24.10.1994

„DURCH HITLER GEBOREN“

Man kann die Uhr nach ihnen richten. Pünktlich um sechs Uhr früh beginnt das Häuflein deutschstämmiger Juden am menschenleeren Strand gegenüber der Frischmanstraße in Tel Aviv mit seiner Morgengymnastik. Armkreisen, Rumpfbeugen, 20 Minuten lang, jeden Morgen, bei Wind und Wetter, bei Krieg und Frieden, seit sie aus Deutschland nach Zion kamen.
Das liegt bei den meisten sechs Jahrzehnte zurück. Viele aus dem Kreis der Frühaufsteher, die sich da fit halten, starben seither, manche kehrten zurück nach Deutschland, andere sind nicht mehr in der Lage, ihre Wohnung zu verlassen. Diejenigen, die sich noch einigermaßen bewegen können, bilden eine verschworene Gemeinschaft.
"Wer rastet, der rostet", keucht die 83jährige Paula Levite. Sie wohnt, seit sie 1936 aus dem fränkischen Schopfloch ins Land kam, im Norden Tel Avivs. Eisern watschelt sie von ihrer Wohnung in der Dizengoffstraße jeden Morgen zum Strand.
Wenn sich die Frühsportler nach der Körperertüchtigung gegen sieben Uhr auf den Heimweg machen, erwacht das Leben in der Großstadt Tel Aviv. Die Nachbarn schütteln den Kopf über die verschrobenen Alten, beneiden sie jedoch um ihre "deutsche Disziplin".
Die deutschstämmigen Israelis sind bis heute Außenseiter in der multikulturellen Gesellschaft des jüdischen Staates, auch wenn viele von ihnen schon ewig lange in Zion leben. Noch heute müssen sie sich manchmal Beschimpfungen anhören, die früher gang und gäbe waren: "Hitler-Zionisten" oder "Deutsche wie die Nazis".
Sie haben beim Aufbau Israels mitgewirkt und viel für die staatliche Ordnung getan. "Die Deutschen haben das Bewußtsein hergebracht, daß ein Vertrag ein Vertrag ist und Schulden zurückgezahlt werden müssen", konstatiert Uri Avnery, der aus Hannover stammt und in Israel und darüber hinaus als eigenwilliger Publizist und langjähriger Knesset-Abgeordneter bekannt ist.
Dennoch ziehen die "Jeckes", wie sie von jedermann in Israel genannt werden, den Spott derer auf sich, die vor ihnen da waren. Jecke, höhnen die "Zabarim" (die im Lande Geborenen), sei die Abkürzung der hebräischen Wortfolge jehudi kasche hawana - Jude, der schwer von Begriff ist.
Woher die Bezeichnung Jecke tatsächlich kommt, weiß keiner genau. Auch die anderen Erklärungsvarianten, die kursieren, sind für die deutschen Einwanderer nicht schmeichelhaft - gleich, ob sie auf die Eigenart anspielen, sich selbst bei größter Hitze korrekt mit einer Jacke, jiddisch "Jekkale", zu kleiden, oder auf die Verwandtschaft mit Karnevalsjecken.
Sie leben bis heute in einer seltsam existentiellen Ambivalenz zwischen Israel, dem Gelobten Land, das ihnen Zuflucht und Heimat wurde, und Deutschland, das sie vertrieb und ihre Angehörigen ermordete. In Israel gelten sie als teutonische Sonderlinge und arrogante Besserwisser, aber auch als verdienstvolle Mitbegründer des modernen Zion. Einer übertrieben positiven Selbsteinschätzung steht die ablehnende Geringschätzung entgegen, auf die sie in ihrer Umgebung stoßen.
"Wir deutschen Juden sind ein göttlicher Seitensprung", meint der israelische Historiker Walter Zwi Bacharach. Ein Fehltritt, aber immerhin höchster Güte. Ron Prosor, ein junger Diplomat im Jerusalemer Außenministerium, dessen Familie vor 60 Jahren aus Deutschland eingewandert ist, gerät ins Schwärmen, wenn er über den "enormen Beitrag" doziert, "den deutsche Juden für unsere Kultur, unsere Wissenschaft, unser Rechtswesen et cetera, et cetera geleistet haben". Für seine Kollegin, eine attraktive Diplomatin im Außenministerium, sind dagegen "die Jeckes humorlose Holzköpfe, die ich nicht ausstehen kann".
Die Jeckes waren Adolf Hitlers Geschöpfe. "Ich wurde durch Hitler geboren", sagt Gad Walter Guggenheim, der in Nürnberg seine Kindheit verbrachte und heute als Rentner in Tel Aviv lebt. Der Naziterror hatte ihn, wie viele andere deutsche Juden, dazu getrieben, seine Heimat zu verlassen.
Die Emigration wurde von den Zionisten kräftig gefördert. Denn in Palästina lebten zu Beginn der dreißiger Jahre nur gut 200 000 Juden. Damit war noch kein Judenstaat zu machen. Der Antisemitismus der Nazis erschien den Zionisten als eine historische Chance. In Deutschland lebten damals mehr als eine halbe Million Juden. Die wollten nun die Zionisten ins Gelobte Land locken.
Nur ein halbes Jahr nach Hitlers Regierungsübernahme besuchte Arthur Ruppin, in der Zionistischen Organisation für das Siedlungswesen zuständig, die neuen Machthaber in Berlin, die ihre Juden - zunächst - so schnell wie möglich loswerden wollten. Nazis und Zionisten wurden rasch handelseinig: Die deutschen Behörden erlaubten jedem Palästina-Auswanderer die Mitnahme von 1000 britischen Pfund sowie die Ausfuhr deutscher Waren im Wert von 20 000 Reichsmark.
