10.10.1994

Bismarck mit Strickjacke

SPIEGEL-Reporter Hans-Joachim Noack über Bundeskanzler Helmut Kohl im Wahlkampf

Von Noack, Hans-Joachim

Als Standardnummer in Deutschland-Ost - im deutschen Westen zuweilen abgeschwächt - bietet der Bundeskanzler in seiner Wahlkampfrede eine scheinbar einfühlsame Passage an. Wie sein Leben wohl ausgesehen hätte, fragt sich der am Rhein geborene Helmut Kohl, wenn er "zum Beispiel in Dresden oder Leipzig" zur Welt gekommen wäre.

Auf dem Potsdamer Luisenplatz etwa versichert der Bonner Regent den versammelten 12 000 Brandenburgern, was sie sonst nur selten hören: Womöglich würde auch er, ruft der Christdemokrat heftig, in der ehemaligen DDR "eine Nische gefunden" oder sich "irgendwie angepaßt haben".

Natürlich klingt das ein bißchen erstaunlich, wo er doch andererseits den "roten Socken" den Garaus zu machen versucht, aber das spärliche Echo irritiert ihn kaum. Es geht ihm darum, "den Bürgern, nicht den Funktionären" ein Gefühl der Entlastung anzudienen, und er setzt auf unterschwellige Wirkung.

Erledigt hat sich das triste Vergangene - die komplexe Gegenwart erfordert die volle Hingabebereitschaft, die der deftige Pfälzer nicht noch mit weitschweifigen Schuldund-Sühne-Erörterungen befrachten möchte. Das ohnedies schwierige uneinig Vaterland braucht den positiven Schub!

Den zu verkörpern, kurvt der 64jährige CDU-Superstar seit der Sommerpause unermüdlich durch die Republik, um auf gutgefüllten Marktplätzen oder in Mehrzweckhallen seine immergleiche Botschaft unter das Volk zu streuen: Als der wahre politische Gegner gilt ihm weniger eine Partei (und schon gar nicht "dieser Herr Scharping"), sondern "eine ganz bestimmte Geisteshaltung".

Entschieden kämpft der grau gewordene "Schwarze Riese" gegen die Heere der "Miesmacher", indem er sich selbst zu einer Art Leuchtturm stilisiert. Der am Ende seines zwölften Amtsjahrs erstmals "unverstellte Kohl", als den ihn sein Adlatus Andreas Fritzenkötter den Journalisten verkauft, thront auf einer Wolke der Gelassenheit.

Mitunter verfällt er zwar noch in die altbekannten Demutsgebärden, doch dann wölbt der abgeklärte Riesenstaatsmann die massige Brust. Will da einer was von ihm? Er fühle sich dermaßen "gebeutelt", höhnt der Kanzler kichernd während der letzten Bonner Etatdebatte, daß er sich "nur noch mühsam" zum Rednerpult schleppen könne.

Seither hängt ihm der Ruch einer "dröhnenden Selbstgefälligkeit" (Gerhard Schröder) an - eine Hybris, unter der nun plötzlich der Boden zu schwanken beginnt. Was wäre, wenn die FDP tatsächlich scheitern sollte? Doch der drohende Ruin seines schwindsüchtigen Partners scheint den obersten Parteichristen nur wenig anzufechten.

Helmut Kohl baut zuvörderst auf Helmut Kohl, und der hat gelernt, was das Leben den Unbeugsamen beschert. Sah es nicht am Anfang dieses turbulenten Dauerwahljahrs ganz danach aus, als wenn er selbst keine Chance mehr haben würde? Dann sprang die Konjunktur an und mit ihr auch er - eine Prognose, die er ja schon immer gestellt hatte.

So stimmt sein Welt- und Menschenbild wieder ("Der Mensch will Zuversicht"), und wer das außer acht läßt, wird von ihm zum Deppen gestempelt. Genüßlich hält sich der Wahlkämpfer daran fest, daß ihn eine verblüffte Kommentatoren-Riege - "nachdem die mich erst als Auslaufmodell niederschrieb" - zum "Phänomen" erhob. Hoho, was soll ihm zu so was noch einfallen!

Und es gibt Augenblicke, zum Beispiel in seiner Heimatstadt Ludwigshafen, in denen der Kanzler sich selbst als Wunder empfindet. Statuarisch verharrt er dort auf einem Gelände, "wo ich als Schulbub Fußball gespielt hab'", und nur der deutlich erhöhte Lidschlag verrät sein aufgewühltes Inneres. "Es ist wie im Traum", entfährt es ihm leise.

