24.01.1994

MedizinAbends beten

Immer neue Enthüllungen im Hamburger Strahlenskandal: Auch Prostatakrebskranke wurden durch Überdosis innerlich verbrannt.
Auf zwei Krücken gestützt, humpelt Wally Meyer, 61, durch ihr Wohnzimmer. "Ich kann ja nicht den ganzen Tag im Bett bleiben", sagt sie. Nur wenn sie sich hinlegt, flauen die heftigen Schmerzen in ihrem Becken ein wenig ab.
Darm und Blase sind zerbröselt, nur noch über Plastikschläuche und künstliche Ausgänge können Urin und Kot nach außen abfließen. Auch die Knochen im Becken von Wally Meyer lösen sich allmählich auf, Scham- und Kreuzbein sind schon durchlöchert. Vor drei Wochen wurde ihr die linke Niere herausoperiert.
Wally Meyer ist ein Strahlenopfer. Wie ein soeben fertiggestelltes Fachgutachten bestätigt, haben hohe Strahlendosen, die ihr im Sommer 1987 an der Hamburger Uniklinik Eppendorf (UKE) vor und nach der Entfernung eines markstückgroßen Darmtumors verabreicht wurden, ihr brutal den Unterleib verbrannt.
Dabei hatte sich die herausgeschnittene Geschwulst noch in einem so frühen Stadium befunden, daß eine derart intensive Bestrahlung gar nicht nötig gewesen wäre. Die verheerenden Strahlenschäden, heißt es im Gutachten, wären mithin "weitgehend vermeidbar gewesen".
Von "meinem bislang schlimmsten Fall" spricht der Hamburger Rechtsanwalt Wilhelm Funke. Seine Klientin Meyer sei "Opfer eines Menschenversuchs" geworden.
Der Anwalt vertritt weit über 200 Krebspatienten, die vermutlich zwischen 1986 und 1990 im Hamburger Universitäts-Krankenhaus verstrahlt wurden und nun auf Schadensersatz klagen. In 20 Fällen hat die Hansestadt Hamburg inzwischen freiwillig Abschlagszahlungen an die Geschädigten geleistet, insgesamt 925 000 Mark.
Der Strahlenskandal war im letzten Sommer publik geworden, als scharenweise Darmkrebspatienten in der Lokalpresse über schwere Nebenwirkungen der Strahlenbehandlung am UKE berichteten: verbrannte Gedärme, geschrumpfte Blase, zerstörtes Knochengewebe.
Wie externe Gutachter herausfanden, waren die bei den Darmkrebspatienten eingesetzten Strahlenmengen in der Summe zwar vertretbar. Doch Professor Klaus-Henning Hübener, 50, der (inzwischen suspendierte) Leiter der Strahlentherapie am UKE, hatte die einzelnen Tagesdosen viel zu hoch angesetzt und in zu kurzen zeitlichen Abständen verabreicht. "Das ist wie bei einer heißen Suppe", erläuterte der Gutachter und Strahlenmediziner Rolf Sauer aus Erlangen, "wer sie schnell und in großen Schlucken austrinkt, verbrennt sich die Speiseröhre."
Nach den Darmkrebspatienten rückt nun eine weitere Patientengruppe in den Blickpunkt. In seinem zweiten, am Dienstag letzter Woche bekanntgewordenen Gutachten, in dem Sauer erstmals auch 28 Krankenakten von Prostatakrebspatienten ausgewertet hat, fällt der Erlanger Strahlenmediziner ein noch vernichtenderes Urteil über die frühere Arbeit seines Kollegen Hübener.
"Konzeptionslosigkeit", so Sauer, habe zwischen 1986 und 1990 bei den Bestrahlungstechniken am UKE geherrscht; mit "bemerkenswerter Unsicherheit" habe Hübener bei seinen Prostatakrebspatienten damals die jeweilige Bestrahlungsdosis ausgewählt.