Doch anders, als es sich die Zionisten und ihre deutschen Kumpane vorgestellt hatten, war die überwältigende Mehrheit der deutschen Juden zunächst entschlossen, den Nazis standzuhalten und in ihrer Heimat zu bleiben. Und wenn schon weg aus Deutschland, dann standen andere Länder auf der Wunschliste. Von den 300 000 deutschen Juden, die schließlich das Land verließen, wanderte nur jeder fünfte nach Palästina ein.
Lea Jacob fühlte sich damals als "enthusiastische Deutsche". Den "braunen Spuk" nahm die Schülerin des Fürstin-Bismarck-Lyzeums in Berlin zunächst nicht ernst. Daß die Nazis in Deutschland das Regiment übernommen hatten, wurde der 14jährigen erst bewußt, "als meine Busenfreundin Marianne am 1. April 1933 mit einer Hakenkreuzbinde am Arm auftauchte". "Da sah ich rot - ich stürzte mich auf sie und habe sie wahnsinnig verprügelt", berichtet die Ex-Berlinerin, die heute als Altenpflegerin in Tel Aviv lebt.
Nach der Keilerei besuchte Lea das jüdische Theodor-Herzl-Gymnasium - benannt nach dem Begründer des politischen Zionismus. Die Schule lag am Adolf-Hitler-Platz - benannt nach dem neuen deutschen Führer und mächtigsten Antisemiten. "Alles erschien sinnlos. In mir war etwas zerbrochen. Ich konnte einfach nicht länger in Deutschland leben." Lea setzte ihren Eltern "so lange zu, bis sie mich auf eigene Faust nach Palästina ziehen ließen".
Mit Zion hatte der kaufmännische Angestellte Arnold Andermann aus Remscheid "nie etwas im Sinn gehabt. Ich war Deutscher und sonst gar nichts", erzählt der rüstige 92jährige Rentner, der in einem Häuschen in Kirjat Ono östlich von Tel Aviv lebt. Das sahen Millionen Deutsche damals anders. Arnold Andermann wurde noch 1933 gekündigt, "weil ich Jude war". Er erinnert sich noch heute voller Empörung: "Man wollte mich nach Polen abschieben, obwohl mein Vater schon als Jugendlicher nach Deutschland eingewandert war und im Ersten Weltkrieg als deutscher Soldat gekämpft hatte."
So landete er 1934 mit seiner Frau Lilly, einer Musiklehrerin, doch in Palästina. Kein anderes Land war bereit gewesen, das Ehepaar aufzunehmen.
Berthold Proskauer, der Großvater des jungen Diplomaten Ron Prosor, diente 1933 als Offizier in der Reichswehr. "Er war deutscher Patriot ohne Wenn und Aber. Mit Zionismus hatte er nichts am Hut", erzählt sein Sohn Uri, ein ehemaliger israelischer Marineoffizier und Diplomat. Ähnlich wie Proskauer dachten die meisten deutschen Juden. Sie befürchteten, durch die Betonung eines jüdischen Nationalismus könnten Zweifel an ihrer Loyalität zu Deutschland entstehen.
Die Machtübernahme der Nazis war für Proskauer kein Grund, Deutschland zu verlassen. Doch seine Frau bedrängte ihn, die antisemitischen Hetzparolen ernst zu nehmen. Wenige Wochen später quittierte er den Dienst und siedelte mit Kind und Kegel nach Palästina über.
"Mein Vater war sehr unglücklich hier, ständig hatte er Sehnsucht nach Deutschland." Proskauer weigerte sich, Hebräisch zu lernen. "Er ging lieber zum Biertrinken ins Deutsche Quartier", wo sich deutsche Diplomaten und deutsche Nationalisten aus der "Templergesellschaft" beim Stammtisch trafen.
Proskauer dachte nicht daran, seinen deutschen Paß zurückzugeben: "Eine Staatsbürgerschaft ist kein Hemd, das man wechselt, wenn es schmutzig wird." Kritik an Deutschland verbat sich der Jecke. Die strenge Erziehung seines Sohnes zu den preußischen Tugenden Ehrlichkeit, Pünktlichkeit und Disziplin wurde zu seiner Hauptbeschäftigung.
Berthold Proskauer vereinsamte zusehends. Nach der Niederlage der Nazis weigerte er sich zunächst, Berichten über die Schoah** Glauben zu schenken: "Das hat man uns im Ersten Weltkrieg von den Alliierten auch vorgeworfen. Das ist alles Propaganda!" Erst als er die Filmaufnahmen aus den befreiten Konzentrationslagern sah, ließ er sich überzeugen. Wenige Monate später starb der Patriot verbittert in Jerusalem.
Viele deutsche Einwanderer sahen, ähnlich wie Proskauer, Zion nicht als neue Heimat, sondern als aufgezwungenes Exil an. Sie betrachteten das deutsche Generalkonsulat in Jerusalem als Vertretung ihres Vaterlandes, auch wenn auf dem Gebäude die Hakenkreuzfahne flatterte und drinnen die Hitler-Porträts an den Wänden hingen.
Selbst die sogenannte Reichskristallnacht im November 1938, als in Deutschland der Terror gegen die Juden mit Brandschatzung, Mord und Verhaftungswellen eskalierte, änderte nichts ** Hebräisch für den Holocaust. _(* Als Angehöriger des kaiserlichen ) _(Heeres. ) an ihrer Treue: Wie von der Naziführung verfügt, ließen sich manche sogar im Jerusalemer Konsulat die jüdischen Namen Sara und Israel in ihre deutschen Pässe eintragen. Und ein paar Jeckes wollten die "Judenbuße" ans deutsche Finanzamt überweisen, die nach der "Kristallnacht" von den Nazis verhängt worden war.
Die zionistischen Funktionäre, die sich um die deutschen Immigranten bemüht hatten, waren enttäuscht, als sie bemerkten, wie stark viele von diesen noch der alten Heimat verbunden waren. Ihre hohen Erwartungen schlugen vielfach in schiere Verachtung um: "Das Menschenmaterial, das aus Deutschland zu uns kommt, wird immer schlimmer", beklagte die Zionistische Deutsche Einwanderungsvereinigung in einem internen Bericht.
