DER SPIEGEL



Planet Germany

Der Dramatiker Klaus Pohl über den Alltag in den neuen Bundesländern - Teil 1: Berlin - Teil 1: Berlin

Von Pohl, Klaus

Auf der Williamsburg Bridge steht mal wieder der Verkehr. Hoch über der Südspitze, wo Hudson und East River ineinanderfließen. Kotflügel an Kotflügel preßt sich das aus Manhattan heraus: Chevis. Buicks. Toyotas. Yellow Cabs. Schwarze. Gelbe. Weiße.

Der mittlere Teil der Brücke gehört der Subway, die dort nach Brooklyn hinüberkreischt. Nach Manhattan hinein ist sie irgendwie stiller.

Der schwarze Car-Driver fragt: "Wohin fliegst du?" "Berlin." "Wann warst du zum letztenmal dort?" "Vor fast zwei Jahren." Er nickt mir im Rückspiegel zu. Keine Angst. Wir schaffen es rechtzeitig nach JFK. Er heißt Josef. In den Siebzigern war er zwei Jahre in Berlin und hat dort gearbeitet.

Berlin liebt er. Die Stadt, die Menschen. Daß es so viele Bäume in der City gibt. Sie tun dem Auge gut. Er lächelt. "Es ist wie New York. Berlin it's like New York." Nur grüner. Aber mit dem Bier hat er Probleme. Überhaupt: Das Bier ist in Deutschland zu stark. Viel zu stark! Sie sollten dort unten mehr Miller light trinken. "You know what I mean! Light!"

DEUTSCHLAND - WO IST DAS? Es ist noch nicht neun. Sonntagmorgen in Berlin. Die Stadt schläft die erste Mainacht aus. Brasch nicht!

Seine Wohnung ist das perfekte Abbild des heutigen Europa: Der vordere Teil ist gut eingerichtet, bürgerlich in angenehmer Weise. Man kann jederzeit einen Bankangestellten mitbringen, ohne die Kündigung des Überziehungskredits zu riskieren.

Der hintere Teil - und das ist sein eigentlicher Aufenthaltsort - gleicht dem heutigen Osteuropa. Hier ist ein heftig durcheinandergestürztes Chaos Herr der Situation. Anzüge finden sich, wo bei anderen Leuten Töpfe klappern und Kartoffeln kochen. Das riesige Bett ist der Schreibtisch. Dort stapeln sich die zu Papier gebrachten Ideen in wilder, loser, durchaus kreativer Reihenfolge. Das Marmeladenbrot auf dem Transistorradio gehört seit Tagen einer Truppe schwarzer Fliegen. "Haut es weg", ruft er den beflügelten Vielbeinern zu. Die Bücher auf der leeren Coladose vollführen eine astreine Balancenummer!

Hier lebt der Dichter Thomas Brasch. Er will dem heutigen wiedervereinten Deutschland nicht seine Kommentare, Auslassungen und Anekdoten zwischen zwei Buchdeckel gepreßt hinterherschicken. "Das ist ja nur in Deutschland so, wo der Schriftsteller der Ersatzpfaffe ist, der sagt, was gut und was richtig ist." Deshalb schweigt er. Bis sich die Lage wieder beruhigt hat. "Was soll ich dazu sagen?"

Er zündet sich eine Zigarette an und sucht zwischen Zeitungsstapeln, Fotografien, Briefen, Filmrollen, Hemden, Schallplatten und unter einer zerschlissenen amerikanischen Fahne ein Buch. "Levins Mühle" heißt es. Von Johannes Bobrowski. Es läßt sich nicht finden. "Da war einmal ein Ehepaar", zitiert Brasch aus dem Gedächtnis, "sie haben sich sehr geliebt. Er schielte. Sie schielte. Sie haben sich ein Leben lang nicht gesehen. So sind sie über die schweren Zeiten 14/18 gekommen und friedlich miteinander gestorben."

Aus seinen dunklen Augen grinst es abgrundtief. Deutschland - wo ist das? Was? Kein Gegenstand von Literatur mehr? Ist alles bereits gesagt?

Immerhin war sein Vater von der ersten DDR-Stunde an als hochrangiger Politfunktionär dabei und hat den Sohn Ende der siebziger Jahre in den Westen ziehen lassen müssen. "Da war einmal ein Ehepaar . . .", und er zuckt bloß mit den Schultern. "Das wäre bei Kafka eine Tagebucheintragung. Vormittags Schwimmschule. Nachmittags Ausbruch des Ersten Weltkrieges."

Wir gehen frühstücken. Die Straßen sind leer. Brasch spricht von seinem Roman! Dessen Held heißt Brunke und hat, Anfang dieses Jahrhunderts, zwei junge Damen auf Verlangen getötet. Ein halbes Jahr später hat er sich im Gefängnis an einem Bindfaden aufgehängt, wie der Polizeibericht ausdrücklich vermerkt.

Zwei Fassungen hat Brasch fertig. An einer dritten schreibt er gerade. Lauter erste Sätze. Zweihundertsiebenundvierzig! Ein Drehbuch hat er entworfen. Außerdem will er ein Theaterstück aus der Gerichtsverhandlung gegen den Frauenmörder Brunke machen.

Plötzlich bleibt er unter einer Linde stehen. Sieht mich an. Lacht lauthals, wie ich da vor ihm stehe. "Ich sag' dir, was die DDR-Kultur war: Die Bude ist zu. Du schmeißt Marmelade ins Wasser und hoffst, es wird Alkohol. Und dann trinkste dich so halbwegs blau daran."

Er schüttelt sich. Erich Honecker hat seine Erzählungen gelesen. Als es um die brisante Frage ging, ob die in der DDR zur Veröffentlichung zugelassen werden. Sie wurden es nicht. Thomas Brasch mußte gehen. Die Klasse wechseln, wie so oft in seinem Leben. "Ich war der Fremde. Ich habe siebenmal die Schule gewechselt. Dieser Zustand: immer wieder vor 'ner Klasse zu stehen, die sich schon lange kennt. Immer wieder: Das ist der und der, der kommt von da und da, das ist Thomas Brasch. Und der ist jetzt bei uns."

Ende der siebziger Jahre kommt Brasch nach West-Berlin. Mit seinem Erzählband "Vor den Vätern sterben die Söhne". Der, seine Gedichte und seine Theaterstücke machen ihn berühmt. Er wird zu einer der schillerndsten Figuren in der Literatenszene. Ein jüdischer Junge, in England geboren, wohin seine Eltern emigriert sind, geht zurück in Stalins Reich, kommt in Ostdeutschland ins Internat, geht . . . Nein. Brasch winkt ab. "Nicht: Beruf Opfer!"

Es gibt kaum einen wichtigen Literaturpreis, den Brasch nicht bekommen hat. Damals, schien es, war der Erfolg sein Zuhause. Brasch grinst, schüttelt den Kopf. Erfolg ist kein Ort. Dann eher schon der Mißerfolg. Er sieht mich an. "Wo ich sterbe, da will ich nicht hin: bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin", hat er einmal gedichtet.

Er ist aufgestanden. Er hat seinen Kaffee getrunken. Er ist unruhig. Er will weiterarbeiten. Dieser Frauenmörder Brunke! Er stößt gegen meinen Koffer. Der, meint er, sei der ideale Sitzplatz unserer Zeit. "Die Alternative ist nicht mehr die, wohin zu fliehen, sondern die, nicht wo zu bleiben."