In solchen Momenten mag den Helmut Josef Michael Kohl, Sohn eines kleinen Finanzbeamten, die enorme Spannbreite seiner bisherigen Existenz berühren. "Hier, in 150 Metern Entfernung, steht mein Elternhaus!" ruft er bewegt - und jetzt umjubelt ihn da eine vieltausendköpfige Menschenmenge. In die Vertrautheit des Lokalmatadors (man kennt ihn noch als "Helle") fließt die Aura seiner gewachsenen Weltgeltung.

Zufall, auch geschicktem Timing, hat es der Kandidat zu verdanken, daß in diesem deutschen Herbst ein ganz besonderer Bundeskanzler Wahlkampf führt. Soll er schamhaft verschweigen, daß es dem Vaterland endlich gelungen ist, auf der Seite derer zu stehen, die sich als die "Sieger der Geschichte" erleben dürfen? Eindruck macht das schon, wenn er etwa in Neuss oder Suhl aus der Hauptstadt berichtet, wo gerade die Alliierten verabschiedet worden sind.

Helmut Kohl, wie ihn der Welt-Korrespondent Herbert Kremp umschmeichelt, in der Pose des "wuchtigen Bürger-Bismarck": Der verzichtet zwar nicht vollends auf das ihm gemäße Pathos, aber dann kippt er auch jovial ins Familiäre um. Mensch wie du und ich, ist er nach dem Berliner Großen Zapfenstreich, dem Beginn einer neuen Epoche, "erst mal 'n Schoppen trinken gegangen".

Den schlicht gestrickten Hochleistungsträger darzustellen, der zum guten Schluß seine kleinen Freuden beim Volk sucht, ist schon immer ein Kern der Kohlschen Selbstinszenierung gewesen. Natürlich schließt das ein, wenn es denn sein muß, auch den Unerschrockenen und Durchsteher zu präsentieren.

Nichts, weiß der instinktsichere Machttechniker, hat ihm mehr geschadet als seine Tiraden von anno '90, mit denen er den Ost-Deutschen den raschen Boom verhieß, und so "stellt" er sich. Indem er sich auf denselben Marktplätzen vereinzelter Pfiffe erwehrt, zeigt nun nur noch das arg verrutschte Sprachbild an, wieviel Kraft ihn das kostet: "Die blühenden Landschaften", bellt der Wahlkämpfer heiser, "sind voll unterwegs!"

Doch dann bremst er sich. Mit einem Stimmklang, als redete da plötzlich ein anderer, scheint er, was ihm abverlangt wird, fast als Zumutung zu empfinden. Was wäre wohl, fragt sich der Kanzler, aber das verschluckt er halb, falls es hier und dort . . . und vielleicht auch bloß . . . also er wolle mal sagen, ein bißchen länger dauern sollte? "Was ist das vor der Geschichte, meine Damen und Herren?"

Helmut Kohl in einer Nahaufnahme, in der sich in seinen Zügen der zunehmende Verdruß über dieses Mißverhältnis spiegelt: Als Parteichef hat er sich krummzulegen, um notfalls auch tricky schnelle Bedürfnisbefriedigung anzukündigen - der emphatische Historiker, der aus ihm allzeit hervorquillt, fühlt sich unwohl in dieser Rolle.

Und das um so stärker, als er jetzt ja selbst zur geschichtlichen Figur geworden ist. Wohl überlagert in ihm der Bürger Kohl, der die Attitüde des unprätentiösen Gemütskolosses pflegt, noch den Bismarck, aber eine gewisse Einmaligkeit möchte er schon für sich in Anspruch nehmen. Hat er nicht "Kompaß gehalten, in stürmischer See Orientierung gegeben", als die deutsche Nachkriegswelt zerbarst?

Zumindest im Westen der Republik ähnelt seine Wahlkampagne einer fortwährenden Siegesfeier. Wo immer der große Steuermann hinkommt, bereitet ihm die Union einen Empfang, der seinem Rang und Naturell entspricht. Lärmende Blechmusikanten begleiten ihn häufig mit "Preußens Gloria". Im westfälischen Halle offeriert ein eigens aus Kaiserslautern angereister Fleischermeister 2500 Portionen Pfälzer Saumagen.

