07.11.1994

Deutsche Einheit

Wir waren abgedriftet

Bürgerrechtler, Funktionäre und Intellektuelle der ehemaligen DDR über ihre Träume im Wendeherbst '89

Von Steingart, G. und Schwarz, U.

SPIEGEL: Frau Bohley, 26 Redner haben am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz gesprochen. Sie waren damals unbestritten eine der Führungsfiguren der DDR-Opposition. Warum haben Sie geschwiegen?

Bohley: Mich haben zu dieser Zeit mehr die Demonstrationen in Leipzig beschäftigt. Die waren spontan entstanden, da sind Leute ohne Führung durch die Straßen gezogen und haben das Tempo der Veränderung angegeben. Bei der Demonstration am 4. November hatte ich zwiespältige Gefühle.

SPIEGEL: Was hat Sie gestört?

Bohley: 26 Redner waren da, aber nur 4 aus den neuen Bürgerbewegungen haben gesprochen. Arbeiter kamen überhaupt nicht zu Wort. Das Verhältnis hat einfach nicht gestimmt.

SPIEGEL: Aber diese Kundgebung, die größte in der deutschen Geschichte, war doch der Tag Ihres Triumphes.

Bohley: Ich habe mich ja auch gefreut, vor allem als Markus Wolf sprach. Als ich sah, daß seine Hände zitterten, weil die Leute gepfiffen haben, da sagte ich _(* Jens Reich, Markus Wolf, Steffie ) _(Spira, SPIEGEL-Redakteure Gabor ) _(Steingart und Ulrich Schwarz, Bärbel ) _(Bohley, Manfred Gerlach, Lothar Bisky; ) _(am Montag vergangener Woche im Audimax ) _(der Ost-Berliner Humboldt-Universität. ) zu Jens Reich: So, jetzt können wir gehen, jetzt ist alles gelaufen. Die Revolution ist unumkehrbar.

SPIEGEL: Herr Wolf, Sie waren 30 Jahre einer der leitenden Kader der Staatssicherheit. Was hat Sie bewogen, an diesem Tag öffentlich zu reden?

Wolf: Ich bekam eine Woche vorher einen Anruf von Erich Mielke, der mich fragte, ob ich eine Rede halten wolle. Da wußte ich noch gar nichts von meinem Glück. Erst einige Tage danach rief mich ein Filmdokumentarist an und forderte mich im Namen der Veranstalter zu dieser Rede auf. Ich habe gezögert, die Einladung anzunehmen. Als ich auf dem Alex sprach, haben meine Hände, wie ich glaube, nicht gezittert.

SPIEGEL: Herr Reich, es war an diesem Tag viel die Rede von einem reformierten Sozialismus. Von Maueröffnung und Wiedervereinigung war nicht die Rede.

Reich: Ich bin im nachhinein darüber noch immer verwundert. Es gab nicht eine Losung, nicht ein Plakat, das sich auf die Wiedervereinigung oder auf das Ereignis, das fünf Tage später eintrat, bezogen hat. Aus heutiger Sicht betrachtet, hat diese Demo das Tor aufgerissen, durch das dann alle weiteren Ereignisse gestürmt sind. Heute wissen wir: Diese Demonstration war die Abschlußvorstellung der DDR.

SPIEGEL: Sie, Herr Wolf, hofften damals noch auf wegweisende Beschlüsse der SED.

Wolf: Ich konnte mir Veränderung damals nur als Veränderung von oben vorstellen. Von heute aus gesehen weiß ich natürlich, diese DDR war unter den gegebenen historischen Bedingungen nicht renovierbar.

SPIEGEL: Herr Gerlach, Sie haben wenig später gesagt, das neue System sei hundertmal besser als die alte DDR. Bleiben Sie dabei?

Gerlach: Diese DDR, wie sie sich uns am Ende darbot, hat doch keinen mehr hinter dem Ofen hervorgelockt. Wir wissen heute: Der Sozialismus löst die Probleme nicht. Aber wir wissen nach einigen Jahren deutscher Einheit - wir im Osten vielleicht noch besser -, daß dieser Kapitalismus in der Form der Altbundesrepublik und auch als gesamtdeutscher Aufguß die Probleme ebenfalls nicht löst. Es muß einen dritten Weg geben.

