25.07.1994

PornographieAlice in Newton-Land

Alice Schwarzer hat gegen die Fotografien Newtons schweres Geschütz aufgefahren: Sie seien "nicht nur sexistisch und rassistisch", sondern auch "faschistisch". Dieser dreispännige Vorwurf ist moralpolitisch nicht zu überbieten. Steigerungsfähig ist der Streit nur noch auf dem Felde des schlechten Geschmacks: Mit seiner Bildproduktion, sagt Alice Schwarzer, sei der Emigrant Newton als "Mann und Jude" vom Lager der Opfer in das Lager der Täter übergetreten.
Und was sagt Helmut Newton? Newton sagt, in mieser misogyner Tradition, er kenne das "Fräulein Schwarzer" nicht, er wisse aber, daß sie "nicht sehr hübsch" aussehe, und er sagt, daß er zugeben müsse, daß man im Ausdruck seiner "big nudes", in ihrer Größe und Stärke, etwas Faschistisches sehen könne, daß er diesen Begriff in diesem Zusammenhang aber nur ästhetisch verstehe.
Die Klage, die der Schirmer/Mosel-Verlag mit Billigung Helmut Newtons gegen den Emma-Verlag anstrengt, zielt auf den Nachweis einer "vorsätzlichen Urheberrechtsverletzung". Die Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer hatte in ihrer Zeitschrift eine Schmähschrift gegen Helmut Newton reich mit Bildmaterial _(* Vor Newton-Werk. ) aus seinem OEuvre bestückt. Aus juristischer Sicht wird es also nicht so sehr um die Frage gehen, welche Bilder gemacht werden dürfen, sondern um die Frage, was mit gemachten Bildern gemacht werden darf.
Tatsächlich aber lauert hinter dieser Copyright-Fehde der alte Streit um das ,richtige'', um das statthafte Bild. Mag es dem Kläger auch um das Recht am teuren Bild zu tun sein, die Beklagte, Alice Schwarzer, hat grundsätzlich ein anderes Interesse. Sie arbeitet an der Herstellung jener Grenze, die die korrekte von der unkorrekten Bildsprache trennen soll. Schon zum Zweck der Wiederbelebung ihrer Anti-Porno-Kampagne könnte sie das Risiko einer Klage ins politische Kalkül genommen haben. Sie hofft, wenn nicht auf dieses Urteil, so doch auf künftige höchstrichterliche, die den erwünschten Frontverlauf festschreiben, indem sie Grenzüberschreitung ächten.
Das Niveau der Einlassungen von Newton und Schwarzer scheint für sich selbst zu sprechen - mit dem Hinweis darauf könnte es sein trostloses Bewenden haben. Aber da ist noch der Kampf um die Grenze, den Schwarzer will, und da ist noch das Phänomen des großen Erfolgs der geschmähten Bilder. Was will Newton, oder besser: Was wollen seine Bilder?
Sie wollen den weiblichen Mode-Körper gestreckt, hochgewachsen, muskulös, stark, kraftvoll. Ein bißchen so, wie einmal der heroische männliche Körper bildnerisch konstruiert wurde, so, wie die Alten den kriegerischen Jüngling dachten und so, wie es heute der Körper-Mode fürs Weibliche entspricht. Mit Hilfe von handverlesenen Modellen, die ihrerseits vermutlich am Modell ihres Körpers effektiv gearbeitet haben, und mit allen Mitteln der Aufnahmetechnik entsteht in immer neuen Serien dieser Körpereffekt.
Selbst in den Porträts prominenter Frauen wird deren individuelle Körperlichkeit von der Ökonomie dieser Körperästhetik absorbiert, erscheint das, was sie jeweils von anderen unterscheidet, nur mehr als ein Moment von Ausstattung und Inszenierung. Alice Schwarzer wirft Newton vor, er glorifiziere ein Herrenmenschentum, das die Frauen zu Untermenschen degradiere. Dieser Vorwurf ist allerdings nicht sehr plausibel; denn der "Herrenmensch", wenn das überhaupt eine angemessene Vokabel ist, wird von Newton weiblich konstruiert.
Der Gestus des Herrischen prägt bei Newton überwiegend die Frauengestalten. Das nötigt Schwarzer zu einem wenig überzeugenden Interpretationsmanöver: Gerade die Unterwerfung und Demütigung der starken Frau sei für den herrschsüchtigen Mann ein ganz besonderer Triumph. Aber selbst liegend und mit Fesseln versehen, eignet den Newton-Frauen etwas Martialisches, gleichen sie meist eher obsiegenden Kampfmaschinen als unterworfenen Sexobjekten.
