14.11.1994

Aids auf Rezept

Rita Süssmuth ist eine talentierte Rollenspielerin. Mal gibt sie die emanzipiert-aufsässige Katholikin, mal hoheitsvoll die Präsidentin des Deutschen Bundestages. Doch in der letzten Woche wurde diese Begabung in einer schizophrenen Doppelrolle überfordert: Als Präsidentin nahm Frau Süssmuth den dickleibigen Schlußbericht des Aids-Untersuchungsausschusses des Bundestages entgegen. Der handelt über weite Strecken vom Versagen der Gesundheitsministerin a. D. Süssmuth. Eine makabre Konstellation. Der Staatsschauspielerin war sichtbar blümerant zumute.
Die Episode wird für die Politikerin ohne Folgen bleiben. Schon zwei Tage später war sie, einzige Kandidatin, im hohen Amte neu bestätigt.
Dabei können ihre Wähler doch schwarz auf weiß nachlesen, wieviel Schuld am frühen Tod Hunderter junger Menschen die Ministerin auf sich geladen hat. Denn erstmals ist die seit zwölf Jahren andauernde Chronique scandaleuse der Virusseuche Aids sorgsam untersucht und gewissenhaft, auf 672 Seiten, nachgezeichnet worden. Eine Lektüre zum Gruseln und zum Weinen.
Aids kam in Zeitlupe über die Deutschen, nicht wie Jahwe über die Hethiter. Von 1982 bis 1987 war reichlich Zeit, der Bedrohung erfolgreich Paroli zu bieten. Doch was geschah in einem Land mit Hunderttausenden von Ärzten, einem kostspieligen öffentlichen Gesundheitswesen und einer weltberühmten Tradition im Kampf gegen Infektionskrankheiten? Im großen und ganzen geschah nichts. Es sei denn, man hielte Aufklärungsbroschüren und Kondome für effiziente Waffen.
Das ganze seit hundert Jahren bewährte Instrumentarium der wissenschaftlichen Seuchenlehre blieb ungenützt.
Die selbsternannten Lobbyisten der Risikogruppen gaben Richtung und das Schneckentempo der Anti-Aids-Aktionen vor.
Ungehindert durften Pharmafirmen weiter mit infektiösem Blut panschen und schieben, ohne Rücksicht auf Verluste.
Der Staat, ganz oben vertreten durch die zuständigen Gesundheitsminister, sah nur zu. So nahm die Seuche ungehindert ihren Lauf.
Als Heiner Geißler und Rita Süssmuth Gesundheitsminister in Bonn waren, gab es fünf Jahre lang Aids auf Rezept. Mindestens 2000 Bluterkranke sind durch Medikamente mit dem Aids-Virus infiziert worden. Der Tod aus der Spritze hält seither reiche Ernte: Fast die Hälfte der Patienten ist schon gestorben, für die anderen gibt es kaum noch Hoffnung.
Mindestens 60 Prozent dieser Infektionen hätten verhindert werden können, sagt der Untersuchungsausschuß, und zwar auch "nach dem damaligen Kenntnisstand".
Viele Opfer - und keine Schuldigen?
Geißler und Süssmuth fühlen sich unbeschwert, frei von Schuld, selbst im moralischen Sinn. Sie sind jedoch zutiefst empört über den Bayern Peter Gauweiler, der öffentlich nach ihrer Verantwortung für "Tod und Siechtum einer unbekannten Zahl von Menschen" gefragt hat.
Die Opfer haben nur ganz leise Stimmen, man hört sie kaum. Warum schreit keiner auf? Liegt es in der Natur der Krankheit, die langsam alle Kräfte aufzehrt? Oder daran, daß die Todgeweihten keine Verbündeten fanden in Kirchen und Parteien, bei der Justiz, den Ärzten? Nicht einmal die Betroffenenbetreuer ehrenhalber, die Dichter und Pastoren, mögen sich für sterbende Bluter engagieren.
Deren letztes und einziges Trachten gilt dem Geld. Sie wollen verständlicherweise ihre Familien versorgt wissen. Doch bisher rückt das Kartell der Schuldigen freiwillig möglichst nichts heraus. Staat, Justiz und Pharmaindustrie hoffen offenbar auf Bruder Tod. Selbst der anständige, durchsetzungsfähige Minister Seehofer hat nichts Wesentliches bewegen können.
Anders als in Frankreich - wo Präsident Francois Mitterrand um ein "Pardon der Nation" gebeten hat - wird der Aids-Skandal in Deutschland ungesühnt bleiben, obwohl er weit mehr Opfer forderte als die vielberedete Contergan-Katastrophe.
Wie viele Ehefrauen und Freundinnen haben die Bluter ungewollt infiziert? Niemand weiß es, keiner will es wissen. Die politische Klasse schaut weg. Dabei ist doch, wie Charles de Montesquieu bemerkt hat, "das Unrecht, das einem einzelnen widerfährt, eine Bedrohung für alle".
Von Hans Halter