SPIEGEL: Das klang vor fünf Jahren noch ganz anders.

Gerlach: Damals wünschte ich mir in der Tat noch einen Sozialismus, der Spaß macht.

SPIEGEL: "Stell dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg", war der Traum von Christa Wolf auf dieser Kundgebung. Frau Spira, wovon haben Sie geträumt?

Spira: Ich rede lieber über Wahrheit als über Träume. Ich hoffte damals, daß die Einheit bald hergestellt wird.

SPIEGEL: Dabei war doch eigentlich schon alles gelaufen. Die entscheidende Revolution fand am 9. und 16. Oktober in Leipzig statt - ohne die DDR-Intelligenz. Herr Bisky, ist die Glorifizierung des 4. November nicht eine Lebenslüge der ostdeutschen Intellektuellen?

Bisky: Ich glaube gar nicht, daß der 4. November so glorifiziert wird. Man hat damals einfach auch gelacht über eine Macht, die ja noch präsent war. Und das finde ich gar nicht so schlecht, wenn man eine Macht weglachen kann.

SPIEGEL: Vielleicht gäbe es die DDR heute noch, wenn die DDR-Intelligenz, also Schriftsteller, Filmemacher, Naturwissenschaftler, das Land von innen reformiert hätte.

Bisky: Mein Kummer geht in diese Richtung. Daß uns die DDR dann so schnell abhanden kam, habe ich nicht geahnt.

Reich: Ich neige der These von György Konrad und Ivan Szelenyi zu, daß die Intelligenz als Schicht, als Klasse im Sozialismus, auf dem Weg zur Klassenmacht gewesen ist. Die beiden Ungarn schreiben, daß sich das sozialistische bürokratische System immer mehr zu einer Herrschaft der Intelligenz entwickelt hat. Diese Entwicklung reichte bis hinein ins Politbüro. Ein großer Teil der Intelligenz hatte sich angepaßt.

SPIEGEL: An wen konkret denken Sie?

Reich: Zum Beispiel an mich. Viele Jahre bin ich meinem Beruf nachgegangen, habe den Mund gehalten, habe in der politischen Nische gesessen, habe erst spät, viel zu spät, erkannt, daß meine Rolle im Leben nicht die sein kann, immer alles besser gewußt und geschwiegen zu haben.

SPIEGEL: Wer hat Sie aufgeweckt?

Reich: Meine Kinder und das Erlebnis des Verfalls der sowjetischen Gesellschaft, die ich aus vielen Dienstaufenthalten kannte, haben mich aktiv werden lassen. Ich glaube, daß beides richtig ist: Die Intelligenz war angepaßt, war sogar stabilisierender Faktor in dieser Gesellschaft. Gleichzeitig hat sie kurz vor der Machtergreifung die Macht fahrenlassen, hat die Lust verloren an dieser mißratenen Gesellschaft und mitgemacht bei ihrer Überwindung.

SPIEGEL: Das Verhältnis zum Volk blieb dennoch zwiespältig. Wolf Biermann und auch Sie, Frau Bohley, haben die DDR-Bevölkerung mehr als einmal beschimpft. Mit Feiglingen könne man keine Revolution machen, sagten Sie.

Bohley: In jedem Volk gibt es Mutige und Feiglinge. Auf jeden Fall war die DDR-Opposition ghettoisiert. Gerade 1989 hat sich herausgestellt, daß wir abgedriftet waren, und das ist es, was ich bis heute nicht verstehe. Warum waren wir nicht mehr in der Lage, über den Tellerrand zu sehen und zu erkennen, wie dicht die Wiedervereinigung vor der Tür stand? Ich werfe uns vor, daß wir der CDU das Feld überließen. Das regt mich bis heute wahnsinnig auf.

SPIEGEL: Was waren die Gründe für dieses Abdriften der Bürgerrechtler?

