27.12.1993

KriminalitätEntenhausen ist überall

Mit Millionenaufwand jagt die Polizei den Gangster des Jahres: den Karstadt-Erpresser Dagobert. Tips haben die Comic-Forscher der Organisation „D.O.N.A.L.D.“.
Die Karriere der geizigsten und reichsten Ente der Welt beginnt im Weihnachtsheft 1947. Der Griesgram kauert im Ohrensessel, den Schnabel verächtlich verzogen. "Weihnachten liegt mir nicht", krächzt die Comic-Figur Dagobert Duck: "Ich kann niemanden leiden, und mich kann auch niemand leiden."
Der deutsche Karstadt-Erpresser Dagobert mag Weihnachten offenbar auch nicht. Seine bislang letzte Rohrbombe explodierte Anfang Dezember, mitten im Einkaufstrubel, in einem Aufzug der Berliner Karstadt-Filiale am Hermannplatz. Die Bombe sprengte die Decke des Fahrstuhls weg, zerfetzte Neonröhren, blies eine Sichtblende beiseite und verbog die Aufzugtüren.
Das war Dagoberts fünfter Anschlag. Die ersten vier Sprengsätze zündete er bei Karstadt in Hamburg, Bremen, Bielefeld und Hannover. Mit den Bomben versucht er, den Kaufhauskonzern um 1,4 Millionen Mark zu erpressen.
Seit über anderthalb Jahren schon jagt ihn die Polizei. Immer wieder entwischt der geniale Erpresser den Beamten im letzten Augenblick. Er führt sie an der Nase herum und macht sich lustig über sie. Rund 20 Geldübergaben sind bislang gescheitert, etwa zehn Millionen Mark hat die Fahndung gekostet, mindestens zehn weitere Millionen waren für die Beseitigung der Bombenschäden fällig. _(* Am 19. April in Berlin-Britz. )
Der Gangster des Jahres, so stellte der Berliner Tagesspiegel anerkennend fest, habe das alte Räuber-und-Gendarm-Spiel "auf ein in der deutschen Polizeigeschichte nie dagewesenes intellektuelles Niveau gehoben".
Die Sonderkommission Dagobert im Hamburger Landeskriminalamt hetzt den Erpresser mit Hubschraubern, Hunden und Funkmeßtrupps. Sprachspezialisten beim Bundeskriminalamt zerfieseln Dagoberts Stimme und sein Vokabular, Psychologen spüren seinen Hirnwindungen nach, die besten Kriminalisten in Hamburg und Berlin versuchen, seine Schachzüge vorherzusehen.
Der Erfolg ist gleich Null. Der Polizeiapparat läuft ins Leere, die Beamten stolpern von einer Panne in die nächste, schaffen es aber, den Erpresser mit Papierschnipseln statt Geld zu ärgern. Ein filmreifes Duell im Nebel.
"Es geht Dagobert um die Lust am Spiel", sagt Detlef Giesler, 32, und zieht aus einem Regal voller Comics drei blaue Schmuckschuber. Sie enthalten die 500 Originalgeschichten des legendären Walt-Disney-Zeichners Carl Barks, 92. In rund 70 der Comicstrips spielt Hagestolz und Entenfeind Dagobert Duck die Hauptrolle. "Das sind die Schlüsselstorys", meint Giesler.
Der Berufsschullehrer aus dem schleswig-holsteinischen Ahrensburg gehört zur "Deutschen Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus" (D.O.N.A.L.D.). Rund 500 Mitglieder zählt die schräge Truppe unter Vorsitz einer Präsidente oder eines Präsiderpels bundesweit, die meisten sind akademisch vorgeschädigt.
Bei der Erforschung des Entenhausener Universums sind einige von ihnen nun auf die Spuren des Erpressers Dagobert gestoßen. "Er kupfert die Geschichten nicht einfach ab", glaubt Torsten Gerber, 27, angehender Jurist und wie Giesler MdD (Mitglied der Donaldisten), "doch er nutzt sie als Inspirationsquelle."
