24.10.1994

AGONIE IM HAUSE WINDSOR

Seitensprünge und kleinliches Gezänk entzaubern die königliche Familie. Mit peinlichen Enthüllungen über seine Kindheit und seine Ehe brachte Prinz Charles Großbritanniens tausend Jahre alte Monarchie in Mißkredit. Selbst treue Royalisten halten den Thronfolger für eine Fehlbesetzung. Naht das Ende der Windsors?

Wenn der Lieblingsonkel den kleinen Prinzen necken wollte, hielt er ihm gern ein äußerliches Merkmal vor, das später auch Karikaturisten als ständige Herausforderung betrachteten: "Mit deinen langen Ohren wirst du niemals König werden."

Solch grobe Scherze, für empfindsame Kinderseelen schwer zu verwinden, waren üblich im Hause Windsor - auch aus dem Munde des letzten indischen Vize-Königs Earl Mountbatten. Diesen Haudegen und Aufschneider, der im Zweiten Weltkrieg das alliierte Oberkommando in Südostasien führte, hatte der Knabe Charles weit mehr ins Herz geschlossen als seine königlichen Eltern und folglich zum "Großpapi ehrenhalber" ernannt.

Die Prophezeiung des Earl - er wurde 1979 von einem IRA-Kommando samt seinem Fischkutter in die Luft gesprengt - könnte sich schon bald erfüllen. Charles Mountbatten-Windsor, 45, Thronfolger der britischen Herrscherin Elizabeth II., 68, ist zu einem Unglücksprinzen geworden, einer traurigen Gestalt, den die Rache seiner Frau und eigenes Ungeschick vor seinen Untertanen der Lächerlichkeit preisgeben.

Er fühle sich im Mittelpunkt einer "griechischen Tragödie, ohne Ausweg und Hoffnung", offenbarte Charles vergangene Woche einer fassungslosen Öffentlichkeit seine düstere Seelenverfassung. So redet nicht ein künftiger Monarch, sondern eher ein Suizidgefährdeter. Gepeinigt von Depressionen, aber auch voll weinerlichen Selbstmitleids fragte er sich und die Nation: "Wie konnte es geschehen, daß mit mir alles so schrecklich schiefging?"

Das Bekenntnis stürzte die fast tausend Jahre alte Insel-Monarchie, 1066 von Wilhelm dem Eroberer gegründet, jählings in eine Krise, welche die Grundfesten der nach dem Vatikan dauerhaftesten Institution der Welt erschüttert.

Das Unvorstellbare scheint denkbar geworden - daß mit dem Trauerkloß Charles die erfolgreichste europäische Monarchie ihrem Ende entgegentaumeln könnte. Seit der Stuart Charles I. 1649 vor dem Whitehall-Palast in London enthauptet wurde, ist keine Dynastie von Bedeutung - Frankreich, Preußen, Österreich-Ungarn, Rußland, Italien, Spanien - ohne Blutvergießen, Krieg oder Revolution untergegangen.

Sollte dieser Charles, dem vorbestimmt war, der Dritte zu werden, den Thron verspielen - es geschähe nicht mit einem Knall, sondern mit einem Winseln, womöglich in einer plebejischen Volksabstimmung, wie sie vorige Woche der liberale Economist vorschlug.

Schuld daran ist "Palace Dallas", die "königliche Seifenoper", wie der knorrige Satiriker Malcolm Muggeridge die Show der Royals nannte. Ehekrisen und Seitensprünge, Skandale und Enthüllungen setzten der Königsfamilie derart nachhaltig zu, daß ihre Aura der Unantastbarkeit zerstört ist. An den sexuellen Fehltritten ihrer Hauptdarsteller droht die "Firma" (so bezeichnen sich die Royals selbst seit Georg VI., dem Vater von Elizabeth II.) moralisch bankrott zu gehen - ironisches Schicksal eines Unternehmens, dessen Hauptaufgabe die eigene Reproduktion ist.

