28.06.1993

ComputerTrockener Zahlen-Typ

Ein Deutscher, hemdsärmelig und detailbesessen, wurde Chef des amerikanischen Computerkonzerns Apple.
Wenn die Mitarbeiter der Computerfirma Apple morgens zur Arbeit kommen, schlurft mancher mit gesenktem Blick und hängenden Schultern in die verspiegelten Büroklötze im kalifornischen Cupertino. "Viele fühlen sich hier ziemlich down", sagt eine Programmiererin.
Die Lichtgestalt an der Spitze, der vom Pepsi-Verkäufer zum Technikvisionär mutierte John Sculley, trat als Chef ab. Er ging nicht ganz freiwillig. Schon seit langem streiten sich Sculley und sein Nachfolger, der Deutsche Michael Spindler, über die richtige Firmenstrategie.
Der asketische Jogger Sculley parlierte gern mit Abgeordneten in Washington und EG-Bürokraten über die technische Infrastruktur der Zukunft und wollte, daß der Konzern überall mitmischt. Ob Unterhaltungselektronik oder Telekommunikation - Apple sollte dabeisein.
Zuletzt sah Sculley das Unternehmen nur noch "aus 3000 Meter Höhe", urteilt ein Branchenkenner.
So hoch wird der Nachfolger wohl nie abheben. Schon rein äußerlich ist der in Berlin geborene Michael Spindler, 50, die Sculley-Antithese: Breitschultrig, pausbäckig und mit dickem schwarzen Haar, gilt der Deutsche mit dem Spitznamen "The Diesel" als hemdsärmlig und detailbesessen. Im Gegensatz zu Sculley will Spindler, daß Apple wieder mehr Energie in sein Kerngeschäft investiert: Personalcomputer entwickeln und verkaufen. Die Rückbesinnung ist überfällig: Apple verliert Marktanteile, der Aktienkurs sinkt (siehe Grafik).
Doch zuerst muß Spindler die Kosten senken. Mehr als 2000 der 14 000 Beschäftigten, so die New York Times, könnte der neue Chef bald rauswerfen. "Ich werde alles tun, um das ökonomische Modell in Ordnung zu bringen", sagt Spindler. So trocken, wie sich das anhört, ist auch der ganze Typ.
Über sein Privatleben möchte der studierte Elektroingenieur, der nach der Uni bei Siemens anheuerte, nichts erzählen: "Verheiratet, drei Kinder, in meiner Freizeit lerne ich gern neue Dinge und spiele ein wenig Tennis." Aus, Schluß.
Richtig in Fahrt kommt "Diesel", wenn er über die technischen Details der Apple-Computer redet. Unweigerlich rutscht er dabei ins Amerikanische und vermischt es mit seiner Muttersprache zu einem ungenießbaren Technik-Kauderwelsch.
Wenn sein Gegenüber nicht gleich auf der Bits & Bytes-Tour folgen kann, wird er leicht ungeduldig: Spindler schnalzt dann mit der Zunge, schwingt arrogant den Zeigefinger wie ein ungeduldiger Professor, dessen Student in der mündlichen Klausur versagt.
Nach farbigen Details fahndet man bei Michael Spindler vergebens. "Der ist ein Zahlen-Typ, der kein Risiko eingeht", so der amerikanische EDV-Berater John Logan. Seine Lieblingsphrase ist dann auch: "Lassen Sie die Kirche mal im Dorf." Für die Karriere bei Apple hat er auch freiwillig den Bezug zu Europa aufgegeben: "Man verliert da ein bißchen die Wurzeln, ich bin so eine Art Weltbürger."
Schon 1980 kam er vom Chip-Hersteller Intel zu Apple. Das Unternehmen war gerade der kalifornischen Garage entwachsen, in der die Firmengründer den ersten Personalcomputer zusammengeschraubt hatten, und für viele Computerkäufer noch lange kein ernstzunehmender EDV-Hersteller. An die Verkaufsgespräche erinnert sich Spindler: "Damals haben uns die Leute ausgelacht und gesagt, was wollt ihr mit dem Spielzeug?"
Doch mit viel Sturheit und Fachwissen entwickelte Spindler die europäische Dependance zu einem profitablen Unternehmen. Dabei vergraulte er auch etliche arrogante Apple-Verkäufer. "Wer nicht versteht, daß wir die besseren Computer machen, ist selbst schuld", war lange Jahre das inoffizielle Firmenmotto.
Vor drei Jahren holte Sculley den erfolgreichen Macher in die Firmenzentrale nach Cupertino. Dort forcierte Spindler ("Ich hab' 15- bis 16-Stunden-Tage") die Entwicklung billigerer Apple-Computer. Zudem verpflichtete er japanische Unternehmen als Zulieferer: "Miniaturisierung macht keiner besser als die."
Apple verkaufte mehr Computer und vergrößerte seinen Marktanteil, obwohl die Produkte nicht dem von IBM und anderen PC-Herstellern gesetzten Standard folgten. Dafür waren die Rechner einfacher zu bedienen. Eine Maus und grafische Symbole erleichtern Laien den Umgang mit dem Computer.
Doch seit der Softwarekonzern Microsoft das Produkt "Windows" auf den Markt brachte, sind auch die PC anderer Hersteller fast genauso leicht zu benutzen - Apples technischer Vorsprung war dahin. Trotzdem verkaufte der kalifornische Hersteller seine Geräte noch immer teurer als die Konkurrenz.
Nun muß Spindler schnell neue Produkte auf den Markt bringen, um die enormen Forschungsausgaben wieder hereinzubekommen. Gleichzeitig gilt es, die Apple-Computer noch günstiger herzustellen, um nicht nur den Marktanteil, sondern auch die Gewinnspanne zu erhöhen.
Bei seiner schwierigen Aufgabe kann sich Spindler an einem bekannten Vorbild orientieren: Vor zwei Jahren sanierte der Deutsche Eckhard Pfeiffer den angeschlagenen Computerkonzern Compaq. Mit weniger Leuten und drastisch niedrigeren Preisen machte Pfeiffer Compaq zu einem der profitabelsten Unternehmen.
[Grafiktext]
_117_ Fa. Apple verliert Markt-Anteile
_____ Wochen-Schlußkurse der New-Yorker Börse für die Apple Aktie in
_____ Dollar
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 26/1993
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