Unter jenen deutschen Palästina-Immigranten, die der Idee eines eigenen jüdischen Staates Sympathien entgegenbrachten, hegten viele übertrieben romantische Vorstellungen von Zion. Else Lasker-Schüler aus Elberfeld bei Wuppertal, die exzentrische Poetin, schwärmte seit ihrer Jugend für das Gelobte Land, vor allem für Jerusalem - "Gottes verschleierte Braut, die Sternwarte des Jenseits, der Vorhimmel des Himmels". 1934 besuchte sie von der Schweiz aus erstmals Palästina. Als ihr die Schweiz 1939 nach einem dritten Besuch die Wiedereinreise verweigerte, nahm sie endgültig ihren Wohnsitz in der Stadt Davids.
Sie war eine alte mittellose Frau geworden und lebte mehr schlecht als recht von den Zuwendungen einiger Freunde. 1943 veröffentlichte sie ihren letzten Gedichtband "Mein blaues Klavier". Statt Jerusalem-Begeisterung machte sich darin Todeselegie breit - ein Bezug zum Lande Israel fehlt vollkommen. Das Buch fand selbst unter Jeckes wenig Anklang.
Beachtet wurde Lasker-Schüler fast nur noch von den Gassenjungen ihres Viertels, die sie als "Verrückte" verspotteten. Im Juni 1944, ein halbes Jahr vor ihrem Tod, schrieb die 75jährige verbittert: "Ich bin am Ende, so litt ich - hier im Volk, für das ich mich schlug - seit - Kind."
Der Schriftsteller Arnold Zweig war 1933 als Zionist ins Land gekommen. In einem Brief an Sigmund Freud beklagte er sich über den zu kleinen Schreibtisch und die nicht funktionierende Heizung in seinem engen Hotelzimmer: "Sie werden meinen, daß ich mich zu ausführlich über die Zentralheizung auslasse. Aber diese Fragen des praktischen Lebens sind das Hauptproblem dieses Landes. Wir sind nicht bereit, unseren Lebensstandard aufzugeben, und dieses Land ist nicht in der Lage, (dieses Bedürfnis) zufriedenzustellen."
Auch Zweig war auf Spenden von Verehrern angewiesen. Die öffentliche Anerkennung blieb ihm in Palästina versagt. Statt öffentlichem Beifall setzte es Hiebe. Bei Vorträgen wurde er wiederholt von antideutschen Eiferern am Reden gehindert und sogar tätlich angegriffen.
Zweigs theoretischer Zionismus war erloschen. 1948, noch vor der Gründung der DDR, übersiedelte der 61jährige nach Ost-Berlin, wo er bis zu seinem Tode, zwei Jahrzehnte später, lebte. Das einst verheißene Zion besuchte er nie wieder.
Deutsche Autoren konnten wenig erhoffen in einem Land, dessen deutschsprachige Zeitungen ihre Leser davor warnten, sich auf der Straße ihrer Muttersprache zu bedienen. Seit 1933 galt Deutsch gleich Hitler-Reich gleich Judenfeindschaft. Die zionistische Gesellschaft Palästinas verstand sich als Trägerin eines "neuen, stolzen Judentums". Zu gern wäre man den deutschen Antisemiten an die Gurgel gegangen. Da die Nazis aber zu mächtig waren, hielt man sich an jene, die in der Nähe waren: die deutschsprechenden Juden.
So blieben die Jeckes auch in Palästina Sündenböcke, wie sie es bereits in ihrer Heimat gewesen waren. In Deutschland hatte man sie für den "Mord" am Juden Jesus und manch anderes geprügelt. In Zion mußten sie für den deutschen Judenfeind Hitler büßen: "Auf der Straße und in der Öffentlichkeit sprachen wir bis Anfang der fünfziger Jahre lieber nicht Deutsch", berichtet der 84jährige Rentner Hermann Aufhäuser. "Wenn man keine andere Sprache beherrschte, hielt man am besten den Mund."
Deutsche Zeitungen herauszubringen war während der Hitler-Ära in Palästina eine gefährliche Angelegenheit. Wiederholt wurden Sprengsätze in die Redaktionsräume der Jeckesblätter geschleudert. "Wir hatten manchmal die Hosen gestrichen voll", erinnert sich Zwi Goldstein, jahrzehntelang Redakteur beim größten Jeckesblatt Jediot Chadaschot (Neue Nachrichten). Kioske, die deutsche Zeitungen führten, wurden öfter niedergebrannt.
Deutsche Intellektuelle konnten während der Hitler-Jahre im Gelobten Land nur dann Anerkennung finden, wenn sie die Landessprache beherrschten und die zionistische Ideologie vertraten, wie Gerschom Scholem, der zum Vorzeigejecke der hebräischen Gesellschaft geriet.
1897 in Berlin geboren, wandte sich Scholem nach einem Studium der Mathematik und Philosophie der jüdischen Mystik und dem Zionismus zu. 1923 wanderte er nach Palästina aus. Hier schwor er der Idee einer deutsch-jüdischen Symbiose endgültig ab. Scholem avancierte als Professor der Hebräischen Universität von Jerusalem zum wissenschaftlichen Nestor der israelischen Intellektuellen.
Auch der weltbekannte Bibelübersetzer und Religionsphilosoph Martin Buber war ein Verfechter des Zionismus. Darunter verstand er jedoch keinen politischen Fahrplan zur raschen Schaffung eines jüdischen Nationalstaates. Ihm ging es darum, die jüdische Kultur und Religion zu fördern. Dieses Anliegen betrieb der geborene Wiener am liebsten in Deutschland. Auch als die Nazis Buber 1933 von seinem Lehrstuhl an der Universität Frankfurt verjagten, blieb er im "Dritten Reich".
