07.02.1994

MinisterDie Krankheit Politik

Über Rainer Ortleb, 49, reden seit seinem Rücktritt vom Amt des Bundesbildungsministers seine und unsere Kollegen so, als sei er verschieden. Im Nachruf des Ministers Norbert Blüm fällt das Wort "unbarmherzig", die Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth spricht von Überforderung. Bundeskanzler Helmut Kohl verweist darauf, daß viele in Bonn bis zur Grenze des Zusammenbruchs "belastet" sind.
Rhetorische Kondolenzgebinde für einen politischen Helden. Sie hatten einen Kameraden. Nur, daß er eben noch unter ihnen rumsteht, den Kopf zwischen den Schultern versteckt, linkisch und hilflos. Er ist ja nicht wirklich gestorben, nur politisch. Schonungslos liefern die Fernsehkameras sein nacktes Gesicht am Donnerstag vergangener Woche der Öffentlichkeit aus. "Minister Ortleb stürzt über Alkohol", schlägt tags darauf die Titelzeile von Bild nach.
Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen? Der Bildungsminister stützt sich auf den Rat seines Arztes. In Wahrheit muß er nichts erklären, um kenntlich zu machen, daß sein Ausscheiden aus der Bonner Politik ein Hilfeschrei ist - ein verzweifelter Hinweis auf die zerstörerische Qualität des Politik-Betriebes.
Ortlebs Politiker-Kollegen, die sogenannten Parteifreunde vorneweg, verstehen das nur allzugut. Denn der sensible Neuling aus dem Osten, dessen persönlicher Absturz und politischer Aufstieg aneinandergekoppelt scheinen wie Kabinen eines Paternosters, hat ihrer aller Not offenbart. Für einen Augenblick reißt ein Abgrund von Lebensangst auf.
Eigentlich hat rückblickend jeder das Unheil kommen sehen. Denn ungewöhnlich offen - unprofessionell eben, wie seine Kollegen spöttisch oder verächtlich monieren - pflegte der scheue Mathematiker und Informatiker aus Rostock seine Lebensschwierigkeiten im feindseligen Bonn zu offenbaren. Er hat über seine Fremdheit und seine Einsamkeit gesprochen, familiäre Schwierigkeiten beklagt.
Sonderlich viel Anteilnahme hat er damit nicht geweckt, eher Hohn. Als ob es nicht jedem in Bonn so ähnlich erginge. Da muß man durch.
Was folgt, ist bekannt: Übermüdung, Versagensängste, Frust. Im November vergangenen Jahres wird Ortleb von seinem Fahrer hilf- und bewußtlos in seiner Wohnung gefunden. Im Johanniter-Krankenhaus am Rande des Bonner Regierungsviertels diagnostizieren die Ärzte einen schweren Kreislaufkollaps, eine Lungenentzündung kommt dazu.
Allergiker ist Ortleb sowieso. Das sind körperliche Aggressionen gegen sich selbst, weiß er. Denn schon vor 20 Jahren hat ihm ein Arzt den Zusammenhang zwischen körperlichen Defekten und seelischen Schwierigkeiten erklärt.
Im Januar meldet sich der Minister zurück, um zehn Kilo leichter und sichtlich verjüngt. Maskiert mit neuer Brille, fescher Krawatte und flottem Haarputz, tönt er: "Ich habe jetzt die Kraft." Brav. Parteichef Klaus Kinkel fährt ihm vor den Fernsehkameras mit der Hand über die Stoppeln, als tätschele er einen Schulbuben.
Die Parteioberen hatten den Kranken zuvor aufgemuntert, liebevoll und ahnungslos. Mangel an Menschenkenntnis, hat einmal ein SPD-Spitzenmann bekannt, ist eine Grundvoraussetzung für Bonner Karrieren. Das gilt nicht nur für Sozialdemokraten.
Drei Wochen nach seiner Rückkehr ins Amt klappt Ortleb in Rostock bei einer öffentlichen Veranstaltung erneut zusammen. Seine Parteifreunde in Mecklenburg-Vorpommern drängen auf Rücktritt, in ganz Deutschland fordern, nach der vom Minister vertretenen Bafög-Kürzung, Tausende von Studenten: "Ortleb muß weg."
Kann sich einer noch verlassener fühlen? In Bonn kennen alle seine Not. Jeder denkt angstvoll an sich. Kein Wunder, daß sein Beispiel schockt.
Ist es also doch eine politische Krankheit, die den Ossi zum Aufgeben nötigt? Die Politik ist die Krankheit. Und die Form, in der sie behandelt wird - durch Verschweigen, Verleugnen, Verdrängen -, ist Symptom genau jener inhumanen Ratlosigkeit, die sie zu überwinden vorgibt.