Brasch ist fort. Zu seinem Roman. Wie kann man in Deutschland leben? Ich winke mir ein Taxi.

OBDACHLOS Zum Bahnhof Zoo. Sechs Zeitungen unterm Arm und eine Frage: Was mögen die Deutschen an Deutschland am liebsten.

Es geht ein kühler Wind. Aus einem tiefen Zementhimmel fällt Regen. 1. Mai. Vor nicht drei Stunden bin ich aus New York in Berlin gelandet.

Ein seltsames, verlorenes Menschengemisch hat sich auf dem Bahnhofsvorplatz zur hastigen Begegnung versammelt. Angsteinflößende Wachdienstler, die aussehen wie ihre großen, glattgeschorenen Hunde, drehen ihre Runden. Im Wohnwagen der Obdachlosenzeitung Platte rechnen die Verkäufer mit Rudi die Zeitungen ab.

Rudi lebt seit 17 Jahren in Berlin, und davon war er zwölfe auf der Straße. Er lebt von Sozialhilfe und hofft, bald wieder in seinem gelernten Beruf arbeiten zu können. Rudi ist Bäcker aus Tübingen, er trägt abenteuerliche Ringe und raucht Kette. Schwarz fallen ihm die Haare auf die Lederjacke. Er wäre dafür, den Westen einzumauern. "Ja, weil die so bescheuert sind. Der Westen bescheißt den Osten. Das ist eine Schweinerei, wie die anne Türklinke überrumpelt werden."

Und dann erzählt er von "einem Kollegen", der noch nie etwas mit dem Gesetz zu tun gehabt hatte, bis ihm dann nach der Wiedervereinigung alles auf Kredit angeboten wurde. "Da hat der natürlich zugegriffen. Der hat sich'n Fünfhunderter oder E-Reihe von Mercedes gekauft." Nein, Rudi muß sich korrigieren. "Wenn de von Wladi sprichst - in dem sein Falle war's ein BMW!" Rudi zündet sich an der ausgehenden Zigarette die nächste an. "Wladi is'n korrekter Mensch. Der hat 23einhalb Versicherungen abgeschlossen, so daß der am Schluß 3000 Mark Kredit abstottern mußte, aber nur 2000 Mark verdiente." Jetzt ist er obdachlos, und das findet Rudi eine riesen gesamtdeutsche Schweinerei!

"Was mögen Sie an Deutschland am meisten?" Rudi zögert keine Sekunde mit der Antwort: "Das Bier!"

HEXEN Hört man es nicht singen? Walpurgisnacht war. "Hexen", so schreibt eine Zeitung, "Hexen waren immer sehr schön und seehrr hübsch, und deswegen wurden sie verbrannt. Und natürlich waren sie sehr-sehr intelligent und sehr selbstbewußt."

Lieber Herr im Himmel, lasse mich bitte solch eine sehr schöne, sehr hübsche, sehr intelligente und so richtig selbstbewußte deutsche Hexe treffen, damit ich sie vor dem Verbrennen retten kann. Oder werfe mich ihr zum Fraße vor.

DAS WAR DIE REVOLUTION Fanningerstraße. Nahe Frankfurter Allee. Lichtenberg. Eine ruhige Ecke. Als es die DDR noch gab, war es hier noch ruhiger. Jetzt hat ein Chinese dort ein Restaurant aufgemacht.

Die andere Veränderung ist kaum zu sehen, und doch ist sie hundertmal einschneidender als der janze Riesenchinese: "Von der totalen Umarmung des Staates ins Freie gestoßen", sagt Martina Weyrauch in ihrer gemütlichen Drei-Zimmer-Wohnung. "Es ist nichts mehr mit Umarmung."

In dieser Wohnung hat sie friedlich bis zur Wende an ihrem Schreibtisch gesessen und hat an ihrer Doktorarbeit über internationales Strafrecht und Bürgerrecht geschrieben. Sie hatte einen Mann und eine sechsjährige Tochter. Bis alles, wie sie fast erleichtert sagt, den Bach runter ging. Erst die Gesellschaft. Dann die Beziehung. Es folgte die Revolutions-Euphorie, es überschlug sich alles. "Wir dachten: Jetzt kommt die neue Zeit." Die Zeit der Untersuchungskommissionen war für sie die beste. "Das war die Revolution!" Sie dachte, jetzt machen sie es. Sie ging in alle Knäste, sie war in allen Psychiatrien, sie hat mit den Leuten geredet und recherchiert und Anklagen fertig gemacht.

"Dann kam die Wahl. 18. März 1990. Da waren wir alle enttäuscht." Die Wende-Euphorie mußte dem demokratischen Alltag weichen. Sie wurde krank. Drei Monate litt sie an einem Schweißdrüsenabszeß. Sie konnte nur noch mit kühlenden Eisbeuteln unter den Armen herumlaufen. Alles eiterte. Heute lacht sie bloß darüber. Ja, es war gut, daß es so drastisch verlief. "Ich habe immer gesagt: Der Sozialismus eitert aus mir heraus."

Jetzt lebt sie mit ihrer Tochter allein und ist persönliche Referentin von Ministerpräsident Manfred Stolpe. Sie hat, wie sie selbst sagt, eine große Schnauze. Die liebt sie, die verleugnet sie nicht. Ihre Schnauze! Ihr verdankt sie schließlich 'ne Menge! "Das Problem ist", sagt sie, "daß die DDR-Bevölkerung hier noch existiert. Das ist ja das Irre: Die sind emigriert ohne auszuwandern." Alles hat sich für die Menschen geändert: die Gesetze, die Rechtsvorschriften, Geldverkehr, alles! Bei Stolpe in Brandenburg kümmert sie sich, wie sie sie nennt, um die "Verzweiflungsleute". Was sind "Verzweiflungsleute"?

"Sie rufen an und sagen: Wenn ihr mir nicht helft, dann häng' ick bei euch vor die Tür. Oder ick nehm mir'n Kanister Benzin und zünd' mir vor der Staatskanzlei an. Det will natürlich keener." Da kann dann noch so'n wichtiger Termin anstehen: da läßt der Stolpe sie sofort weg. Die Menschen gehen vor allem.

Sie hat einen Topf Chili gekocht. Scharf wie ihr Witz und so rot wie einmal ihre Hoffnungen waren. Mit Fünf hat sie auf der Bühne bei Felsenstein gestanden, und wenn sie ihr was wollten, hat sie sich rotzfrech gewehrt. "Ick habe gesagt: Gehorsam und Angst, det sind die zwei Brüder, die der Diktatur in 'n Sattel helfen." Sie ist aufgestanden und stellt die weißen Margeriten näher ans Fenster. Das ganze Zimmer ist voller Blumen und Pflanzen. Dann setzt sie sich mit einem Teller dampfender Chili auf den kleinen Fernseher am Boden. "Guten Appetit."

Das Telefon klingelt. "Sexualforschung?" Sie hält die Muschel zu. Jemand will wissen, was unter Sexualforschung zu verstehen ist. Und dann sagt sie, so schnell wie ein Bergbach zu Tale stürzt: "Ob das gut oder schlecht war, ob es einen befriedigt hat oder zwei oder drei. Det is Sexualforschung. Alles klar?"