Die Faszination der Briten, ja selbst der königslosen Demokratien in aller Welt für das tragikomische Schauspiel wird nur verständlich vor dem Hintergrund der Seelenlage einer Nation, die in ihrer viktorianischen Blütezeit ein Empire von der 150fachen Größe des Mutterlandes beherrschte. Das Haus der Windsors, bis 1917 Sachsen-Coburg und Gotha, stand einem Reich vor, "gewaltiger als alle Eroberungen der Römer und Alexanders des Großen, Dschingis-Khans, der Kalifen und Napoleons", wie die Autoren Collins und Lapierre schreiben.

Gewiß, das Empire ging verloren, Britannien sank zur mittleren Macht herab, das seine Partner in der Europäischen Union durch kleinkariertes Insistieren auf seiner Souveränität nervt. Aber fast alles andere blieb: "die Monarchie, die Aristokratie, das Oberhaus, Privatschulen, die Church of England, das Londoner Klubleben, der blutige Jagdsport", lästert der Oxford-Historiker Jonathan Clark.

Die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts mögen diesen Säulen britischer Tradition die Daseinsberechtigung entzogen haben, abgeschafft haben sie sie nicht. Die Windsors boten ihren Untertanen einen zugleich prunkvollen und unterhaltsamen Ausgleich für ihre geschrumpfte Rolle und eine oft trostlose soziale Gegenwart. Nun bröckelt die Monarchie doch, jeden Tag ein bißchen mehr.

Das jüngste Kapitel in der langen, selbstverschuldeten Agonie der Windsors begann am vorletzten Wochenende, als die Sunday Times den ersten Auszug einer neuen, autorisierten Biographie des Prince of Wales veröffentlichte. Es war der bisher schwerste, weil vom Thronfolger selbstveranstaltete Anschlag auf die königliche Familie, und er erfolgte ausgerechnet zu jenem Zeitpunkt, da die Queen zur historischen Staatsvisite ins Reich der Zarenmörder aufbrach (siehe Seite 151).

Das Charles-Buch zeichnet das Bild eines zutiefst unglücklichen Menschen, der von klein auf unter einem gefühlsrohen Vater und einer entrückten, kalten Mutter zu leiden hatte: Charles blickt auf eine "wirklich unerfreuliche Kindheit" zurück.

Queen-Gemahl Prinz Philip, Herzog von Edinburgh, der selbst unter zerrütteten Verhältnissen aufgewachsen war, hänselte seinen Ältesten mit Vorliebe in Gegenwart anderer und brachte ihn durch humorige Betrachtungen seiner Pubertätspickel immer wieder zum Weinen. Dafür verachtete Philip ihn als Weichling und fühlte sich bemüßigt, seinen Erstgeborenen ein "bore .12 asshole", also ein großkalibriges Arschloch zu nennen.

Als eine jener Efeuseelen, die sich immer irgendwo anranken müssen, ging Charles im Hause Windsor allmählich ein. Er suchte Asyl in der Welt der Bücher, was ihn heute in die Lage versetzt, über Shakespeare, Michelangelo oder Mozart wie über Freunde zu sprechen.

Schwer litt Charles darunter, daß seine Schwester Anne so war, wie er selber nach dem Willen des Vaters hätte sein sollen - selbstbewußt, lautmäulig, rabiat und reiterlich geübt, keinesfalls aber intellektuellen Zielen zugewandt. Als sich der Bub einmal an einigen Skizzen von Leonardo da Vinci begeisterte, die er in einer Kommode auf Schloß Windsor aufgestöbert hatte, wies die ganze Familie ihn zurecht: Er solle lieber lernen, nicht immer vom Pferd zu fallen.

Da blieb dem jungen Kronprinzen fürs Gefühl nur Miss Anderson. Die war hager und hartgesichtig und schlug Charles bei der kleinsten Verfehlung. "Ansonsten aber", resümiert Biograph Jonathan Dimbleby, "war das Kindermädchen für ihn der einzige Hafen der Sicherheit."

Die Schulzeit im schottischen Internat Gordonstoun, wo drakonischer Gruppendrill und kaltes Wasser persönliche Zuwendung ersetzten, empfand der junge Prinz als elende Pein. "Es ist die Hölle hier", schrieb der 14jährige damals in sein Tagebuch. "Um alles in der Welt, ich möchte nach Hause." Die anderen Zöglinge der Eliteanstalt, in der schon Philip geschult worden war, malträtierten ihn auf dem Rugbyfeld wie bei Prügeleien im Schlafsaal mit bübischer Grausamkeit: "Immer war ich das Ziel ihrer Gemeinheiten."