Bohley: Das war unsere Mauer im Kopf, und die wiederum war eine Folge der Erziehung in der DDR. Wir konnten nur bis zur Mauer gucken und nicht darüber hinaus. Wir träumten davon, unser Land selber zu verändern. Wir haben an diesem Traum selbst dann noch festgehalten, als die Realität längst eine andere war. Wir hätten sagen müssen, also jetzt verhandelt nicht Ost-CDU mit West-CDU, jetzt verhandeln mal die Bürgerbewegungen. Statt dessen haben wir Minister ohne Geschäftsbereich gespielt.

SPIEGEL: Ihre politische Nische haben Sie bis heute nicht verlassen. Warum kämpfen Jens Reich und Bärbel Bohley nicht um Posten, die Macht und Einfluß versprechen? Warum kandidieren Sie immer außerhalb der Parteien?

Reich: Ich habe nicht die richtige Partei gefunden.

Bohley: Ich auch nicht.

Reich: Wenn wir das Ende der Bürgerbewegung in der DDR beklagen, dürfen wir nicht vergessen, daß genau die gleichen Bewegungen auch in den anderen osteuropäischen Ländern weggeputzt wurden. Die Solidarnosc in Polen gibt es nicht mehr, Vaclav Havel sitzt auf der Burg als Repräsentationsfigur und hat seinen Anhang verloren. In Ungarn und im Baltikum sind wieder ganz andere an der Macht.

SPIEGEL: Warum sind so viele Leute ausgerechnet zur SED-Nachfolgeorganisation PDS gelaufen?

Reich: Das Volk ist zu den Bürgerbewegungen gegangen - aber nur eine historische Sekunde lang. Da bestand Einigkeit in den Zielen, alle wollten damals Freiheit, Freizügigkeit, all die Losungen, die am 4. November gezeigt wurden. Danach hat das Volk gesagt, jetzt haben wir genug von den Schwätzern. Wir wollen jetzt Macher haben. Und da haben 40 Prozent die einen und weitere 25 Prozent die anderen Macher gewählt. Ich sage das ganz ohne Melancholie.

Bohley: Ich möchte aber schon gern wissen, was wir falsch gemacht haben. Es ist ja nicht so gewesen, daß 1990 die PDS 30 Prozent der Stimmen bekam. Die hat erst einmal die CDU gekriegt.

Reich: Ich glaube nicht, daß Bündnis 90 oder die Bürgerbewegungen in der Lage gewesen wären, dem Unmut, der nach 1990 aufkam, Gestalt zu verleihen. Wir waren nicht bereit, populistisch genug aufzutreten. Wenn Bärbel heute sagt, sie freut sich über die Wiedervereinigung, dann ist das eben nicht die Stimmung, die bei den PDS-Wählern vorherrscht. Wir sind neben der allgemeinen Stimmung, und das finde ich auch nicht falsch. Wir haben heute ökologische Ziele, und die Bevölkerung sagt, das sind noch nicht unsere. Das heißt nicht, daß wir unsere Ziele aufgeben _(* In der Gauck-Behörde in Berlin. ) müssen, sondern wir müssen durchhalten. Die Zeiten ändern sich wieder.

Bohley: Aber Jens, auch für die Zukunft ist es wichtig: Warum lief das so und nicht anders? Es steht eine Analyse aus über das, was nach l989 passiert ist.

Reich: Unsere Fehler waren gleichzeitig unsere Stärken. Die ganze Einschleichbewegung des Herbstes 1989 war doch eine, die unterhalb der Reizschwelle der Machthaber stattgefunden hat. "Keine Gewalt", das war die große Losung, die auch am 4. November von den Ordnern mit Bändern am Arm getragen worden ist. Genau diese Tatsache, daß die Bewegung ohne Blutvergießen, friedlich, verlaufen konnte, genau diese Tatsache war natürlich dann unsere Schwäche.

