24.10.1994

USAEin Gott, eine Nation

"Erst als ich in die Kirchen Amerikas ging und die Predigten hörte, habe ich seine wahre Größe begriffen."
Wer Peggy Wehmeyer besucht, fährt in die fünfziger Jahre. Der Rasen vor dem Haus in einem Suburb von Dallas ist getrimmt wie der vor den Nachbarbungalows. In der Küche steht der lächelnde Ehemann und kocht. Die Töchter bringen gute Noten nach Hause. Vor der Mahlzeit wird gebetet. Und Peggy ist blond und witzig und schmeißt den ganzen Laden.
Für den TV Guide, die auflagenstärkste Programmzeitschrift der Welt, ist sie einfach "hot". Warum? Weil sie attraktiv ist und die erste Religionsreporterin bei ABC World News, der meistgesehenen News-Show des Landes. Und weil sie Sachen sagt wie: "Karriere ist ja ganz nett, aber Vorrang für mich hat die spirituelle und emotionale Erziehung meiner Kinder." Das Verrückte: Man glaubt ihr aufs Wort.
Ein paar Jahre früher wäre Peggy Wehmeyer ziemlich außer Mode gewesen. Doch in Zeiten, wo elternlose Elfjährige morden und Siebenjährige Mädchen vergewaltigen und eine ganze Gesellschaft im permissiven Müll erstickt, wünscht man sich die Welt voller Peggy Wehmeyers.
Sie ist die Doris Day der neunziger Jahre. Sie unterrichtet ihre Töchter in der Sonntagsschule. Sie organisiert Nachbarschaftsabende. Sie glaubt an die Familie. Und sie findet, daß das Land vor die Hunde geht, seine Seele verspielt.
Sie ist nicht die einzige. Einer Umfrage zufolge ist einer Mehrheit von Amerikanern der moralische Wiederaufbau wichtiger als der wirtschaftliche - 74 Prozent wollen bei den bevorstehenden Herbstwahlen wertorientierte, christliche Kandidaten unterstützen.
Das Lamento über Sinnverlust und moralischen Verfall verrät vor allem eines: wie groß die Spiritualität noch immer ist im mächtigsten Land der Erde, das oft als knallbunter Supermarkt mißverstanden wird. Wer so nach Gott ruft, hat ihn gerade nicht verloren.
Peggy Wehmeyer ist "wiedergeborene" Christin - eine von 40 Millionen. Und sie ist Teil einer konservativen, christlichen Erneuerungsbewegung, die den öffentlichen Raum betreten hat und zunehmend bestimmt.
Die Bewegung erinnert vehement daran, daß sich die Nation nicht nur dem Vernunftpathos der Aufklärung, sondern ebensosehr der messianischen Vision verdankt: Amerika, das war die Stadt auf dem Hügel, das neue Jerusalem. Religiöses Gefühl hat die amerikanischen Revolutionäre ebenso beseelt wie die Verfassungsväter, die Kämpfer gegen die Sklaverei ebenso wie die Bürgerrechtler.
Religiosität elektrisierte linke und rechte Kombattanten und fieberte stets auch im globalen Auftrag: Im religiösen Selbstgespräch der Nation hat nicht militärische Stärke, sondern moralische Größe Faschismus und Kommunismus besiegt - Gott war mit Amerika.
Daß Amerika eine höhere Sendung habe, findet auch die kritische europäische Intelligenz, die gern die Frömmelei der Supermacht bespöttelt, aber im gleichen Atemzug moralisch begründete Interventionen verlangt, ob in Bosnien, Somalia oder Haiti.
Trotz allen Verfalls, aller Trivialisierungen ist Religion im amerikanischen Alltag virulent. In schwarzen Gemeinden sind Kirchen rettende Anker; Kirchen stehen in jedem noch so kleinen Flecken.