Während der "Reichskristallnacht" befand sich Buber auf einer Vortragsreise in Palästina. So blieb dem 60jährigen nichts anderes übrig, als sich in Zion niederzulassen.
Der langbärtige Philosoph ging im Stile eines alttestamentlichen Propheten mit seinen Glaubensbrüdern ins Gericht. Drastisch warnte er sie 1939 vor einem militanten Nationalismus, wie ihn Hitler in Deutschland praktizierte: "Wem das Wort vom Heiligen Land ebenso wie das vom Gottesvolk eine veraltete Rede ist, der handelt im Lande Israel wie Hitler, denn er will, daß wir Hitlers Gott dienen, nachdem sie ihm einen hebräischen Namen beigelegt haben. Und wer wie Hitler handelt, wird mit ihm zusammen untergehen. Wir müssen ihn bekämpfen, indem wir seinen Götzen vernichten."
Die Warnung nützte ebensowenig wie Bubers Versuch, gemeinsam mit anderen jüdischen Intellektuellen Hebräer und Araber für einen binationalen Staat zu gewinnen. Statt dessen wurde "Hitlers Götze" von beiden Seiten heftig angebetet.
Auch nach der Gründung des jüdischen Staates blieb Buber ein unbeugsamer Anwalt der Völkerverständigung. Seine unbestrittene moralische Integrität sowie sein internationaler Ruf bewahrten den Gelehrten davor, als jeckischer Besserwisser, der im letzten Moment aus dem Land der Nazis entkommen konnte, verhöhnt zu werden.
Die meisten deutschen Juden waren froh, wenn sie in Palästina ihr Auskommen fanden. Die damals 14jährige Lea Jacob aus Berlin wurde von der Zionistischen Organisation zunächst in das Jugenddorf Ben-Schemen bei Jerusalem einquartiert. Als sie nach einem Jahr Hebräisch gelernt hatte, bewarb sie sich bei der Zionistischen Organisation um einen Ausbildungsplatz für einen Sozialberuf: "Es dauerte Monate, bis ich eine Antwort erhielt. In einem Brief teilten sie mir mit, ich solle mich selbst um meine Berufsausbildung kümmern. Außerdem müsse ich Ben-Schemen verlassen. Es gebe dringendere Fälle", erinnert sie sich.
Lea stand von heute auf morgen "mutterseelenallein auf der Straße" und war "überglücklich", daß sie nach einigen Tagen bei einer britischen Familie als Kindermädchen unterkam.
Nicht viel besser erging es Erwin Rindner aus Wien. Nach dem Anschluß seiner Heimat an das Hitler-Reich flüchteten seine Eltern nach London. Ihm selbst verweigerten die Briten die Einreise. So wurde der 15jährige allein nach Palästina geschickt.
Über den Zionismus hatte Rindner, der später unter dem Namen Jizchak Ben-Ari Israels Botschafter in Bonn wurde, bis dahin "nicht viel nachgedacht". Ohne ein Wort Hebräisch zu sprechen, landete er nach seiner Ankunft in einem Landwirtschaftsinternat, wo ihn die im Lande aufgewachsenen "Kameraden" meistens ignorierten.
Hebräisch hat Lilly Andermann bis heute kaum gelernt. "Es reicht gerade zum Einkaufen", erzählt die alte Dame. "Aber wann hätte ich es denn lernen sollen? Als wir hierherkamen, hatten wir keinen Pfennig. Ich mußte sofort als Haushaltshilfe arbeiten. Da hatte man keine Zeit, irgendwas zu lernen." Ihr Mann verdingte sich als Plantagenarbeiter.
Auch die damals 16jährige Eva Joseph aus dem Spreewald-Städtchen Lübben mußte in Palästina zunächst als Haushaltshilfe arbeiten. "Aber schon nach wenigen Wochen fand ich eine Stelle als Verkäuferin", erzählt die 73jährige Matrone, die heute in einer kleinen Wohnung in Tel Aviv lebt. Hebräisch habe sie für ihren Job damals nicht gebraucht: "Die meisten Kunden sprachen Deutsch. Und meine Freunde und Bekannten waren natürlich alle Jeckes." Auch ihr späterer Mann Otto Hilb kam "selbstverständlich aus Deutschland".
Ihre Ignoranz gegenüber den "Ostjuden" ließen sich viele Jeckes selbst in Zion nicht nehmen. "Wir haben in Deutschland unsere Nasen ziemlich hoch getragen", gesteht der 80jährige Gad Walter Guggenheim. "In Deutschland waren wir zu Hause gewesen, in Palästina waren die Ostjuden schon vor uns da. Hier waren wir die Fremden, und noch dazu in der Minderheit. Das haben sie uns spüren lassen."
Beim sprichwörtlichen Stolz der Jeckes auf ihre deutschen Tugenden schwingt noch immer Überheblichkeit mit. "Mit meinen Kunden hatte ich nie Probleme, die haben uns Deutsche geschätzt", erklärt der Ulmer Kaufmann Otto Hilb, der sich wenige Jahre nach seiner illegalen Einwanderung in Palästina das Geld für eine kleine Textilfabrik zusammengespart hatte. "Am Anfang mußten sie sich an unsere festen Preise gewöhnen. Das kannte man hier nicht. Da wurde alles ausgefeilscht", sagt Hilb mit breitem Grinsen. "Aber die merkten bald, daß wir ehrlich waren. Sie haben deshalb sehr gerne bei uns gekauft - und pünktlich gezahlt."
