22.08.1994

HerzklappenKarten für die Oper

Beschlagnahmte Dokumente belegen, wie die Lieferanten von Implantaten sich die Gunst von Ärzten erkauften.
Ganz behutsam machte der Vertreter der Herzklappenfirma Medtronic den mecklenburgischen Oberarzt mit den Sitten und Gebräuchen seines Gewerbes vertraut. Die erste bescheidene Gabe an den Doktor war ein Zeitschriftenabonnement, es folgte eine Gratisreise nach Mainz.
Die zweite Einladung, diesmal nach Hamburg, schloß bereits einen Opernbesuch, und den in Begleitung der Gattin, mit ein. Das überzeugte, der Oberarzt hatte die Lektion begriffen.
Er interessiere sich für elektronisches Gerät, das bei der Firma Computer Gryps für 18 000 Mark zu haben sei, ließ der Mecklenburger den spendablen Vertreter wissen.
Der verstand den Wink und teilte seiner Zentrale auch gleich mit, wie das Geschenk finanziert werden könne: "Müßte über höhere Herzschrittmacherpreise wieder hereingeholt werden." Der handschriftliche Vertreterbericht liegt inzwischen bei der Staatsanwaltschaft in Wuppertal. Er war bei den Unterlagen, die Anfang August bei der Durchsuchung der drei Herzklappenfirmen St. Jude, Medtronic und Sorin beschlagnahmt wurden, zusammen 3000 Aktenordner.
Der Zufallsfund gibt der Herzklappen-Affäre eine neue Dimension. Branchenkenner hatten berichtet, die Lieferanten berechneten den Kliniken für Implantate regelmäßig viel zu hohe Preise. Die seien nur deshalb möglich, weil die Unternehmen sich die Gunst der Herzchirurgen mit Geschenken und großzügigen Spenden erkauften.
Nach ihren Zufallsfunden hegen die Fahnder nun den Verdacht, solche Praktiken seien nicht nur bei Herzklappen üblich, sondern auch beim Milliardengeschäft mit Herzschrittmachern und anderem High-Tech-Gerät.
Oberstaatsanwalt Horst Rosenbaum glaubt bereits jetzt, "einem der größten Medizinskandale der Nachkriegszeit" auf der Spur zu sein. Bestätigt sich das, sind den Versicherten Milliarden zu Unrecht abgezapft worden.
In der vergangenen Woche durften die Krankenkassenmanager Eckart Fiedler (Angestelltenkassen) und Johann Magnus von Stackelberg (AOK) einen ersten Blick in die Akten-Ausbeute der Staatsanwälte werfen. Seither herrscht Zuversicht im Versicherungslager. "Die Berichte der Insider werden sich als richtig erweisen", meint Fiedler.
Schon die erste Lektüre der beschlagnahmten Dokumente bestätigte viele Vorwürfe der Kassen. Die durchsuchten Firmen berechneten den Kliniken alle die gleichen Preise, nämlich rund 6000 Mark pro Herzklappe. Alle drei Unternehmen führten für Kliniken und Leitende Ärzte Bonuskonten, die abhängig von der Zahl der abgenommenen Klappen mit Rabatten gefüllt wurden.
Betroffen sind viele Herzzentren. Das Geld riefen Ärzte oder Verwaltungsdirektoren für unterschiedliche Zwecke ab, vom Kauf für Klinikgerät bis zur Finanzierung der Weihnachtsfeier.
An Belegen fehlt es nicht. In Bad Homburg etwa fanden die Beamten bei einem Medtronic-Repräsentanten die Unterlagen über eine Reise von 12 Leitenden Ärzten zu einem dreitägigen Kongreß nach San Diego. Dazu gehörte auch ein siebentägiger Trip mit Frauen durch Colorado und Arizona, Grand Canyon inklusive. Handschriftlicher Vermerk auf den Reiseakten: "Flugkosten mit Bonuskonto verrechnen."
Die Klappenfirmen mußten ihre Abnehmer nicht drängen. Er müsse in Disneyworld einen Vortrag halten, brauche Tickets und Dollar für einen achttägigen Aufenthalt, schrieb ein Professor. Das war dem Klappenunternehmen offenbar zuviel. Auf dem Brief steht handschriftlich: "Nur Hotel- und Flugkosten." Ein Wiener Arzt begehrte für eine Reise zu den Salzburger Festspielen Schillinge und zwei Karten für eine Verdi-Oper.
Bei der Firma Sorin fand sich eine Liste mit Angaben über die "Spenden" des Jahres 1993. Darauf standen die Namen von rund 20 Ärzten. Jedem war ein Betrag zugeordnet, "alle mindestens fünfstellig" (ein Staatsanwalt).