Anders als in Deutschlands großen müden Amtskirchen ist das religiöse Gefühl in Amerika Verzückung, Gospel, heiliges Gelächter, Trance. Es ist im Kern rebellisch, antistaatlich. Der Gläubige - ob Pentecostalist, Baptist, Methodist, wiedergeborener Christ - sucht die direkte Gefolgschaft Jesu, ohne alle Vermittlungen durch Kirche und Bürokratie. Seinem Wesen nach ist der amerikanische Individualismus nichts als das: die grenzenlose Einsamkeit mit Gott.
Die Baptistentaufe ist dramatische Wiedergeburt, Bruch mit aller bisherigen Biographie, so wie Amerika Bruch mit aller bisherigen Geschichte war. Über 90 Prozent der Amerikaner glauben an die Rettung durch Gott. Nur so läßt sich erklären, daß der wegen Kokainkonsums verurteilte ehemalige Bürgermeister Washingtons, Marion Barry, bei seinem Comeback gerade einen glänzenden Etappensieg errungen hat. Sein Wahlkampf hatte ein einziges Thema: Sündenfall und göttliche Rettung.
Jeder zweite Amerikaner betet täglich. Auch Peggy Wehmeyer beginnt ihre Tage mit Gebeten und Meditationen. An diesem Morgen war es eine Passage aus den Reflexionen des Deutschen Dietrich Bonhoeffer. "Was für eine Glaubensgewißheit, was für ein Weg", sagt sie bewundernd. Sie dagegen - Gott habe ihr alles gegeben, und dennoch zweifle sie ständig.
Es ist schwierig geworden, in diesen späten, zynischen Zeiten über Religion zu reden. Peggy Wehmeyer kann es. Sie erzählt von ihrer Kindheit, von ihrer Suche nach Antworten. Von ihrem Vater, einem Glücksritter, der mit der Sekretärin durchbrannte, und ihrer Mutter, die Selbstmord verübte. Und wie sie, auf dem College, Die Schrift fand. "Ich habe gespürt - das ist mein Weg."
Natürlich wird sie kritisiert. Die meisten Journalisten halten Frömmigkeit für einen intellektuellen Kunstfehler. Als Peggy Wehmeyer ein zweiteiliges Interview mit Präsident Clinton über Glaubensfragen machte, gab es auch in der eigenen Anstalt Probleme.
Doch sie hat einen wachen Verstand und die Protektion ihres Chefs Peter Jennings. Was Religion vermag, schilderte sie in einem ihrer ersten TV-Beiträge. Skinheads hatten in einem Städtchen in Oregon eine jüdische Familie terrorisiert. Daraufhin schlossen sich die Nachbarn, die meisten von ihnen wiedergeborene Christen, zusammen, hängten Davidsterne in ihre Fenster und stellten siebenarmige Leuchter auf. Die Skins zogen ab.
An diesem Tag arbeitet Peggy an einem Film über Aids und Kirche: Vor Jahren hatte Jim Allen, ein Baptisten-Pfarrer, bei der First Baptist Church in Arlington um Aufnahme gebeten, für sich - und vor allem für die Familie seines aidskranken Sohnes. Sie wurden abgelehnt. Heute ist Pastor Wade bereit, vor der Kamera Selbstkritik zu üben.
Die beiden stehen im oberen Chor der riesigen leeren Kirche. In den steinernen Altarblock sind die Worte des letzten Abendmahls eingemeißelt: "Tut dies zu meinem Gedächtnis."
"Wir haben damals versagt", sagt Pastor Wade. "Wir haben uns nicht verhalten wie Jesus." Schnitt. Vielleicht, fragt Peggy, "kann man es bildhafter sagen, deutlicher". Pastor Wade setzt neu an. "In der Gemeinde gab es hysterische Angst vor Ansteckung, vor einer unbekannten Krankheit. Doch das ist keine Entschuldigung. Christus hat seine Hand nach den Leprakranken ausgestreckt - und wir haben diese Familie durch unsere Finger gleiten lassen."
Nun nickt Peggy zufrieden. Während die Crew andere Einstellungen für die Anschlußschnitte dreht, unterhält sie sich mit Wade über den politischen Riß bei den "Southern Baptists". Beide sind sich einig, daß es bald zum endgültigen Bruch kommen wird.