Ähnlich ist es dem 1935 nach Palästina emigrierten Hermann Aufhäuser ergangen. Ein Jahr lang mußte sich der schmächtige Mann als Landarbeiter durchschlagen. "Aber dazu taugte ich nicht", erzählt der 84jährige Rentner. 1937 gelang es seinem Vater, seinen Textilgroßhandel in der Nürnberger Königstraße aufzulösen. "Für die 20 000 Mark, die er ausführen durfte, kaufte mein Vater Strümpfe und Stoffe. Damit haben wir in Jerusalem zwei Textilläden eröffnet. Das Geschäft ging gut. Denn unser guter Ruf hat sich schnell herumgesprochen: Wir waren ehrlich, bei uns gab es keinen Schmu. Und wir lieferten immer pünktlich."
Der Stolz der Jeckes auf Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Ordnung und andere Sekundärtugenden kommt nicht von ungefähr. Deutschlands Juden hatten sich seit Anfang des 19. Jahrhunderts gesellschaftlich emanzipiert. Mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 erlangten sie die rechtliche Gleichstellung.
Der unterschwellige Antisemitismus der deutschen Gesellschaft blieb davon unberührt. Um judenfeindlichen Vorurteilen den Boden zu entziehen, gebärdeten sich die deutschen Hebräer als Musterbürger. Nichts sollte die Antisemiten erzürnen.
Auch Walther Rathenau, erst kaisertreuer Großindustrieller, dann in der Weimarer Republik deutscher Außenminister und 1922 Opfer eines Mordanschlags antisemitischer Terroristen, plädierte für extreme Anpassung. In seiner Schrift "Höre Israel" (1897) forderte er "eine Anartung (der jüdischen Rasse) in dem Sinne, daß Stammeseigenschaften, gleichviel, ob gute oder schlechte, von denen erwiesen ist, daß sie den (deutschen) Landesgenossen verhaßt sind, abgelegt und durch geeignetere ersetzt werden müssen". Den Geboten dieser "Anartung" wollten die deutschen Juden genügen, indem sie sich als Tugendbolde zeigten. Dementsprechend dressierten sie auch ihre Kinder.
"Iß weniger, als du dir leisten kannst! Wohne besser, aber lebe nach außen bescheidener!" hämmerten die Eltern Hermann Aufhäuser ein, als er in Nürnberg aufwuchs.
Die größtenteils unfreiwillige Auswanderung nach Palästina änderte an dieser Einstellung wenig. Die meisten Jeckes blieben - ebenso wie die Deutschen - im Gewirr ihrer anerzogenen Tugenden und überheblichen Fremdenverachtung hängen. Gleichzeitig litten sie in Zion unter den antideutschen Vorurteilen der anderen Juden.
Etwa jeder siebte deutsche Einwanderer in Palästina war Akademiker. Für viele der Hochschulabsolventen gab es in der jüdischen Pioniergemeinde Palästinas keine adäquaten Arbeitsplätze.
Zu Beginn der dreißiger Jahre etwa lebten rund 500 praktizierende Ärzte in Palästina. In den nächsten Jahren kamen mehr als doppelt so viele deutsche Mediziner ins Land. Vielen der Neuankömmlinge blieb nichts anderes übrig, als sich neue Tätigkeiten zu suchen. Sie wurden Arbeiter und Bauern, aber auch Taxifahrer, Geschäftsleute, Kellner und Bankangestellte. Ähnlich erging es den meisten Geisteswissenschaftlern.
Besonders arg traf es die Juristen. Welcher deutsche Advokat beherrschte schon türkisches, britisches sowie alttestamentliches Recht und sprach obendrein noch Hebräisch? Dies war aber notwendig, um in Israel als Anwalt praktizieren zu können. So brachte sich der vierschrötige Jurist Rudolf Pik in Jerusalem jahrelang als Bauhilfsarbeiter durch. Der geborene Düsseldorfer konnte sich weder mit dem Rechtssystem in Zion noch mit der dortigen Gesellschaft anfreunden.
Piks Freund, Reinhold Seligmann*, war bis 1935 Syndikus einer Nürnberger Brauerei. In Jerusalem machte der feinsinnige Einser-Jurist sein Steckenpferd zum Brotberuf. Seligmann wurde Buchbinder und hatte Erfolg. Seine Einbände kostbarer Einzeldrucke gewannen internationale Preise. Später übersetzte er in seiner Freizeit die Gedichte Christian Morgensterns ins Englische. Hebräisch konnte der buchbindende Jurist immer noch nicht.
Aus der Not, nicht in ihrem erlernten Beruf arbeiten zu können, machten viele Jeckes eine Tugend: Jeder fünfte deutsche Einwanderer ging aufs Land. Der Wunsch, als Bauer zu arbeiten, wurde auch von der zionistischen Ideologie und Propaganda geweckt. Um ein selbständiges Volk zu werden, müßten die Juden ihr Land selbst bebauen, lautete des Credo. Mit Genehmigung der Nazibehörden schuf die Zionistische Organisation noch in Deutschland landwirtschaftliche Ausbildungsmöglichkeiten für jüdische Jugendliche.
Tausende deutsche Einwanderer lebten und arbeiteten damals in den kollektiv organisierten Kibbuzim. Darunter auch die "Werkleute", die altdeutsche Wandervogel-Romantik und Erhabenes aus dem mystischen Ideenschatz des deutschen Dichters Stefan George mit den kulturzionistischen Vorstellungen der deutsch-jüdischen Philosophen Martin Buber und Franz Rosenzweig verbanden. "Eine reine Assimilation lehnten wir als unehrenhaft ab", erinnert sich der Schriftsteller Arnon Tamir, der damals Arnold Fischmann hieß.
Doch das Alltagsleben in den Kibbuzim enttäuschte viele Werkleute. Ihnen _(* Ein Großonkel des Autors. ) fehlte die gewohnte deutsche Ordnung, und sie vermißten die tiefgründigen Diskussionen, die sie von ihrer Heimat gewohnt waren. Auch die Ignoranz gegenüber ihrer deutschen Muttersprache kränkte sie.