BAUMEISTER RÖRO "Seh'n Se! Da is'et. Det is 'ne Schweigeminute wert." Wirklich. Wirklich, das ist es. Das Berliner Schloß. Also nicht das Ganze, nein, die Fassade. Groß und beeindruckend. Auf Segeltuch gemalt. Ich finde die Kulisse herrlich. Besonders dort, wo das Gemalte aufhört und in ein bizarres Gewirr von Rohren übergeht. Dort entdecke ich endlich einen Hinweis auf den Baumeister dieses wortwörtlichen Prachtschinkens: "Dieses Schloß wurde montiert von Röro"! Ein paar frierende Spaziergänger haben sich eingefunden. Schweigend, fast entsetzt, wandern ihre Blicke über das bemalte Riesenlaken. Was haben sie bloß? Mißfällt ihnen etwa dieser weltschönste "Röro"? Hätten sie sich einen anderen, einen gestandeneren, würdigeren Künstler für dieses Werk als Röro gewünscht? "Det müssen se glattziehen, glatt müssen se doch det, ja. Da unten, die ganzen Falten. Wie sieht 'n das aus? Det nimmt doch 'n bißchen wat weg von der Illusion. Wie 'n Bettuch. Wie so 'n verrutschtes Bettuch."

ICH, NEGER Ich habe mich ein bißchen im Scheunenviertel verlaufen. In der Rosenthaler Straße hängt ein rotes, zerfetztes Tuch aus einem Fenster. Ausgefranst, hängengeblieben, vergessen. An einer Holztür ein bedrucktes weißes Blatt: "Brüderchen und Schwesterchen, An- und Verkauf von Neu- und Gebrauchtwaren. Spielzeug. Kinderwagen." Wo sind die Menschen? Es ist so angsteinflößend leer auf den Straßen.

Im Karl-Liebknecht-Haus am Rosa-Luxemburg-Platz bauen im engen Foyer, zwischen Buchhandlung und Hinterhof, die "Linkssentimentalen Transportarbeiter" ihre Instrumente auf. Also hier find' ich des Volkes Himmel! Der Tag der Arbeit hat ein Haus und Menschen, die nicht aus Vergessen gemacht sind. Rot leuchten mir die Nelken entgegen aus schwarzen Knopflöchern in schwarzen Lederjacken. Sie sind aus Plastik und kosten drei Mark. Man drückt sich auf einem schmalen Bänkchen zusammen. Die Musike gibt es später, noch ist der Biergarten auf mit Grill und Kaffee und Streuselkuchen und Rotwein gegen den deutschen Trübsinn mit 5 Prozent Alkohol und 11 Prozent PDS! Nein. Umgekehrt. Ich esse eine kühle Bratwurst und trinke ein zungenwarmes Lausitzer Bier. Hinten, wie gesagt, raucht der Grill, aus dem Foyer dringen die ersten Takte. "Wacht auf, Verdammte dieser Erde."

Mit mir, im zugigen Hof, vier runde leere Tische und ein mittelaltes Paar am fünften Tisch, schweigend, die Blicke tief in die halbgeleerten Biergläser gesenkt. Der Wind spielt mit den blauen Papierservietten Fangen. Man könnte auf den Verdacht kommen, irgendwer habe die Leute alle in ihren Wohnungen mit einem bitterschweren Schlüssel eingesperrt. Die Stille ist so laut, daß man sie wie mit Zähnen knirschen hört.

Da sagt der Mann plötzlich: "Ick bin Gott!" Sie, fast ein bißchen erschrocken, mit schnell rundum gehetztem Blick, sagt ohne Punkt und Komma: "Ick versteh' ja wat de sagen willst aber det kannste so nicht sagen." Und wieder diese kiefermahlende Stille in der Hinterhofschlucht.

Ein junger Dürrer mit zwei Frauen kommt, nimmt Platz, die beiden Damen bleiben stehen. Sagt der Mann mit Gott und dem langen Blick: "Ick sage nur, um eine Diskussion zu vermeiden: Ingeborg, ick bin der liebe Gott. Ick persönlich würde sagen: das Universum meines. Da mußte ooch erst dahinterkommen. Vorher war jeder andere der liebe Gott, nur nicht du selbst." Von drinnen jetzt das erste Lied. Die Frau sagt: "Den Freiheitszuwachs, den wir da gekriegt haben, den bezahlen wir nun, daß wir Angst haben vor dem Morgen, daß wir unsere Arbeitsplätze verlieren und wer weiß was."

Im Foyer parodieren sie gerade einen Arbeiter-Oldie aus seligen DDR-Zeiten. Der, der die Trompete spielt, steckt in einem grünen NVA-Popelinemantel und erzählt so ein bißchen was zu den Liedern. "Arbeiterbataillone - ja, so war das zum 1. Mai. Ja, frag' ich die Mama, wo ist der Papa? - Der schützt den Frieden. Und um zehne abends kam er dann betrunken nach Hause." Applaus. Acht Männeken quetschen sich in dem Durchgang an die Wand zwischen der Kneipe "Mephisto" mit der kreativen Küche und den über 150 Weinen und dem Buchladen mit dem Heiner-Müller-Buch: "Ich bin ein Neger".

EAST VILLAGE Berlin Mitte. East Village. Herrlich aufgerissen, einsam, verstört. Noch nicht auf Westniveau - und deshalb zum Verlieben schön lebendig. In den S-Bahn-Bögen nistet die geflohene Zeit, die verlorengegangene. Liegen weiß und schimmelig die Schuhe der Verlierer. Steht in riesengroßen, grell gesprayten Lettern: LIEBE SONJA WILLST DU MICH HEIRATEN? Und der I-Punkt ist ein dickes, farbenschweres Herz.

Es ist einfach nichts los, die Läden sind zu. Zwei fünfzigjährige Männer, mit mutigen Kappen, drücken ihre Nasen hinterm Alex an den Schaufenstern eines Geschirrladens platt. Laut und sehnsuchtsvoll wird das 24teilige Service bestaunt, während zwei Familien mit fünf Kindern den Block nach dem verlorenen sechsten absuchen. Herrgott! Oliver! Olivveeerrr! Nichts. Weg. Verschwunden. Mensch, Olli. Hörste uns nicht? Aber Olli ist gar nicht entführt, der steckt in einer umgestürzten Tonne und futtert aus einer Tüte irgend etwas zwischen Pommes und alten Socken und macht dabei ein Gesicht wie Buster Keaton in dem Film mit den vielen Bräuten. "Schäm dich, du Aasfresser", schreit's über den leeren Alex.

EIN HUT! EIN JUD! "Man hat ihn als Jude erkannt, wie sag' ich, ja, erkannt, weil er so eine Mütze aufhatte, er ist ein kräftiger Mensch, aber er ist kein Jude, er hatte nur so eine Mütze auf, einen Hut, einen dunklen Hut, und da hat man ihn als Jude irgendwo identifizieren wollen, und dann hat man ihn niedergeschlagen, und das ist natürlich eine Sache, die nicht gut war. Sie schrien ihn an: Du bist ein Jude! Dann kam ein Wortgefecht. Und schon lag er auf dem Boden. Was eben unbegreiflich ist: Es waren Leute da, er hat nach Hilfe gerufen, und es hilft ihm keiner. Er hatte Verletzungen, Rippenbruch und einige Dinge, blaue Flecke . . ."