Gott wird von jeher als politischer Parteigänger vereinnahmt. Unter Jimmy Carter war er Demokrat, unter Reagan Republikaner. In den sechziger Jahren marschierte Gott mit Martin Luther King. In den neunziger Jahren reklamieren ihn die Abtreibungsgegner für sich.
Baptist Bill Clinton warnte seine Parteifreunde davor, "alle Christen als Rechtsradikale zu diffamieren". Doch auch er muß hinnehmen, daß der öffentliche Raum derzeit den christlichen Fundis gehört, die gegen die Sünde der Homosexualität predigen und gegen Abtreibung zu Felde ziehen. Sie nehmen die Schrift wörtlich. Viele glauben, daß die letzten Tage angebrochen sind. "Die wollen den autoritären Gottesstaat", sagt Pastor Wade schaudernd. "Es gibt einfach zuviel Angst", sagt Peggy. "Auf beiden Seiten."
Pensacola, der Küstenort im Nordwesten Floridas, besteht aus Shopping Malls, Motels für den Billigtourismus und Kirchen. Vielen Kirchen. Pensacola kann die höchste Kirchendichte des Landes aufweisen - und die höchste Mordrate an Abtreibungsärzten. Vier Menschen sind hier in den letzten zwei Jahren ums Leben gekommen.
Seit einigen Wochen ist es gespenstisch ruhig im dunklen Holzhaus, dem Ladies Center an der Neunten Avenue. Einige Marshalls bewachen das menschenleere Gelände. Doch draußen, auf einem Stück Rasen gleich neben dem Zaun, steht John Burt und hißt die Fahne der militanten Christen, rotes Kreuz auf blauem Grund. Im Gras eine Friedhofsfigur, daneben ein Schild: "Zum Gedenken an die 26 Millionen Babys, die seit 1973 im amerikanischen Holocaust umgekommen sind."
Das Rasenstück gehört zu einem Belagerungsring. Für 15 000 Dollar hatte John Burt den schmalen Streifen Land rund um die Abtreibungsklinik aufgekauft und für den Stellungskrieg mit Podesten und Kreuzen präpariert.
Hier standen sie und brüllten und schwangen ihre Bibeln und drohten den schwangeren Frauen, die den Hof zur Klinik betraten, ewige Verdammnis an. Bis vor einigen Wochen. Da hatte ein blasser Psychopath seine Flinte auf den Doktor, seinen Begleiter und dessen Frau abgedrückt.
Seither, sagt John Burt, seien "keine Babys mehr getötet worden". Graublaue Augen in einem zernarbten Gesicht. Über seinem Bauch spannt sich ein schwarzes T-Shirt, auf dem Jesus mit einem Kind abgebildet ist.
Ob sein christliches Mitleid auch für die ermordeten Ärzte gelte? Betet er für sie? "Das hat keinen Sinn mehr", sagt John Burt. "Sie sind bereits in der Hölle." Woher er das weiß? "Bei einer Schrotladung bleibt einem keine Zeit mehr zu bereuen."
In Burts Verständnis des Christentums brennt das Höllenfeuer, ist die Verdammnis total. Er verkörpert die Nachtseite amerikanischer Religiosität, fanatisch und dunkel und blutig wie die Pistolero-Prediger in den Romanen Cormac McCarthys. Wenn Peggy Wehmeyer das freundliche Gesicht der Christen-Renaissance ist, ist John Burt das finstere. Peggy ist gutsituierter christlicher Mittelstand. John Burt ist religiöser White Trash, der Soziopath im Zeichen des Kreuzes.
Auch seine Geschichte ist die einer Rettung. Ein Ex-Marinesoldat, der früh heiratete, hart arbeitete und Veranstaltungen des Ku Klux Klan besuchte, weil er dachte, daß Schwarze, Kommunisten und Juden das Land umstürzen wollten. "Später war ich klüger", sagt er. "Da habe ich gemerkt, daß es beim KKK genausoviel Kommunisten gab wie anderswo."