Wolf: Ich nehme an, Herr Reich, Sie wollen damit nicht bedauern, daß es nicht zur Gewalt kam. Ich halte die Gewaltfreiheit der Ereignisse für eine wesentliche und besondere Erscheinung dieses Herbstes, auch nach dem 9. November l989. Man sollte sich vorstellen, Demonstranten in den USA wollten ein Gebäude der Nationalen Sicherheitsagentur besetzen. Das wäre nicht für eine Stunde möglich, da würde sofort geschossen. Damals in Berlin war das Verhindern von Gewalt unsere gemeinsame Sorge. Deshalb möchte ich Sie, Frau Bohley, heute gern fragen: Fühlen Sie sich nicht manchmal instrumentalisiert von den jetzigen Trägern der Macht?

Bohley: Solche Fragen empören mich unwahrscheinlich. Das habe ich von Ihrem Apparat vor 1989 ständig gehört, daß wir vom SPIEGEL mißbraucht wurden; von den westlichen Medien insgesamt. Jetzt werde ich wieder von der CDU und der CSU "mißbraucht", und zwar nur, weil ich Sachen sage, die nicht ins Kalkül von irgendwelchen Leuten passen.

Wolf: Frau Bohley, ich habe schon im Oktober 1989, als wir das erste Mal zusammensaßen, Ihnen meinen Respekt bekundet. Leider bin ich nicht dazu gekommen, mich bei Ihnen für das Unrecht, das Ihnen widerfahren ist, zu entschuldigen. Am 4. November haben Sie es abgelehnt, mir die Hand zu geben, als ich dies tun wollte.

SPIEGEL: Frau Bohley, sind Sie heute versöhnlicher gestimmt?

Bohley: Herr Wolf, ich habe Ihnen heute doch guten Tag gesagt!

SPIEGEL: Die Frage "Wie gehen wir mit der Vergangenheit um?" spaltet die Gesellschaft, und das gleich doppelt - Ost steht gegen West und Ost gegen Ost. Der Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer möchte die Akten der Stasi am liebsten verbrennen.

Spira: Man sollte das nicht tun. Wir wollten der Wahrheit den Mund öffnen, deshalb liegen die Akten heute offen. Allerdings sollten wir diese Akten nur dann gebrauchen, wenn es unbedingt nötig ist, und nicht nur deshalb, weil sie vorhanden sind.

SPIEGEL: Auch Sie, Herr Wolf, haben am 4. November gesagt, jedes geschehene Unrecht müsse untersucht werden.

Wolf: Aber doch nicht so, wie es nach dem 3. Oktober 1990 geschehen ist. Ich habe damals alle Verantwortlichen, auch meine früheren Kollegen des Ministeriums für Staatssicherheit, aufgefordert, sich vor die Öffentlichkeit zu stellen und über die Struktur, über das, was geschehen ist, Rechenschaft abzulegen.

SPIEGEL: Darauf warten viele bis heute.

Wolf: Wogegen ich mich damals gewandt habe auf dem Alex, ist die Pauschalisierung von Schuld. Dieses IM-Syndrom, das geschaffen wurde, nicht ohne Zutun Ihrer Zeitschrift, hat die Bereitschaft, sich der politischen und der moralischen Verantwortung zu stellen, nicht gefördert. Es ist doch ein Paradoxon, wenn hier von Träumen die Rede ist. Und was ist für mich geblieben? Eine sechsjährige Gefängnisstrafe, die ausgesprochen wurde, aber noch nicht rechtskräftig ist.

SPIEGEL: Die Gauck-Behörde deckt immer neue Fälle auf, vor allem mieses kleines Denunziantentum wird sichtbar. Plädieren Sie für Schließung der Akten?

Wolf: Ich bin zumindest der Meinung, daß das Zutun des SPIEGEL und anderer Medien der früheren Bundesrepublik dieser Aufarbeitung nicht zuträglich ist. Früher wurden Biographien zerstört in der DDR durch das Sicherheitssystem, das hier bestand. Jetzt werden wiederum Biographien zerstört.

Bohley: Hätten wir die Akten zugemacht, säße in Bonn womöglich ein stellvertretender Bundeskanzler, der bei der Stasi gewesen ist, Herr Schnur nämlich. In der SPD hätte Herr Thierse seine Kandidatur gegen Stefan Heym gar nicht antreten müssen. Er würde irgendwo auf der Hinterbank sitzen, denn vorn wäre der Stasi-Spitzel Ibrahim Böhme geblieben. Ich will niemanden auf Lebenszeit ausgrenzen, aber wir haben damals zu Recht gesagt: Liebe Leute, bleibt mal eine Runde zu Hause.