So gründete eine Gruppe Werkleute 1936 am Fuß des Karmel-Gebirges den Kibbuz Hasorea, was "der Säer" bedeutet. "Die meisten von uns haben damals kaum ein Wort Hebräisch gesprochen", sagt Tamirs Frau Elischeba, die zu den Gründern des Kibbuz zählt. "Aber wir mußten Hebräisch lernen. Denn Deutsch war damals verhaßt. Und wir wollten hierbleiben und nach unseren Idealen leben." Nach wenigen Jahren galt Hasorea als ein Musterkibbuz.
Das erste Jeckesdorf hieß Ramot Haschawim, auf deutsch "Anhöhe der Rückkehrer" - 1933 gegründet von 29 Kaufleuten, 17 Ärzten, 7 Anwälten, 2 Apothekern, 2 Beamten, 2 Industriellen, je einem Buchhalter, Techniker, Lehrer und einem Bauern. Obgleich es auch in den anderen Jeckesdörfern kaum gelernte Landwirte gab, beackerten die Einwanderer erfolgreich den kargen Boden. Von ihren Nachbarn wurden die teutonischen Neubauern dafür als "Hühnerjeckes" verspottet.
Einige der Siedlungen, wie der 1934 von deutschen Einwanderern gegründete Flecken Naharija nördlich von Haifa, mauserten sich zur Stadt. Bereits nach wenigen Jahren lebten rund tausend Jeckes in dem Küstenort. Auf den Straßen wurde Deutsch in allen Mundarten gesprochen. Zentrum des gesellschaftlichen Lebens war das Cafe "Pinguin", das es heute noch gibt. Seine Gäste befiel bei Kaffee und Streuselkuchen nicht selten das Heimweh.
Andere Jeckes ließen sich in den Großstädten Tel Aviv, Haifa und Jerusalem nieder. Vor allem die jeckischen Kleinbürger blieben dort vielfach unter sich - beispielsweise in der Haifaer Herzl-Straße oder der Ben-Jehuda-Straße in Tel Aviv. Hier sprach man gefälligst Deutsch - selbst Schnorrer, Milchmänner und Lumpensammler -, sonst wurde man ignoriert. Aus ihrer Heimat vertrieben, in Zion isoliert, begannen sich viele Jeckes in ihrer Absonderung einzurichten.
Einige wenige, wie der brillante Journalist Esriel Carlebach aus Leipzig, die Verlegerfamilie Schocken aus Zwickau oder der Unternehmer Reuben Hecht, gewannen Einfluß in der jüdischen Gemeinschaft des Landes. Doch das Gros der Jeckes blieb bis Kriegsende im inneren Exil. Aus Arroganz, aber auch um sich vor Beschimpfungen wie "Vernunftszionist" oder gar "Naziknecht" zu schützen.
Einsichtige Zionisten wie Chaim Weizmann, Israels erster Staatspräsident, erkannten das Dilemma der deutschen Einwanderer: "Sie wurden entwurzelt. Sie sind ins Land gebracht worden, zu dem nur wenige von ihnen irgendeine Beziehung hatten. Sie müssen sich ein neues Leben aufbauen - viele in hohem Alter, in einem Klima, das für viele von ihnen schwer ist, und an Orten, an denen die Bequemlichkeit fehlt, die sie gewohnt waren. Wenn man diese Menschen sieht, fragt man sich: Werden sie neue Wurzeln in die steinige Erde Israels schlagen? Oder werden sie hier bis zu ihrem Lebensende verweilen in einer Art Exil, werden sie über ihre Vergangenheit weinen und sich nicht mit der Gegenwart abfinden?" Weizmann, im russischen Zarenreich geboren, wußte, wovon er sprach: Während seines Studiums in Darmstadt und Berlin war er vielen deutschen Juden begegnet.
Mit dem Bekanntwerden der Schoah änderte sich die Einstellung sowohl der deutschen Immigranten wie der Zionisten. Fast alle Jeckes hatten Angehörige verloren. "Auschwitz", so formuliert Lea Jacob den Schock, "hat uns die Deutschen aus dem Herzen gerissen."
Die Zionisten verstärkten ihre Bemühungen, einen eigenen Judenstaat zu errichten - nur ein unabhängiges Israel könne eine Wiederholung der Katastrophe unmöglich machen. Aber gerade einen solchen Staat wollten die einheimischen Palästinenser und die arabischen Länder mit aller Macht verhindern. Der Krieg wurde zu einer Überlebensfrage für die Juden Zions, denen die Araber drohten, sie "ins Meer zu werfen". Da brauchte man alle Juden, zumal die zuverlässigen Jeckes. So schmolz der Zorn auf die "Hitler-Zionisten" angesichts der arabischen Kriegsdrohungen. Die Jeckes hatten als Sündenböcke ausgedient. Die neuen Prügelknaben waren die Araber.
Nach der Proklamation Israels im Mai 1948 kämpften Jizchak Ben-Ari, der aus Wien stammte, und Schmuel Liran, der in Wien geboren wurde, ebenso wie Uri Prosor, der Sohn des deutschen Reichswehroffiziers Berthold Proskauer, und Tausende anderer Jeckes für die Unabhängigkeit Israels.
Während des Krieges wurde Naharija, der von deutschen Juden gegründete Küstenort, monatelang von syrischen Verbänden und Freischärlern belagert. Doch die Jeckes verteidigten ihre Stadt bravourös. Die Parole hieß, so die Überlieferung: "Naharija bleibt deutsch!"
Ein Motiv für die Tapferkeit der jüdischen Soldaten war die jahrhundertelange Schmähung der Hebräer als Feiglinge. Dies kränkte vor allem die deutschen Juden, die sich vergeblich um ihre Anerkennung als deutsche Patrioten bemüht hatten. Auch 12 000 gefallene Israeliten im Ersten Weltkrieg konnten ihre deutschen Landsleute nicht davon abhalten, die Juden als Drückeberger zu verunglimpfen. An Zions Fronten konnten die Jeckes fortan ihren Mut beweisen. "Hier kämpfen wir für uns und nicht gegen irgendwelche Vorurteile", sagt Schlomo Lahat, langjähriger Bürgermeister von Tel Aviv. Der drahtige Berliner brachte es in den israelischen Streitkräften, wie eine Reihe anderer Jeckes, bis zum General.