1972 läßt er seine Frau und vier Kinder sitzen, um mit Linda zu gehen, die bereits fünf Kinder aufzieht. Er trinkt, er nimmt Tabletten, er raucht Marihuana. Er verliert einen Job nach dem anderen und trinkt noch mehr. Er lebt vom Geld seiner Mutter. Er ist ganz unten. Eines Abends greift er zur Bibel - und legt sie nicht mehr aus der Hand. Am nächsten Morgen führt ihn die Stieftochter zur Kirche. Er fällt auf die Knie. "Ich war gerettet."
Nun beginnt er das Evangelium zu verkünden, die frohe Botschaft seiner Umkehr. Er wird zum Prediger. Er gründet "Our Father's House", ein Heim für Frauen. Der Kampf gegen Abtreibung wird zur Besessenheit und mündet in eine merkwürdige, glühende Anbetung des Fötus.
Er tritt mit Föten in Talkshows auf. Er läßt sich mit Föten fotografieren. Er rettet Föten aus Klinik-Containern und beerdigt sie. Zehn Meter lang ist der gemalte Fötus auf dem Riesenbillboard, das er hinter der Abtreibungsklinik errichtet, ein riesiger Reklame-Altar der Abtreibungsgegner mit dem Fötus als Lamm Gottes.
Womöglich hat der Kritiker Harold Bloom recht, der in der Fötus-Faszination von militanten Abtreibungsgegnern dunklere, vorchristliche, gnostische Glaubensvorstellungen erkennt, in denen die Schöpfung selber bereits eine Abspaltung von Gott ist und damit Sündenfall. Nur das Ungeschaffene, Ungeborene ist bei Gott und jedes Opfer wert. Um das Heilige Ungeborene zu schützen, darf sogar getötet werden.
Nie kann die Polizei Burt eine direkte Beteiligung an Bombenanschlägen und Morden nachweisen. Er verbüßt kleinere Haftstrafen wegen Belästigung, erhält Hausarrest. Doch immer wenn die Abtreibungskliniken in Pensacola angegriffen werden, ist Burt nicht weit.
Terror und frommer Kitsch liegen oft dicht beieinander. Linke Bombenleger holen sich die moralische Aufrüstung von Che-Guevara-Postern in Christus-Pose, rechte Fundamentalisten wie Burt haben die Jungfrau an der Wand, die die Schlange zertritt.
Burts "Our Father's House" ist eine staatlich anerkannte Rehabilitationseinrichtung. Sechs Mädchen und ihre Säuglinge halten sich derzeit bei ihm auf.
An der Wand im Büro hängen die Pastorenpatente der "United Christian Church" für Burt und seine Frau Linda. Daneben Hetzposter gegen Evolutionisten, Demokraten und anderes Gesindel. Auf dem Bücherbord ein mit Dynamitstangen verdrahteter Wecker, ein Scherzartikel, der anfängt zu heulen, wenn er angehoben wird. Burt hat diese Art von Humor. In der Garage züchtet er Römische Kampfhunde.
Im Wohnzimmer sitzt die 17jährige Joan über einer Stickarbeit, die einen glutäugigen Jesus zeigt. Auf dem Schoß hat sie ihr Baby. Sie wollte eigentlich abtreiben, hatte aber die 270 Dollar nicht. Burt überredete sie, ihr Kind auszutragen. "Er hat meine Seele gerettet."
Neben ihr auf der Couch die blasse Serena, ihr Neugeborenes auf dem Arm. Ihre Eltern sitzen wegen Drogenhandels im Gefängnis. Serena war mit 13 vergewaltigt worden und trieb ab. Mit 14 hatte sie einen Freund. Und trieb wieder ab. Rauschgiftsüchtig und erneut schwanger, landet sie mit 16 im Knast. Von dort hat sie sich um Aufnahme bei Burt beworben.
Die Elendskinder lieben ihn wie den Vater, den sie nie hatten. John Burt, der Prediger des Hasses, tut tatsächlich Gutes. Er hat sie aus dem Knast geholt, hat ihnen zu einem drogenfreien Leben verholfen. Zu einem "heiligen", wie Juanita sagt: Sie hat ihm sexuelle Abstinenz geschworen bis zur Heirat.
