17.10.1994

RufmordNeid und Mißgunst

Mit einer Anzeigenkampagne wehrt sich die Warsteiner Brauerei gegen Gerüchte über Kontakte zur Scientology-Sekte.
Zu einem Kneipenschnack mochte sich Deutschlands erfolgreichster Brauer zunächst nicht weiter äußern: "Das ist das Dümmste, was ich in den letzten zehn Jahren gehört habe", raunzte Albert Cramer.
Doch so leicht wird der Inhaber der Warsteiner Brauerei den Tratsch über sich und seine Firma nicht los. Nun wehrt er sich mit einer teuren Anzeigenkampagne gegen eine "heimtückische Verleumdung".
Im Januar war - erstmals in Hamburger Kneipen - das Gerücht aufgetaucht, die Warsteiner Brauerei habe etwas mit der übel beleumdeten Scientology-Sekte zu tun. Wenig später wurde gemunkelt, Brauereichef Cramer sei Sektenmitglied und die Scientologen hätten die Mehrheit an der größten deutschen Privatbrauerei übernommen.
Das Gerücht waberte weiter und sorgte bald auch an holsteinischen und westfälischen Tresen für Gesprächsstoff. Im August dementierte die Firma in einem Rundschreiben an Wirte "ausdrücklich und mit jeder Konsequenz" Kontakte zu der Sekte.
Es half wenig. In Norddeutschland fiel der Absatz weiter. Auch wenn die Firma Umsatzeinbußen herunterspielt - das Geschwätz über die angeblichen Scientology-Kontakte, so ein Hamburger Brauerei-Manager, "ist eine Katastrophe für die Warsteiner".
Um die Bierfreunde zurückzugewinnen, entschloß sich die Brauerei - ein Akt der Verzweiflung - zu einer Anzeigenkampagne in allen norddeutschen Tageszeitungen und von dieser Woche an auch in überregionalen Zeitschriften. Die Gerüchte, so die Warsteiner, seien "ganz offensichtlich von Neid und Mißgunst getragen".
Die Vermutung ist nicht abwegig. Um erfolgreiche Konkurrenten runterzumachen, werden hin und wieder gezielte Diffamierungen eingesetzt. So wurde der Flensburger Brauerei unterstellt, sie unterstütze Rechtsradikale. Das traf die Firma hart, weil ihr "Flens" gern in Studentenkneipen und Wohngemeinschaften geschluckt wird. "Wir hatten Absatz-Einbußen", erinnert sich Marketing-Chef Werner Pieper.
Das Gerücht war 1989 mit einer Kleinanzeige in der Tageszeitung (taz) lanciert worden. Die Brauerei, so hieß es dort, habe die Republikaner und die DVU mit Spenden unterstützt; das Inserat schloß mit dem Appell: "Nie wieder Faschismus - nie wieder Flens."
Wer das Rufmord-Inserat in der taz aufgegeben hatte, konnte auch die von der Brauerei eingeschaltete Staatsanwaltschaft nicht ermitteln. Das Gemunkel aber flackert immer noch hin und wieder in alternativen Kneipen zwischen Kiel und Berlin auf - "ein Gerücht", weiß Pieper inzwischen, "das nicht totzukriegen ist".
Selbst offenkundiger Unsinn hält sich oft hartnäckig. Daß Coca-Cola die Schleimhäute angreife, gar die Magenwände zerfresse, gehört zu den Evergreens unter den Gerüchten - es kursiert seit Jahrzehnten.
Bereits in den fünfziger Jahren hatte Coca-Cola herausgefunden, wer in Deutschland solchen Humbug in Umlauf brachte: die Koordinationsstelle für deutsche Getränke e.V., damals ein Zusammenschluß von Brauern, Winzern, Mineralwasserfirmen und Molkereien. In Italien streuten Gegner der US-Limonade, Coca-Trinkern würden die Haare ausfallen.
Am schlimmsten hatte bislang der US-Konzern Procter & Gamble unter einer Rufmordkampagne zu leiden. Das Unternehmen, so hieß es in den achtziger Jahren, habe einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Einer der Belege: Betrachte man das Firmenlogo in einem Spiegel, erscheine die Zahl 666, ein Symbol des Satans.
Als auch noch Geistliche in ihren Predigten den Stuß verkündeten, als Flugblätter in Supermärkten zum Boykott von Pampers oder Dash aufriefen, mieden amerikanische Hausfrauen die Produkte der Firma wie der Teufel das Weihwasser. Auf dem Höhepunkt der Hysterie schaltete Procter & Gamble gebührenfreie Leitungen zur Konzernzentrale nach Cincinnati, wo 60 Mitarbeiter aufgeregte Anrufer beruhigten. Privatdetektive überführten dann sieben Männer als Verfasser der diffamierenden Flugblätter - sechs von ihnen standen im Dienst von Konkurrenzunternehmen.
Doch nur selten lassen sich die Urheber einer Verleumdungskampagne outen. So fand in den USA McDonald's nie heraus, wer dort das schier unausrottbare Gerücht in die Welt setzte, der Bulettenkonzern setze seinen Hamburgern zur Protein-Anreicherung Regenwürmer zu.
Der Münchner Zigarettenhersteller Philipp Morris weiß bis heute nicht, wer die Mär in Umlauf brachte, der Marlboro seien Blausäure und illegale Drogen beigemischt. Über den Verdener Tierfutter-Hersteller Effem kursiert das Gerücht, "Whiskas" und "Kitekat" enthielten ein geheimes Mittel, das Katzen süchtig nach diesem Futter mache.
Als besonders wirksam haben sich in Deutschland zwei Standard-Diffamierungen erwiesen: angebliche Sympathien zu Rechtsradikalen und zu Sekten.
"In übelster Weise verunglimpft" fühlte sich beispielsweise Hermann Arnold, Geschäftsführer der Licher Privatbrauerei, als im Oberhessischen das Gemunkel auftauchte, die Firma unterstütze die Republikaner. Unter diesem "Rufmord", so Arnold, habe zwar nicht das Unternehmen gelitten, "aber so etwas trifft die Menschen, die das Unternehmen leiten".
Eine Menge Ärger bekam die Asklepios Kliniken GmbH aus Kronberg bei Frankfurt, als über die privaten Krankenhausbetreiber im vergangenen Jahr die Fama in die Welt gesetzt wurde, in ihren 20 Kliniken würden Patienten von Scientology-Anhängern behandelt.
Das ist in dem harten Medizin-Business ein böser Vorwurf, der sich unmittelbar in den Bilanzen niederschlagen kann. Die Firmenchefs mußten Krankenkassen und Sozialbehörden überzeugen - unter anderem durch 15 eidesstattliche Versicherungen -, daß der angebliche Scientology-Kontakt nur eine üble Nachrede war.
Eine Verleumdungsanzeige gegen Unbekannt brachte, wie in fast allen solcher Fälle, nichts. Bernhard Broermann, einer der beiden Gesellschafter der Asklepios, hat zwar einen ziemlich konkreten Verdacht.
Doch Rufmörder sind schwer zu fassen. Broermann: "Wir konnten es letztendlich nicht beweisen." Y

DER SPIEGEL 42/1994
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