Birne ist endgültig out - es lebe das "Phantom" (als das sich Kohl in Rage selbst bezeichnet), eine Art Über-Adenauer. Jahrzehntelang als der Enkel des CDU-Patriarchen belächelt, erhält er nun seinen Ritterschlag vom Chef der bayerischen Schwesterpartei. Verzückt ruft ihn Theo Waigel zum "erfolgreichsten Kanzler seit 1949" aus.

Der alles vereinnahmende Oggersheimer, wie ihn sein Vorgänger Helmut Schmidt attackiert, in Bonn eine "Ein-Mann-Regierung"? Eine solche Einschätzung mag dem üblichen Wahlkampf-Lamento entspringen, aber gewiß gilt sie für den Boß und Spitzenkandidaten der CDU. Der hat es von Anfang an abgelehnt, von einem Team umstellt zu werden, und so genießt er sich.

Denn King Kohl ist sich selbst genug - und der kleinere, noch nötige Rest wird sich schon ergeben. Ohne Frage braucht er die Liberalen; doch auch insoweit hofft der Praktiker auf seine Kenntnis von den vermeintlichen Gesetzmäßigkeiten deutscher Politik. Daß die FDP den Sprung ins Parlament verpasse, daran klammert er sich, widerspreche schlicht "dem System hierzulande".

In Wahrheit verfolgt er längst eine Doppelstrategie. Nach den für die Pünktchen-Partei verheerenden Landtagswahlergebnissen nimmt der Koalitionskanzler peu a peu Abschied von seinem langjährigen Anhängsel. Den Freidemokraten Unterstützung anzubieten bringt nichts mehr. Keine Stimme habe man zu "verschenken", heißt nun knallhart seine Devise.

Es geht Kohl um eine starke Union, der er auf alle Fälle die "strategische Mehrheit" sichern möchte - denn die Alternative dazu ist das Chaos. Seit ihm die SPD den Gefallen tat, in Sachsen-Anhalt eine von der PDS geduldete Rot-Grün-Kombination zu installieren, greift sein Lieblingsthema wieder: Er suggeriert dem Volk eine "Richtungsentscheidung".

Ersichtlich ist das die alte Leier, mit der der ehedem rheinland-pfälzische Ministerpräsident ("Freiheit statt Sozialismus") schon 1976 um die Macht in Bonn antrat. Obgleich er die seinerzeit knapp verfehlte, fuhr er das nach Adenauers absoluter Mehrheit beste Wahlresultat für die CDU/CSU ein; und das prägt.

Wendet sich Helmut Kohl dem Stichwort "Magdeburg" zu, ist es aus mit der ansonsten zur Schau gestellten Gemütlichkeit. Übergangslos ruft der Redner, während ihm tatsächlich die Adern schwellen, seine Wut über die Genossen ab, die ihm ja seit eh und je hochverdächtig sind: Wer, wie "die Sozen", den "rotlackierten Faschisten" die Hand entgegenstreckt, "kündigt den demokratischen Grundkonsens!"

Alles bloß Getöse eines in unzähligen Wahlschlachten gehärteten Oldies, der bereits als Unterprimaner seine ersten Slogans erfand? Sicher spielt da auch leicht durchschaubares Kalkül mit, wenn er nun die "nach Magdeburg dramatisch veränderte Lage" brandmarkt. Doch zumindest in Ansätzen glaubt er wirklich daran.

Fast ein halbes Jahrhundert ist es her, seit der junge Kohl seine politischen Essentials (Adenauers strikte Westbindung und die Marktwirtschaft Ludwig Erhards) wie Korsettstangen anlegte - und das sind ihm "unverrückbare Werte" geblieben. Die dritte dieser "Säulen" verlangt ihm ab, "jedweden Extremen" die breite Stirn zu bieten.

Soll der "sozialistisch-kommunistische Pöbel" sich mal in acht nehmen! Er, der Kanzler, droht der Kanzler, werde zu verhindern wissen, daß hier Leute ihr Unwesen zu treiben beginnen, die sich nach dem Fall der Mauer "nicht ans Tageslicht gewagt hätten!"

So erregt er sich auf dem Potsdamer Luisenplatz, wo ihn doch noch eben die Frage beschäftigt hat, wie es wohl wäre, wenn er im Osten . . . aber nun zeigt es sich, wie wenig ihn diese "gebrochenen Biographien" wirklich interessieren. Ein kleiner Pulk von Jusos mit dem harmlosen Spruchband "Tschüs Dicker" kommt dem deutschen Regierungschef zupaß, um sich seine tiefsitzende Kränkung von der Seele zu poltern.

