22.08.1994

Ruanda-Hilfe„Mir dreht es den Magen um“

Der junge Mann vom Technischen Hilfswerk hat schlechte Nachrichten für die Ankömmlinge: "Glaubt nicht, daß man euch willkommen heißt", warnt er beim gemeinsamen Bier die Umstehenden, denen die zweitägige Odyssee von Köln über Kairo und Entebbe nach Goma noch in den Knochen steckt. "Ihr seid hier nicht erwünscht."
Das hat den Freiwilligen bei der Aktion "Menschlichkeit für Ruanda", mit der "Care Deutschland" die Not in den Flüchtlingslagern rund um die zaIrische Grenzstadt Goma lindern will, gerade noch gefehlt. 266 "ehrenamtliche Helfer" sind vorletzten Sonntag vom Flughafen Köln-Wahn in das zentralafrikanische Notstandsgebiet aufgebrochen.
91 Ärztinnen und Ärzte, 85 Krankenschwestern und -pfleger sowie Sanitäter und Medizinstudenten haben Patienten, Praxen und Stationen verlassen, haben Urlaub genommen oder von ihren Kliniken freibekommen, um möglichst schnell den Notleidenden medizinische Hilfe zukommen zu lassen.
Sie haben auf die Erfahrungen eines als seriös und effizient bekannten Hilfswerks vertraut, das zuletzt mit "Helft Rußland" viel Anerkennung fand. Doch die Aktion, zu der sich spontan 6000 Freiwillige gemeldet hatten, verläuft anders als geplant. Pannen und Pausen häufen sich - und anfangs sieht es so aus, als trage Care die alleinige Schuld an dem sich abzeichnenden Desaster.
Schon am Abflughafen, bei den peinlichen Grußadressen von Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Verbänden, fällt etlichen der "medizinisch qualifizierten Bürger" (Care-Vorsitzender Klaus Nöldner) auf, daß es hier mehr um Selbstdarstellung geht als um selbstlose Hilfe für Afrikaner im Elendsgebiet.
Bevor Gesundheitsminister Horst Seehofer, eigens aus dem Urlaub eingeflogen, als Schirmherr der Aktion seinen TV-Auftritt ("Vergelt's Gott, Herr Dr. Nöldner") bekommt, leistet sich Mercedes-Benz-Vorstandsmitglied Heiner Tropitzsch einen Ausflug in die Werbesprachküche seines Hauses: "Möge der heutige Start der Aktion unter einem guten Stern stehen." Und in den Lagern sterben die Menschen.
Die versprochene Zeltstadt, heißt es auf einmal, sei noch nicht aufgebaut. Beim Verlassen des Flughafengebäudes die nächste Überraschung: Für die Afrikatour wurde eine Iljuschin der Aeroflot gechartert. Als die Maschine in den roterleuchteten Abendhimmel steigt, beginnt ein öffentlich-deutsches Trauerspiel, dem erst die Begegnung mit den Elenden von Goma ein Ende macht.
In den Flüchtlingslagern jenseits der ruandisch-zaIrischen Grenze sterben täglich etwa 500 Menschen. Auf rund 35 000 Tote, die meisten Opfer der Cholera, beläuft sich die Bilanz des "Uno-Hochkommissariats für Flüchtlinge". Das UNHCR in Goma koordiniert die Anstrengungen der unterschiedlichen Hilfsorganisationen und Einsatzgruppen, die den Horror einzudämmen versuchen. Alle zwei Tage setzen sich Vertreter der mittlerweile 45 Gruppen, insgesamt etwa 100 Personen, in der UNHCR-Stabsstelle zusammen, um ihre Arbeit aufeinander abzustimmen, ein bürokratischer Wasserkopf.
Keine der Gruppen umfaßt mehr als 50 Leute. Die Deutschen sind mit sechs Organisationen vertreten, von denen das Technische Hilfswerk (THW) mit Wasseraufbereitungsanlagen die wichtigste Arbeit leistet. Und dann kündigt plötzlich ein vergleichsweise kleiner Verein namens Care Deutschland an, demnächst in zweiwöchigem Rhythmus jeweils 250 Leute zu schicken, die überdies zum Großteil Dritte-Welt-Laien sind.
Hier beginnt die Kette von Fehlern und Ungeschicklichkeiten, die eine löbliche Idee zu einem nach Meinung der meisten Experten aberwitzigen Unternehmen haben werden lassen. War es nur das Entsetzen beim Anblick der Bilder von Leichenbergen während der Choleraepidemie, oder hat auch ein Schuß Größenwahn den Care-Vorsitzenden Nöldner, zugleich Hauptgeschäftsführer des Hartmannbundes, zum Ausrufen dieser Aktion bewogen?