Bisky: Man kann nicht einfach, wie Sie das tun, bestimmte Dinge aus den Akten herauspicken und dann Urteile über Schicksale fällen. Dagegen bin ich strikt.

SPIEGEL: Ihr Vorschlag für den richtigen Umgang mit der Stasi-Vergangenheit, Herr Bisky?

Bisky: Ich bin für einen Umgang, der nicht auf Angst basiert. Menschen dürfen nicht dauernd entmutigt werden, die Wahrheit zu sagen. Wir müssen immer neu die Frage stellen: Ist die Akte ein Beweismittel oder nicht? Es gibt aus meiner Kenntnis Akten, die sind Beweismittel, und es gibt nachweislich auch Akten, in denen falsche Informationen stehen. Hier haben wir in der PDS das Prinzip, politische Biographien offenzulegen.

SPIEGEL: Was heißt das konkret?

Bisky: Zur politischen Biographie zählen nicht nur Kontakte zum MfS. Und wenn es um das MfS geht, muß man genau prüfen: Was hat jemand getan? Hat er dadurch Vorteile genossen? Hat er Dinge zu verantworten, die andere Biographien negativ beeinflußt haben?

SPIEGEL: Kann die PDS mit Gregor Gysi, der fast wöchentlich durch neue Aktenfunde über den IM "Notar" belastet wird, weitere vier Jahre im Bundestag durchstehen?

Bisky: Es gibt für mich keinen Anlaß, anzunehmen, daß Gregor Gysi nicht die Wahrheit sagt. Ich glaube Gregor Gysi.

Bohley: Herr Bisky, Sie können glauben, wem Sie wollen. Ich möchte es gern genau wissen.

Bisky: Lassen Sie uns die Akten gemeinsam einsehen, und lassen Sie uns dann öffentlich darüber diskutieren. Aber bitte nur anhand präziser Akten.

SPIEGEL: Egon Bahr hat gefordert, einen juristischen Schlußstrich zu ziehen unter die DDR-Vergangenheit. Herr Gerlach, halten Sie das für einen guten Vorschlag?

Gerlach: Das Argument von Frau Bohley war sehr einleuchtend, hätte mich fast überzeugt: Was wäre geworden, wenn Ibrahim Böhme, den ich 1989 noch dem französischen Staatspräsidenten Mitterrand vorgestellt habe, heute Verantwortung tragen würde? Aber es geht nicht um diesen oder jenen. Es geht um die 16 Millionen aus der DDR und die 63 Millionen aus der alten Bundesrepublik, die jetzt in einem Staat leben.

SPIEGEL: Was empfehlen Sie den zerstrittenen Deutschen?

Gerlach: Einen Schlußstrich hatte ich schon 1990, als ich amtierender Staatsratsvorsitzender war, vorgeschlagen. Es war völlig falsch, die DDR als einen Unrechtsstaat von Anfang bis Ende zu verteufeln. Heute ist ein solcher Schlußstrich dringender denn je, wenn wir nicht in nationaler Zwietracht untergehen wollen. Wir brauchen eine Art Generalpardon, und das bedeutet: Alle Ermittlungsverfahren gegen ehemalige DDR-Bürger müssen, solange es nicht um Kapitalverbrechen geht, Ende 1995 eingestellt werden. Wir brauchen jetzt die nationale Versöhnung.

Reich: Versöhnung ist für mich eine Sache zwischen Menschen, die kann man nicht von oben dekretieren. Deshalb bin ich dagegen, daß von oben eine Verordnung der Bundesregierung kommt, in der steht: Jetzt seid ihr alle versöhnt. Das wäre zu bequem. Meiner Meinung nach muß Versöhnung dort passieren, wo wir alle leben.

SPIEGEL: Wie sollen wir uns das vorstellen?