DER SPIEGEL 46/1994
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 46/1994
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Aids auf Rezept

Video 01:30

Zynische Trump-Rede "Wir bauen die Mauer aus Solarmodulen"

  • Video "Zynische Trump-Rede: Wir bauen die Mauer aus Solarmodulen" Video 01:30
    Zynische Trump-Rede: "Wir bauen die Mauer aus Solarmodulen"
  • Video "Gewitter in Berlin: Blitze schlagen in Fernsehturm ein" Video 00:51
    Gewitter in Berlin: Blitze schlagen in Fernsehturm ein
  • Video "Videoanimation zum G20-Gipfel: Das sind Hamburgs neuralgische Punkte" Video 02:04
    Videoanimation zum G20-Gipfel: Das sind Hamburgs neuralgische Punkte
  • Video "Völlig verladen: Bagger vs. Lastkahn" Video 01:00
    Völlig verladen: Bagger vs. Lastkahn
  • Video "Zweisitziger Hubschrauber: Riesendrohne zum Selberfliegen" Video 01:30
    Zweisitziger Hubschrauber: Riesendrohne zum Selberfliegen
  • Video "Annäherung an Regierungsmaschine: Russischer Kampfjet drängt F-16 der Nato ab" Video 01:07
    Annäherung an Regierungsmaschine: Russischer Kampfjet drängt F-16 der Nato ab
  • Video "Game of Thrones: Neuer Trailer zu Staffel 7 veröffentlicht" Video 01:50
    "Game of Thrones": Neuer Trailer zu Staffel 7 veröffentlicht
  • Video "US-Polizist freigesprochen: Dashcam-Video von tödlichen Schüssen veröffentlicht" Video 01:27
    US-Polizist freigesprochen: Dashcam-Video von tödlichen Schüssen veröffentlicht
  • Video "Familienzusammenhalt unter Elefanten: Kleines Tier in großer Not" Video 00:52
    Familienzusammenhalt unter Elefanten: Kleines Tier in großer Not
  • Video "Der Fall Otto Warmbier: Video soll Plakat-Diebstahl zeigen" Video 01:49
    Der Fall Otto Warmbier: Video soll Plakat-Diebstahl zeigen
  • Video "Concorde-Nachfolger Boom: In dreieinhalb Stunden von Paris nach New York" Video 00:48
    Concorde-Nachfolger "Boom": In dreieinhalb Stunden von Paris nach New York
  • Video "Sean Spicer: Denkwürdige Auftritte von Trumps Sprecher" Video 02:07
    Sean Spicer: Denkwürdige Auftritte von Trumps Sprecher
  • Video "Raubtierforschung: Wie die Mungos Kriege führen" Video 01:07
    Raubtierforschung: Wie die Mungos Kriege führen
  • Video "Explosion im Zentralbahnhof: Terroranschlag in Brüssel vereitelt" Video 01:09
    Explosion im Zentralbahnhof: Terroranschlag in Brüssel vereitelt
  • Video "G20-Gipfel in Hamburg: Polizei präsentiert Container-Gefängnis" Video 01:32
    G20-Gipfel in Hamburg: Polizei präsentiert Container-Gefängnis
  • Video "Erstaunliche Liebe: Früher Nazibraut, heute Flüchtlingshelferin" Video 05:24
    Erstaunliche Liebe: Früher Nazibraut, heute Flüchtlingshelferin