Ebenfalls bei Sorin fanden die Staatsanwälte Schecks, die auf Leitende Ärzte ausgestellt wurden. In anderen Unternehmen stießen sie auf Listen mit Überweisungsaufträgen unter Kennziffern.
Protestbriefe der Außendienstmitarbeiter von Medtronic aus dem Jahre 1992 belegen, wie beliebt das System war, mit dem die Firmen guten Umsatz machten. Damals wollte die US-Firma wegen neuer Ethik-Richtlinien in Amerika die Bonuskonten für Abnehmer auch hierzulande abschaffen. Die Reaktion der Vertreter war eindeutig: Dadurch werde der Verkauf zurückgeworfen. Grundlage des Umsatzes sei das Bonussystem.
Bei St. Jude fanden die Staatsanwälte aktuelle, nach Bekanntwerden des Skandals geschriebene Briefe von Verwaltungsdirektoren, die sich ehrlich machen wollen. Sie bitten darum, Rabatte doch künftig offen auszuweisen. Der Umkehrschluß ist zwingend: bisher wurden die Rabatte versteckt.
Das ist für die rechtliche Bewertung der entscheidende Punkt. Die Kliniken dürfen den Kassen nur den tatsächlichen Preis für Herzklappen berechnen. Rabatte müssen sie an die Kassen weitergeben. Das geschah ganz offensichtlich häufig nicht.
In Wuppertal verurteilte die 6. Kammer des Landgerichts vor vier Jahren den Verwaltungschef einer örtlichen Klinik wegen Betrugs zu zwei Jahren Gefängnis mit Bewährung. Der Mann hatte den Kassen zu hohe, fingierte Personalkosten berechnet und mit dem Geld der Versicherten Investitionen in seiner Klinik bezahlt. Die hätten aber eigentlich nicht die Kassen, sondern das Land finanzieren müssen. Die Wuppertaler Staatsanwälte sehen in dem Urteil Parallelen, statt überhöhter Personalkosten würden im aktuellen Fall zu hohe Sachkosten abgerechnet. Ob der Rückfluß für Investitionen der Klinik oder für private Zwecke draufgegangen ist, sei nur für das Strafmaß von Bedeutung.
Nach überschlägigen, sehr vorläufigen Kalkulationen der Staatsanwälte flossen von jeder der 6000 Mark teuren Herzklappen zwischen 10 und 20 Prozent zurück. Handfeste Indizien für die Behauptung der Kassen, die Klappen seien wegen mangelnder Konkurrenz viel zu teuer, ergaben sich ebenfalls bereits.
Sorin etwa kauft die Klappe bei der italienischen Muttergesellschaft laut Rechnung für nur 2900 Mark ein. Dem SPIEGEL liegt eine weitere Rechnung vor. Danach überweist die schweizerische Carbomedics-Tochter der US-Mutter pro Herzklappe 2020 Dollar.
Heimliche Rabattabsprachen der Chirurgen mit den Industrie-Vertretern - an der Verwaltung vorbei - waren offenbar durchaus üblich. Nach einem Gespräch mit einem süddeutschen Klinikchef notierte 1990 ein Medtronic-Mitarbeiter, er schlage zehn Prozent Bonus vor, zu finanzieren durch einen fünfprozentigen Preisanstieg.
Auf einen ganz neuen Weg versteckter Geldrückflüsse glauben die Staatsanwälte bei Medtronic gestoßen zu sein. Diesem Klappenlieferanten schickten die Kliniken auffällig viele Implantate als unbrauchbar zurück. Diese Klappen wurden natürlich nicht bezahlt.
Der Verdacht: Möglicherweise wurden die Klappen überhaupt nicht zurückgeschickt, sondern implantiert - also nicht bezahlt, aber bei den Kassen abgerechnet.
Die Staatsanwälte in Wuppertal glauben, den Fall klären zu können. Die Nummer jeder gelieferten Klappe steht auf dem Lieferschein, die Nummer jeder implantierten im Operationsbericht.
Mit solchen Funden widerlegt Wuppertals Leitender Oberstaatsanwalt Friedhelm Gabriel die Kritik, seine Behörde habe mit der Durchsuchung der Klappenfirmen zu lange gezögert, inzwischen seien alle Spuren vernichtet. Viel wichtiger als Geschwindigkeit, so Gabriel, sei gute Vorbereitung und sorgfältige Logistik einer Durchsuchung: "Wenn man richtig nachguckt, findet man immer noch was." Y
"Wenn man richtig nachguckt, findet man immer was"

