18.04.1994

TerrorismusNetz mit vielen Spinnen

Das Farbfoto, 15 mal 18 Zentimeter groß, läßt nur das versengte Fragment einer grünen Kunstharzplatte erkennen. Eine Nichtigkeit, das Bruchstück ist kleiner als ein Fingernagel. Lediglich die Vergrößerung zeigt typische Lötstellen einer elektronischen Leiterplatte.
Auch die Abbildung eines zweiteiligen grauen Kunststoffgehäuses gibt auf den ersten Blick nicht viel her. Ober- und Unterteil sind durch ein Kabel verbunden. Von außen nicht sichtbar, sind auf dem Plastikstück zwei Einstellräder montiert.
Elektronikexperten schalten sofort. Das Stückchen Kunstharz gehört zu einer Platine, mit den Rädchen wird eine Uhr programmiert. Für das zeitgenaue Zünden von Bomben ist ein solcher Timer unentbehrlich.
Männer von viktorianischer Diskretion präsentieren seit Monaten bei verschwiegenen Ermittlungen in Berlin die Fotos. Scharenweise finden sich Späher der verschiedensten Geheimdienste aus aller Welt ein: Fast geht es wieder so zu wie in den kältesten Tagen des Kalten Krieges, als Berlin die Kapitale der Agenten war.
Für deutsche Ermittler ist es ein Heimspiel. Beamte des Kölner Bundesamtes für Verfassungsschutz, Kollegen vom Staatsschutz, Fahnder des Wiesbadener Bundeskriminalamtes (BKA) sowie Staatsanwälte aus Frankfurt und Berlin versuchen, den geheimsten Polit-Krimi der letzten Jahre zu lösen: die Geschichte des Timers.
Die Uhr, keine 400 Mark wert, ist eine "smoking gun", wie die Amerikaner sagen - ein unwiderlegbares Beweisstück. Die Frage ist nur: Wer hatte sie in der Hand? Mit einem solchen Timer zündeten Terroristen eine Bombe, die am 21. Dezember 1988 den Pan-Am-Jumbo "Maid of the Seas" über dem südschottischen Flecken Lockerbie in der Luft zerfetzte. Alle 259 Insassen, überwiegend US-Bürger, kamen um, 11 Bewohner wurden durch abstürzende Wrackteile getötet. 270 Opfer.
Lockerbie - dieser Dorfname wurde zum Synonym für den wahnwitzigen weltweiten Terror. Vielen galt der Fall offiziell als gelöst, jedenfalls bisher.
Amerikanische und britische Ermittlungsbehörden hatten im November 1991 enthüllt, die libyschen Geheimdienstler Amin Chalifa Fuheima, damals 35, und Abd-el-Bassit Ali el-Mikrahi, damals 39, steckten hinter dem Absturz der Boeing 747. Der finstere Schurke der Völkergemeinschaft, der selbsternannte Schutzherr arabischer Terroristen schien wieder einmal als Mordbube entlarvt: Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi.
Das US-Justizministerium verlangte die Auslieferung der beiden Verdächtigen - vergebens. Die Uno verhängte deshalb ein Embargo gegen Libyen, das im November vorigen Jahres noch einmal verschärft wurde.
Jetzt erschüttern neue Fakten das mühsam zusammengetragene Gebäude der Ermittler, die Anklageschriften, die in Washington und Edinburgh parat liegen. Geheimdienstler und Fahnder sprechen von der "deutschen Spur", und die ist heiß.
"Sie gefährdet", sagte der deutsche Lockerbie-Staatsanwalt Volker Rath, "die Anklagen der Amerikaner und der Schotten." Der Frankfurter Ermittler: "Jeder, der die Sache kennt, kann sich das an seinen fünf Fingern abzählen."
In internen Berichten an seine oberste Vorgesetzte, die hessische Justizministerin Christine Hohmann-Dennhardt, wird Rath noch deutlicher. Resümee: Kein deutscher Amtsrichter wäre bei der derzeitigen Beweislage imstande, gegen die Verdächtigen überhaupt einen Haftbefehl zu erlassen.