Die Newtonschen Frauen-Körper sind geklonte Körper. Diese verfügende Ästhetik der Austauschbarkeit macht seine modische Fotografie für die Ausstellung austauschbarer Moden verfügbar, aber sie erzeugt auch den Eindruck der Sterilität, der Glätte. Dieser Eindruck wird nicht gemildert durch die unübersehbaren Anleihen, die Newton bei den großen Erotomanen der Bildgeschichte aufnimmt.
Erinnerungen an erotische Motive in den Werken von Marcel Duchamp, Edward Kienholz, Hans Bellmer, Richard Lindner oder Pierre Molinier - um nur einige zu nennen - drängen sich ebenso auf wie stereotype Bildeindrücke des Kinos: Erotik-Szenen in Hotelzimmern und am Swimmingpool. Aber das, was einmal als Ausdruck sexueller Obsession galt, wie zum Beispiel die Verschiebung des sexuellen Begehrens auf die Objekte, die Fetischisierung des Details (Stiefel, Stöckelschuhe, Fesseln), ist in Newtons Genrefotografie eher Beiwerk, Zierat und Zitat.
Newtons erotische Träume kommen nicht aus der Hölle des Unbewußten, sie kommen, das sieht Schwarzer richtig, aus der Tiefkühltruhe der Routine; sie eröffnen nicht den Blick in tiefe Abgründe, sie sind rätselfrei das, was ihre Oberfläche zeigt: recycelte Erotik. Und gerade das macht sie interessant. Ging es den Vorläufern noch um die Metamorphosen des ,natürlichen'' Körpers, um die Bebilderung seiner Deformation und Deformierbarkeit, so formulieren die Bilder Newtons eine Absage an den Mythos vom ,natürlichen'' Körper.
Sie erzählen nicht länger von dem Körper, der (wie immer bedrängt und verbogen und leidend und leidenerzeugend) doch stets bleibt, was er ist. Sondern sie markieren ein Körpermuster, nach Belieben konstruierbar, einen Musterkörper, unendlich multiplizierbar. Dergleichen liegt im Trend und dergleichen geschieht, wie ein Blick auf die homoerotische Modefotografie Bruce Webers zeigt, auch mit dem Bild des männlichen Körpers. Man mag darin eine Parallele sehen zu dem, was der Kulturphilosoph Baudrillard meint, wenn er den Übergang vom metaphorisierten zum geklonten Körper diagnostiziert.
Der Körper ist für sich genommen leer, er bietet solchen Veranstaltungen keinen Widerstand; er kann beliebig mit beliebigen Bedeutungen aufgeladen werden. Es ist die nackte Wahrheit - was immer der altfeministische Fundamentalismus predigt -, daß die Berufung auf den wahren, puren Körper in die Leere greift. Eine diffuse Ahnung von der Problematik könnte Alice Schwarzer dazu bewogen haben, sich mit dem beifälligen Hinweis auf das Abbild-Verbot des Alten Testaments einer ihr wohl eher fremden Tradition anzuvertrauen, derzufolge das Bild des wahren, nach göttlichem Vorbild geschaffenen Körpers das Körperbild Gottes wäre. Dieses absolute Bild aber entzieht sich jeder Darstellbarkeit. Die Anrufung des theologischen Motivs bleibt für den weiteren Gang der Argumentation ohne Konsequenz. Vor der Ausrufung des totalen Bildersturms schreckt Schwarzer doch noch zurück, wohl in der unbehaglichen Einsicht, daß auch Emma im medialen Bilderdienst steht, daß es gerade ihr ständig um die Herstellung und Verwertung - wenn nicht sogar um die Dogmatisierung - des "richtigen" (weiblichen) Bildes geht.