Denn der Helmut Kohl, der sich relaxed und erstmals unbebrillt im "Mythos der Unbesiegbarkeit" (Frankfurter Rundschau) räkelt, ist ja vornehmlich der Kohl der TV-Spots und Werbeplakate. In dem anderen, auch wenn der selten hervortritt, nistet die Angst, daß er ein Opfer schleichender Gleichgültigkeit werden könnte.

Solcher Gefahr versucht er zu entgehen, indem er jetzt erst recht einen Optimismus forciert, den sogar die ihm gewogene Welt als "wahrhaft gnadenlos" beschreibt. Dieser Kanzler, der sich noch im Vereinigungsjahr traute, über die "verfettete Wohlstandsgesellschaft" herzuziehen, tadelt den "normalen Bürger" nicht mehr: Er bedankt sich bei ihm.

Gepriesen wird so alles, was sich einigermaßen an Recht und Gesetz hält - vom fleißigen Leipziger bis zum spendablen Dortmunder, kurz "der Steuerzahler". Hat er doch dazu beigetragen, daß die Bonner Regierung nach der Wende 500 Milliarden Mark in den Osten transferieren konnte, "eine in der modernen Wirtschaftsgeschichte weltweit einmalige Leistung".

Wen wundert es da, wenn bei einer derart gigantischen Summe jene Werte kaum noch Erwähnung finden, die der gottesfürchtige Katholik vor seinem Amtsantritt '82 angemahnt hatte. Passe die vielzitierte "geistig-moralische Erneuerung" - der Kohl der neunziger Jahre schwärmt von der Tüchtigkeit der Deutschen. Deren "graue Zellen" veranschlagt er als "ebenso hoch wie die der Japaner".

Die Menschen als "der Schatz dieses Landes" sind es leid, immer bloß mit Not und Niedergang konfrontiert zu werden, weiß der Populist und richtet sich danach. Bedrückende Tatsachen wie etwa die grassierende Arbeitslosigkeit oder der in Rekordhöhe verschuldete Staat kommen in seiner Bilanz nur unter Vermischtes vor.

Daß er nicht noch betont, was er zumindest mitzuverantworten hat, mag verständlich sein. Wie ein Hohn dagegen wirkt die lapidare Art, in der sich der Pragmatiker den Schattenseiten der herrschenden Realität nähert. Der Kanzler zur Beschäftigungslage: Da würden "die Zahlen ja nun langsam besser", sagt er kaum hörbar zwischen den Zähnen, um sich alsdann zu einer fast albern anmutenden heftigen Gebärde aufzuwerfen: "Aber ich bin ganz ehrlich - das Problem ist nicht weg!"

Fakten und damit einhergehende Phantasien, die ihm in seine schöne Welt hageln, werden ausgeblendet. Gerade weil er ein Mann ist, der die Kraft des Assoziativen wichtig nimmt, sendet er unentwegt Signale, von denen er glaubt, daß sie positiv besetzt sind. Liebevoll werden da die auf den Pariser Champs-Elysees paradierenden Bundeswehr-Soldaten ins Gedächtnis gerufen - oder im Fackelglanz des Großen Zapfenstreichs das Brandenburger Tor.

Der Feuerschein von Mölln oder Solingen fällt in dieser von Kohl als insgesamt "großartig" bewerteten letzten Legislaturperiode dem Vergessen anheim. Um so lieber ergreift der Kandidat eine günstige Gelegenheit beim Schopf, als ihn in Rüsselsheim der elfjährige Türkenjunge Cetkin um ein Autogramm bittet. In einer längeren und herzlicheren Umarmung hat man den sperrigen Pfälzer seit Jahr und Tag nicht mehr gesehen.

Aber so behagt es ihm: als der Vater der Nation im Zentrum eines Harmonie verströmenden Bildes zu stehen, auch wenn sich dessen objektive Verlogenheit schwerlich leugnen läßt. Subjektiv erlebt sich der deutsche Bundeskanzler in der Traumrolle eines universellen Friedensstifters.

Daß der Christdemokrat Ausländerfeindlichkeit für "eine Schande" hält, wie er es in einem schnell hingehusteten Satz nie zu sagen versäumt, darf man ihm wohl abnehmen. Bemerkenswert allerdings ist, in welchem Zusammenhang er dieses Bekenntnis formuliert: Stets geht dem seine inbrünstige Forderung nach einem "kinderfreundlichen Land" voraus.