Rath, 40, gehört zu der Handvoll Lockerbie-Spezialisten, die weltweit an dem Fall arbeiten. In einem Büro der Meckenheimer BKA-Staatsschutzabteilung, die eng mit der amerikanischen Bundespolizei FBI und mit Scotland Yard kooperiert, stapeln sich über 450 Aktenordner. Alle tragen ein Aktenzeichen der Staatsanwaltschaft Frankfurt: 50 Js 42.401/88.
Lockerbie war, wie Scotland Yard rühmte, die "aufwendigste Detektivarbeit in der Kriminalgeschichte". 15 000 Zeugenaussagen wurden bislang registriert, 20 000 Namen überprüft, 35 000 Fotos ausgewertet, 180 000 Beweisstücke untersucht.
Eine deutsche Spur, West, war schon früh darunter: Die tödliche Fracht kam mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Frankfurt. Nach den Rekonstruktionen der Ermittler hatte der Bombenkoffer am Morgen des 21. Dezember 1988 als unbegleitetes Gepäckstück mit einem Zubringerflug der Air Malta von der Mittelmeerinsel seinen Weg zum deutschen Luftkreuz gefunden.
Um 13.07 Uhr kodierte ein Computer den bronzefarbenen Samsonite-Koffer mit der Nummer B 8849. Der Bombenkoffer soll dann zwischen 15.12 Uhr und 16.50 Uhr ungeprüft auf Flug PA 103, Frankfurt-London, geladen worden sein, Zwischenstopp vor dem Transatlantikflug.
Die Spur aber, die nun alle elektrisiert, war nicht dabei. Sie ist ganz frisch, führt nach Ost-Berlin und endet im früheren Ministerium für Staatssicherheit (MfS).
Ehemalige Mitarbeiter des MfS werden gleich reihenweise vernommen. Prominente Namen kamen in den letzten Tagen auf die Liste der Zeugen, die noch gehört werden müssen.
So will die Staatsanwaltschaft nicht nur ehemalige Politbüromitglieder, sondern auch den Honecker-Nachfolger Egon Krenz vernehmen. Alles dreht sich um den Kern: Wann wurde wem zu welchem Zweck der Timer überreicht?
Zwar spricht niemand den verwegenen Verdacht aus, das grausige Blutbad von Lockerbie sei ein Werk der Stasi gewesen, die verbündeten arabischen Organisationen einen Dienst erweisen wollte. Von möglicher Beihilfe zum vielhundertfachen Mord aber ist schon die Rede.
Sicher ist: Zünder vom Lockerbie-Typ fanden sich im Besitz der Staatssicherheit - ein Indiz von großer Beweiskraft. Die bisherigen Ergebnisse der Ermittlungen müssen neu bewertet werden.
Der Schlüssel zum Lockerbie-Rätsel war von Beginn an jenes Teilchen der Schaltplatine, das Fahnder am 13. Januar 1989 nach mühsamer Suche in Trümmerstücken aus der zerfetzten Maschine sichergestellt hatten. Es war in den zerstörten Koffer des Terror-Opfers Karen Noonan gelangt und hatte sich dort in einen Hemdkragen eingebrannt.
Techniker entfernten das Fragment mit einer Pinzette. In wochenlanger Kleinarbeit identifizierte der schottische Spezialist Thomas Hayes das Plastikstück mit der Produktionsnummer PT 30 als Teil des Zünders.
Die Lockerbie-Bombe entsprach fast genau einem Typus von Höllenmaschinen, die eine Gruppe militanter Palästinenser zwei Monate zuvor im rheinischen Neuss gebaut hatte. Als Sprengstoff diente in beiden Fällen Semtex H, in beiden Fällen war die explosive Masse teuflisch-raffiniert in einen Toshiba-Radiorecorder geklebt.
Unterschied zwischen beiden Apparaturen: Die Palästinensergruppe in Neuss benutzte einen barometrischen Zünder, der eine Bombenexplosion bei Veränderung des Luftdrucks auslöst - also zum Beispiel, wenn ein Flugzeug eine bestimmte Höhe erreicht hat. Lange galt deshalb der Terrortrupp im Nordrhein-Westfälischen, der unter Schirmherrschaft der Syrer stand, als Hauptverdächtiger (siehe Seite 98).
Als aber zweifelsfrei klar war, daß der Sprengkörper in Flug PA 103 von einem schlichten Timer zur Detonation gebracht wurde, nahmen die Ermittlungen eine andere Richtung.