Längst nicht alle Jeckes konnten oder wollten sich in den neuen Staat Israel integrieren. Bis Ende der fünfziger Jahre verließ etwa jeder vierte eingewanderte deutsche Jude wieder das Gelobte Land. Viele von ihnen kehrten in die alte deutsche Heimat zurück. Unter ihnen auch Rudolf Pik, der genug hatte vom Bauarbeiterleben in Jerusalem.
In seiner Heimatstadt Düsseldorf eröffnete der Jurist bald wieder eine Anwaltskanzlei. In wenigen Jahren wurde er einer der erfolgreichsten Advokaten Nordrhein-Westfalens. Piks deutscher Patriotismus hatte kaum gelitten. Er war aktiver "Alter Herr" in der farbentragenden deutsch-jüdischen Studentenverbindung "Südmark-Monachia". Neonazistische Tendenzen Mitte der sechziger Jahre nahm er nicht besonders ernst. Um so mehr störte er sich an der 68er-Bewegung. Von ihr befürchtete er einen "Umsturz der deutschen Gesellschaft", die ihm nach dem Krieg wieder so sehr ans jüdische Herz gewachsen war.
Otto Hilbs Bruder Kurt hatte in Israel ebenfalls nicht reüssiert. So zog er Mitte der fünfziger Jahre mit seiner Familie nach Frankfurt. Als Kaufmann kam er hier endlich zu Geld. Seinen Kindern verbot er den Verkehr mit Nichtjuden. Von Israel wollte er jedoch nichts mehr wissen. Bis zu seinem Tod weigerte er sich, Zion zu besuchen oder dies seiner Frau und seinen Kindern zu gestatten.
Die Jeckes, die in Zion verblieben, wurden nicht nur in der Armee gebraucht. Für den Aufbau des jüdischen Staates waren die den Deutschen zugeschriebenen "Tugenden" wie Disziplin, Pünktlichkeit und Organisationstalent unverzichtbar. Dies galt vor allem für die Verwaltung, die vom ehemaligen preußischen Regierungsrat David Arian aufgebaut wurde, sowie für das Rechtswesen.
Hier hatte der geborene Berliner Felix Rosenblüth (Pinchas Rosen) als Israels erster Justizminister entscheidenden Einfluß. Auch etliche Richter am Obersten Gericht Israels waren oder sind Jeckes.
Einer von ihnen ist Gabriel Bach. Der 63jährige Jurist weiß um die Verdienste, aber auch die Grenzen der Jeckes. Sein Büro im Jerusalemer Obersten Gerichtshof gegenüber der Knesset verrät Geschmack. In gewähltem Hebräisch mit unverkennbarem Berliner Akzent doziert Bach über sich und seinesgleichen: "Unser Wissen, unsere Vernunft und unsere Logik waren für den jüdischen Staat sehr wichtig. Aber um den jüdischen Staat zu errichten und ihn am Leben zu erhalten, waren auch andere Tugenden notwendig: Phantasie, Wagemut und nicht selten sogar Wahnsinn. David Ben-Gurion hatte recht mit seiner Behauptung, ,Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist''. Ohne eine gehörige Portion Wahnsinn wäre es in der Tat nicht möglich gewesen, Israel aufzubauen. Dieser Wahnsinn ist uns Jeckes abgegangen. Andererseits haben die Staatsgründer unsere Systematik gebraucht, um ihre Visionen durchzusetzen."
Die entscheidende Vision war zunächst, das Überleben des jüdischen Staats sicherzustellen. Bei der Staatsgründung lebten in Zion 650 000 Juden. In den folgenden vier Jahren kamen noch einmal doppelt so viele Einwanderer ins Land.
Die meisten von ihnen waren mittellose Flüchtlinge aus den arabischen Ländern oder Überlebende deutscher Konzentrationslager. Allein die Unterbringung und Verpflegung dieser Menschen überstieg die Leistungskraft der israelischen Wirtschaft, die außer Zitrusexporten wenig zu bieten hatte.
Der Judenstaat brauchte dringend Geld. Deshalb entschloß sich Premierminister David Ben-Gurion zu einem gewagten Schritt: Er verhandelte mit der Bonner Regierung über deutsche Reparationsleistungen. Das Vorhaben war in Israel äußerst umstritten. Die Nationalisten protestierten leidenschaftlich dagegen, "deutsches Blutgeld" anzunehmen. Die Mehrheit der Jeckes dagegen befürwortete Entschädigungszahlungen aus Bonn: "Wir wollten nur zurückhaben, was man uns geraubt hatte", empört sich noch heute Arnold Andermann aus Kirjat Ono.
Bei den Vorbereitungen der Verhandlungen war Israel abermals auf den Sachverstand und das Verhandlungsgeschick einer Jeckesriege angewiesen. Zu ihr gehörten unter anderen Justizminister Pinchas Rosen, der Generaldirektor des Außenministeriums, Walter Eytan, vormals Ettinghausen, der spätere Generalsekretär der regierenden Arbeiterpartei, Giochra (Georg) Josephtal, und der Gesandte Felix Schinnar.
Im "Luxemburger Abkommen" vom September 1952 verpflichtete sich Deutschland zu Sachleistungen in Höhe von drei Milliarden Mark. Weitere Milliarden flossen als individuelle Entschädigungsleistungen nach Israel.