Frau Molz versucht sich zu erinnern, wann ihrem Mann das passiert ist. So ziemlich gleich nach der Wende. Dann entscheidet sie sich für einen Strauß mit Flieder und Rosen. Eine Freundin hat Geburtstag. Und - was mag sie an Deutschland am liebsten? "Die Alpen."

HEXE DEUTSCH Im "Bovril" am Olivaer Platz mit Dr. Rosita Hunzinger zum Dinner. Sie ist Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie. Eine schöne, gefährlich intelligente Frau. An ihren Fingern trägt sie unzählige Ringe. Fehler werden entschuldigt - aber nicht hingenommen. "Ich kann vieles verstehen - aber manches nicht billigen." Das ist ein Grundsatz von ihr. Ihr Denken zielt immer in die Mitte. Kleider sind zum Bekleckern da. Wozu gibt es Saucen!

Ende der sechziger Jahre hat sie in der DDR im Gefängnis gesessen. Da war sie 18. Dann ist sie von dort verschwunden. Nach West-Berlin. In die Lohmeyerstraße 7. Wo Wolfgang Neuss gewohnt hat. Sie nennt die Deutschen die Richtigmacher. "Sie sehen aus wie ausgeblasene Eier." Wir essen gekochtes Rindfleisch.

Nein! Sie mag sie nicht, die Ex-DDRler. "Ich habe dieses Land unter Lebensgefahr verlassen. Ich habe in die MG-Läufe geschaut." Sie redet sich in Zorn. "Es gab nichts Freudloseres als diese Firma." Es ist nicht irgendein kleiner, zufälliger Zorn. Der speist sich aus tieferen Schichten. Ihre Eltern sind vor Hitler emigriert, und als sie zurückkamen, wollten sie ein besseres, ein neues Deutschland bauen. Dafür schickten sie sogar ihre eigenen Kinder in die Knäste.

"Dann bin ich gegangen", sagt Rosita Hunzinger. "Dort die Schweine, hier die Richtigtuer - ich will nicht immer euer Schwein sein, dann gehe ich lieber zu den Schweinen. Sie schrien noch: Hau bloß ab, es ist uns egal, ob du tot bist oder nicht, und du sagst: Gut, ich riskiere dafür mein Leben und gehe weg und setze mich woanders hin. Und fünf Minuten später kommen sie an und sagen: Hast du mal 'ne Mark? Und zwar genau dafür, daß sie dir die Wahl gelassen haben zwischen Tod und Knast. Ach, wir werden so schlecht behandelt, weil wir die Ossis sind und das ganze blöde Zeug. Ihr werdet noch gar nicht schlecht genug behandelt. Kümmert euch erst mal um euren Dreck! Um eure Fratzen!"

Es wird ein langer, gallebitterer Monolog über die Deutschen. "Deutschland ist ja Spezialist gewesen und geblieben für solche Spaltungsideen. Im Westen gab es eben die Kapitalisten, und die Kapitalisten waren Schweine und böse, und die hatten auch Gott sei Dank alles Schlimme verschuldet, was gerade hinter uns lag, und deshalb war das alles für die Ostler nicht so schlimm, denn die hatten ja damit nichts zu schaffen."

Sie hat sich mit der Soße bekleckert. Sie lacht. Ja, sie ist immer ein Ferkel gewesen. Und darauf ist sie stolz. Der Ober muß ihr gleich drei Servietten bringen. Und die "conclusion"?

"Die Unterdrückten hatten das Wort. Aber dann quakte es bloß kleinbürgerlich ins Mikrofon." Sie schlägt die Tür ihres Autos zu und fährt in die Berliner Nacht davon. Hexen waren immer sehr schön, und natürlich waren sie sehr-sehr intelligent.

DAS GELBE ELEND Lutz ist in Ost-Berlin geboren. Als er 13 war, wurde sein Vater verhaftet, kam nach Hohenschönhausen in Untersuchungshaft und dann für zwei Jahre ins "Gelbe Elend" nach Bautzen.

Als die Zeit um war, wurde er entlassen und zugleich aus der DDR ausgebürgert. Innerhalb von 24 Stunden mußte er mit seiner Familie das Land verlassen. Da war Lutz 17 und steckte tief bis über beide Ohren in seiner ersten Liebesgeschichte. Er wollte nicht weg. Aber er war noch nicht volljährig und mußte mit den Eltern gehen!

"Das war für mich das tragischste Erlebnis meines Lebens. Wir sind dann über die Friedrichstraße ausgereist. Ich hatte mich von meiner Freundin einen Tag vorher verabschiedet. Ich habe sie bis zur Öffnung der Mauer nicht mehr gesehen. Ich habe über 250 Briefe von ihr. Wir wollten uns in Prag verloben."

Die Familie ging nach München. Seine Leistungen in der Schule sanken in den tiefen Keller. Er kriegte manchmal Weinanfälle, die tagelang anhielten. Er fing eine Lehre als Kfz-Mechaniker an, die er abbrach. Er zerstritt sich mit seinem Vater, ging zurück nach Berlin, auch wenn es bloß West-Berlin war. Er war doch näher bei seiner Geliebten.

Ohne jede Begründung läßt ihn die DDR nicht nach Ost-Berlin einreisen. Er möchte mit Steinen die Mauer einschmeißen, die Köpfe derer, die mit ihren gewaltigen Fäusten das Nein auf seine Anträge stempeln. Wieder und immer wieder erscheint er bei den Berliner Grenzübergängen, bettelt und fleht, ihn doch hereinzulassen. "In das Land, wo man vor Eintritt klingeln mußte. ,Ich bin's!' ,Du?'" Er wird ausgezogen, von oben bis unten durchsucht und anschließend zurück in den "Schweinewesten" geschickt. "Und irgendwann brach dann meine Freundin auf Druck ihres Vaters und der wiederum auf Druck der Stasi das Verhältnis zu mir ab."

Der Vater des Mädchens war Ausbilder, und sie sagten ihm, wenn er nicht mal in der Lage ist, seine Tochter so zu erziehen, daß sie nicht mit so einem Gesindel verkehrt, dann wird er wohl schwerlich in der Lage sein, Jugendliche "in die richtige Richtung zu bringen". So war das. Das war 1978.

Lutz ist in West-Berlin alleine. Er kennt kaum jemand, er driftet ab, gerät in die Drogenszene und sinkt tief auf den Bodensatz der Stadt hinunter. LSD. Kokain. Nichts läßt er aus. Es wurde immer schlimmer. Er reagiert mit fürchterlichen Angstzuständen auf die Drogen. Die Angst rettet ihm das Leben. Er steigt über Nacht aus. Er fängt sich, holt das Abitur nach und studiert nun im siebzehnten Semester Kunstgeschichte und Ethnologie. Ein Abschluß interessiert ihn nicht. Sein Geld verdient er sich mit Gelegenheitsjobs.