Analysen des amerikanischen Geheimdienstes CIA führten die Fahnder zum tatsächlichen Hersteller: der Firma Mebo AG in Zürich. Sie handelt mit elektronischem Gerät aller Art. Die Timer-Platine war Teil einer Eigenproduktion, Typ MST-13, die 1985 für den Wüstenkampf der Libyer entwickelt worden war, staub- und wasserdicht.
Nach Festellungen des CIA ist ein Mechanismus dieser Art 1986 bei einem Anschlag auf die amerikanische Botschaft in Togo eingesetzt worden. Zwei Libyer wurden deshalb im Februar 1988 im Senegal verhaftet: Sie hatten zehn Kilogramm Plastiksprengstoff und zwei MST-13-Timer bei sich. Der Firmenname war zwar weggekratzt, konnte aber mit einem speziellen Verfahren auf den Teilen sichtbar gemacht werden: Mebo.
Keine zwei Dutzend Exemplare aus dieser Serie sind produziert worden, alle vorgeblich für Gaddafis Hilfstruppen. Daß die Mebo mit den Libyern dicke Geschäfte machte, war für die Ankläger ein starkes Indiz. Einzig und allein, so erklärten die Mebo-Manager der CIA sowie den amerikanischen und britischen Lockerbie-Ermittlern, seien die Uhren an Tripolis und das libysche Volksbüro in Ost-Berlin verkauft worden. Auf dieser Aussage fußt ganz wesentlich die Anklage gegen die beiden Tatverdächtigen.
Doch die Mebo-Version entpuppt sich nun als Tarnlegende, vielleicht sogar als bewußt gelegte falsche Fährte. Edwin Bollier, 56, einer der beiden Mebo-Geschäftsführer, erinnerte sich angeblich erst vor einem halben Jahr plötzlich an den zweiten Kunden: "das Institut für technische Untersuchungen oder so ähnlich, äh" in Ost-Berlin, vertraute Bollier seinen Vernehmern an.
Leuten vom Schlage Bolliers hätte die DDR-Stelle, Kürzel ITU, durchaus vertraut sein können: Dahinter verbarg sich die Bastelstube der Staatssicherheit, in der allerlei Agentenwerkzeug, Lauschgerät und Peilvorrichtungen, gefertigt wurde.
Zunächst glaubten die Ermittler, Bollier habe sich von den Libyern, blumiger Orient, kaufen lassen und wolle den Staatsterroristen Gaddafi mit seiner Aussage entlasten. Die Araber hatten den Schweizer mit großzügigen Spesenerstattungen eingedeckt.
Aufmerksam verfolgten die Fahnder auch, daß sich im Januar, während eines Genfer Treffens von US-Präsident Bill Clinton mit Syriens Staatschef Hafis el-Assad im Hotel "President", eine bunte Gruppe zum Meeting traf: die vielköpfige internationale libysche Verteidiger-Crew, darunter der Londoner Anwalt Stephen M. Mitchell und der amerikanische Verteidiger Frank Rubino.
Wortführer war der libysche Anwalt der Tatverdächtigen, Ibrahim Legwell. Auch Bollier fand, logisch, den Weg nach Genf und erzählte weitere Details über den Verkauf von Mebo-Timern nach Ost-Berlin. Mitchell: "Der kommt mit immer neuen Sachen."
Die Einlassungen des Schweizer Elektronikhändlers jedoch, mochten sie auch ständig variieren, stellten sich im Kern als korrekt heraus. _(* Teil einer gebrauchten Timer-Platine ) _(mit der Aufschrift "Mebo". )
Fest steht: 1985 hat die Stasi Timer vom Typ MST-13 erworben. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, daß Bollier bis zu sieben Exemplare in die DDR schaffte. Diese Stückzahl wird jedenfalls in einer Mebo-Rechnung angegeben, die Bollier plötzlich gefunden haben will und die er den Ermittlern als Beweisstück übergab.