Die Tricks des Erpressers erinnern tatsächlich an Abenteuer der schrulligen Ente. "Es gibt einfach zu viele Parallelen", sagt Donaldist Giesler, "zumindest kennt er die klassischen Geschichten." _(* Russischer Nachtsichthelm, ) _(Funkfernsteuerung, Geldbeutel. )
Schon der Auftakt der Erpressung, so die Donaldisten, hätte die Polizei auf die richtige Spur setzen können. Denn die ersten Bomben ließ Dagobert in der Nacht zum 13. Juni vorigen Jahres in der Hamburger Karstadt-Filiale an der Mönckebergstraße hochgehen.
Die Zahl 13, sagt MdD Giesler, sei, wie jeder wisse, die "magische Zahl von Entenhausen". 13 Trilliarden Taler beträgt beispielsweise das Vermögen von Dagobert Duck. 13 Panzerknacker versuchen, ihm das Geld abzujagen.
In einer Geschichte namens "Freitag der 13." wird Dagobert prophezeit, er werde an diesem Tag vom Pech verfolgt. In Wahrheit aber gewinnt der schrullige Erpel einen riesigen Smaragd. Da schlängelt sich die Parallele ein wenig, aber immerhin war die Nacht auf den 13. Juni vorigen Jahres die Nacht von Freitag auf Samstag.
Zwischen den Tagen, kurz nach ein Uhr, zerdepperten die Rohrbomben, Giesler hebt den Zeigefinger, ausgerechnet die Porzellanabteilung des Kaufhauses. In einem Comicstrip zertrümmert Dagobert Duck ein Teil aus einem Porzellangedeck. Er muß dem Geschäft aber das ganze Service abkaufen. "Das schreit nach Rache", sagt Donaldist Gerber.
Mit dem Anschlag zwang Dagobert die Karstadt-Manager, ihre Zahlungsbereitschaft via Zeitungsannonce zu signalisieren. Der geforderte Text: "Dagobert grüßt seine Neffen."
Bei einer gescheiterten Geldübergabe verlangte der Erpresser, die Polizei möge die Scheine in einen rosa Beutel mit dem Bild Dagobert Ducks packen. Der Aufdruck auf der Tüte: "Duck Tales".
Kein Wunder, daß der Donaldismus auch die Polizei infiziert hat. Ulrich Tille, Leiter der Soko Dagobert, wurde in Berlin mit einer Dagobert-Duck-Anstecknadel am Revers erwischt. Seine Ausrede: Er habe den Sticker geschenkt bekommen und kriege ihn nun nicht mehr ab.
Der Inhaber eines Imbißladens, der in der Nähe eines Übergabeortes lag, geriet auch schon ins Visier der Fahnder. Seinen Hund hatte der Mann unbedacht Donald getauft.
Es sei "theoretisch denkbar", meint auch Michael Daleki, Chef aller Dagobert-Fahnder in Hamburg, daß der Erpresser seine Ideen aus den bunten Heften ziehe.
Was die Fahnder ansonsten über Dagobert wissen, ist meist vage und oft widersprüchlich. Der Gangster sei etwa 1,70 Meter groß, 25 Jahre alt und dunkelhaarig, hieß es zunächst. Inzwischen ist er flott um 20 Jahre gealtert, gut zehn Zentimeter gewachsen und hat sich hellblonde lange Haare wachsen lassen.
Er sei, so spekulierten Polizisten, vielleicht ein ehemaliger Stasi-Agent, womöglich ein Kollege oder gar die Reinkarnation von Herbert dem Säger. Der Bundesbahnerpresser, der Intercity-Gleise zu zerfräsen pflegte, hatte 18 Monate lang versucht, der Bahn 3,5 Millionen Mark abzunehmen.