Reich: In dem Institut, an dem ich arbeite, hatten wir auch IM. Die Akten der Gauck-Behörde sind an die Direktion gegeben worden, und in allen Fällen, die ja nicht pro forma nach einer vom Senat ausgegebenen Strichliste abgerechnet werden können, mußte entschieden werden, ob der Betreffende weiterbeschäftigt werden kann oder nicht. Man muß die Leute anhören, muß Einzelfallprüfung machen - anders geht das nicht. Versöhnung als staatliche Veranstaltung kann nicht funktionieren.

SPIEGEL: Das Thema Vergangenheit interessiert auch, weil mit der PDS eine Partei im Bundestag vertreten ist, die einen Teil der Vergangenheit verkörpert. Wie sollen die Deutschen mit dieser PDS umgehen - umarmen oder ausgrenzen?

Reich: Wir haben uns auf ein parlamentarisch-demokratisches Repräsentationssystem unter dem Grundgesetz geeinigt, und wenn unter diesem Gesetz eine Partei 30 Sitze bekommt, dann verstehe ich nicht die Hysterie, die da einsetzt. Diese Partei ist da, sie hat ihre Wähler, sie hat sie sogar verdoppelt. Das zeigt doch nur politische und soziale Probleme, die in Deutschland existieren. Über die müssen wir ganz ruhig reden, ohne Aufregung. Die PDS ist ein analytisches Problem, kein emotionales.

Bohley: Jeder im Osten findet es ungerecht, oberflächlich und kleinkariert, die Auseinandersetzung mit der PDS unter der Überschrift "Rote Socken" zu führen. Das geht am Thema vorbei. Manchmal denke ich, die Lage wäre klarer, wenn es mal in einem Land eine Koalition von SPD und PDS geben würde.

SPIEGEL: Ausgerechnet Sie plädieren für rot-rote Koalitionen?

Bohley: Aber nur damit man sieht, was da für ein Mist entstehen würde. Denn da kann nur Mist rauskommen.

Bisky: Es bringt doch nichts, daß die PDS in ein Licht gestellt wird, in dem sie nicht mehr steht. Wir sind aus der SED hervorgegangen, klar, aber wir haben nur 5 Prozent der ehemaligen Mitgliedschaft. Meinen Sie wirklich, 20 Prozent im Osten wählen heute SED?

Wolf: Am 4. November habe ich Käthe Reichel gesehen, und sie sagte zu mir: "Denk an Robert, vergiß Robert nicht!" Als wir zusammenkamen, um den außerordentlichen SED-Parteitag vorzubereiten, beschäftigte sich eines der ersten Referate mit den Ursachen der Krise. Der Name Robert Havemann, der Name Rudolf Bahro und viele andere tauchten auf, denen Unrecht geschehen war. Heute wird behauptet, die PDS habe sich als Nachfolgeorganisation der SED nicht mit der Vergangenheit beschäftigt. Das ist nicht wahr.

SPIEGEL: Ist die PDS bereits eine normale demokratische Partei?

Wolf: Ich finde es eine grenzenlose Heuchelei der gegenwärtigen Machthaber, wenn sie die PDS-Mitglieder als Altkommunisten verteufeln und Herrn Gorbatschow und Herrn Schewardnadse als Freunde feiern. Wir müssen endlich zur Kenntnis nehmen, daß es in Europa 26 Nachfolgeorganisationen kommunistischer Parteien gibt, die in Parlamenten vertreten sind. Die agieren völlig normal als demokratische Parteien.

SPIEGEL: Wenn die PDS eine ganz normale Partei ist, sollten Sie, Herr Bisky, den anderen Parteien auch Koalitionen anbieten. Warum tun Sie das nicht?

Bisky: Dazu ist es zu früh. Es wäre gut, wenn der PDS noch zwei oder drei, meinetwegen auch vier Jahre der Opposition bleiben. Das ist gut für die Erneuerung der Partei, auch für die präzise Ausarbeitung ihrer politischen Standpunkte.

SPIEGEL: Wenn Sie den 4. November 1989 noch mal zurückholen könnten, was würden Sie heute anders sagen?