Mittlerweile räumen auch einstige Stasi-Einkäufer ein, sie hätten "Projektorschaltsteuerungen vom Typ MST-13" erworben. Aus der Vernehmung eines früheren MfS-Offiziers durch den Staatsschutz in Meckenheim: _____" Frage: Haben Sie diese Uhr gekauft? " _____" Antwort: Ja, ich habe diese Uhr abgekauft, es handelte " _____" sich um ein Paketgeschäft, das daneben auch zwei oder " _____" drei Zeitschaltuhren mit Digitalanzeige mit Gehäuse und " _____" etwa 10 Stück ohne Gehäuse enthielt. Darüber hinaus " _____" handelte es sich um einen Aktenkoffer aus Leder, " _____" rotbraun, italienischer Herkunft, in dem sich ein Sender " _____" eingebaut befand, mit dem auf zwei unterschiedlichen " _____" Frequenzen die Zündung von Sprengsätzen durch zwei " _____" ebenfalls mitgelieferte Funkempfänger ausgelöst werden " _____" konnte. Für dieses Gesamtpaket zahlten wir ca. 30 000,-- " _____" bis 40 000,-- DM. "
Auch andere Stasi-Verantwortliche verstärken die deutsche Spur. Am Donnerstag vergangener Woche plauderte ein früherer MfS-Oberst, in München vom BKA vernommen. Eine direkte und bewußte Beteiligung seines früheren Ministeriums am Lockerbie-Attentat schließe er zwar aus, sagte der Zeuge, aber "die Weitergabe eines solchen Timers keinesfalls". Er würde in einem solchen Fall, gab der Ex-Offizier zu Protokoll, "keine Garantie übernehmen".
Schließlich habe sich erwiesen, daß das MfS auch bei anderen Mordstreichen mitgetan habe. Jüngstes Beispiel: Vorige Woche wurde der Stasi-Antiterrorspezialist Helmut Voigt zu vier Jahren Haft verurteilt, weil er durch Weitergabe von Sprengstoff an dem Bombenanschlag 1983 auf das Berliner "Maison de France" (ein Toter, 22 Verletzte) beteiligt gewesen sein soll.
Die bisherige Theorie von den libyschen Alleintätern ist, mag sie den Amerikanern noch so sehr in den weltpolitischen Kram passen, verblaßt. Gerade so, als sei die Anklage mit einer Geheimtinte verfaßt, deren Schrift plötzlich verschwindet.
Lockerbie und die deutsche Spur führen mitten hinein in die bizarre Welt von Geheimdienstlern, denen das Täuschen und das Tarnen Lebenselixier sind. Der Züricher Mebo-Chef Edwin Bollier, eine sinistre Mehrfachbegabung, paßt genau in dieses Bild. Er trieb doppeltes Spiel, mindestens.
Während ihn die Ankläger ganz sicher auf der Seite Libyens wähnten, schaffte er im Geheimen vor allem für die DDR: Er war Inoffizieller Mitarbeiter (IM) der Stasi, Deckname "Rubin", und besorgte jahrzehntelang hochsensible Ware. Beim MfS war er unter der Aktennummer 2550/70 registriert, sechs dicke Aktenbände füllte die Chronologie seiner Erfolge.
Die Papiere über dieses Juwel unter den Embargobrechern, die weltweit jedes verbotene Gut beschaffen und auf raffinierten Wegen in die Abnehmerländer schmuggeln, sind - was Wunder - in den Wirren der Wende 1989 und 1990 vernichtet worden. Bollier sollte die neue Ära offenbar unbelastet beginnen dürfen.
Der Schweizer Kaufmann tut ahnungslos. Er will erst durch den SPIEGEL erfahren haben, "daß mir ein Deckname zugeteilt worden ist. Alle Geschäfte wurden unter meinem offiziellen Namen oder Firmennamen abgewickelt".
Den Libyern hatte er Hingabe geschworen, aber wahllos umwarb er auch andere Auftraggeber, wenn sie nur Geld auswarfen. Bollier, Diener vieler Herren, war weder einem Land noch einer politischen Überzeugung verpflichtet, sondern lediglich sich selbst: Geschäfte mit dem Osten versprachen den großen Zaster - vor allem in der hohen Zeit des Kalten Krieges.
Ins Charakterbild paßt, daß Bollier nicht, wie der landläufige Spion, geworben werden mußte - er bot der Stasi von sich aus seine Dienste an. Damals, Ende der sechziger Jahre, hatte die DDR enormen Bedarf an elektronischem Gerät. In Erich Mielkes Ministerium für Staatssicherheit war gerade eine Spezialeinheit geschaffen worden, die den westdeutschen Telefonverkehr belauschte - die Abteilung III.