Die Hausordnung ist streng. Tägliche Schriftlesung, regelmäßiger Kirchenbesuch. Verboten sind Tabak, Widerworte, Flüche, Jeans, Popmusik und Liebesromane. Allerdings nicht alle - in Burts Bücherbord steht ein Schmöker mit dem Titel: "Die Männer vom Ku Klux Klan. Eine historische Romanze".
Die Mütter sind für ihre Babys verantwortlich, für regelmäßiges Füttern und Waschen - keine Selbstverständlichkeiten in der Umgebung, aus der die meisten von ihnen stammen. Die Teenager, die hier zusammen sind, machen den Eindruck, als fühlten sie sich zum erstenmal in ihrem Leben in Sicherheit.
Zum Dank dafür fahren sie mit John Burt in die Stadt, wenn er die Abtreibungsklinik terrorisiert. Sie stehen mit ihm auf dem Podest und rufen über das Gitter, verteilen Flugblätter, haben "Abwechslung" und, so Juanita, "das schöne Gefühl, etwas Gutes zu tun".
In diesen Tagen allerdings läßt Burt sie zu Hause. Die letzten Morde waren nicht populär. Selbst finsterste Abtreibungsgegner gehen nun auf Distanz. Die "Christian Coalition", ein sonst verläßlicher Bündnispartner bei allen möglichen Aktivitäten, hat die Schüsse als absurd verurteilt: "Wir töten nicht, wir sind für das Leben."
Burt versteht die Welt nicht mehr. "Sie wollen sogar Trosch aus der Kirch rausschmeißen." David Trosch, ein übergeschnappter Jesuitenpater aus Alabama, hatte die Morde theologisch entschuldigt - und war von der Kirchenleitung mit Exkommunikation bedroht worden. "Wahrscheinlich ist es vernünftig", sagt Burt seufzend, "eine Weile unauffällig zu bleiben."
Sie sind adrett, sie sind zahlreich, sie sind rechts. Sie sind der Alptraum für Jim aus New York, der sich sein sauberstes Hemd angezogen und sich unter die Delegierten ins Washingtoner Hilton geschmuggelt hat. Er berichtet für eine linke New Yorker Zeitung über den Kongreß der rechten Christian Coalition (CC).
Kurz vor den Novemberwahlen lassen Amerikas Fundamentalisten ihre Muskeln in der Hauptstadt spielen. Motto des Kongresses: "Die Straße zum Erfolg".
Operationsschef der Organisation ist Ralph Reed, ein Engelsgesicht mit Seitenscheitel, Typ Timmy aus der Serie "Lassie". Die Hand über dem Herzen, stimmt er in die Nationalhymne ein und spricht den Schwur auf Fahne und Verfassung. 3000 Delegierte sprechen mit: "Ein Gott, eine Nation".
Jim, der Journalist, steht mit den anderen stramm. Nervös lächelt er Breitseiten, nach links, nach rechts, in verzückte und gerötete und strenge Gesichter, Männer in Strickjacken mit dem Muster des Sternenbanners, Frauen mit strahlenden Silberperücken, Mädchen in schwingenden Röcken und weißen Socken, Seifengeruch, Kreuz am Kettchen. Jim ist überzeugt, daß er die Geburtsstunde des amerikanischen Faschismus miterlebt.
Was er tatsächlich erlebt, ist der Start zu einer Polit-Ökumene. "Ihr steht nicht allein", ruft der jüdische Gastredner Rabbi Daniel Lapin den Delegierten zu. "Euer Gott ist auch unser Gott, und eure Werte sind unsere Werte."
Kurz nach dem Rabbi steht die schwarze Katholikin Star Parker am Mikrofon. "Auch die afroamerikanischen Familien sind im Kern konservativ. Wir sind Bündnispartner." Tatsächlich: Die meisten Schwarzen sind für Todesstrafe und Schulgebet.
Die Christian Coalition des TV-Predigers Pat Robertson begann als Fundigruppe am rechten Rand der Republikanischen Partei, die, etwa mit bibelgrimmigen Sprüchen gegen Abtreibung, George Bushs Kampagne von 1992 den Todeskuß versetzte.