Liegt es an dieser Vergangenheit, so begannen Britanniens Psychologen zu spekulieren, daß Charles geschlechtliche Erfüllung offenbar nur bei der eher herben Mrs. Parker Bowles zu finden vermag, die ihn womöglich an die einstige Gouvernante erinnerte? Der in Zucht genommene Charles wuchs nicht zu einem reifen, sondern einem unsicheren, leicht neurotischen und verschrobenen Mann heran, der gern mit Blumen Zwiesprache hält.

Im Herbst des Jahres 1980 traf Charles auf Diana. Die war hingerissen - offenbar aber weniger von dem Mann als vielmehr von der Vorstellung, ganz nach oben zu heiraten: "Wenn ich nur das Glück habe, Princess of Wales zu werden", pflegte die 19jährige ihren Freunden vorzuschwärmen. Die hatten den Eindruck, berichtet Dimbleby, "als würde sich Diana um die Rolle in einem Kostümfilm bewerben".

Wieder mal konnte es Philip nicht lassen, sich in die Lebensbelange seines nunmehr 32jährigen Sohnes einzumischen. Er tat dies in seiner gewohnt harschen Art und stellte Charles das Ultimatum, die Beziehung zu Diana sofort abzubrechen oder sich zu verloben. Wie üblich unterwarf sich der Prinz dem Willen des Papas.

Buchautor Dimbleby, der Charles bereits vor vier Monaten in einem Fernsehfilm das öffentliche Geständnis entlockte, er sei fremdgegangen, während er noch mit Frau Di zusammenlebte, hatte einen geistesverwandten Gesprächspartner gefunden. Der naturverbundene Journalist ist Präsident des Rates für den Schutz des ländlichen England. Freunde schildern ihn als "glücklich", wenn er auf seinem Hofgut Traktor fährt.

Die Arbeiten an dem Fernsehfilm mit Charles ließen Dimbleby und den Thronfolger eng zusammenrücken. Der Autor begleitete ihn nach Mexiko und Polen, an den Golf und nach Australien, unterbrochen durch lange Interviews auf seinem Landsitz Highgrove, dem bevorzugten Rückzugsort des unglücklichen Prinzen.

Die Unterhaltungen am Kaminfeuer galten den Lieblingsthemen des Thronfolgers: Religion, Umwelt, Architektur, den Streitkräften - und eben Charles'' Ehe. Dimbleby war beeindruckt: "Ich habe 200 Stunden mit diesem Mann verbracht, und keine von ihnen war langweilig." Wohl möglich, daß Charles im Gespräch mit dem Medien-Edlen zu vertrauensselig war - oder so verzweifelt an sich selbst, daß er die Gefahr, in die er sich begab, gar nicht oder zu spät wahrnahm. "Von Amts wegen", so beschrieb der Guardian die Folgen, werde von nun an jeder Monarch Medien-Freiwild sein, "bis hin zur Folter".

Intimstes gab Charles preis - mündlich und in Form von Notizen, die er Dimbleby überließ. Besonders shocking für die vor zwei Jahren verlassene Gattin und ihre zahllosen Fans in aller Welt: Er habe die "Prinzessin Superstar" (die Frauenillustrierte Woman), die mehr angestarrt und beschrieben wurde als Jackie Kennedy und Brigitte Bardot auf dem Höhepunkt ihrer Karrieren, "nie geliebt" und die Ehe nie gewollt.

Selbst nach den strengen Regeln des römischen Eherechts wäre das ein Grund, den Lebensbund für nichtig zu erklären. Die Gemeinschaft mit dem lebenslustigen und leichtfüßigen Jeans-Mädchen Diana, das sich nur schwer ans strenge Hof-Zeremoniell gewöhnen konnte, wurde für den schwermütigen, fast 13 Jahre älteren Charles zunehmend zum Leidensweg: "Ich fühlte mich in einer verzweifelten Situation, eingesperrt in einer Sackgasse ohne Ausweg."