Bollier speiste im Interhotel "Stadt Berlin" mit Abteilungschef Horst Männchen. Die beiden, jeder ein Spezialist auf seine Art, wurden schnell handelseinig.
Der Schweizer lieferte Spezialantennen und Impulscodierer, Polizeifunkgeräte und Datenterminals. Männchens Abteilung nahm alles. Immer mehr Mitarbeiter mußten mit Technik versorgt werden, zum Schluß wuselten bei der Funkaufklärung mehr als 3000 Stasi-Späher.
Fast monatlich reiste IM Rubin in die DDR. Um sich anzumelden, mußte Bollier nur die Ost-Berliner Telefonnummer 5 59 49 48 wählen: Die eigens für ihn geschaltete Leitung endete auf dem Schreibtisch seines Führungsoffiziers im Referat "Operativ-Ausland".
Paß- und Zollkontrolle gab es für Bollier nicht. Bei Gesprächen in einer Stasi-Villa im feinen Botschaftsviertel von Berlin-Pankow wurden Orderlisten abgehakt und neue Aufträge erteilt. Das MfS zahlte cash, harte West-Mark. "Bollier", sagt ein früherer Stasi-Offizier, "hat weit über eine Million Mark mit uns verdient." Er karrte auch Material heran, dessen Beschaffung fast aussichtslos erschien. Als das Moskauer KGB den ostdeutschen Bruderdienst drängte, Chiffriergeräte der schweizerischen Crypto AG zu besorgen, führte IM Rubin den Job prompt aus - gegen ein Honorar von 120 000 Mark.
Die eidgenössische Firma unterhielt zudem glänzende Kontakte zu westlichen Diensten; Bollier kam, über vielerlei Wege und Kanäle, an geheimstes Material heran. So lieferte er der Hauptverwaltung Aufklärung, dem Spionagetrupp des Stasi-Generalobersten Markus Wolf, ein gutgehütetes amerikanisches Geheimnis: den Stimmenanalysator "Mark".
Das Gerät arbeitet ähnlich wie ein Lügendetektor und registriert feinste Schwankungen in der Stimme. Wolf wollte damit seine Agenten auf ihre Ehrlichkeit testen.
Stutzig machte die DDR-Geheimdienstler, daß der Schweizer bisweilen nur Wochen benötigte, um derart begehrtes Agenten-Spielzeug aus den USA zu beschaffen. Wolfs Späher sollten deshalb herausfinden, für wen Bollier wirklich arbeitete.
Der Versuch mißlang. Bollier, ständig unterwegs, konnte nicht ausreichend beschattet werden. "Aufgrund der enormen Reisetätigkeit des Bollier", sagte ein einstiger Stasi-Offizier deutschen Ermittlern, "kam es nicht zu greifbaren Ergebnissen."
Das MfS war dennoch sicher: Bollier arbeite auch für einen westlichen Nachrichtendienst, so ein interner Bericht, "wahrscheinlich die CIA". Männchens Stellvertreter, Oberst Gerhard Höferer, urteilte nach einem gemeinsamen Abendessen über Rubin: "Der ist doppelt."
Sollte am grausigen Tod der vorwiegend amerikanischen Pan-Am-Passagiere letztlich ein geschäftstüchtiger Mehrfachagent indirekt mitschuldig sein, der, grotesk, auch in Diensten der CIA stand? Vorsorglich erkundigte sich die Frankfurter Staatsanwaltschaft im März deshalb beim Bundesnachrichtendienst "nach einschlägigen Verbindungen" - eine Antwort steht noch aus. Ein Stasi-Überläufer, den der BND den Lockerbie-Ermittlern freigab, versicherte BKA-Beamten: "Ein Mann wie Bollier hatte versteckte Beschützer im Westen." Auf die Frage nach CIA-Kontakten antwortete Bollier dem SPIEGEL: "Hierzu kein Kommentar."
In der bizarren Kunstwelt der Agenten und Desinformanten gehören solche Verstrickungen zu den Risiken, die jeder Auftraggeber eingeht. Keiner traut keinem, jeder bespitzelt jeden, und Verräter kaufen Verräter, die Verräter verraten.