Wer oder was hat ihn dazu gebracht, die Sache voranzutreiben, ohne sich mit dem UNHCR in Verbindung zu setzen, von dem seine Leute ja später ohnehin koordiniert werden müßten? Schon während des Fluges schießen die Spekulationen und Gerüchte ins Kraut. Als der Chef de mission, Karl-Hans Metzner, bei einer geplanten Zwischenlandung in Kairo nachts gegen vier Uhr bekanntgibt, daß womöglich "die Bundesregierung den Einsatz 160 Kilometer weiter südlich wünscht", schließt ein Krankenpfleger aus Essen: "Dat ganze Ding hat der Dicke in Bonn gefingert." Wahlkampf in Goma?
"Das Gesamtprogramm ,Menschlichkeit für Ruanda'", bot CDU-Mitglied Nöldner am 22. Juli dem Kanzler tatsächlich an, "steht unter Ihrer persönlichen Schirmherrschaft und wird mit Ihrem Namen verbunden." Keiner der Freiwilligen im Flugzeug weiß, daß der Gesamtleiter der Gruppe in Goma "abgelöst" worden ist: Hans-Peter Legal, Frauenarzt aus München und Flottenarzt der Reserve, hat sich "pädagogisch nicht immer geschickt verhalten", heißt es in der Care-Führung. In Goma ist von "deutscher Überheblichkeit" und "Gutsherrenart" vom Stile "Jetzt kommen wir" die Rede.
Als den anderen Organisationen in Goma bekannt wird, welchen "Wahnsinn" (ein französischer Arzt) die Deutschen vorhätten, gibt es Interventionsversuche. Zwecklos: Care Deutschland ist schon zu Deutschlands Care geworden, der Kanzler hat die Aktion unter Kontrolle. "Das ist jetzt Chefsache", erklärt der Leiter der deutschen Stabsstelle in Goma, Oberstleutnant Löhr.
Der russische Pilot meldet nach der Landung in Kairo einen technischen Defekt. "Weitere Informationen erhalten Sie in zwölf Stunden." Die Deutsche Presseagentur macht daraus eine "Notlandung". Nach ein paar Stunden im Flugzeug gibt es Visa für eine Fahrt nach Kairo und zu den Pyramiden. Die eingesammelten Pässe müssen wieder verteilt werden - heilloses Chaos. Aeroflot hat Zimmer für alle im Mövenpick-Hotel neben dem Flughafen gemietet. Die Stimmung wird gereizter. Was ist am Flugzeug nicht in Ordnung? Können die Russen das reparieren? Warum stellt die Regierung nicht wenigstens jetzt eine Ersatzmaschine?
Es kommt zu einer hochdramatischen abendlichen Sitzung auf dem Rasen neben dem Hotel. Der Schaden, ein defektes Landeradar, habe nicht repariert werden können, heißt es. Plötzlich wird bekannt, daß früher als erwartet die Regenzeit angebrochen sei - von Sichtflugbedingungen beim Anflug auf Entebbe (zum Tanken) oder Goma könne keine Rede sein. Etwa die Hälfte der Gruppe stimmt dafür, mit der defekten Iljuschin nicht weiterzufliegen. Und in den Lagern sterben die Menschen.
Am Ende, als die Iljuschin repariert ist, bleiben zwei in Kairo. Zwei weitere fliegen nur unter Protest mit. Die Verbliebenen kommen nach einem Schüttelflug durch Gewitterwolken in Goma an, wo ein dreiköpfiger Vortrupp mit Hilfe des THW eine alte Schule, das Mwanga Institute, umgerüstet hat. Jeder bekommt ein Feldbett mit Moskitonetz in einem Klassenraum mit jeweils 20 Betten.
Mittlerweile ist es Dienstag abend. Die meisten sind jetzt fast drei Tage unterwegs. Viele glauben schon, sie würden nie mehr einen Flüchtling zu Gesicht bekommen. "Wir werden hier nur noch verarscht." Lagerkoller breitet sich aus ("Halt mal die Klappe, du Großmaul!") - und Durchfall: Einige haben sich in Kairo offenbar Keime eingefangen.
In dieser Situation zu hören, daß "die Wurst von der Pelle" ist (ein Student aus der Pfalz), daß laut Angaben der anderen Organisationen Goma und die Lager in der Umgebung gut versorgt seien, daß es nichts mehr zu tun gebe und daß man nicht willkommen sei, das zermürbt.
Die Leitung ist überfordert und mit den örtlichen Verhältnissen nicht vertraut. Die Kollegen von anderen Organisationen bieten an, die mehr als 200 hilfsbereiten Medizinerfahrenen aus Deutschland zum Teil in ihre Gruppen zu integrieren. Andere könnten in zaIrischen Einrichtungen aushelfen.
Aber Care Deutschland will seine eigenen Zelte ins Gelände stellen. "Wir wollen auch ein Stück vom Kuchen." Am Ende des zweiten Tages in der Schule können sich manche kaum noch vorstellen, daß es da draußen Flüchtlingselend geben soll.