Seit neuestem jedoch hat die CC immensen Zulauf. 8000 Aktivisten pro Woche tragen sich in ihre Listen ein. Mittlerweile ist die CC 1,4 Millionen Mitglieder stark. Sie kontrolliert die Republikanische Partei bereits in 13 Staaten, in 13 weiteren hat sie erheblichen Einfluß.
Die Coalition ist zur Sammlungsbewegung für Konservative aus allen Schichten und Altersgruppen geworden: Familienväter, die den Autoritätsverfall beklagen. Waffenfans, die gegen die Kontrollgesetze sind. Junge Frauen, die vom feministischen Männerhaß angewidert sind.
Die Christian Coalition - das ist Kulturkampf von rechts, die Revision der sechziger Jahre. Umkehr und göttliche Rettung auch hier. Konvertierte linke Aktivisten wie Peter Collier bereuen öffentlich, daß sie eine ganze Generation verführten. Watergate-Einbrecher Gordon Liddy, wiedergeborener Christ, spricht über Gottes Gnade und über Tricks im Wahlkampf.
Frauen lassen sich für den antifeministischen Kampf auf dem Campus präparieren. Feministische Ladenhüter-Sprüche wie "Ehe ist legale Prostitution" oder "Familie ist wie KZ mit Komfort" bringen noch einmal das Blut zum Kochen, und in den Bücherständen der Ausstellungshalle gibt es Videos, die die "homosexuelle Konspiration" entlarven, Clinton-Witze und T-Shirts mit dem Konterfei von Oliver North - Reagans früherer Mann für schmutzige Tricks hat gute Aussichten, mit Hilfe der Christian Coalition in Virginia zum Senator gewählt zu werden.
Die Christian Coalition hat in diesen zwei Tagen die konservative Elite, ein All-Star-Team der rechten Intelligenz, versammelt. Natürlich haben sie alle recht: Seit dem Zusammenbruch des Sozialismus steckt die westliche Demokratie in einer Legitimationskrise. Das Fernsehen ist eine Kloake, die Scheidungsraten sind erschreckend, die Familien verfallen, das Wohlfahrtssystem erzeugt Abhängige, das Knastsystem ist bankrott.
Kern des konservativen Sirenengesangs: Die Sozialingenieure der sechziger Jahre haben es vermasselt. Wenn immer nur die Gesellschaft schuld ist, ist keiner mehr schuld. Wie wär's mal wieder mit dem Prinzip der persönlichen Verantwortung und den Zehn Geboten?
Doch dann wacht man auf und denkt sich: Warum haben sie nicht schon längst für moralische Aufrüstung gesorgt? Schließlich waren die Republikaner zwölf Jahre lang an der Macht. War es nicht die Reagan-Dekade, in der die Gesellschaft zerfiel und seelisch verödete und Gier zur Tugend wurde?
Völlig unbeeindruckt von solchen Widersprüchen, feiern die 3000 Christen-Delegierten all die Kandidaten, die auf dem Podium vor ihnen ihren Kotau machen: Ex-Vizepräsident Dan Quayle, Senator Phil Gramm, der ehemalige Verteidigungsminister Dick Cheney. Die dort oben wissen, daß ohne Unterstützung durch die CC nichts laufen wird, denn ihr gehört die Basis. Die unten wissen das erst recht.
In unzähligen kleinen Räumen finden in diesen zwei Tagen Strategiesitzungen und Schulungskurse statt. Es sind Gesichter wie auf Norman-Rockwell-Bildern, anständig und rechtschaffen. Die Frauen tragen Dauerwellen und Schmuck und sehen aus, als wollten sie eine Tupperware-Party organisieren. Doch wollen sie die Macht. Das gottesfürchtige Mittelstandsamerika marschiert.
Rentner und Hausfrauen und Studenten reden über Telefonlisten, Wahlkampfzentralen und versteckte Umfragen. Was aussieht wie eine Häkelrunde, erinnert an Strategiesitzungen studentischer Revolutionäre der sechziger Jahre.