Da geschieht es schon mal, daß eine große Chose aus dem Ruder läuft, daß diejenigen beschädigt werden, die eigentlich geschützt werden sollen.
Sollte Bollier anderen - womöglich sogar westlichen - Auftraggebern über seine Geschäfte mit dem Bösewicht Nummer eins, Gaddafi, berichten? Oder sollte er der Stasi bei der damals erklärten Politik behilflich sein, die DDR vor Anschlägen des internationalen Terrorismus zu schützen - durch Kooperation mit international agierenden Terrorgruppen?
Auskunft über Bolliers Geschäfte mit Mielkes Mannen könnte ein ehemaliger Stasi-Mann geben, der 1983 Führungsoffizier von IM Rubin wurde. Dem Schweizer Zuträger stellte er sich als Joachim Wenzel vor.
Den brillanten Techniker, Rundfunkmechaniker und Ingenieur für Informationsinformatik von Beruf, hatte das MfS schon früh mit ungewöhnlichen Aufgaben betraut: Wenzel bastelte die elektronische Zündeinrichtung für eine Bombe, die 1981 unter das Auto eines Hamburger Fluchthelfers geklemmt werden sollte.
Der Ex-Offizier ist inzwischen ein halbes dutzendmal vom BKA vernommen worden. Das Frage- und Antwort-Spiel ist schon fast ein Ritual, Auszug aus einer Befragung über den Timer in der Lockerbie-Bombe: _____" BKA: Herr Wenzel, ich zeige Ihnen hier ein " _____" zweiteiliges graues Kunststoffgehäuse, was können Sie " _____" hierzu anmerken? " _____" Wenzel: Dieses Gehäuse ist vom Typ her genau die Bauart, " _____" wie sie Herr Bollier bei den an uns verkauften Uhren " _____" verwandte. " _____" BKA: Wann wurde diese Version mit den Schalträdern von " _____" Bollier geliefert? " _____" Wenzel: Ich bin ziemlich sicher, daß diese Schaltuhr die " _____" letzte einer Serie von Variationen darstellte und uns " _____" zwischen März und Juni 1985 von ihm präsentiert wurde. " _____" BKA: Hat sich Bollier Ihnen gegenüber in irgendeiner " _____" Weise zum Anschlag auf den Flug Pan Am 103 über Lockerbie " _____" geäußert? " _____" Wenzel: Nicht ein einziges Mal. "
Beim MfS, diktierte Wenzel den Fahndern ins Protokoll, hätten sich die oberen Ränge damals große Sorgen gemacht, daß Bollier die Timer womöglich auch an "andere Gruppierungen veräußert haben" könnte. Der Stasi-Mann: "Dabei hatte ich hauptsächlich an terroristische Kreise, wie ETA, IRA, RAF, möglicherweise auch die Libyer, gedacht."
Sicher ist: Wenzel nahm 1987 die Timer, die von Bollier geliefert worden _(* In Zossen bei Berlin, 1987. ) waren, mit in seine neue Dienststelle in die Ferdinand-Schultze-Straße. Dort arbeitete die Hauptabteilung XXII: Sie war zuständig für Terrorismusabwehr und hielt engsten Kontakt zu militanten arabischen Gruppen, aber etwa auch zur westdeutschen Roten Arme Fraktion.
Die Schaltuhren sind seither verschwunden. Unklar ist, ob sie im Chaos der Wendezeit, als die Stasi technisches Gerät von der Wanze bis zum Reißwolf zerstörte, vernichtet wurden. Oder ob sie, noch unter der Verantwortung von Mielke und Erich Honecker, ihren verhängnisvollen Weg in die Welt des internationalen Terrorismus fanden.
Potentielle Abnehmer gab es genug. Explosive Solidaritätsgeschenke galten bei der Stasi als hilfreich beim Anknüpfen guter Beziehungen mit den unterschiedlichsten arabischen Terrorgruppen. Ein Netz mit vielen Spinnen.
Die Stasi lieferte zum Beispiel schiffsweise todbringendes Material an die Sicherheitsabteilung der Palästinensischen Befreiungsfront PLO, allein 1980 waren es 5000 Handgranaten, Sprengstoff, 1000 Sprengkapseln und Brückenzünder.