Reich: In diesem Herbst 1989 ist etwas möglich gewesen, was 16 Millionen und viele Millionen weiter östlich für völlig unmöglich gehalten haben - die Selbstbefreiung eines Volkes. Worauf ich hoffe und wovon ich träume, ist, daß diese Explosion in den Köpfen noch einmal stattfindet. Wir wissen heute, daß wir aus ökologischen Gründen so nicht weiterleben dürfen. Wir müssen umkehren. Ich hoffe auf eine neue Generation, bei der es im Kopf genauso platzt, wie es 1989 in Prag oder Leipzig oder Berlin oder Wilna in den Köpfen geplatzt ist. Ich glaube daran, daß das Unmögliche dann doch einmal passiert.

Wolf: Ich hätte heute noch größere Hemmungen, vor die Menschen zu treten, als damals. Nach all den Jahren empfinde ich wesentlich mehr eigene moralische und politische Verantwortung. Ich habe wesentlich intensiver nachgedacht, als ich es damals getan habe, warum der große Traum meiner Eltern und meines Bruders, Sozialismus mit Demokratie zu verbinden, nicht gelungen ist. Ich wünsche mir diesen Traum für nicht zu lange Zeit ausgeträumt.

Spira: Ich würde heute nichts anderes sagen als das, was ich damals gesagt habe. Man muß einfach die Wahrheit sagen. Das ist heute wie damals richtig.

Bisky: Ich habe am 4. November vom demokratischen Sozialismus gesprochen und mehr Rechte für Studenten gefordert. Ich glaube, es gibt eine Chance, eine _(* Am 11. November 1989. ) Gesellschaft zu errichten, nur demokratisch, nur über Mehrheiten, ohne Gewalt, die eine Gesellschaft mit größerer sozialer Gerechtigkeit und mit mehr Humanität im Umgang miteinander ist. Ganz konkret würde ich heute für die Studenten eine Novellierung des Hochschulrahmengesetzes fordern.

Gerlach: Ich würde bis auf einen Satz, der falsch war, alles noch einmal sagen.

SPIEGEL: Welchen Satz ziehen Sie zurück?

Gerlach: Das war der Satz, den hatte ich in der Nacht noch schnell eingefügt: "Die LDPD hat das Tor zur Wende aufgestoßen." Natürlich hat das Volk die Wende hervorgebracht, nicht die LDPD. Anstelle dieses Satzes würde ich heute auf das Wichtigste dieses 41. Jahres der DDR verweisen - auf den Runden Tisch und seinen vorbildlichen Verfassungsentwurf.

Bohley: Ich fühle meine damalige Skepsis gegenüber dem 4. November heute bestätigt. In den SED-Akten steht, daß am 20. Oktober ''89 Kurt Hager an den Genossen Krenz geschrieben hat, da gebe es Kulturleute, die unbedingt eine Demo machen möchten. "Die Versuche, sie von diesem Vorhaben abzubringen, hatten bisher keinen Erfolg." Dann macht Hager den Vorschlag, "am 4. November oder an einem anderen Tag eine Kundgebung der Berliner Kulturschaffenden auf dem Platz der Akademie zu ermöglichen. Bei dieser Kundgebung sollten namhafte Vertreter unseres Kulturlebens sprechen und zur Unterstützung der Wende, die auf der Tagung des ZK eingeleitet wurde, aufrufen". Zum Glück ist trotzdem nicht alles so gekommen, wie die SED es sich gedacht hat.

SPIEGEL: Würden Sie noch mal schweigen?

Bohley: Ich würde heute darauf bestehen, daß die Rednerliste geändert wird.

SPIEGEL: Frau Bohley, Frau Spira, Herr Bisky, Herr Gerlach, Herr Reich, Herr Wolf, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. Y

* Jens Reich, Markus Wolf, Steffie Spira, SPIEGEL-Redakteure Gabor Steingart und Ulrich Schwarz, Bärbel Bohley, Manfred Gerlach, Lothar Bisky; am Montag vergangener Woche im Audimax der Ost-Berliner Humboldt-Universität. * In der Gauck-Behörde in Berlin. * Am 11. November 1989.

DER SPIEGEL 45/1994
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