Das ganze gleicht mehr und mehr einem Abenteuerurlaub mit Bundeswehrverpflegung, Tanzvorstellungen und Biergelagen. Einige scheinen sich beinahe damit abgefunden zu haben, andere bereiten sich mit Lehrbüchern und Lexika weiter auf den Einsatz vor. Da endlich nimmt sich der Arzt und Entwicklungshelfer Alois Dörlemann, 38, der Sache an. Ihm gelingt es, die Care-Aktion zu retten.
Dörlemann, der für die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit in Guinea arbeitet und seit Anfang August in Goma ist, weiß, daß die Leute raus müssen, "sonst drehen die durch". Während eines Nachmittags gelingt es, die Riesengruppe in 43 kleinere Gruppen unterschiedlicher Größen einzuteilen, die gleich am nächsten Morgen losziehen.
Einige der Gruppen könnten, dem ursprünglichen Konzept folgend, im Feld zu fünft kleine mobile Basislager aufstellen. Diese "Stationen vor Ort" hält Dörlemann für "eine gute Idee" - obgleich er Ärger mit den anderen Organisationen befürchtet, die ihre "Claims abgesteckt" hätten.
Es dauert bis zum nächsten Mittag, bis die weißen Landrover mit den "Care Deutschland"-Aufklebern endlich beladen, betankt und fahrbereit sind. Im Konvoi, geführt von Alois Dörlemann, fährt eine Kolonne von sechs Autos gen Norden. Schwarze Wolken hängen über dem Land. Der Regen war bei Care noch nicht vorgesehen. Einige der Mitarbeiter haben kein Regenzeug dabei, andere kein geeignetes Schuhwerk.
Eine Stunde nördlich von Goma liegt das Lager Kibumba, in dem 300 000 Menschen leben sollen - so viele, wie Bonn Einwohner hat. Drei Care-Gruppen bleiben hier, bauen in Sichtweite voneinander und von einer japanischen Station ihre weißen Zeltdächer auf.
Es hat aufgehört zu regnen. Hunderte kommen zusammen, um beim Aufbau zuzusehen: ziemlich gesund aussehende, zumeist in Altkleider aus Europa gekleidete Männer. Es sind Hutu. Unter den Zuschauern befinden sich wahrscheinlich etliche von den Schlächtern, die die Rache der Tutsi fürchten und deshalb hierbleiben müssen: Eine halbe Million Tutsis wurden von Hutu bestialisch umgebracht.
Als die Leute begriffen haben, daß Ärzte gekommen sind, gibt es einen Volksauflauf. Hunderte stellen sich in die Schlangen vor den Stationen. Todkranke Kinder, die vergebens an der ausgetrockneten Brust ihrer Mütter saugen.
Wie eine Lawine rollt das Heer der Kranken an. Weinen, Klagen, Schreie und stilles Jammern. Etliche Patienten stehen, sagt die Ärztin Anne von Bülow aus Berlin, kurz vor dem Tod. "Mir dreht das den Magen um."
Die meisten Menschen sind völlig ausgedörrt, "echt leer, die Jungs", wie ein Arzt aus Aachen feststellt. Erwachsene kommen an den Tropf - "hier kannste nur stechen, stechen, stechen", sagt ein Sanitäter. Mit Kochsalz- und Zuckerlösung lassen sich an einem Nachmittag Dutzende Leben retten.
Das Elend beendet alle Diskussionen - und startet eine neue: Ohne Zweifel werden die Care-Leute hier gebraucht. Doch in Katastrophengebieten findet aller erklärten Zusammenarbeit zum Trotz ein immer schärferer Konkurrenzkampf zwischen den Hilfsorganisationen statt.
Das geht so weit, daß zusätzliche Hilfe aus Egoismus abgelehnt wird, auch wenn sie dringend nötig ist: Je größer der Claim, desto größer das Spendenaufkommen.
Eine 16jährige wirft wie von Sinnen den Kopf hin und her und jammert erbärmlich. Martin Müller, Allgemeinarzt aus Neunkirchen, diagnostiziert eine Meningitis. Der Erreger dieser Gehirnhautentzündung wird per Tröpfcheninfektion übertragen - also auch durch Atmen und Husten. Nach der Cholera- und Ruhrepidemie sind jetzt einzelne Meningitis-Herde entdeckt worden. Die wenigsten der Care-Mitarbeiter sind dagegen geimpft.
"Eigentlich unverantwortlich, sie rauszuschicken", sagt Alois Dörlemann. Im Grunde hätte man die Nichtgeimpften nicht ins Feld fahren lassen dürfen. Das würde aber wahrscheinlich einen Aufstand geben. "Vielleicht sollte man das riskieren", sagt Dörlemann, "um etwas zu erreichen." Y
Von Jürgen Neffe

DER SPIEGEL 34/1994
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