"Für mich war das die Rettung, daß '89 die Mauer aufging. Endlich konnte ich meine Freundin wieder sehen. Sie war ja in den langen Jahren zu meiner Königin geworden." Als sie sich zum erstenmal wieder sahen, hat es ihn halb um den Verstand gebracht. Er war glücklich, obgleich sie ihm gar nicht mehr so gefiel. Sie kam, um ihm zu sagen, daß sie mit seinem Kontrahenten von damals zusammen sei, daß sie ihn immer noch liebe, aber daß es nicht ginge, jetzt nicht mehr, es sei nun zu spät, und sie will ihn nicht wiedersehen. Weil sie ihn zu sehr liebt! Und weil sie ein Kind von dem anderen hat.

"Ich darf nicht anrufen, ich darf nicht hingehen. Dabei war es so schön miteinander, vertraut."

Alte Bahnhöfe mag er besonders, die würde er gern renovieren. Aber er glaubt, daß er es nicht mehr schafft. Wenn ihm alles zu öde wird, dann jobbt er bei der Staatsoper als Garderobier. Eines Tages wird er vielleicht Pavarotti anziehen. Und dann seine "geliebte Königin" in die Loge einladen . . .

BEGRÄBNISPLATZ Tatsächlich ist das Rußlandhoch angekommen, der Himmel ist hoch, und es ist endlich Mai und warm. Von der Chausseestraße betrete ich den Dorotheenstädtischen Friedhof. Ich laufe die Birkenallee hinunter, welche die Sarg- von den kleineren Urnengräbern trennt. Nur eine Lerche ist zu hören, später zerschneidet ein Hubschrauber mit seinem Geknatter die Stille.

Ich will das Grab meines Schwiegervaters besuchen, Professor Egon Weigl. 1933 war er vor den Nazis nach Prag emigriert, bis er schließlich in Bukarest unterkam. Dort geriet er ein Jahr vor der Befreiung ins KZ. Überlebte, lehrte an der Bukarester Uni Psychologie, heiratete, verlor seine Berufung im Zuge der stalinistischen Säuberungsaktionen und konnte 1961, durch Helene Weigels Hilfe, von Rumänien in die DDR übersiedeln.

Zwei Tage nachdem er mit seiner Familie angekommen war, wurde die Mauer gebaut. Sieben Jahre später hat er die Einsperrung seiner Tochter miterleben müssen und kurz danach ihre Ausbürgerung. Das kleine Grab mit dem Stein darauf schien ihm in diesem Augenblick einen Frieden zu schenken, der ihm in diesem Jahrhundert nicht vergönnt war.

Zum Ausgang zurück, ist linker Hand die Rückseite des Hauses, in welchem Brecht seine letzten Jahre verbracht hat. Lange vor seinem Tod hatte er schon den Friedhof unter dem Schreibtisch parat, wie eine letzte Zufluchtstätte, falls sie ihn wieder einmal alle nicht haben mochten.

Der Friedhofswärter, so klärt den Besucher das Holzschild an der Friedhofsverwaltungstüre auf, ist einmal in der Woche anwesend: Dienstag von 15 bis 16 Uhr. Auf der Liste der Gräber stehen: 11 Hegel, Philosoph. 12 Fichte, Philosoph. 2 Brecht - Weigel, ohne Berufsangabe. 19 Bronnen, Schriftsteller. In den Zwanzigern war er Brechts Freund. Er hat B.B. den Kleist-Preis überlassen, der ihm so gut wie zuerkannt war. Und während Brecht das Theater entdampfen wollte, entdeckte der Verbrecher Goebbels die Straße als sein Theater und theatralisierte die Massen. Bronnen entschied sich für Goebbels. Brecht ging in die Emigration. Später hat sich Bronnen wieder gewandelt. Bis der Tod die beiden Jugendfreunde am gleichen Ort versöhnt hat.

"Haben das Unsere getan" steht auf dem Grabstein von Erich Engel, Regisseur. Hier also schläft, im Schatten von Birken, das Land der Dichter und Denker. Sie träumen uns. Bestimmt.

DAS SCHÖNSTE LAND Dort, wo die Leute in eisernen Kannen Wasser für die Gräber holen, sitzen auf einer Bank zwei alte Frauen. Ihr festes graues Haar tragen sie wie Kronen, und die Handtaschen halten sie wie Steintafeln in ihrem Schoß. Sie sind beide ganz erstaunt darüber, daß es im Herbst fünf Jahre her sein soll, seit die Mauer aufging. "Was! Das darf doch nicht wahr sein. Meine Güte. Fünf Jahre! O mein Gott!"

Stille. Sie denken beide nach. Die Zeit scheint ihnen ein Schnippchen geschlagen zu haben. Oder? "Es hat sich so viel verändert, daß wir vieles kriegen, was es früher nicht gegeben hat, und daß jeder reisen kann, wohin er möchte."

"Wenn er Geld hat." Und die beiden alten Frauen lächeln milde, wie man eben über schöne Versprechungen lacht. Wie ich sie frage, wohin sie denn zuerst gereist seien, als sie nun reisen durften, sagt die eine mit unverkennbar breitem ostpreußischen Akzent: "Gar nirgends!"

"Warum denn das?"

"Ich kann ja nicht, ich hab 'n kranken Sohn zu Hause, ich muß zu Hause bleiben, er leidet an Verfolgungswahn, ich darf nur auf 'n Friedhof gehen, ich kann ihn nicht solange allein lassen. Ob mit oder ohne Mauer - von der Wiedervereinigung habe ich nichts davon, gar nichts! Ich persönlich - nischt!"

Jetzt mischt sich die andere Alte ein. Sie schimpft, sie wird richtig böse. "Es geht ja nicht um Sie persönlich. Daß wir nun Freiheit und schön haben - das ist meine Devise." Wieder Schweigen. Sie malen mit den Schuhen im Kies.

"Was mögen Sie an Deutschland am liebsten?"

Als hätte sie seit Jahren auf diese Frage gewartet: "Den Buntfernseher!" ruft die, die gerade mit der Freundin geschimpft hat.

Da war es erst mal ganz still, und sogar die Vögel schienen einen Augenblick beleidigt innezuhalten.

Böse ist nun die mit dem kranken Sohn! Jetzt kann sie es der anderen zurückgeben. "Ach so'n Quatsch! Doch nicht das Fernsehen. Meine schöne Heimat, die mag ich am liebsten. Alles. Ganz Deutschland. Meinetwegen die Ostsee. Rügen. Warnemünde. Heringsdorf. Die Landschaft! Wo ich her bin, Hinterpommern, wo jetzt der Pole ist: wunderschön. Das schönste Land ist Hinterpommern."

Und sie beschreibt ihre Heimat in den allerliebevollsten Farben. Wie sie als kleines Mädchen Ostern frühmorgens Osterwasser aus der Quelle holen ging, und wie die Sonne richtige Freudensprünge gemacht hat, weil Jesus auferstanden war. "Die Menschen waren auch damals ganz anders."

Dann schweigt sie wieder. Bis sie auf die Birken deutet: "Wie die Birken gepflanzt wurden, da bin ich mit meiner Mutter hier noch langgegangen, jetzt sind sie über dreißig Jahre alt."

"Komm", sagt schließlich die andere, die den Buntfernseher so mag, "komm gießen, wir jammern dem Mann die Ohren voll." Sie nehmen beide die eisernen Kannen auf und gehen hinüber zur Wasserstelle.

