17.10.1994

ProzesseBeweise im Justitia Park

Der Mordprozeß gegen den amerikanischen Football-Star Simpson wird zur Computershow.
Vollbracht wurde die Bluttat mit einem gewöhnlichen Messer, aufgeklärt werden soll sie nun mit Hilfe höchstentwickelter Multimedia-Technologie. Der Mordprozeß gegen den amerikanischen Football-Star Orenthal James (O. J.) Simpson, 47, wird nicht nur als Medienereignis, sondern auch als erstes vollcomputerisiertes Schwurgerichtsverfahren in die Justizgeschichte eingehen.
Um die eigenen Truppen vorzubereiten und um vor allem die Geschworenen nachhaltig zu beeindrucken, lassen Ankläger und Verteidiger von hochbezahlten Trickspezialisten am Computer nachstellen, wie sich der Mord an Simpsons Ex-Frau Nicole Brown Simpson, 35, und ihrem Begleiter Ronald Goldman, 25, abgespielt haben könnte.
Dreidimensional und in Farbe werden das Verbrechen und seine Folgen am Bildschirm simuliert. Für eindringliche Realitätsnähe sollen Grafikprogramme und Spezialeffekte sorgen, wie sie auch beim Dino-Kinokassenknüller "Jurassic Park" verwendet wurden.
Beweiswürdigung im Justitia Park: "Computeranimationen mit eingeblendeter Stoppuhr", kündigte Simpson-Anwalt Lee Bailey an, werden womöglich "die Frage erledigen", ob sein Mandant die Tat begangen hat.
Auf einem hochauflösenden Großbildschirm wollen Verteidiger und Ankläger bewegte Digitalbilder einspielen. Sie sollen der Jury die Beweisaufnahme mit vielfältigen Eindrücken für die Sinne plastisch machen (siehe Grafik). "Ein Bild", erklärt Bailey, "sagt wirklich soviel wie tausend Worte."
Nicht nur draußen vor den Fernsehern, sondern auch auf der Geschworenenbank sitzen jetzt "Leute mit einer Konzentrationsspanne von maximal einer halben Stunde", meint David Muir, Spezialist für Gerichts-Software bei der Firma Forensic Technologies International.
Bei Zuschauern aus der Fernseh-Generation, "die mehr vom Bildschirm geprägt werden als von dem, was sie im wirklichen Leben sehen oder hören", warnt der Rechtsexperte Paul Rothstein von der amerikanischen Georgetown University, hinterlasse die Multimediaschau einen "ungeheuren Eindruck".
Solche Computershows könnten sogar, klagte der Strafrechtler in der Tageszeitung USA Today, die eigentliche Wahrheitsfindung gefährden. Der Ausgang des Verfahrens werde so womöglich von der Partei bestimmt, die "sich die ausgefeilteste Grafikpräsentation leisten kann".
Den computergestützten Gerichtsgrusel kann das Publikum sogar zu Hause am Personalcomputer nachspielen. Verlage und Datendienstleister bieten, wie beim Kinostart von Jurassic Park voriges Jahr, eine Vielzahl von Programmen an. So hat das US-Unternehmen Turner Home Entertainment gemeinsam mit dem Fernsehsender CNN eine PC-taugliche Compact Disc (CD-Rom) entwickelt, die es erlaubt, den Simpson-Prozeß am Bildschirm zu simulieren.
Die mehr als zwei Millionen Kunden des weltweit präsenten Kommunikationsdienstes Compuserve wiederum dürfen unter insgesamt acht Diskussionsforen und Datenbibliotheken zum Simpson-Prozeß wählen. Von dort können sie sich, über das Telefonnetz, zum Beispiel digitalisierte Original-Polizeiskizzen vom Tatort auf den eigenen Computer holen. Und im globalen Rechnerverbund Internet (geschätzte Zahl der Benutzer: mehr als 25 Millionen) lassen sich täglich die neuesten O.-J.-Witze abrufen.
Dort wird auch demonstriert, wie sich Computertechnik zur Manipulation von Bildern und Dokumenten nutzen läßt. So können die Benutzer aus einem speziellen Rechner digitale Simpson-Fotos und den O-Ton eines Interviews abrufen - alles gefälscht. Y
[Grafiktext]
_207_ Simpson-Prozeß, Computereinsatz
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 42/1994
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