08.08.1994

LeichtathletikIn der Sackgasse

Weniger Doping, weniger Rekorde, keine Stars - der Leichtathletik droht der Sturz in die Belanglosigkeit.
Wo immer Liesel Westermann-Krieg, 49, ihre Nachfolgerinnen beobachtete, verging ihr "die Freude am Sport". Der ehemaligen Diskuswurf-Weltrekordlerin kamen die kraftstrotzenden Athletinnen "wie Roboter" vor: "fremdbestimmt im Feldzug der politischen Systeme". Mit Abscheu registrierte die olympische Silbermedaillengewinnerin von 1968 die produzierten Rekorde, an denen "Ärzte und Chemiker mitfummeln".
Neuerdings kann die Oberstudienrätin aus Solingen die erreichten Weiten "wieder nachvollziehen". Denn 25 Jahre nach ihren eigenen Rekorden bewegen sich die Diskuswerferinnen auf ihrem damaligen Niveau. Mit ihrer Bestleistung wäre Liesel Westermann heute unter den Top ten der Weltrangliste.
Es ist, als habe sich das Rad der Geschichte zurückgedreht. Die Leichtathletik, die so eng mit dem Fortschrittsstreben _(* Bei ihrem Olympiasieg über 100 Meter ) _(1988 in Seoul. ) verknüpft ist, meldet Stagnation und Rückschritt. In den meisten Disziplinen ist die Maxime des Höher-Schneller-Weiter nur noch Makulatur. Viele Rekordmarken sind unerreichbar weit weg.
Auf der Suche nach einer neuen Weltanschauung haben die zur Bescheidenheit gezwungenen Funktionäre modische Schlagworte entdeckt: Wettkampfspannung statt Rekordhatz, Ästhetik statt Leistungsdruck. Doch gleichzeitig fehlen der Sportart Stars, die das saubere Image verkörpern - der Leichtathletik droht der Absturz in die Belanglosigkeit und damit die ökonomische Krise.
Der alte Rekordfetischismus hat die Kernsportart der Olympischen Spiele "in die Selbstzerstörung getrieben", sagt der Sportvermarkter Günther Lohre, ein ehemaliger Stabhochsprungmeister. In den USA, die immer noch die besten Athleten stellen, finden die nationalen Meisterschaften fast unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Das Fernsehen nimmt kaum Notiz von den Wettkämpfen.
Auch in Deutschland steckt die Leichtathletik "in der Sackgasse" (Lohre), die Suche nach Sponsoren wird für Athleten und Sportfestorganisatoren immer schwieriger. Das traditionelle Koblenzer Meeting mußte ausfallen, der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) klagt über Nachwuchssorgen.
Die Leichtathletik bezahlt die Strafe für jahrzehntelangen Betrug. Seitdem - nach dem Sündenfall von Ben Johnson im Jahre 1988 erst vereinzelt, dann immer häufiger - auch im Training auf Doping kontrolliert wird, gehen die Leistungen nicht nur in den Kraftdisziplinen bergab (siehe Grafiken).
Selbst der talentierteste Sportler und der größte Trainingsaufwand können den Verzicht auf pharmakologische Unterstützung nicht wettmachen. Der Weltrekord über 100 Meter (10,49 Sekunden) von Florence Griffith Joyner, schätzt die Deutsche Meisterin Melanie Paschke, "wird nie mehr gebrochen". Die derzeit zehn schnellsten 400-Meter-Läuferinnen sind im Durchschnitt sogar sechs Zehntelsekunden langsamer als vor zehn Jahren. Ähnlich eklatant gingen die Wurfleistungen der Männer zurück.