DER SPIEGEL 34/1994
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 34/1994
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Herzklappen:
Karten für die Oper

Video 00:32

Uno-Generalversammlung Trump prahlt mit Erfolgen - und erntet Gelächter

  • Video "Haka in Uniform: Polizisten, die einen anschreien" Video 01:50
    Haka in Uniform: Polizisten, die einen anschreien
  • Video "Formula Offroad: Buggy erklimmt (fast) vertikale Wand" Video 01:07
    Formula Offroad: Buggy erklimmt (fast) vertikale Wand
  • Video "Nach Talkshow zu Frauenrechten im Sudan: Extremisten bedrohen deutschen Moderator" Video 03:34
    Nach Talkshow zu Frauenrechten im Sudan: Extremisten bedrohen deutschen Moderator
  • Video "Forscher filmen seltenen Aal: Großmaul unter Wasser" Video 00:58
    Forscher filmen seltenen Aal: Großmaul unter Wasser
  • Video "Geisterstadt bei Paris: Fluglärm? Welcher Fluglärm?" Video 03:13
    Geisterstadt bei Paris: Fluglärm? Welcher Fluglärm?
  • Video "Attacke in Florenz: Künstlerin mit Bild angegriffen" Video 00:52
    Attacke in Florenz: Künstlerin mit Bild angegriffen
  • Video "Im Indischen Ozean gekentert: Schwer verletzter Segler nach Tagen gerettet" Video 00:50
    Im Indischen Ozean gekentert: Schwer verletzter Segler nach Tagen gerettet
  • Video "Tunesien: Sturzflut reisst Autos davon" Video 01:05
    Tunesien: Sturzflut reisst Autos davon
  • Video "Neymars Gaben: PSG-Star schenkt weinendem Kind sein Trikot" Video 01:30
    Neymars Gaben: PSG-Star schenkt weinendem Kind sein Trikot
  • Video "Wie Spielzeug-Waggons: Zug entgleist und rutscht in Fluss" Video 00:39
    Wie Spielzeug-Waggons: Zug entgleist und rutscht in Fluss
  • Video "Sturm Ali über Großbritannien: Air-France-Maschine muss durchstarten" Video 01:07
    Sturm "Ali" über Großbritannien: Air-France-Maschine muss durchstarten
  • Video "Einziges Hunde-Hallenbad Deutschlands: Wenn Vierbeiner Freischwimmer machen sollen" Video 03:54
    Einziges Hunde-Hallenbad Deutschlands: Wenn Vierbeiner Freischwimmer machen sollen
  • Video "Touristenattraktion: Glasbodenbrücke mit Schockeffekt" Video 00:42
    Touristenattraktion: Glasbodenbrücke mit Schockeffekt
  • Video "Seltene Fehlbildung: Zweiköpfige Schlange in Garten gefilmt" Video 00:41
    Seltene Fehlbildung: Zweiköpfige Schlange in Garten gefilmt
  • Video "Uno-Generalversammlung: Trump prahlt mit Erfolgen - und erntet Gelächter" Video 00:32
    Uno-Generalversammlung: Trump prahlt mit Erfolgen - und erntet Gelächter