Alkohol? Nicht nur Ortleb selbst, sondern alle seine Parteifreunde reagieren nahezu panisch auf jede Erwähnung von Trinkproblemen. Gewiß, aufgefallen ist es schon, daß der Minister zu unpassenden Gelegenheiten oft "ein bißchen sehr gut drauf war". Aber außer mit väterlichen Ermahnungen, mit dem Sprit vorsichtig umzugehen, wenigstens öffentlich, haben sie ihm nicht helfen können und wollen.
Wie immer in solchen Fällen gehört es zur Tragik des Hilfebedürftigen, daß alle hilfsbereit weggucken. Für Ärzte mag Alkoholismus eine Krankheit sein, für Politiker ist er eine Schande. Die Politik-Manager, in Furcht vor Skandalen und auf Erfolg fixiert, verbünden sich als Komplizen mit dem Betroffenen "in der infantilen Hoffnung, es werde schon gutgehen", weiß der Suchtarzt Diether Baumann.
Nur allzu willig folgen die FDP-Verantwortlichen deshalb den Beteuerungen Ortlebs, sein Problem resultiere vorwiegend aus privaten Schicksalsschlägen. Nach zwei gescheiterten Ehen klingt das plausibel. Wahr ist aber, daß derartige Schicksalsschläge fast zwangsläufig als Begleiterscheinung der politischen Karriere auftauchen.
Daß er sich wie ein "Findelkind" vorkomme in der kalten Konkurrenzgesellschaft des Westens, hat Ortleb oft erzählt. Wenn er sich, daheim in der Wohnung in Rostock mit dem ollen Teppich, auf der Mattscheibe seines Schwarzweiß-Fernsehers als Bonner Minister rumturnen sah, dann, hat er bekannt, "glaube ich mir das gar nicht".
Niemand wird bestreiten, daß sich auch andere Minister und Abgeordnete aus dem Osten mit dem vom Kanzler beklagten teilweise "erbarmungslosen Alltag" der Politik schwerer tun als ihre Westkollegen. Aber haben nicht auch schon vor der Wende Politiker aller Parteien über Kälte, Realitätsferne unter der Käseglocke am Rhein geklagt? Haben sie nicht gejammert über die süchtige Entgleisung des politischen Betriebes zu leerlaufendem Selbstzweck?
Daß Politik eine Sucht sei, bestätigt jeder, der länger dabei ist. Wer plötzlich hohe Ämter und Funktionen in Parlament, Regierung oder Partei einbüßt, leidet unter "Entzugserscheinungen". Alle klagen über den Verlust an regelmäßigen Kicks durch öffentlichen Beifall und interne Machtbefriedigung.
Sind Politiker also Junkies? Macht als Droge, Arbeit als Rauschmittel, öffentliche Anerkennung und Aufmerksamkeit als Aufputsch-Stoff? Es sind ja nicht die Drogen, die abhängig machen, sondern es ist ihre Wirkung. "Sucht", schreibt der Frankfurter Psychologe Werner Gross, "ist eine Möglichkeit, dem Leben davonzulaufen, eine innere Leere auszufüllen."
So genau wollen es die Akteure aber meist nicht wissen. Sie reden natürlich metaphorisch, wenn sie sich selbst als "Workaholics" preisen und anderen "Machtrausch" vorwerfen. Doch je deutlicher sie ahnen, daß die inneren Defizite, die sie mit solchen Mitteln zu überdecken versuchen, real sind, desto weniger wollen sie mit denen zu tun haben, die zur Flasche greifen statt zum Mikrofon oder zum Terminkalender, um die Seelenlöcher zu stopfen.
Und so reagieren Politiker mit besonders aggressiver Abwehr auf jeden Hinweis, sie tränken vielleicht manchmal mehr als ein Gläschen in Ehren. Eine Abgeordnete der Grünen, die im Bundestag einmal Kollegen therapeutische Behandlung empfahl, fühlte sich fortan körperlich bedroht von trinkfrohen Volksvertretern.
Auch der CDU-Abgeordnete Werner Ringkamp, seit Jahren trockener Alkoholiker, dürfte sich keine Freunde gemacht haben mit seiner öffentlichen Mutmaßung, mindestens 40 Bonner Politiker seien behandlungsreif. Dabei sind es mit Sicherheit mehr.
"Irgendwann macht der Körper das nicht mehr mit", hat Rainer Ortleb unlängst geunkt, als er sich wieder einmal über Härte und Häme des Bonner Politgeschäfts beklagte: "Auch ein Politiker ist nur ein Mensch."
Daß er diese Erkenntnis inzwischen durch Erfahrung abgesichert hat, verschafft Rainer Ortleb möglicherweise einen lebensrettenden Vorsprung vor seinen Bonner Nachrufern. Y
Von Jürgen Leinemann

DER SPIEGEL 6/1994
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