TACH, EVA BRAUN! Da stehen plötzlich fünf Berliner Jungs vor mir. Alle so um die 15, 16 Jahre. Zwei haben weiße T-Shirts an. Lee USA steht fett über der Brust und 501. Die Haare tragen sie kurz, wie Wehrmachtssoldaten Ende der Dreißiger. Die Mischung, die das ergibt, kreuzt Jungnazi und Yuppie. "Das finden wir voll Scheiße, was willst 'n du hier?" "Und was wollt ihr?"

Der, über dessen Brust organic cotton steht, sagt aus einem dachlattenlangen Gesicht, worin noch 'ne Menge Platz ist für dies oder für das: "Wir wollten mal sehen. Das ist unser Gebiet." "Der Friedhof?" "Solange du kein Ali bist."

"Es gibt nichts Unheimlicheres, als wenn man bei Mondschein das eigene Gesicht zufällig im Spiegel sieht." Schreibt Heine. Der Dicke grinst. Ich nenn' ihn Leibchen, er trägt so ein schwarzes Wolleibchen.

"Friedhof, klar? Wir wollten der Eva Braun tach sagen. Klar?" Und die organische Baumwolle lacht: "Mann! Die Türken sind scheiße!" Und die 501: "Da gab's mal so schöne Kammern!" Sie lachen. Die beiden alten Frauen tragen Wasser zu den Gräbern. "Die DDR war geil", grunzt das Leibchen. "Weil da haben uns ooch keine Türken angemacht. Da haben sich keine Ausländer getraut uns anzufassen. Dann wär' sofort die Stasi gekommen."

DIE WINDMASCHINE Die Windmaschine in den Kulissen dreht sich wild und wirbelt eine Menge Zettel durcheinander, die die Notizen nicht mehr halten auf ihrem Papier. Jetzt schneit es Wörter, die sich im Durcheinanderstürzen ihre eigenen Sätze bilden. Nichts paßt mehr zu nichts. Aus Liedern werden Anklageschriften! Die alten Richtersprüche zu Orden.

Es will und muß neu gedacht und addiert und notiert und abgerechnet und eingesetzt und ausgestrichen werden. Hier ist der Ort, wo nimmermüde neue Deutschlands entstehen: 1871. 1919. 1933. 1945. 1989. Zwanzighundertwann?

Von der Spannung zwischen der Katastrophe Politik und dem alltäglichen Leben hat Professor Bierwisch gesprochen als dem Kardinalsproblem der Deutschen.

Das Wetter: sonnig und trocken, 21 Grad, weiterhin warm.

CURRYWURST SCHARF Auf dem Weg zur Friedrichstraße esse ich an einem Kiosk meine erste Currywurst. Nach zweieinhalb Jahren! Dem, der sie brät in seiner Bude, sitzt ein rotes, spitzes Köpfchen auf dem beschlipsten Hals, und seine Augen sind wie zwei junge Hunde überall.

"Man soll ja nicht immer das Negative rauskramen. Ich will keinen Mist erzählen: Aber die Massenarbeitslosigkeit, die gab es früher nicht, und das is 'n ganz wichtiger Hauptpunkt. Schmeckt se, die Wurst?" Sie schmeckt.

Über uns rumpelt und schrappt und singt die S-Bahn vorbei, im harten, alten Takt. Nur daß sie jetzt durchrumpeln darf von Westkreuz bis Königs Wusterhausen. Auch wenn es schon wieder Alltag ist: Mich freut es gerade darum!

Ich nehm' noch eine Curry, extrascharf. Und ein kaltes Schultheiss. Am liebsten mag er an Deutschland die Gewerbefreiheit. Und während er die Wurst zerschnippelt und mit Currypuder zuschneit, daß allein der Anblick einen weinen macht, erzählt er, daß er früher Elektroingenieur war. Aber von seinen ehemaligen Kollegen würde sich keiner die Mauer zurückwünschen. Sein größter Wunsch war immer, "in Rom uff der Spanischen Treppe zu stehen". Den hat er sich nun zum zweitenmal erfüllt.

"Rom ist herrlich", schwärmt er und serviert mir die Wurst. Die ist wirklich eine Schweigeminute wert. Auf 'ner Skala mit 10 hat sie den maximalen Schärfegrad. "Wat Schöneres als det ganze antike Rom - gibt's gar nicht!"

Rom und seine Currywurst! Er lacht, und wieder flitzen seine Augen umher. Wenn er könnte, dann würde er zuerst mal den Chinesen aus 'm Tibet rausschmeißen. Und noch etwas will er sagen. Zum Beispiel würde er auch die Gesetze ändern, wenn er so etwas liest, daß Mercedes die Produktion nach China verlagert, bloß weil es für die kostengünstiger ist.

"Hier in Deutschland haben wir genug Arbeitslose. Det wird hier gebaut und nicht woanders!" Und jemandem, der 'ner alten Frau die Handtasche klaut, würde er 20 Jahre geben! "Todesstrafe!" schreit er und skandiert dazu mit der Wurstgabel auf dem unschuldigen Tresen.

Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen! Wie schnell das von Normalton in den Wahnsinn umschlägt! Es ist doch soweit alles gut, denke ich, die kleinen und die großen Verbrechen gehören wie der Wind und die Sonne, das Flugzeug und die U-Bahn zu unserem Leben. "Todesstrafe! Todesstrafe!" kreischt es in meinen Ohren noch immer, und die Wurstgabel klappert mir wie 'n unheimlich dürres Giacometti-Gespenst hinterher. Schnell, schnell, bloß schnell über die Brücke.

Immer wenn man anfängt, es schön zu finden, beißt es einen.

HAUPTMANN VON KÖPENICK "Im Grunde hat sich nischt geändert, bloß die gesellschaftliche Ordnung." Er holt Luft. Er hat wasserblaue Augen. Er ist leicht ein Meter sechsundachtzig groß. Er bindet mir ein blaues Acryltuch um den Hals. Anfang Fünfzig ist er. Friseur in Köpenick. "Hätte ich auch nicht gedacht." Früher war er Hauptmann bei der NVA.

Das Haarschneiden hat er von seinem Vater in Dresden gelernt. Bevor er als junger Mann in die Armee eintrat. Er hat als Kind Dresden brennen sehen, und danach hat er an den Sozialismus geglaubt.

Ich sitze in einem von drei roten Frisierstühlen, in einem Raum, der kaum geschäftlich, eher wie ein rasch umfunktioniertes Wohnzimmer wirkt. Von Orange ins Gelb spielende Blumentapeten, jede Menge Bilder von Schlachtschiffen, Pferden und ein Brigitte-Bardot-Poster.

Außer mir, der Bardot und dem Hauptmann ist keiner da. Kurz, sage ich. Kurz, nickt er. Mit einem altertümlichen Gerät macht er sich an die Arbeit. Er behandelt meinen Kopf sachgemäß wie einen untauglichen Schießplatz. Das Schneidegerät ist der Panzer, der sich ein freies Schußfeld suchen muß.

"Es ist ja gut so, wie es historisch gekommen ist, und besonders froh dürfen wir sein, daß es so friedlich ablief."

