31.01.1994

Sie hatten Angst vor ihm

Interview mit Rechtsanwalt Alan Dershowitz über Mike Tyson und seine Richter

SPIEGEL: Herr Dershowitz, Sie verlangen, daß der Supreme Court, das oberste Bundesgericht der USA, das Urteil gegen Mike Tyson aufhebt. Warum?

Dershowitz: An dem Verfahren ist vom ersten Tag an gedreht worden. In meinen 30 Jahren als Anwalt habe ich niemals zuvor ein zynischeres Rechtssystem gesehen als das des amerikanischen Bundesstaates Indiana. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich habe schon in China, in der Sowjetunion und in anderen totalitären Staaten plädiert.

SPIEGEL: Worauf gründet sich der Vorwurf?

Dershowitz: Der Richter wird in Indiana vom Staatsanwalt ausgewählt. Und der hat sich für eine Richterin entschieden, bei der er davon ausgehen konnte: "Die steht auf unserer Seite, die haben wir in der Tasche."

SPIEGEL: Die Richterin hat doch nicht allein entschieden. Die Geschworenen haben Tyson für schuldig erklärt, und Berufungsgerichte haben Ihre Eingaben gegen das Urteil abgelehnt.

Dershowitz: Aber die Richterin lehnte drei Zeugen ab, wahrscheinlich die wichtigsten des gesamten Verfahrens. Sie erinnern sich: Im Hotelzimmer gab es keine Zeugen - Tysons Wort steht gegen das Wort von Desiree Washington. Daher wäre das, was sich in den Minuten zuvor in der Limousine und auf dem Weg in das Zimmer ereignete, von entscheidender Bedeutung gewesen.

SPIEGEL: Desiree Washington behauptet, sie habe Tyson nie berührt.

Dershowitz: Tyson hingegen sagte unter Eid aus, daß es im Auto zum Austausch von Zärtlichkeiten, zum sexuellen Vorspiel kam. Hand in Hand gingen sie in das Hotel - und das wollen die drei Zeugen beobachtet haben. Das wäre folglich der Beweis: Sie hat gelogen, und Tyson hat die Wahrheit gesagt.

SPIEGEL: Warum wurden diese Zeugen nicht gehört?

Dershowitz: Es gab damals unzählige Anrufe von Leuten, die für 100 000 Dollar ein angeblich entlastendes Video liefern wollten. Daher nahmen wir auch diese Zeugen zunächst nicht sehr ernst. Als wir sie dann nach einem Gespräch mit ihnen benennen wollten, lehnte die Richterin die Zulassung ab. Sie wollte ihre Trophäe Tyson um keinen Preis verlieren.

SPIEGEL: Spielt im Fall Tyson Rassismus eine Rolle?

Dershowitz: Dieser Fall ist komplizierter. Denn der Angeklagte ist ebenso wie das angebliche Opfer schwarz. Mike Tyson wurde den Geschworenen allerdings wie das rassistische Stereotyp eines Schwarzen vorgeführt: triebhaft, kräftig, ungebildet, muskulös, furchterregend. Die Geschworenen hatten buchstäblich Angst vor ihm. Obendrein wurde ihnen manche relevante Information vorenthalten.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Dershowitz: Desiree Washington gab den Geschworenen zu verstehen, daß sie eine unberührte und unschuldige Frau gewesen sei, als sie Tyson begegnete. Sie sei weder auf Geld aus, noch habe sie irgendein Motiv zu lügen . . .

SPIEGEL: . . . jetzt klagt sie auf 35 Millionen Dollar Schadensersatz.

Dershowitz: Ja. Aber auch sonst ist sie nicht so unschuldig: 18 Monate vor der Begegnung mit Tyson hatte sie sexuellen Verkehr mit einem weißen Mitschüler. Als ihr Vater das erfuhr, drohte er ihr: "Ich schlage dich tot!" Das Mädchen versuchte ihre Haut zu retten mit der Behauptung: "Er hat mich vergewaltigt!" Als der Vater schon drauf und dran war, die Polizei anzurufen, beichtete sie ihm die Wahrheit. Daraufhin hat er sie derart verprügelt, daß die Polizei ihn einsperrte.

SPIEGEL: Warum spielte diese falsche Vergewaltigungsanschuldigung von damals im Verfahren keine Rolle?

Dershowitz: Die Richterin ließ es nicht zu. Folglich wußten die Geschworenen nichts davon. Wenn wir heute diesen Prozeß noch einmal durchführen würden, wäre Tyson in zehn Minuten freigesprochen, so viele neue Beweise und Zeugenaussagen liegen uns vor. Immerhin haben wir eins schon erreicht: Das Berufungsgericht Indianas prüft, ob die Staatsanwaltschaft Beweise unterdrückt hat.

SPIEGEL: Wenn die Indizien so eindeutig für Tysons Unschuld sprechen, warum rührt sich dann das amerikanische Rechtsbewußtsein nicht?

Dershowitz: Der Bürgerrechtler Jesse Jackson und auch Magic Johnson haben mich angerufen, um ihre Sympathie für Tyson auszudrücken. Aber so einfach ist das nicht: Der Fall eignet sich nicht für eine eindeutige Empörung über das Unrecht. Früher war die Verteidigung der wegen Vergewaltigung Angeklagten recht einfach - die Opfer wurden nicht gerecht behandelt. Heute schlägt das Pendel stark in die entgegengesetzte Richtung. Man kann Verständnis für einen Dieb oder einen Mörder zeigen - aber nicht für einen Vergewaltiger.

SPIEGEL: Haben sich deshalb die Medien nicht für Tyson eingesetzt?

Dershowitz: Die Mehrheit der Zeitungen interessiert sich nicht für Verfahrensfehler oder Falschaussagen, sondern rätselt lieber: "Was geschah im Hotelzimmer?" Für einige Blätter war dieser Fall nur eine Sportgeschichte. Die New York Times hat den Fall William Kennedy Smith . . .

SPIEGEL: . . . des wegen angeblicher Vergewaltigung in Florida angeklagten Kennedy-Neffen . . .

Dershowitz: . . . auf der ersten Seite gemeldet, während über Tyson nur im Sportteil berichtet wurde. Die Auseinandersetzung fand nicht mit ihm als Menschen, sondern als Sportstar statt, als jemandem, der aus dem Ghetto aufgestiegen ist, sich aber nicht veränderte. Tyson ist ein Mann, der sich nicht artikulieren kann und deshalb bei den Menschen auf wenig Mitleid oder Sympathie stößt.

SPIEGEL: Wenn Tyson Kennedy hieße, wäre er jetzt ein freier Mann?

Dershowitz: Aber ja, daran besteht kein Zweifel. Nur hier in Indiana hatte er keine Chance. Mike Tyson ist für mich eine tragische Figur. Ich hoffe nur, daß er nicht tragisch enden wird.

SPIEGEL: Wie schätzen Sie die Möglichkeiten ein, daß das Oberste Gericht Ihrem Antrag folgt und das Urteil gegen Tyson aufhebt?

Dershowitz: Ich bin nicht sehr optimistisch, zumal sich dieses Gericht nur mit wenigen Fällen befaßt. Wird unser Ansinnen abgelehnt, werden wir einen anderen Weg einschlagen. Doch bis dahin wird ein Jahr oder mehr vergehen. Wir kämpfen gegen die Uhr - wir wollen ihn aus dem Gefängnis herausholen, bevor er seine Strafe abgesessen hat. Y


DER SPIEGEL 5/1994
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