16.05.1994

LeichtathletikRätsel ums Gemüse

US-Superstar Carl Lewis tingelt in deutschen Landen und quält die Organisatoren mit seiner Extravaganz.
Seine wichtigsten Sonderwünsche hat der prominente Leichtathlet den Gastgebern in der deutschen Provinz bereits vorab übermittelt: täglich frisches Gemüse, rund um die Uhr reichlich Obst und rohen Fisch am Abend vor seinem Rennen.
"Sehr problematisch der Mann", sagt Frank Schnürch über den US-Sprinter Carl Lewis. Der Radiomoderator hat zusammen mit einem Postbeamten und einem Hoteldirektor den achtmaligen Olympiasieger zu einem Leichtathletiksportfest ins Sauerland gelockt.
Das "Land der tausend Berge" (Eigenwerbung), sonst vornehmlich damit beschäftigt, Kurzurlauber aus Holland und dem Ruhrgebiet zu bewirten, will den weltbekannten Sportler, so die lokale Westfalenpost, "wie einen König empfangen" - und damit endgültig ein weitverbreitetes Bild über das schlichte Wesen des Sauerländers korrigieren. Seitdem Bundespräsident Heinrich Lübke ("die Oasen sind nicht zur Vermehrung der Menschen da") aus Enkhausen die Republik mit seinen gestammelten Einlagen und gedanklichen Ausfällen unterhalten hat, gilt die Region an Ruhr und Möhne als hinterwäldlerisch.
Ein Sekundenauftritt der "Mischung aus Maradona, Madonna und Michael Jackson" (Le Monde), mit 120 000 Mark finanziert von einem Bierbrauer und einem Mineralwasserproduzenten, soll nun die Weltläufigkeit bringen. Arnsberg-Hüsten soll fortan als jener Ort in den Annalen stehen, in dem Carl Lewis zusammen mit Staffelkollegen vom Santa Monica Track Club sein letztes Rennen in Deutschland absolviert hat. Schnürch weiß, daß Lewis, 32, eigentlich "nur des Geldes wegen kommt". In diesem Jahr stehen weder Weltmeisterschaften noch Olympia an, "in Amiland", so Schnürch, "kann der deshalb nichts verdienen".
Den Amerikanern ist immer erstaunlich fremd geblieben, mit welch künstlerischer Begabung der Sprinter und Weitspringer seine Auftritte in den Leichtathletikstadien der Welt zelebriert. Zuletzt schockte der farbige Lehrersohn aus New Jersey das Publikum, als er in roten Stöckelschuhen für Autoreifen warb.
So muß der Vorläufer aller Leichtathleten weiter in Europa tingeln gehen. Da Lewis zuletzt kaum noch als Sieger von der Bahn ging, sind die Veranstalter der großen Sportfeste immer seltener bereit, ihm die geforderten 80 000 Dollar für ein Einzelrennen zu überweisen. Dem achtmaligen Weltmeister bleibt wie ähnlich ergrauten Heldendarstellern nichts anderes übrig, als in der Provinz sein Geld zu verdienen.
Doch ob in Hüsten oder im holländischen Hengelo - Lewis bleibt selbst im sportlichen Rentenalter noch der Einkommensprimus der Branche. Im Sauerland kassieren Lewis und seine drei Kollegen für das Staffelrennen über 4 x 100 Meter immer noch mehr als alle anderen 400 Kollegen zusammen - und das, obwohl für die "Gala von Arnsberg" am 29. Mai die besten Leichtathleten engagiert wurden, die Deutschland gegenwärtig an den Start bringen kann.
Für Bernd Wisser von der Stadt Arnsberg ist das Geld gut angelegt. Er sieht im Lewis-Auftritt gar einen "wesentlichen Teil der Wirtschaftsförderung". Sein Bürgermeister beschwerte sich allerdings schon über bisher mangelhafte Propaganda für Arnsberg. Und die Warsteiner-Brauerei fragte sich als einer der Hauptsponsoren inzwischen, so Marketingdirektor Uwe Wendt, "ob sich das alles rechnet".
Auch die Probleme sind noch nicht gelöst. Zwar hat Hoteldirektor Gerd Lange direkt am Neheimer Stadtwald die Suite 406, "wie gewünscht nach hinten", für Lewis reserviert; ein Hubschrauberlandeplatz steht direkt unterhalb zur Verfügung. Obst zu besorgen, sei um diese Jahreszeit auch nicht schwer. Bei dem Wunsch nach frischem Gemüse fragt er sich allerdings noch, ob "Rohkost" gemeint ist, "Gemüse a la minute" oder etwa "das Gemüse mit zwei Ohren".
Auch über Lewis' Appetit auf japanische Fischgerichte grübeln die Organisatoren noch: Sollen sie den teuren Gast abends zum Sushi-Essen nach Dortmund chauffieren oder einen Koch aus Düsseldorf engagieren? Im Grunde aber, sagt Lange und schnippt dabei mit Daumen und Mittelfinger seiner rechten Hand, brauche Lewis nur so zu machen, "dann wird alles erledigt".
Aber schon der Empfang des Liebhabers von Luxusautos bereitet Kopfzerbrechen. Begnügt sich Lewis mit einem Auto von Mitsponsor Toyota, mit dem der Sprinter vom Flughafen abgeholt werden soll? "Das Schlimmste ist", fürchtet Schnürch, "wenn wir vor dem Portal stehen, und er weigert sich, einzusteigen." Y

DER SPIEGEL 20/1994
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