Die schonungslose, bisweilen peinliche und schwülstige Lebensbeichte erregte die Nation. Denn der Ehekrieg im Haus Windsor sprengte diesmal eindeutig den Rahmen einer lustigen Operette. Mit einemmal ging es nicht mehr allein um Sex, Betrug und Intrigen, sondern um das Urteilsvermögen des Thronfolgers. War Charles, so fragten sich viele Briten, noch recht bei Trost?

Gewiß hatte er mit seinen Offenbarungen Sympathien in der Öffentlichkeit zurückgewinnen wollen. Denn Diana, nicht Charles, gebührt nach Volkes Meinung die Rolle des Opfers.

Für diese Einschätzung hatte bereits ein Buch des Di-Biographen Andrew Morton gesorgt, das den Thronfolger vor zwei Jahren als treulosen Lebenspartner und langweiligen Ehemann, als lausigen Vater und exzentrischen Einzelgänger porträtierte. Daß das Werk nur mit ihrer Hilfe verfaßt worden sein konnte, hat die Prinzessin nie bestritten.

Das Dimbleby-Buch, so hoffte Charles ("Ich stehe zu jedem Wort und bedauere nichts"), sollte nun sein trübes Image aufpolieren und gleichzeitig die Befähigung zum Thronerben untermauern. Eine "riskante Taktik", meinte der britische Verfassungsexperte Lord St. John of Fawsley, aber nicht gänzlich ohne Erfolgschancen: "Der Prinz hat seine Karten auf den Tisch gelegt und ein enormes Maß an Seriosität bewiesen. Er will, daß die Leute über den Menschen Bescheid wissen, der letztlich Oberhaupt ihres Staates werden wird."

Nun wissen sie''s - aber ganz anders, als der Prinz kalkuliert hatte. Zuspruch für seine Form der Öffentlichkeitsarbeit erfuhr Charles kaum. Daß er ausgerechnet mit seinen erbittertsten Jägern - den Boulevardblättern und Massenmedien - einen "faustischen Pakt" geschlossen habe, kann sich der angesehene Kolumnist Hugo Young nur so erklären: "Charles, ein armer Irrer."

Der liberale Independent höhnte über den frivolen Umgang des Queen-Sprosses mit seinen "Medien-Peinigern": Man könne "die Haie nicht dadurch verscheuchen, daß man immer wieder Blut ins Wasser gießt".

In einen veritablen Blutrausch versetzt haben die Eheprobleme des Thronfolgers die Londoner Boulevardblätter Sun und Daily Mirror, aber auch traditionelle Sonntagszeitungen wie die News of the World (NoW). Deren Chefredakteur Piers Morgan, 29, will seine Konkurrenten mit dem heißesten Königsklatsch ausstechen.

Ende Juli meldete das Blatt, daß die Behandlungsprotokolle eines Diana-Psychotherapeuten gestohlen worden seien. Am 21. August lautete die Schlagzeile: "Di''s grillenhafte Telefonanrufe bei verheiratetem Tycoon". Die Gespräche, von Dianas Telefon aus geführt, gab es tatsächlich, und ebenso den angerufenen Oliver Hoare, einen früheren Freund des Paares.

Es dauerte nur eine Woche, und die nächste NoW-Schlagzeile fetzte: "Di''s Major klagt: Ich bekam auch wilde Anrufe." Morgan ließ enthüllen, daß Prinzessin Dianas Ex-Reitlehrer ein Verhältnis mit der Schutzbefohlenen pflegte. Und es war wieder Morgans Blatt, das mit dem "royal exclusive" über einen Sicherheitsbeamten herauskam, der Diana und Major James Hewitt beim Geschlechtsverkehr hinter Büschen gefilmt haben will.

Chefredakteur Morgan behauptet, "total an die Monarchie zu glauben". Skrupel hat er natürlich keine, obwohl er einräumt, daß ihn manchmal seine Großmutter anruft: "Sie sagt dann: Heute morgen hast du wieder abstoßenden Mist gedruckt."