Newtons Fotografie hingegen zielt nicht auf die Festlegung einer wahren Bedeutung des Körpers. Sie verdeutlicht vielmehr dessen Verfügbarkeit für alle möglichen Bedeutungen. Seine Körper-Bilder machen den Körper, das Medium der Mode, selber zur Mode. Aber nicht diese Beliebigkeit, die zu Nachdenklichkeit Anlaß gäbe, erzeugt die Beunruhigung bei seiner Kritikerin - sondern die Tatsache, daß Newton zunehmend das Aufgebot seiner seriellen, sexuell indifferenten Figurinen (ergänzt durch "wirkliche" Puppen) klischeefreudig und medienwirksam mit dem altbekannten eindeutigen Verruchtheitsplunder bestückt: Da sind notorisch die spitzen hohen Absätze, die Stiletti, die - nach Schwarzers Befund - den Zweck haben, die Frauen schwach zu machen und am Weglaufen zu hindern, die aber doch eher den Eindruck geben, als kämen auch sie direkt aus der Rüstungskammer einer Domina, zusammen mit den anderen S/M-Requisiten: den Ketten, Riemen und Peitschen, der schwarzen Spitze, den schenkelhohen Stiefeln, den Gittern, der Pickelhaube.
Und da dieses "Venus im Pelz-Revival" offensichtlich noch nicht ganz ausreichte, um jemanden dazu zu bringen "Tabu" zu rufen, setzte Newton in den letzten Jahren immer noch eins drauf: geifernde Hunde und szenische Arrangements, die die Assoziation zum Nazi-Terror zumindest zulassen.
Er suche die Sünde, hat Newton einmal gesagt. Diese Spekulation auf die Effekte der Sündhaftigkeit ist, wo an Sünde und Scham längst nicht mehr geglaubt wird, schamlos. Newton profitiert davon, daß die Scham nur noch im Zusammenhang mit dem Zustand sexueller Verklemmung gedacht wird. Newtons Bilder sind aber nicht so sehr schamlos dort, wo sie Schamlosigkeit ausstellen, sondern vornehmlich dort, wo diese Ausstellung die Berechtigung von Scham, die Möglichkeit eines letzten Moments der Unverfügbarkeit, pauschal abschreibt. Die Scham, so behauptete Nietzsche einmal, sei überall dort, wo es ein Mysterium gäbe. Bei Newton gibt es kein Mysterium, sosehr es auch beschworen wird.
Aber es gibt die Spekulation darauf, daß die Grenzwächter der Correctness ebenso reflexhaft wie die Anhänger der Ideologie von der sexuellen Befreiung auf seine schamlosen Lockrufe der Schamlosigkeit reagieren werden, wenn auch mit gegensätzlichen Bewertungen.
Im Grunde können schon jetzt, unabhängig davon, wie im Prozeß entschieden wird, alle zufrieden sein: Die Anti-Porno-Kampagne hat ihre Öffentlichkeit, und Newton die seine.
Für die Protagonisten der Kampagne ist der Tatbestand der Pornographie erfüllt, wenn sich eine bildnerische Verschränkung von Sexualität und Gewalt nachweisen läßt. Diese Verschränkung ist in Newtons Bildern zweifellos zu finden, allerdings nicht nur dort. Die Heimsuchungen des Sadomasochismus durchgeistern die erotischen Phantasien seit alters - und nicht nur die der Männer.
Wenn das, wofür der Name Newton steht, auf der verbotenen Seite der Korrektheitsgrenze landet, wenn es dem korrekten Blick nicht länger zugemutet werden dürfte, dann wird es offen um die Zumutung gehen, einen Teil der Bildbestände unserer Museen und Archive unter Verschluß zu bringen. Y
Erotische Träume aus der Tiefkühltruhe
Bei Newton gibt es keine Mysterien
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Nackte Frauen *
als Heldinnen oder als Opfer - diese Streitfrage ist der eigentliche Hintergrund des Urheberrechtsprozesses von Helmut Newton gegen Alice Schwarzer. Die Emma-Herausgeberin hatte im vergangenen November ohne Genehmigung 19 Newton-Fotos in ihrer Zeitschrift abgedruckt, um zu beweisen, daß die Bilder "sexistisch", "faschistisch" und "rassistisch" seien. Die Frankfurter Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen, 48, Verfasserin des Buches "Die imaginierte Weiblichkeit", untersucht Newtons "Spekulation auf die Effekte der Sündhaftigkeit". Schwarzer dagegen gehe es vor allem darum, die Debatte um Pornographie in der Kunst neu zu entzünden. Das Urteil im Copyright-Prozeß wird am Mittwoch dieser Woche vom Landgericht München verkündet.
* Vor Newton-Werk.
Von Silvia Bovenschen

DER SPIEGEL 30/1994
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