Herbert war just zu der Zeit verschwunden, als Dagobert auftauchte. Auch den Säger jagte Fahnder Daleki vergebens, ganz grau und hager ist der Polizist darüber geworden. Das "Superhirn der Kripo", barmte Bild, fühle sich nur noch "genervt, enttäuscht, verspottet".
Immerhin glauben die Polizisten ziemlich sicher, daß Dagobert identisch ist mit jenem Erpresser, der 1988 das Kaufhaus des Westens in Berlin um 500 000 Mark erleichterte. Klar scheint auch, daß in Dagobert viele Talente schlummern. "Ein so fähiger Mann", sagt Donaldist Gerber, "könnte sein Geld überall verdienen."
Sportlich sprintet der Erpresser Polizisten davon, er beherrscht Funktechnik und konstruiert raffinierte Maschinen für die Geldübergabe. Zudem kennt er offenbar die Methoden der Gegenseite und testet die neuen Kniffe der Polizei bei fingierten Geldübergaben.
Trotz der ersten Anzeichen einer gewissen Duck-Affinität des Erpressers erscheint die Idee, Dagobert plane nach Comic-Drehbuch, zunächst mindestens ebenso spinnert wie ihre Erfinder.
Seit der Hamburger Klimaforscher Hans von Storch vor rund 16 Jahren D.O.N.A.L.D. gründete, untersuchen die Experten zum Beispiel, über wie viele Dimensionen das Universum sich denn nun erstreckt. Onkel Dagoberts Barvermögen nämlich hat nach Quellenlage ein Volumen von drei Hektar hoch drei, was ein in die dritte Dimension erhobenes Flächenmaß ist. Die mathematische Konsequenz: Die Welt ist mindestens sechsdimensional.
Die Donaldisten karikieren Methoden der Wissenschaft, indem sie Entenhausen zum Inhalt erheben. Ebenso verspotte der Erpresser den übermächtigen Polizeiapparat, meint Donaldist Gerber: "Er spielt mit der Polizei wie Dagobert mit den Panzerknackern."
Ihre bislang peinlichste Panne hätten die Polizisten vorher schon bei Walt Disney nachschlagen können. Mitte April, elfter Übergabeversuch: Die Fahnder sollen, so hat Dagobert es verlangt, das Geld in einer Streusandkiste in Berlin-Britz deponieren.
Die Polizisten packen auf das Streugranulat ihre Aldi-Tüte, in der sie zwischen Papier einen elektronischen Bewegungsmelder und einen Peilsender versteckt haben. Dann gehen sie allen Ernstes rund um die Kiste in Stellung und warten, daß Dagobert erscheint.
Kurz vor Mitternacht schlägt der Bewegungsmelder Alarm. Die Spezialisten glauben an eine Macke des Geräts, schließlich ist niemand zu sehen.
Erst später kommt ihnen die Idee, mit der Kiste könne etwas faul sein. Sie lupfen den Deckel und schauen zweieinhalb Meter tief in einen Gulli der Berliner Kanalisation, die über Hunderte von Kilometern begehbar ist. Dagobert hatte die Kiste so manipuliert, daß sie sich von unten öffnen ließ. Sobald die Tüte drinlag, ließ er das Granulat herausrieseln, der Beutel fiel ihm in den Schoß, er floh durch die Kanäle.
"Entenhausen ist eben überall", weiß Donaldist Giesler. "Rieselgold" heiße diesmal die Vorlage des Dagobert-Vaters Barks. Ein Sebastian Sandig bohrt in dieser Geschichte Stollen unter dem Geldspeicher Dagoberts an und läßt das Gold zu sich herabrinnen.
Auch die Kiste ohne Boden kommt vor. In der Geschichte "Die drei dreckigen Ducks" steht sie über einer Bodenluke; Erpel Donald fällt auf den Trick herein und läßt sich mit einem Netz unter der Kiste fangen.