Die deutschen Reparationen halfen den meisten Jeckes, ihren Lebensstandard zu verbessern. Geschäftsleute investierten die Gelder in ihre Unternehmen. Andere, wie den Journalisten Gustav Frank, ermunterte das Luxemburger Abkommen zum Berufswechsel: "Wir bekamen für Milliarden neue deutsche Maschinen ins Land. Diese Maschinen würden bald Ersatzteile benötigen. Aber wir hatten damals überhaupt keine deutschen Firmenvertretungen in Israel. Das war meine Chance. Ich besorgte mir detailliertes Material über die deutschen Lieferungen. Dann graste ich in Deutschland die Hersteller ab. Alle waren froh, daß sie einen Vertreter in Israel bekamen, durch den sie weitere Geschäfte machen konnten."
Es gab auch Jeckes, die das Entschädigungsabkommen mit Bonn ablehnten. Einer der populärsten Gegner war Esriel Carlebach. Der 1936 eingewanderte Leipziger Jurist hatte als Chefredakteur der Abendzeitung Maariv, des auflagenstärksten Blatts, eine einflußreiche Position in dem jungen Staat.
Carlebach, ein Jecke, wie er im Buche steht, legte Wert auf gute Manieren und gepflegte Kleidung. Seine Prinzipien waren teutonisch: Staatstreue, Loyalität und Fleiß. Der Regierung empfahl er: "Macht Ordnung mit starker Hand", der Bevölkerung: "Nicht ständig feiern, sondern arbeiten."
Ebenso wie Carlebach lehnte der damalige Oppositionschef Menachem Begin eine Versöhnung mit Deutschland strikt ab und damit auch das "Wiedergutmachungsabkommen". Als Begin jedoch zu gewaltsamen Demonstrationen und dem Sturz der Regierung Ben-Gurion aufrief, schlug bei Carlebach die jeckische Staatsloyalität durch, gepaart mit einer Verachtung für die "Ostjuden": Er verhöhnte Begin als unzivilisierten Juden aus dem Schtetl.
1965 nahmen Bonn und Jerusalem diplomatische Beziehungen auf. Fortan kamen immer mehr Deutsche nach Zion: Künstler, bußfertige Jugendliche der "Aktion Sühnezeichen", Abenteuerlustige, Touristen. Die Deutsche Botschaft und bald auch das Goethe-Institut boten Kulturprogramme, die sich zunächst vor allem an die alten Jeckes richteten. Dies half vielen von ihnen, aus der kulturellen Isolation auszubrechen, in der sie sich seit ihrer Einwanderung nach Zion befanden.
Von Sehnsucht und Neugier geplagt, reisten dann auch viele Jeckes in den sechziger Jahren wieder nach Deutschland. "Wir schlossen dabei viele Freundschaften", berichtet Arnon Tamir aus dem Kibbuz Hasorea. "Aber nur mit jungen Leuten. Bei den älteren Deutschen weiß man nie, was sie damals getan haben." "Ich könnte nie mit einem älteren Deutschen Freundschaft schließen", sagt auch der Historiker Walter Zwi Bacharach, "außer ich weiß definitiv, daß er damals dagegen war. Aber bei wem kann man das schon so genau sagen?"
Deutsche Sprache und Mentalität lassen die Jeckes nicht los. Die Zerrissenheit, die sie umtreibt, spiegelt sich auch in so ungewöhnlichen Biographien wie der des im Mai letzten Jahres verstorbenen Mossad-Agenten Wolfgang Lotz.
Ihn hatte der israelische Geheimdienst in den sechziger Jahren, getarnt als ehemaligen Offizier des deutschen Afrikakorps, nach Kairo geschleust. Er sollte dort die Rüstungspläne, speziell den Stand der ägyptischen Raketentechnik, auskundschaften.
Der Jecke Lotz, 1933 mit zwölf Jahren in Begleitung seiner Mutter nach Palästina emigriert und später Major in der israelischen Armee, sprach die Mundart seiner Heimatstadt Mannheim. Er sah aus wie das Klischee eines Deutschen und benahm sich auch so: großgewachsen, blond, blauäugig, mit einer Neigung zum Schwadronieren.
Der Mossad-Agent erfreute sich als Besitzer eines feudalen Reitstalls rasch großer Beliebtheit in der Gesellschaft Kairos, besonders in der deutschen Kolonie. Altnazis, Raketentechniker, deutsche Journalisten und Geheimdienstleute fühlten sich wohl bei den Einladungen des leutseligen Reitersmanns. Weisungsgemäß horchte der Spion seine Gäste aus und schickte deutschen Raketentechnikern Sprengstoffpakete ins Haus.
1965 wurde er verhaftet und von einem ägyptischen Gericht zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt. Drei Jahre später gelang es den Israelis, ihn freizubekommen - im Austausch gegen 4811 gefangene Ägypter aus dem Sechstagekrieg.
Zurück in Israel, kam Jecke Lotz von seiner Herrenreiter-Rolle nicht mehr los. Was in Kairo seine Tarnung perfektioniert hatte, fand in Israel wenig Anklang. Der Versuch, ein Gestüt mit einer Pferdezucht aufzubauen, schlug fehl.
In Deutschland dagegen konnten viele nicht genug kriegen von den Abenteuern des "Champagner-Spions". Als gerngesehener Gast tingelte er durch Talkshows und Lesungen, zierte Gesellschaften und Partys. In seiner Muttersprache bramarbasierte er von seinen "Ruhmestaten". Einen solchen Juden ließen sich die Deutschen gern gefallen. *HINWEIS: Im nächsten Heft "Was passiert ist, kann niemals verziehen werden" - Schlüsselerlebnis Eichmann-Prozeß - Haß auf die Juden, die im Land der Mörder leben - Toleranz gegenüber Arabern - Die zweite Generation der Jeckes
** Hebräisch für den Holocaust. * Als Angehöriger des kaiserlichen Heeres. * Ein Großonkel des Autors.
Von Rafael Seligmann

DER SPIEGEL 43/1994
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