Das Gestrüpp auf meinem Kopf beginnt sich zu lichten und fällt in Büscheln auf den blauen Linoleumboden. Ich versuche, mir meinen Friseur in seiner Hauptmannsuniform vorzustellen. Wie er Kommandos erteilt und seine Bataillone "im Feld" aufreiht. "Ein Kollege verkauft Küchen, ich mache das." Sein Mund verzieht sich, weich und kleisterig. "Aber die Ausbeutung, die wir jetzt haben, die ist so schlimm wie seit 100 Jahren nicht mehr."

Wie ich es wage, ihm da zu widersprechen, stoppt der Hauptmann abrupt die schwere Haarschneidemaschine. Will er mich so auf die Straße setzen? Halb kurz geschnitten, halb noch lang? Er steht direkt hinter mir. Prüfend sieht mich der degradierte Soldat im Spiegel an.

"Ich spreche nicht von mir. Auch wenn ich hier manchmal 11, 12, 13 Stunden stehe, und das wird in meinem Alter nicht leichter, nein, ich spreche von meiner Tochter. Sie arbeitet weiß Gott viel. Sie ist Kinderkrankenschwester. Um sechse morgens fängt sie Tag für Tag an. Und nun kommt der Chefarzt zu ihr und verlangt ooch noch, sie solle nun jeden Tag 'ne Viertelstunde früher anfangen. Unbezahlt."

Stille. Er kratzt mit dem rechten Zeigefinger auf meiner Schulter herum. "Unbezahlt!" wiederholt er und kratzt etwas ärger. "Unbezahlt! Un-be-zahlt!!!" Kratzt er. Und kriegt richtig Farbe dabei in das pudelbrave Kommandogesicht.

In einem Gespräch hatte Günter Schabowski, der Maueröffner, zu mir gesagt: "Wir hatten uns in der DDR 40 Jahre eine Sozialpolitik geleistet, die wir nicht bezahlen konnten. Rechnen Sie bloß mal die Schulden der DDR hoch, dann wissen Sie, wie das zustande kam, was heute beglichen werden muß."

Der Hauptmann - hat er darüber noch nie nachgedacht? Er pustet mit geblähten Backen in den Scherkopf. Dann bringt er das Gerät wieder in Einsatz. Noch ein kleines Stück; dann ist der Huckel frei.

Seine Mutter ist an der Wiedervereinigung gestorben. Wie das, will ich wissen. "Die hat sich erst so gefreut, und dann mußte sie am Schluß noch Sozialhilfe auf ihre alten Tage beantragen. Das hat sie nicht überlebt."

Und er? Konnte er seiner Mutter nicht helfen? Hatte er aus den langen NVA-Tagen zwischen Dresden und der Hauptstadt gar nichts, reineweg nichts zurückgelegt? Wie?

Die Antwort reißt Riesen vom Hocker. "Möchten Sie, daß Ihnen Ihre Kinder im Alter das Essen bezahlen?"

Die Maschine brummt gleichgültig über meinem Kopf. Prinz Homburg fällt mir ein. Zum Tode verurteilt, weil er das Prinzip nicht einhält. Gewinnt die Schlacht glorios und wird verurteilt, weil der Tagesbefehl anders lautete. "Ein Traum", heißt es am Schluß bei Kleist. Ein Alptraum. Einmal Haareschneiden kostet hier fuffzehn Mark.

ROTE SOCKEN Sie lächelt, aber das Lächeln muß sich plagen. "Wie ich diese Socken kenne und hasse."

Frau Rosemarie L. ist Elektroingenieur. Sie ist froh, daß das Alte nicht mehr da ist. Aber die Socken liegen noch überall herum.

Sie ist aufgebracht, weil sie sich nicht gegen die wehren kann. Auch nicht über den Betriebsrat? Auch nicht. Der Betrieb muß Leute entlassen. Die Geschäftsleitung schickt den ehemaligen Parteigenossen. Seine Rede ist kurz: "Kollegen. Ich bin hier, um euch zu sagen: 60 Prozent von euch werden entlassen. Wir haben euch von der Partei immer gesagt, Kapitalismus ist Arbeitslosigkeit. Jetzt habt ihr, was ihr wolltet, euren Kapitalismus. Und deshalb sage ich euch das."

Draußen, in Oberschöneweide, aber nicht nur dort, beruhigt die PDS von riesigen Plakaten jeden, der sie wählt: "Arbeitslos aber nicht wehrlos!"

NACKIDEI! NACKIDEI! "Früher", erinnert sich der Schulleiter Jürgen Zipperling von der ehemaligen Krupskaja-Oberschule, die heute ihre Umbenennung feierlich begeht, "früher sahen unsere Schüler direkt auf die Mauer, wenn sie aus dem Fenster schauten." Da ist er auch schon mittendrin in seiner Festansprache. Unter einem rotblonden Schnauzer und blühenden Kastanienbäumen treten die Sätze feierlich auf.

"Haben wir einen weiteren Schritt getan, um unser Profil zu verdeutlichen. Wir haben einen Namen gefunden: Bornholmer Grundschule! Ein Name, der klingt, ein Name, der eine hohe Identifikation mit dieser Schule ermöglicht. Was fast 30 Jahre lang eine Sackgasse war und an einer unnatürlichen Grenze endete, ist wieder zu einer pulsierenden Ader im Herzen unserer Stadt geworden. Nicht wegzudenken auch die Kleingartenanlagen Bornholm 1 und Bornholm 2 . . . sich ehemals ausbreitend zu beiden Seiten der Mauer . . ."

Um dann, bevor er dem Kollegen eine kleine Keramik überreicht, die Rede mit einem Che-Guevara-Zitat zu beschließen: "Sind wir realistisch und wollen das Unmögliche!"

Und zum Schluß ein Kinderchor: "Horch, was kommt von draußen rein." Eins von den munteren Kids trägt ein blütenweißes T-Shirt, und darauf steht: "Erich."

Schon steuern wir auf einen Höhepunkt zu. Die Erstklässler singen: "Wir machen heut 'ne Schweinerei und geh'n mal wieder nackedei." Alle stimmen ein: "Nackidei, nackidei, alle sind heut' nackidei, keiner findet was dabei."

Die Eltern lachen, beginnen, animiert von Schulleiter Zipperling, unter den blühenden Kastanien im Schulhof den Takt mitzuklatschen. Die letzte Strophe noch, weil es so schön ist: "Dem Karpfen fall'n die Schuppen ab, er guckt und guckt und lacht sich schlapp. Was schwimmt da an der Schnur vorbei? Ein Wurm und dann noch nackidei."

Nackidei, nackidei hallt mir der Refrain nach. Draußen, am Tor zur Ibsenstraße 17, ist das neue Namensschild noch von einem kleinen weißen Tuch verdeckt und wartet geduldig auf seine Enthüllung. Im Schulzoo sind zu betrachten: ein Molch und vier Meerschweinchen . . .

SCHILLER IN ARABIEN Iyad Al Ghafari sagt: "Ein Traum, zu schön, um wahr zu sein." Er spricht vom dahingegangenen realen Sozialismus. Er ist vor einem Tag aus Damaskus in Berlin angekommen. Eingeladen vom Goethe-Institut, wo er nun an einem Theaterseminar teilnehmen wird. Er arbeitet am Militärtheater in Damaskus als Regieassistent, Schauspieler und Dramaturg. Er hat Deutsch und Theaterwissenschaften studiert, und seine Abschlußarbeit verfaßte er über die Rezeption Schillers in der arabischen Welt.