Aber auch die vielen Absplitterungen der Palästinenserbewegung, die 20 Jahre lang die Welt mit mörderischen Terroranschlägen überzogen, hatten in der DDR eine neue Basis gefunden.
So gaben sich die führenden Vertreter der internationalen Banden in Ost-Berlin die Klinke in die Hand. Der weltweit gesuchte Terrorist Carlos, der nach jüngsten Geheimdienstberichten immer noch unter syrischem Schutz in Damaskus lebt, residierte im feinen Palast-Hotel Unter den Linden. Die Kämpfer des berüchtigten Abu Nidal absolvierten beim MfS 1985 einen dreimonatigen Lehrgang, Raketen- und Geschoßwerfereinsatz inklusive. Nur Monate nach dem Training metzelte die Gruppe auf den Flughäfen von Rom 16 und Wien 4 Menschen nieder.
Abu Daud, der als einer der Verantwortlichen für das Massaker bei der Münchner Olympiade 1972 gilt, zog es ebenfalls an die Spree. Mitten im Berliner Kiez residierte der einstige Top-Terrorist in den achtziger Jahren an der Prenzlauer Allee 178.
Immer tiefer rutschte der ostdeutsche Geheimdienst in eine schleichende Kooperation mit den arabischen Freischärlern herein - man bekämpfte schließlich den gleichen Feind.
Über wen hat die Stasi ihre schützende Hände gebreitet, wer steckt hinter Lockerbie? Waren es doch die Iraner, die sich rächen wollten für den versehentlichen Abschuß eines Airbusses durch den amerikanischen Zerstörer "Vincennes" 1988 über der Straße von Hormus? Und haben doch die Syrer dabei geholfen, die mittlerweile in der Gunst der Amerikaner stehen, nachdem sie sich im Golfkrieg gegen den Iraker Saddam Hussein stellten?
Die Geheimdienst-Profis müssen sich nun durch einen neuen Wust von Verschwörungstheorien wühlen. Der russische Geheimdienst beispielsweise ist keineswegs von den amerikanischen Ermittlungen über die libyschen Alleintäter überzeugt.
Wesentliche Quelle der CIA sei "abgehörtes Gequatsche der Araber", sagt ein russischer Geheimdienstler. Nicht einmal den "vertraulichen Kommunikationskanal", 1990 eingerichtet, hätten die Amerikaner genutzt, um in Moskau Informationen zu erbitten.
Und die wären dort, wo die Buchhalter der weltweiten Geheimdienstverflechtungen über Stasi und Araber, über Terroristen und Agenten einmaliges Wissen aufgehäuft hatten, reichlich vorhanden. Leonid Schebarschin, früher Chef der sowjetischen Auslandsaufklärung, wunderte sich, daß Washington schwieg: "Sie haben nicht eine einzige Frage gestellt." *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Die Sprengung *
eines Pan-Am-Jumbos über dem britischen Lockerbie 1988, eines der blutigsten Attentate von Terroristen, ist noch immer nicht geklärt. Zwei Libyer, so die bisherige Version, hätten die Tat, die 270 Menschen das Leben kostete, allein verübt. Das Land des Obersten Gaddafi verweigert ihre Auslieferung, in Amerika und Schottland liegen Anklagen parat. Doch nun geraten die Ermittlungsergebnisse, laut Scotland Yard die "aufwendigste Detektivarbeit in der Kriminalgeschichte", in ein ganz neues Licht: Eine Spur führt von der Bombe im Jumbo zurück nach Deutschland - in die Keller der DDR-Staatssicherheit. Zahlreiche frühere Stasi-Mitarbeiter, sogar ehemalige SED-Politbüromitglieder und der Honecker-Nachfolger Egon Krenz, werden nun vernommen. Haben die ostdeutschen Geheimdienstler ihren arabischen Waffenbrüdern einen Dienst erwiesen? Sind die Anklagen gegen die mutmaßlichen Täter nun gefährdet? Muß der Fall Lockerbie noch einmal ganz neu aufgerollt werden?
[Grafiktext]
__95_ Lockerbie-Attentat: Rekonstruktion d. Explosion an Bord d.
_____ Flugzeugs
[GrafiktextEnde]
* Teil einer gebrauchten Timer-Platine mit der Aufschrift "Mebo". * In Zossen bei Berlin, 1987.

DER SPIEGEL 16/1994
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