"Wenn überhaupt ein roter Faden bei der Aktendurchsicht erkennbar wurde", schreibt Sauer, dann sei es die "meist kritisch überhöhte Dosis im Dosismaximum" gewesen; die habe "dann auch zu den entsprechenden Spätschäden geführt". In 18 der 28 ausgewählten Fälle ist laut Sauer der "Zusammenhang zwischen Spätschaden und verabreichter Strahlentherapie eindeutig".
Ein Ende vergangener Woche abgeliefertes Gutachten des Berliner Strahlenmediziners Volker Budach, das Anwalt Funke für die Angestellten-Krankenkassen in Auftrag gegeben hatte, kommt ebenfalls zu einem für Hübener niederschmetternden Befund: "Systematische Überdosierungen" bei den Prostatakrebskranken, so Budach, hätten am UKE zu "einem unvertretbaren Risiko von schweren Spätfolgen" geführt.
Gutachter Sauer kritisiert zudem die ärztlichen Angaben in den Krankenakten als "ausgesprochen ärmlich"; so gebe es "überhaupt keine Familienanamnese, keine Angabe zu Vor- und Begleiterkrankungen, noch nicht einmal Hinweise auf vorangegangene Tumorerkrankungen".
In den Akten habe er lediglich "technische Untersuchungen wie Röntgenaufnahmen" gefunden. Sauers Gesamteindruck: "Viel Physik und Technik, wenig Arzt."
Der attackierte Hübener, der sich derzeit in "positivem Denken" übt und "jeden Abend" betet, findet diesen Vorwurf "schwer beleidigend": "Ich bin doch nicht kalt wie Stahl."
Er habe sich für die Krebskranken "den Hintern aufgerissen", erklärt der umstrittene Mediziner, "bis tief in die Nacht" habe er mit Todgeweihten stundenlange Gespräche geführt.
Dem Klischee vom autoritären Halbgott in Weiß entspricht Hübener in der Tat nicht, er selbst zählt sich zur 68er-Generation. Kollegen beschreiben den Strahlenarzt, der seine Krebspatienten auf die harte Tour behandelte, als leise, empfindsam und nachdenklich. Als einziger Lehrstuhlinhaber am UKE trug Hübener, als mit Lichterketten gegen Fremdenfeindlichkeit demonstriert wurde, einen Button mit der Aufschrift "Stoppt den Haß" am Arztkittel.
Und doch schob der Strahlenarzt, offenbar getrieben von einer "tödlichen Hybris" (Zeit), die Regler der Strahlenkanonen bedenkenlos hoch. Ein Hamburger Onkologe bringt es auf die knappe Formel: "Zuviel Ehrgeiz, zuwenig Erfahrung."
Hübener bleibt uneinsichtig. Etliche der Krebskranken, die nun auf Entschädigung klagen, meint der Strahlendoktor allen Ernstes, steckten "finanziell in der Klemme": "Ich bin überrascht, daß sich nicht noch viel mehr angebliche Strahlenopfer bei Herrn Funke gemeldet haben."
Doch mit Äußerungen wie diesen stachelt Hübener die Entschlossenheit des Anwalts nur noch an, der beinahe im Wochentakt die Öffentlichkeit mit neuen Details über die Brachialtherapie verschreckt. "Unfaßbares Elend" habe er in den letzten Monaten erlebt, sagt Funke, beispielsweise "einen Mann mit verbranntem Gesäß, der jeden Tag sechs Stunden in der Badewanne lag".
Obwohl Hübener seit Monaten nicht mehr in Eppendorf wirkt, ist der Ruf seiner Abteilung ruiniert. Hatten sich bislang pro Jahr rund 30 Darmkrebspatienten am UKE bestrahlen lassen, so waren im letzten halben Jahr gerade noch zwei bereit, sich unter die Strahlenkanone der Hamburger Uniklinik zu legen.
In Hamburg, fürchtet der kommissarische Leiter der UKE-Strahlentherapie Thomas Hermann, werde derzeit eine "wesentliche Säule der Tumortherapie umgestürzt". Y

DER SPIEGEL 4/1994
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