"Möglichst nicht erwähnen, daß ihr von der Coalition kommt", sagte die Rednerin. "Fallt nicht gleich mit der Abtreibungssache ins Haus. Sprecht Probleme an, die im Wahlkreis akut sind." Volksfrontpolitik nannten das die Kommunisten.
Die sich hier zusammengefunden haben, belassen es nicht bei konservativen Schwärmereien. Sie sind pragmatische Polit-Profis, die an alles denken: Cathe Halford etwa, noch vor vier Jahren siegreich fürs Gegenlager, für die Demokratin Ann Richards. "Konzentriert euch auf die Waffenleute, auf solche, die ihre Waffe selbst dann nicht abgeben würden, wenn sie tot sind."
Waffennarren, so paradox es klingt, gelten hier als gute Christen. Hier ist die Waffe ein Fetisch gegen den modernen Staat, so wie die Bibel einer gegen die moderne, gottlose Intelligenz ist.
Doch die Christian Coalition mobilisiert längst nicht nur reaktionäre Radaubrüder - es gibt auch andere, Besorgte, die einfach ins fundamentalistische Lager weggerutscht sind. Frauen wie Kelly Givin aus West Virginia, Mutter von zwei Töchtern, klug, warmherzig, energisch. Sie will was gegen die Kriminalität tun, gegen die Drogen, gegen die zu hohen Steuern.
Der Familienrat hat beschlossen, daß sie in die Lokalpolitik geht. Nun ist sie bereit, Wochen am Telefon zuzubringen, Elternabende zu organisieren, Flugblätter zu verteilen. Ihr Nachbar vertraut ihr an, daß er mit "Night walks", mit nächtlichen Spaziergängen gute Erfahrungen gemacht hat. "Auf denen kann man Nachbarn ansprechen." Seinen Wahlbezirk hat er bereits im Frühjahr gewonnen.
Rund 57 Millionen Wahlbroschüren will die Christian Coalition in diesen Wochen über das christliche Netzwerk, über Kirchen und Schulen verteilen - eine der mächtigsten Kampagnen in der Geschichte der amerikanischen Demokratie rollt an. Auf dem Abschlußbankett erinnert Pat Robertson an den Spruch aus dem Zweiten Weltkrieg: "Lobe den Herren - aber reich mir die Munition."
Selbstverständlich ist die Christian Coalition ein Magnet auch für politische Freaks. Beim Abschlußbankett sitzt Andrew Patterson aus Virginia unterhalb des Podiums und starrt auf die Prominenz. Er kaut nervös auf seiner Lippe.
Er spüre einen Aufbruch im Lande, sagt er merkwürdig erregt. Die Christian Coalition habe das gleiche Ziel wie die Nazis. Nämlich? "Unsere Kultur zu retten." So wie die Nazis auf die Dekadenz der zwanziger Jahre geantwortet hätten, so verheiße die CC die Rettung aus dem moralischen Sumpf der sechziger Jahre.
Er schaut verträumt auf die Bühne, wo ein patriotisches Krippenspiel gegeben wird: Washington und Lincoln und Jefferson und Adams sitzen zusammen und beklagen den Verfall der Sitten. "Was soll man nur mit Richtern machen", sagt ein trauriger Washington, "die den Kindern das Beten in der Schule verbieten?"
"Abknallen", murmelt Patterson versonnen. Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Gottesfurcht *
soll Amerika wieder regieren. Eine mächtige Gruppe konservativer Christen kämpft gegen Abtreibung und für "Familienwerte", gegen Egoismus und für Gemeinschaftssinn. Moralische Erneuerung wollen die Fundamentalisten auch in der Politik durchsetzen. Eine Sammlungsbewegung für fromme Rechte aller Altersklassen und Schichten, die Christian Coalition, hat bereits 1,4 Millionen Mitglieder und konnte einen Teil der Republikanischen Partei erobern. Nun schickt sie sich zum Sprung in die Parlamente an. Bei den Kongreßwahlen am 8. November könnten vor allem liberale Demokraten Opfer der landesweiten Kampagne werden.
Von Matussek, Matthias

DER SPIEGEL 43/1994
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