07.11.1994

ZahnmedizinMurks im Mund

In deutschen Zahnarztpraxen wird gepfuscht. Zwei Studien liefern Beweise.
Seit 15 Jahren bohrt Dr. med. dent. Eberhard Riedel, 41, Karies aus, baut er Kronen und Brücken ins Gebiß seiner Kunden. Jetzt zieht er gegen seine Kollegen zu Felde.
In 10 bis 35 Prozent der deutschen Zahnarztpraxen, behauptet der Münchner Zahndoktor in seinem soeben erschienenen Buch, sei "Pfusch in der täglichen Arbeit ständige Realität"*. Aller Zunftschelte vorgreifend, bekennt sich der Verfasser selbst als Nestbeschmutzer: Das "Nest" der Zahnbehandlung, schreibt Riedel, sei "schmutzig, ja, es starrt an vielen Stellen vor Dreck".
Das vernichtende Urteil über die Kollegenschaft fällt der Münchner Zahnarzt aufgrund von Erfahrungen, die er als von Gerichten bestellter Sachverständiger, etwa bei Schmerzensgeldprozessen gegen Kollegen, sammeln konnte. Vor allem aber hat der Autor die Ergebnisse zweier Studien ausgewertet, die das Bundesgesundheitsministerium in Auftrag gegeben hatte, um die Qualität der zahnmedizinischen Versorgung zu untersuchen.
Die beiden Studien, die eine wurde vom Bundesverband der Betriebskrankenkassen (BKK), die andere an der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik der Uni Münster ausgeführt, sind "wegen ihrer entlarvenden Ergebnisse bei den Zahnärzten höchst unbeliebt" (Riedel). Sie beweisen, daß viele Zahnärzte ihr Handwerk nicht beherrschen oder ihre Arbeit schlampig verrichten.
So wurden im Rahmen der BKK-Untersuchung die Zahnbehandlungsergebnisse von 17 642 Versicherten über einen Zeitraum von sieben Jahren ausgewertet. Ergebnis: Viele Zahnärzte erledigen nicht einmal die täglich dutzendfach anfallenden Routineaufgaben korrekt.
Beim Studium der Kassenunterlagen entdeckten die BKK-Experten, daß in einem Zeitraum von drei Jahren nach der Behandlung jede vierte Füllung nachbehandelt und jeder fünfte Zahn ganz oder teilweise erneut plombiert, wurzelbehandelt, überkront oder gezogen _(* Eberhard Riedel: "Patient beim ) _(Zahnarzt". Universitas Verlag, München; ) _(248 Seiten; 34 Mark. ) werden mußte. Bei sieben Prozent der gefüllten Zähne kam es zu einer identischen Wiederholungsfüllung.
Viel Pfusch fanden die BKK-Kontrolleure auch bei der Wurzelbehandlung (Endodontie): Sie sei "das Fach, das in der deutschen Zahnheilkunde am wenigsten beherrscht wird", konstatiert Riedel. Die BKK-Studie ergab, daß nur bei drei von vier Wurzelbehandlungen das Röntgengerät wie vorgeschrieben - einmal zu Beginn der Kanalbehandlung, dann noch einmal am Ende zur Qualitätskontrolle - eingesetzt wird.
Die Folge: Sieben Prozent der wurzelbehandelten Zähne müssen bereits innerhalb des ersten Jahres nach der Behandlung, jeder zehnte Zahn muß spätestens nach Ablauf des zweiten Jahres gezogen werden.
Kaum besser fielen die Ergebnisse im Bereich zahnärztlicher Prothetik aus, die der Münsteraner Uni-Kliniker Reinhard Marxkors mit seinen Mitarbeitern bewertete. Von insgesamt 2974 untersuchten Zahnersatzarbeiten wurden nur knapp 26 Prozent als perfekt oder gut eingestuft. 22 Prozent wurden korrigiert. Der Rest, also mehr als jede zweite Prothese, Brücke oder Krone, mußte gänzlich neu gefertigt werden.
Nicht nur Art und Menge der Kunstfehler, auch die Verursacher konnten anhand des BKK-Datenmaterials ermittelt werden. Danach lieferten 63 Prozent der erfaßten Zahnärzte überdurchschnittlich gute Arbeit ab.