Für die Verteidiger der Monarchie schließt sich mit NoW und der seriösen Sunday Times ein Teufelskreis. Beide Millionenblätter gehören dem australoamerikanischen Medienmogul Rupert Murdoch. Der konzentriere sich darauf, "die Monarchie in Mißkredit zu bringen und Britannien in eine Republik zu verwandeln", argwöhnt der Publizist Auberon Waugh.

Murdoch mag die britische Aristokratie, die den Parvenü seine niedere Herkunft spüren ließ, tatsächlich verabscheuen. Aber er ist vor allem ein knallharter Verleger. Er handelt nach jenem Prinzip, das der Sachbuchautor Jeremy Paxman so umreißt: "Das unerschütterliche Gesetz des englischen Journalismus lautet, daß sich nichts besser verkauft als Geschichten aus dem Königshaus."

Die Aussicht auf fette Beute hat nun noch mehr Raubfische angelockt. Demnächst soll ein zweites Diana-Buch von Morton erscheinen ("Her new life"). Und die amerikanische Skandalbiographin Kitty Kelley hat angekündigt, daß sie ebenfalls ins Geschäft mit den Windsors einzusteigen gedenke.

Eine in Fragen höfischer Etikette kompetente Person, die Bestseller-Autorin Barbara Cartland, 93, geißelte die Selbstentblößung des Gatten ihrer Stiefenkelin Diana als furchtbaren Fehler: "Nun benehmen sich die Royals wie gewöhnliche Leute. Das wollen wir nicht. Wenn wir sie zerstören, dann bleibt uns nur noch eine ziemlich langweilige und dumme Insel und sonst gar nichts."

Ohne das Königshaus wäre London in der Tat ein trüberer Ort. "Man muß sich nur ansehen, was mit Wien passiert ist, seit die Habsburger gehen mußten. Was werfen wir alle weg für ein bißchen Gelächter?" bangte Waugh.

Wie er fürchten viele konservative Briten, daß die prinzlichen Enthüllungen mit ihrer oft unfreiwilligen Komik die Monarchie irreparabel entzaubern. Denn Mystik, weiß der Londoner PR-Experte Trevor Harris, war stets eines der "wichtigsten Markenzeichen der königlichen Familie. Je mehr ihre Angehörigen jetzt öffentlich reden, desto eher verschwinden sie."

Die "Magie", die der berühmte Verfassungstheoretiker Walter Bagehot Ende vergangenen Jahrhunderts als unverzichtbaren Bestandteil der Monarchie beschrieb, wird verdrängt von allzu Menschlichem. Das Mysterium der Monarchie, so Bagehot, sei zugleich ihr Lebenselixier: "Das Tageslicht darf nicht auf diesen Zauber fallen."

Zwar ist Charles nicht der erste Kronprinz in der Geschichte des britischen Herrscherhauses, der unter dem Vater-Sohn-Konflikt seelisch leidet und sich in der langen Wartezeit vor der Thronbesteigung nutzlos vorkommt. Aber es gehörte nie zur königlichen Tradition, impertinente Spekulationen in der Öffentlichkeit auch noch anzuheizen: Diese Premiere gebührt Charles, dem "Prinzen der Indiskretion" (Independent).

In einem seltenen Medienauftritt schalt Prinz Philip seinen Sohn am vorigen Montag für dessen unverzeihliche Offenheit: Er selbst habe "private Dinge noch nie öffentlich diskutiert, und ich glaube auch nicht, daß die Queen dies jemals getan hat", sagte er im Daily Telegraph.

Um die Zukunft der Krone macht sich der Herzog indes keine Sorgen: "Etwas, was sich schon tausend Jahre hält, kann ja wohl so schlecht nicht sein."

Auch Premierminister John Major, laut ungeschriebener Verfassung zum Schutz der Royals gegen öffentliche Angriffe verpflichtet, bemühte sich vergangene Woche um Beistand: "Keineswegs" sei die Krone in Gefahr, die Monarchie vielmehr nach wie vor "der Grundpfeiler unseres nationalen Lebens".

