgen." So macht sich die Fortsetzung der Evolution mit anderen Mitteln, die Revolution per Gentechnik, auf Dauer hoffähig: Schmackhaft gemacht und in gut verdaulichen Häppchen hingeworfen, frißt anstandslos das ahnungslose Volk die süße Medizin. Wenn bitter aber deren Kern zum Vorschein kommt, wenn Gene wirklich in den Geist hineinregieren, weil mittlerweile die Moral den Molekülen folgt, nicht umgekehrt, dann sage keiner wieder, er habe nichts gewußt.
Nature-Chef Maddox schließt seinen Kommentar mit den Worten: "Genetiker lieben es zu sagen, sie würden ,nie die Keimbahn antasten'. Das ist unweise." Y
Wohin Genetiker auch schauen - alles ist vererbt
Der Unfug vom "Gewalt-Gen" wird wieder hoffähig
Genetik gibt vor, soziale Probleme zu lösen, schafft aber neue
Die Ausmerzung unerwünschter Gene wäre die letzte Konsequenz
Von Jürgen Neffe

DER SPIEGEL 51/1993
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