22.08.1994

ProfessorenHart an der Pleite

Ein skurriler Kleinkrieg zwischen Uni-Dozenten in Münster irritiert Studenten und erheitert Kollegen.
An manchen Abenden, wenn Stille herrscht auf den Fluren des Instituts für Publizistik der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster, dringt Licht aus der Bibliothek.
Versonnen streift dann Winfried B. Lerg, 61, kommissarischer Chef des Instituts, durch die Regal-Reihen und fährt voller Besitzerstolz mit der Hand über die Buchrücken.
Doch zwei Rebellen, seine Hochschullehrer-Kollegen Klaus Merten, 54, und Siegfried Weischenberg, 46, trüben Lergs Glück, das Haus ganz allein zu beherrschen. Zäh bekriegen sich die drei Journalistik-Dozenten, Jahresgehalt über 100 000 Mark, mit fiesen Tricks auf Pennäler-Niveau. Studenten sind irritiert, Kollegen juxen sich.
Seit Jahren traktieren sich Lerg und Merten mit Dienstaufsichtsbeschwerden. Am Dienstag werden sich die Gegner vor Gericht sehen. Lerg behauptet, seine Kollegen würden schlampig arbeiten. Merten konterte mit einer Verleumdungsklage: Der deutsche Professor sei, so Merten, "zwar nur dem lieben Gott, dem Minister und seiner Frau verantwortlich". Aber Lergs Vorwurf geht dem Dozenten "zu weit".
Der Streit tobt vor allem um Konsequenzen aus der Demokratisierung der Universitäten, 1979 per Gesetz beschlossen. Lerg, schon seit über 20 Jahren provisorischer Chef des Instituts für Publizistik (IfP), bremst alle Anläufe auf mehr Mitbestimmung in seinem Ressort mit gewieften Manövern aus.
Während die Chefs der übrigen Institute längst durch Wahl bestimmt werden, herrscht Lerg noch als Monarch. Seit Jahren weigert sich der Dozent, der sich über das Thema "Das Gespräch - Theorie und Praxis der unvermittelten Kommunikation" habilitierte, mit seinen Kontrahenten zu reden.
Alle Versuche, den Feudal-Professor zu entthronen, scheiterten. Hartnäckig sperrt sich Lerg, den Institutsvorstand zur Wahl eines Direktors einzuberufen.
Es fehle, so der Professor, an Kandidaten für das Amt. Dem Einwand, daß zumindest er zur Verfügung stehe, entgegnet Lerg: "Dann wäre die Wahl doch bloßer Ritus, dann kann doch auch alles bleiben, wie es ist."
Genau davor graut es den Angehörigen des Instituts. Denn der Professor, so klagen Gegner, entlasse etwa ohne Zustimmung der Kollegen Mitarbeiter oder ziehe Sekretärinnen ab.
Slapstickformat haben Lergs Übergriffe auf fremdes Arbeitsgerät. So trieb Professor Merten eine verschwundene Schreibmaschine im Lerg-Sekretariat auf. Merten kettete sie daraufhin bei sich mit einem Fahrradschloß an einen Heizkörper.
Als "Kugelkopfaffäre" endete die Bestellung eines Schreibmaschinen-Ersatzteils, das Merten angefordert hatte. Lerg fing den Kugelkopf ab, als er per Post kam, und schickte ihn zurück.
Ein anderes Mal verweigerte er die Annahme von Tonbandgeräten, die für einen Kollegen bestimmt waren. Der Mann mußte die Lieferung eilends bei der Post sicherstellen, um eine wissenschaftliche Untersuchung zu retten.
Drei Jahre gar währte der "Schlüsselkrieg". Mit Ausflüchten verweigerte Lerg Sekretärinnen von Merten und Weischenberg eigene Schlüssel; sie konnten nur in den Büros arbeiten, wenn ihre Professoren im Haus waren.
Unter den peinlichen Streitereien leiden bereits die Studenten. Über Nacht verschwinden schon mal die Aushänge der Lerg- oder der Merten-Fraktion vom Schwarzen Brett. Orientierungslos irren Hochschüler dann durch die Flure und suchen den richtigen Hörsaal.
Eigenbrötler Lerg, wie alle Professoren disziplinarisch kaum zu belangen, pflegt auch über Geld zu entscheiden, ohne die Kollegen zu konsultieren. Damit führte er das Institut schon hart an die Pleite. Als die Konten einmal überzogen waren, bekam das IfP die wichtigste Fachzeitschrift Publizistik nicht mehr geliefert. Nur der Playboy landete weiterhin pünktlich auf dem Chef-Schreibtisch.
"Er macht es nicht nur gerne", höhnt Weischenberg über Lergs Amtsführung, "er kann es auch nicht."
Für Lerg gehören die Querelen offenbar zum Hochschulalltag. Der streitbare Institutschef: "Das kommt doch an allen Universitäten vor."
Der Streit hat in den letzten Jahren schon mehrere Dekane verschlissen. Nun kündigt auch der derzeitige Amtsinhaber, Professor Reinhard Meyers, seinen Rückzug zum Oktober an. Zum Job eines Dekans, so Meyers entnervt, gehöre es nicht, "sich vom kommissarischen Geschäftsführenden Direktor eines Instituts seines Fachbereichs permanent vorführen zu lassen". Y

DER SPIEGEL 34/1994
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