Sein Plädoyer half wenig. Selbst Charles'' kaltem Alten ist klargeworden, daß die Herrschaft der Windsors möglicherweise nicht ewig währt. Zur Monarchie gebe es eine "vollständig vernünftige Alternative - und zwar die Republik", räumte Philip vorige Woche ebenfalls ein. Es sei nicht so, als klammere "sich die Familie verzweifelt an eine ganz bestimmte Situation".

Andere haben den Status quo bereits aufgegeben. Bislang sorgfältig gehütete Regeln, wie die Vermeidung kommentierender Äußerungen über die Königsfamilie im Londoner Parlament, wurden mißachtet.

Der Labour-Abgeordnete Paul Flynn wagte es vergangenen Montag, am Rande einer Unterhaus-Debatte über walisische Wirtschaftsprobleme das Königshaus als "diskreditiert und im Sterben begriffen" zu bezeichnen. Statt eines Entrüstungssturms erntete der aufsässige Republikaner nur matten Widerspruch von den Hinterbänken der konservativen Tory-Fraktion.

Als bester Ausweg aus der schwelenden Krise und den geschäftsschädigenden Schlagzeilen erscheint vielen Königstreuen nun eine rasche Scheidung des ehemaligen Traumpaares Charles und Diana. Der Tory-Abgeordnete Patrick Cormack: "Je früher es vorbei ist, desto besser." Vor wenigen Wochen noch undenkbar, schaltete sich die Königin in die öffentliche Diskussion ein. Während ihres Rußland-Besuchs ließ ihr Büro verlauten, der "Prinz und die Prinzessin von Wales" seien "frei, ihre eigene Entscheidung zu fällen" - höchste Erlaubnis für eine Scheidung?

Sogar die Anglikanische Kirche, deren Oberhaupt Charles nach seiner Thronbesteigung würde, reagierte gelassen. Bischof John Taylor, ein enger geistlicher Vertrauter der Windsors, erklärte, selbst eine abermalige Vermählung würde Charles'' Erbansprüche "nicht gefährden".

Eine neue Presseveröffentlichung - ausgerechnet beim ungeliebten Nachbarn Frankreich - schien die Gerüchte zu bestätigen: Das Pariser Boulevardblatt Voici berichtete, die Arrangements für eine Scheidung seien schon getroffen. Danach erhalte Diana eine Abfindung von 15 Millionen Pfund (etwa 37 Millionen Mark), dazu eine Wohnung in London, einen Landsitz in Frankreich oder England und ungehinderten Zugang zu den Söhnen William und Henry.

Diana fühlt sich laut Voici im Familienverband der Windsors wie die "größte Hure der Welt" sowie als "Gefangene von Wales".

Die Zitate stammten angeblich aus Druckfahnen des neuen Andrew-Morton-Buches. Ein Voici-Journalist, der seine illegal besorgten Informationen an britische Zeitungen verkaufen wollte, wurde bei der Übergabe in einem Pariser Hotel festgenommen.

In lange nicht mehr praktizierter Eintracht ließen der Kronprinz und seine entfremdete Gattin über ihre Anwälte ein rasches Dementi folgen: An Scheidung sei nicht gedacht.

Vor allem monarchistische Ultras halten eine Scheidung nach wie vor für undenkbar. Das bestätigt ihnen ein Blick zurück in die jüngere Geschichte: Schon Charles'' Großonkel, König Eduard VIII., mußte 1936 Jahren auf Druck der Regierung dem Thron entsagen.

In naiver Verkennung seines Amts als Oberhaupt der Anglikanischen Kirche hatte Eduard geglaubt, er könne die zweimal geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson heiraten und sie obendrein zur Königin machen. Doch während er als Prince of Wales noch gegen das königliche Protokoll rebellieren und seiner Neigung zu verheirateten älteren Frauen nachgeben durfte, lösten die Ehepläne des Gekrönten eine Staatskrise aus.

Winston Churchill, später britischer Premier, schrieb ihm eine Abschiedsrede, deren Sentimentalität Eduard zu einem Mythos edlen Verzichts machte - Vorbild für Charles?