Wem das eine wirklich am Herzen liege, mahnt der Redner, der müsse das andere als "im Grunde selbstverständlich" erachten - und spätestens hier bricht der alte, der schwadronierende Prediger aus ihm hervor. Der rührt zu einem einzigen Gefühlsbrei zusammen, was er erkennbar nur rasch hinter sich bringen möchte.

Doch das ist ja die Masche des Dr. phil. Helmut Kohl. Je vielschichtiger der Problemwust, etwa in den Fragen der Ökologie, desto verquaster die Metaphern, unter denen er die negativen Stichworte dickfellig begräbt. Als "Gast auf Erden", seufzt er seltsam unbesorgt, habe der Mensch nun mal nicht das Recht, den "Schatz der Natur" auszubeuten; und damit hat es sich.

Sollen die "freudlosen Sozialdemokraten", die ja eh bloß ihre "Verelendungstheorie untermauern möchten", solchen Themen hinterherstiefeln. Der Kanzler des nach vorn blickenden Deutschland widmet sich, indem er an die Sinne seiner Anhänger appelliert, den frohen Botschaften: Jeder "merkt" doch (oder wahlweise "fühlt"), wie es jetzt zügig aufwärtsgeht! "Jeder spürt es", ruft er begeistert, "daß wir im glücklichsten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts leben!"

So wird die Machtmaschine Helmut Kohl nur noch von der Stimmungskanone übertroffen. In einer Epoche der allgemeinen Ernüchterung, in der die Utopien in Verruf geraten sind, trommelt der selbstgewisse Kommunikator für seinen "optimistischen Realismus". Der verkommt ihm zwar häufig - wie er ihn vor allem über die Bild-Zeitung und Sat 1 an das Wahlvolk heranträgt - zur schieren Idylle; doch das will er so.

Denn der nach dem Urteil des Deutsche-Bank-Chefs Hilmar Kopper "größte Politiker, den das Land seit langer Zeit gesehen hat", kennt seine Klientel. Wie eh und je weiß er sich einer mehrheitlich konservativen, seiner "deutschen Mitte" verpflichtet, und deren Bedürfnisse sind ihm heilig. Übermäßige nationale Kraftakte meidet er ebenso wie alles, was den Anschein erwecken könnte, dem gesunden Menschenverstand entgegenzustehen.

Vorgeführt wird der pfälzische Weltbürger, der sich von einer durchaus angenehmen Seite zeigt, wenn er glaubwürdig für Europa wirbt - aber dann entlädt sich auch der andere Kohl. Keine Veranstaltung verstreicht, in der der Kanzler nicht über die "sogenannten Pseudo-Intellektuellen" hierzulande herfällt, die er "in Magazinen und Talkshows" ausmacht. Er rät dringend, denen das Handwerk zu legen: "Geh'n Se lieber 'n Schoppen trinken; tun Se auch was für die Volkswirtschaft."

Natürlich johlt da der deutsche Stammtisch, und der grinsende "Eichenschrank", wie ihn der nordrhein-westfälische CDU-Fraktionschef Helmut Linssen umschwärmt, aalt sich wieder in jenem Überlegenheitsgefühl, das man noch aus Mainzer Tagen kennt. Weder sein historisches Gewicht noch die weltumspannenden Beziehungen bis hin zu Bill und Boris haben in ihm den Minderwertigkeitskomplex tilgen können.

Wie eine Reliquie hängt im Bonner Haus der Geschichte die Strickjacke, die Kohl trug, als ihm Gorbatschow im Kaukasus die Einheit zugestand - eine gewiß kaum mehr zu überbietende Ehre. Was soll noch kommen, wenn ihn denn nicht schon am 16. Oktober ein zur Undankbarkeit fähiges Volk nach Oggersheim zurückschickt?

Aus den Wahlkampfszenen dieser zu Ende gehenden Kampagne bleibt ein Augenblick haften, in dem sich der Kanzler auf besonders intensive Weise verstanden fühlt. In Dortmund fordert da der neben ihm stehende Freund Theo Waigel von der Union äußerste Pflichterfüllung und nennt das ungeschminkt "Liebe zur Macht". Helmut Kohl personifiziert sie.

Manchmal empfindet sich Helmut Kohl selbst als Wunder

In stürmischer See Orientierung gegeben

Birne ist endgültig out - es lebe das Phantom

In der Traumrolle des universellen Friedensstifters

Der Macht und der deutschen Mitte verpflichtet


DER SPIEGEL 41/1994
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