Bei den ersten gescheiterten Geldübergaben setzte Dagobert noch auf ein selbstgebautes Spielzeug wie aus der Entenhausener Werkstatt des Erfinders Daniel Düsentrieb. Die Maschine hatte vier Elektromagneten vorn, eine Kunstledertasche für das Geld hinten und eine Antenne obendrauf.
Die Polizisten mußten den Apparat an den Intercity "Käthe Kollwitz" von Hamburg nach Berlin hängen. In der Nähe von Reinbek sendete Dagobert ein Funksignal, die Maschine schaltete ihre Magneten aus, fiel vom Zug und purzelte Dagobert vor die Füße.
Der Erpresser sprintete mit seiner Beute in den nahen Krähenwald, rund hundert Polizisten folgten ihm. Hubschrauber knatterten in der Luft, Beamte auf Geländemotorrädern bolzten durchs Gehölz. Mit einem Fahrrad, firmentreu bei Karstadt für 550 Mark erstanden, fuhr Dagobert ihnen auf und davon. Freilich: Aus der Tasche purzelten dem Erpresser bloß Papierschnipsel und eine Farbbombe entgegen.
Selbst mit einem Polizeiaufgebot in militärischer Dimension läßt sich Dagobert nicht beikommen. Im Januar erwarteten die Fahnder mal wieder einen Anruf von Dagobert. Mehr als 2000 Beamte harrten des Funksignals zum Zugriff, unauffällig postiert vor den Telefonzellen in der Berliner Innenstadt.
Doch Dagobert fand noch eine brauchbare Zelle: Es stand kein Polizist davor, und sie liegt in Neukölln, gegenüber der Walt-Disney-Schule.
Ob die Polizisten das Geld oder die Papierschnipsel aus Zügen warfen oder auf Telefonzellen deponierten - immer wieder entwischte Dagobert bei der Übergabe. In Berlin packte ihn ein Beamter des Mobilen Einsatzkommandos einmal gar schon am Kragen. Doch da trat der Polizist in einen Haufen Hundekot und glitschte weg. "Es geht Dagobert nicht ums Geld", glaubt MdD Gerber, "es geht ihm ums Entkommen im letzten Augenblick."
Eine der künftigen Geldübergaben, prophezeien die Donaldisten, könnte etwa in einer Kirche stattfinden. Denn eine Dagobert-Geschichte spielt in der Kathedrale "Notre Duck". Das geheimnisvolle "Münstermännchen", ein Phantom mit gelb glimmenden Augen, klaut Onkel Dagobert die Flöte, mit deren Klang allein sich die neue Tresortür des Trilliardärs öffnen läßt. Erst nach langer Jagd stellen die Ducks den Dieb.
Anfang September zeigte Erpresser Dagobert, wie locker er inzwischen die Polizei im Griff hat. Die Anweisungen für eine Geldübergabe gab er nicht mehr aus einer Telefonzelle, sondern aus dem Ausflugslokal "Loretta" in Berlin-Wannsee. Das Telefon steht zwischen Küche und Gastraum. 50 Gäste tafelten dort, niemand sah Verwertbares.
Dagobert suche eigentlich wie sein Comic-Vorbild "die Gefahr um ihrer selbst willen", sagt Donaldist Gerber, "Geld ist nur das Vehikel". Eine Theorie, der auch Fahnder Daleki zeitweise anhängt: "Der Mann will gar kein Geld."
Er müsse "ein wahrer Exzentriker" sein, dessen "Leben ansonsten gänzlich sinnentleert ist", glaubt Gerber. Gemeinsam, so warnt Donaldist Giesler, sei den beiden Dagoberts auch ihre Zähigkeit: "Ein Dagobert gibt nie auf." Y
* Am 19. April in Berlin-Britz. * Russischer Nachtsichthelm, Funkfernsteuerung, Geldbeutel.

DER SPIEGEL 52/1993
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