Zum Verzicht zwingen kann ihn niemand, die Thronfolge läßt sich nicht aus Gründen politischer Opportunität außer Kraft setzen - dann geriete die Monarchie als ein Symbol geschichtlicher Kontinuität in wechselhaften Zeiten erst recht in Gefahr. Charles allein hält den Schlüssel in der Hand, nur er kann den Weg freimachen für seinen ältesten Sohn William, 12, vom Volk zärtlich "Wills" gerufen.

Ganz gleich, wie Charles sich entscheidet, egal, wie weit die Selbstzerstörung des Herrscherhauses fortgeschritten ist - noch immer kann sich kaum jemand eine Republik Großbritannien mit einem Präsidenten an der Spitze vorstellen, selbst wenn kecke Zeitungen wie der liberale Guardian schon mal die Vor- und Nachteile prominenter Kandidaten beleuchten.

Bereits bei der Frage, ob ein gewähltes Staatsoberhaupt die zeremoniellen Funktionen so erfolgreich ausfüllen könnte wie Elizabeth II. in den vergangenen 42 Jahren, verstummt republikanischer Eifer.

Noch immer gilt die Monarchie auch bei vielen ihrer Kritiker als Garant der ungeschriebenen Verfassung. Der Schriftsteller George Orwell hat 1944 darauf hingewiesen, daß der Erste Weltkrieg drei der vier großen Monarchien in Europa beseitigte: Deutschland, Rußland und Österreich-Ungarn wurden in gewalttätigen Umstürzen zu Republiken. Das so entstandene Machtvakuum schuf die Voraussetzung für den Aufstieg Hitlers und Stalins.

In Großbritannien blieb dagegen auch die de facto entmachtete Monarchie der Mittelpunkt im Selbstverständnis der Nation. Faschistische und sonstige Heilsbewegungen hatten keine Chance, Britannien blieb geistig und im wesentlichen politisch intakt.

Weder ein banaler Ehebruch noch die Affären leichtgewichtiger Königskinder dürften deshalb die Monarchie, das vollkommenste Symbol der Nation, zum Einsturz bringen. Sollte die Sippe der Windsors ganz und gar unhaltbar werden, ließen sich womöglich Nachkommen der Stuarts auftreiben, deren Anspruch auf den britischen Thron historisch zu rechtfertigen wäre.

Den Ansehens- und damit auch den Machtverlust, den das tolle Treiben der Windsor-Brut hervorruft, bekommt derzeit nicht in erster Linie Elizabeth II. zu spüren, sondern der Premierminister, dessen Amt sich daraus legitimiert, daß er die Krone im Parlament vertritt.

Ohne deren übertragene Autorität könnte der britische Premier kaum so selbstherrlich regieren. Englands Exekutive _(* Gemälde von 1846. ) wird weder durch eine starke Opposition noch durch ein Verfassungsgericht kontrolliert. Bräche die Monarchie zusammen, käme die britische Demokratie ohne geschriebene Verfassung nicht aus, müßte das feudale Relikt des House of Lords durch eine gewählte zweite Kammer ersetzt werden.

Kein Wunder also, daß Major mit der Queen über die Thronfolge reden möchte und daß es vornehmlich prominente Tories sind, die schon seit Jahren Zweifel an Charles'' Eignung zum König anmelden. An der kalten Entmachtung ihres Sohnes könnte die Amtsinhaberin Elizabeth II. durchaus aktiv mitwirken. Die Rechnung, im Vereinigten Königreich gern aufgemacht, geht so:

Vielleicht erreicht die Queen, die sich selbst die Konstitution eines Pferdes bescheinigt, das biblische Alter ihrer Mutter. Queen Mom ist mit 94 Jahren immer noch überaus rege.

Dann wäre Charles schon über 70, William hingegen wäre gerade 38 - genau das richtige Alter für die Krönung als Nachfolger seiner Großmutter. Also dann: Long live the Queen.

Von nun an ist jeder Monarch Freiwild für die Medien

Dianas Beute: 37 Millionen und ein Haus in Frankreich

Kalte Entmachtung für den traurigen Thronfolger

[Grafiktext]

_147_ Stammbaum der britischen Königsfamilie

[GrafiktextEnde]

* Gemälde von 1846.

DER SPIEGEL 43/1994
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