Auch wenn die Sportfestveranstalter die Marken für die Weltrekorde verschämt beiseite geräumt haben und die Fernsehmoderatoren wortreich um das Thema Doping herumreden - der Zuschauer ist aufgeklärt. Jede sportliche Höchstleistung wird kritisch beäugt, schließlich werden die Zweifel an der Sauberkeit doch immer wieder bestätigt.
Beispiel Diskus: Die Bulgarin Zwetanka Christowa war 1991 Weltmeisterin, zwei Jahre später wurde sie des Dopings überführt. Die Chinesin Xiao Yandling war Weltbeste 1992, noch im selben Jahr wurde sie positiv getestet. Die aktuelle Weltrangliste führt die Australierin Daniela Costian an. Als sie noch für Rumänien startete, war sie 24 Monate wegen Anabolika-Konsum gesperrt.
Weil einigen Disziplinen der "Ruf des Unsauberen" (Lohre) wie ein Stigma anhaftet, ist mit ihnen kein Geldgeber mehr zu locken. Selbst Diskusweltmeister Lars Riedel, der in seiner körperlichen Formvollendung dem antiken Diskobol von Myron gleicht, taugt weder zum Helden für die Werbewirtschaft noch zum Vorbild für die Jugend. Die DLV-Werfer gründeten zwecks Vermarktung sogar einen eigenen Verein, die Resonanz war mager.
Wie soll man dem Nachwuchs aber auch die Karriere einer Ilke Wyludda, 25, erklären? Mit 74,40 Meter hält die Diskuswerferin aus Halle den deutschen Jugendrekord - diese Weite hat auf der ganzen Welt seit fünf Jahren außer ihr keine erwachsene Frau mehr erzielt, sie selbst wirft derzeit acht Meter kürzer. Sabine Sievers, die hochtalentierte deutsche Jugendmeisterin aus Wattenscheid, liegt mehr als 18 Meter hinter Wyluddas Bestmarke.
In einer Imagebroschüre verbreitet DLV-Präsident Helmut Digel die Leitideen ("Wettkampfkultur statt Rekordleichtathletik") für den Weg ins Jahr 2000. Doch bisher sind es nur einzelne Athleten wie Melanie Paschke oder der Zehnkämpfer Paul Meier, die eine Trendwende glaubhaft verkörpern.
Wie lange dauert es, bis das Publikum merkt, daß im Sport heute schon allein Sauberkeit Fortschritt bedeutet? Und kann die Leichtathletik im Buhlen um TV-Sendezeiten überhaupt auf (Rekord-) Sensationen verzichten?
Schon bei den Europameisterschaften, die in dieser Woche in Helsinki stattfinden, werden Spannungsmomente fehlen. Immer deutlicher spürt die Leichtathletik, daß ihr parallel zum Leistungsabfall die Stars ausgegangen sind. Große Athleten wie die Sprinter Carl Lewis, 33, und Linford Christie, 34, haben ihren Leistungszenit überschritten. Ausnahmekönner wie der Stabhochspringer Sergej Bubka starten nur noch dort, wo es am meisten zu verdienen gibt.
Allein die Rekorde der erfolgshungrigen Afrikaner und der "knabenhaften Frauen" (Sport, Zürich) aus China können keine Begeisterung entfachen - für die Zahlmeister aus Europa taugen die schnellen Läufer aus den Entwicklungsländern nicht als Werbefiguren.
Sportvermarkter Lohre befürchtet folglich "den Niedergang" der ganzen Sportart. Bevor der Wert der Sauberkeit honoriert werde, sei die Leichtathletik womöglich "ausgeblutet" und "auf unbestimmte Zeit bedeutungslos". Y
[Grafiktext]
_142_ Diskuswerfen: Jahresbestleistungen Frauen/Männer 1984 - 1994
_____ Kugelstoßen: Jahresbestleistungen Frauen/Männer 1984 - 1994
_____ Speerwerfen: Jahresbestleistungen Frauen/Männer 1984 - 1994
[GrafiktextEnde]
* Bei ihrem Olympiasieg über 100 Meter 1988 in Seoul.

DER SPIEGEL 32/1994
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