DUMMKLUG Das Schiller Theater ist zu - wo Iyad doch über Schiller in der arabischen Welt gearbeitet hat, hätte es sich angeboten, dorthin zu gehen. Also haben wir uns, notgedrungen, für eine Vorstellung in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz entschieden. "Kühnen '94. Bring mir den Kopf von Adolf Hitler" - meinen Freund aus Damaskus hatte der Titel neugierig gemacht. Er ist noch nie in Deutschland im Theater gewesen. Nun trinken wir im oberen Theaterfoyer, im Roten Salon, einen Kaffee.

Eine ebenso blonde wie muntere Dramaturgin taucht auf und gibt uns spärlich zusammengelaufenen Besuchern einige Erklärungen über das bevorstehende Spektakel. "Die Kritiker waren verärgert", lächelt sie verschwörerisch. Die hatten nämlich etwas über Kühnen und den Faschisten in uns erwartet. "Statt dessen gibt es 100 Jahre CDU." O mein Gott, stöhnt es in mir auf!

Meines Wissens gibt's die CDU überhaupt noch keine 60 Jahre, und wie soll die graue Truppe, mit welchen Intrigen, Giftbechern und Mischern aufbereitet ins Theater gebracht und über die Bühne bewegt werden. Mein armer syrischer Freund! "Schlingensief", von dem der Abend ist, "Schlingensief arbeitet beständig weiter an dem Spektakel, und nun hat er auch schon Schindlers Liste miteingearbeitet. Es kann also spannend werden." Und das wurde es dann auch nicht.

Im großen, wahrlich so leer wie hohlen Bauche des Theaters saßen vielleicht 240 Leute, davon 83 junge, theaterbegeisterte Franzosen, die das Goethe-Institut geschickt hatte, und ein junger Mann aus Damaskus, Iyad. Ach, was habe ich neben ihm für unser kulturelles Filetstück, das Theater, doch gelitten. Ich wollte ihm die Augen zuhalten und ihm den Osterspaziergang und andere Perlen hersagen. Bis das, was auf der Bühne geschah, vorüber war.

Dort ging es zu wie im wirklichen deutschen Theaterleben. Einer unglaublich nackten Frau werden viele, viele schwarzblutrote Würste aus dem Bauch gezogen. Einem echt bayerischen Dackel wird Ketchup abgenommen und dem Kühnen-Darsteller transferiert, der daraufhin nackt und gestärkt mit einer Schauspielerin "Doktorles" spielt wie selig '71 in St. Pauli auf der Großen Freiheit. Dazu gibt es musikalische Hartwurst: "Ich habe acht Jahre im Gefängnis gesessen."

Auf Zuschauerseite zuckte hysterisches Lachen durch die Reihen. Der ganze Abend ist so unverzagt und selbstzufrieden spießig. Wie das eben die meisten Spießer sind: glänzend wampig dummklug.

Als wir in der milden Nachtluft vor dem Theater stehen, holt Iyad tief Luft. "Ich kann nichts sagen. Ich bin schockiert."

Ich versuche, ihn zu beruhigen. Ich lade ihn auf einen Imbiß in die Paris-Bar ein. Das hat er jetzt verdient, und in der Paris-Bar muß man als Nicht-Berliner einmal gewesen sein. Wie ernst sich dort die Gäste als eine Besonderheit zelebrieren. Lauter Lokalgrößen, wo eine die andere schopfhoch überragt - das ist einfach Weltklasse und nirgends so au Champagne wie hier.

Auf der Speisekarte - die sich so süffig liest wie ein neuer Botho-Strauß-Essay über das Walkürenblut in uns - steht: "Maishähnchen in Balsamicoessigsauce mit Broccoli und Butternudeln, zu DM 31,-".

OTHELLO SCHWARZ Am Nebentisch in der Paris-Bar sitzt Professor Ivan Nagel und diskutiert mit Professor Henning Rischbieter die Frage, ob der zum Theatertreffen eingeladene Schweriner "Othello" schwärzer ist als der Hamburger "Othello" seinerzeit von Peter Zadek . . . Pardon. Besser! Nicht schwärzer! Ob der Schweriner "Othello" besser als der seinerzeitige Hamburger "Othello" ist. "Schwerin ist spannender als Zadek!" schlürft Henning Rischbieter mit dem Elsässer Riesling hinunter. Nagel erklärt dann noch mal, warum er sein Jahrzehnte altes Abonnement der Zeitschrift Theater heute gekündigt hat: Die Zeitung ist einfach zu gut für das deutsche Theater. Man glaubt Gold in den Händen zu haben, und es ist doch nur ein Haufen Würmer. Lauter Antworten auf Fragen, die keiner gestellt hat.

"In Deutschland", sagt Iyad, "muß man ständig auf alles gefaßt sein."

TOTGESAGTE LEBEN LANG Man muß sich bloß mal in dem geschlossenen Schiller Theater umsehen. Mit welch schwindelerregender Emsigkeit dort die Bühnenarbeiter und anderes Personal Gänge, Probenräume, Stuben und Stübchen der Leiche beleben. Ein wildes Schaffen. Und was das Feinste daran ist: Nichts von dem Gedränge dringt nach draußen! Steht man vor dem Theater, ist es tatsächlich still und zu. Wie ein großer Mund, der nichts mehr sagt. So liegt das an der Bismarckstraße. Schweigt und wartet auf den neuen Schiller. Ach, da naht er schon, als schwankende Lady: My Fair Lady! Die! Für 40 Tage mit Schell als Lady! In Berlin! Was? Pardon. So suggerieren es jedenfalls dem flüchtigen Städtebewohner die Plakate.

Groß der Kopf von Schell, und darüber deutlich: My Fair Lady. Gesponsert und mit Musike. Na bitte. Das Verfallsdatum ist hundertmal herausgekratzt und hundertmal ein neues eingesetzt. *HINWEIS: Im nächsten Heft Wie der "Australien-Hans" nach Görlitz kam - Auf der Suche nach einem waschechten Ostjammerer - Die Arbeitslosen von Harzgerode - Gregor Gysi verwöhnt sein Publikum

DU SCHMEISST MARMELADE INS WASSER UND HOFFST, ES WIRD ALKOHOL

VON DER TOTALEN UMARMUNG DES STAATES INS FREIE GESTOSSEN

DIE MENSCHEN SIND EMIGRIERT, OHNE AUSZUWANDERN

WIE SIEHT 'N DAS AUS? WIE SO 'N VERRUTSCHTES BETTUCH

NOCH NICHT AUF WELTNIVEAU - UND DESHALB LEBENDIG

ERST DER TOD HAT DIE FREUNDE VERSÖHNT

WIR KRIEGEN VIELES, WAS ES FRÜHER NICHT GEGEBEN HAT

WAT SCHÖNERES ALS DET ANTIKE ROM - GIBT'S GAR NICHT

ACH, WAS HABE ICH HIER FÜR UNSER THEATER GELITTEN

WIR HABEN UNS DINGE GELEISTET, DIE WIR NICHT BEZAHLEN KONNTEN


DER SPIEGEL 33/1994
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