17 Prozent aber lagen in der untersten Leistungskategorie - wobei es laut Untersuchungsergebnis "immer die gleichen Behandler" waren, die stümperhafte Arbeit leisteten.
Wird das BKK-Ergebnis auf die gesamte Zahnärzteschaft hochgerechnet, gibt es in Deutschland an die 10 000 Zahnärzte, vor denen Riedel jeden warnt, dem "sein Wohlbefinden und Aussehen etwas bedeuten". Diese Nichtskönner bilden laut Riedel einen "immens dicken zahnärztlichen Bodensatz", gehören aber meist zu jenen "Hasardeuren" am Bohrgerät, die das meiste Geld verdienen.
Je schlechter diese "Zahnkaputtkundler" arbeiten, desto höher sind ihre Rechnungen. Riedel: "Tatsächlich wird in der untersten Leistungsschublade das meiste Geld verdient."
Das treibt die Kassenkosten für Zahnbehandlungen immer schneller in die Höhe. Noch vor sieben Jahren nahmen die Kassenzahnärzte - mit einem durchschnittlichen Jahresumsatz von derzeit 650 000 Mark pro Praxis eindeutig Weltspitze - knapp sechs Milliarden Mark ein. In diesem Jahr dürfte dieser Betrag in den alten Bundesländern auf knapp elf Milliarden Mark hochschnellen.
Ein Ende der Honorarspirale ist, wenn niemand eingreift, kaum absehbar. Die Schuld, meint Riedel, treffe alle Beteiligten, auch die Patienten, die sich um den Murks in ihrem Mund mehr als bisher kümmern sollten.
Aber auch den Kassen lastet Riedel eine Mittäterschaft "bei der Kostentreiberei" an; zu selten beschreiten sie bei Zahnarztfehlern den "manchmal schwierigen Weg der Regreßnahme".
Immerhin machen einzelne Kassenverbände neuerdings mobil gegen den Pfusch in den Zahnarztpraxen. So entwarfen sie einen Mustervertrag, der Zahnärzten höhere Honorare zusichert, wenn sie für Zahnfüllungen statt der gesetzlich vorgeschriebenen zweijährigen eine doppelt so lange Garantiezeit gewähren. Für überkronte Zähne wurde die Garantiezeit von vier auf sechs Jahre ausgedehnt.
Die Standesfunktionäre halten solche Neuerungen für kränkend und überflüssig. "Verbesserungen einer zahnärztlichen Leistung", meint Ralph Gutmann vom Freien Verband Deutscher Zahnärzte, "sind im Moment nicht nötig. Unsere Leistung ist gut."
Noch besser ist das Einkommen der Zahnbehandler. Im Durchschnitt bringt es ein deutscher Zahnarzt derzeit auf 200 000 Mark brutto pro Jahr; vier Prozent der Zahnärzte zählen mit einem Jahresbruttoeinkommen von über 500 000 Mark zu den Großverdienern der Branche.
Solche Spitzenkräfte haben laut Riedel klar erkannt, daß "nicht die fachlich-zahnmedizinische Kompetenz den wirtschaftlichen Erfolg einer Praxis" garantiert, sondern eine "souveräne Kenntnis aller Abrechnungsschliche".
Wie trickreich die Zahnärzte taktieren, wenn es ums Geld geht, bewiesen sie erst wieder im letzten Monat. Die ihnen nach dem Gesundheitsstrukturgesetz für 1994 zugewiesene Honorarsumme, so machte die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung geltend, sei - weil viel zu knapp bemessen - bereits nach drei Quartalen ausgeschöpft.
Wenn das der Wahrheit entspräche, so rechnete der Ulmer Humangenetiker Horst Hameister in einem Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung vor, dann hätten die Zahnärzte in den "letzten neun Monaten ihr Einkommen um 33 Prozent gesteigert". Y
* Eberhard Riedel: "Patient beim Zahnarzt". Universitas Verlag, München; 248 Seiten; 34 Mark.

DER SPIEGEL 45/1994
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