23.05.1994

''SCHLUSS MIT DEM KRIEG, IHR IDIOTEN''

SPIEGEL-Autor Wolfgang Malanowski über die Invasion in der Normandie (I)

Von Malanowski, Wolfgang

Der Oberste Befehlshaber der deutschen Wehrmacht, Adolf Hitler, wußte genau Bescheid: "Es gibt gar keinen Zweifel, daß im Frühjahr der Angriff im Westen kommen wird."

Er wußte auch, daß es um Kopf und Kragen gehen wird: "Die Gefahr im Osten ist geblieben, aber eine größere im Westen zeichnet sich ab: die angelsächsische Landung! . . . Gelingt dem Feind hier ein Einbruch in unsere Verteidigung in breiter Front, so sind die Folgen in kurzer Zeit unabsehbar."

Als die Alliierten in den frühen Morgenstunden des 6. Juni 1944 an der Küste der Normandie landeten, schlief der "Führer", fernab der bröckelnden Ostfront und der neuen Westfront, auf seinem idyllischen Berghof, hoch über dem Berchtesgadener Land. Mit Eva Braun, einigen Parteiführern und deren Ehefrauen hatte er abends noch Schallplatten mit Musik von Wagner, Lehar und Strauß gehört. Dann hatte sein Leibarzt, Theo Morell, ihm eine Schlaftablette gegeben.

Gegen 10 Uhr kreuzte Rüstungsminister Albert Speer auf, der gern in der Nähe seines Säulenheiligen antichambrierte. Er hatte zufällig Wind von der alliierten Landung bekommen. "Ist der Führer geweckt worden?" wollte er wissen. Ein Hitler-Adjutant meinte: "Nein, er bekommt die Nachrichten, wenn er gefrühstückt hat." Würde er geweckt, fürchtete ein anderer, könnte er einen "seiner endlosen Anfälle bekommen".

So war dieser kriegswichtige Tag, erinnert sich Speer, keineswegs "hektisch verlaufen", vielmehr: "Gerade in den dramatischsten Stunden versuchte Hitler, Ruhe zu bewahren - und sein Stab kopierte diese Beherrschung."

Aber auch die Hauptdarsteller an der äußerst bedrohten Invasionsfront waren nicht am Kriegsschauplatz.

Generalfeldmarschall Gerd Rundstedt, Oberbefehlshaber West (OB West), sah sich mit seinem Sohn, einem Oberleutnant, Befestigungen am sogenannten Atlantikwall an, angeblich das stärkste Bollwerk weit und breit. Noch am Vorabend hatte er dem Oberkommando der Wehrmacht (OKW) gemeldet: "Das nahe Bevorstehen einer Landung ist nicht erkennbar."

Generalfeldmarschall Erwin Rommel, Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B in Nordfrankreich, der wegen seiner Siege in Nordafrika - die Niederlagen nicht gerechnet - schon damals legendäre "Wüstenfuchs", besuchte im heimatlichen Herrlingen bei Ulm seine Frau Lucie-Maria, die am 6. Juni Geburtstag hatte; er brachte ihr ein Paar handgearbeitete Wildlederschuhe mit. Anschließend wollte der "Marschall des Führers" noch zu Hitler fahren.

Als sein Hauptquartier ihm, gegen 6.30 Uhr, telefonisch den Beginn der Invasion meldete, war er perplex: "Wie dumm von mir, wie dumm von mir." Seine Frau bemerkte eine "schreckliche Gespanntheit in seinem Gesicht".

Rommels Chef des Stabes, Generalleutnant Hans Speidel (später Oberbefehlshaber der Nato-Landstreitkräfte in Mitteleuropa) speiste am Vorabend der Invasion mit dem Schriftsteller-Hauptmann Ernst Jünger und anderen. Die Runde plauderte über "die mangelnde Weiterentwicklung Hitlers".

Großadmiral Karl Dönitz, Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, war in Urlaub. Admiral Theodor Krancke, Marinebefehlshaber West, inspizierte den Kriegshafen Bordeaux. Er hatte befunden: "Wegen der groben See" könnten die "Vorpostenboote ihre Stützpunkte nicht verlassen".

Generaloberst Hans von Salmuth, Oberbefehlshaber der 15. Armee, die genau dort stand, wo Hitler und das OKW den Schwerpunkt der alliierten Landung erwarteten, am Pas de Calais, befand sich auf Jagd in den Ardennen. Einer seiner Divisionskommandeure, Generalmajor Edgar Feuchtinger - nach dem Krieg Sowjetspion -, vergnügte sich mit seiner französischen Freundin in Paris.

Generaloberst Friedrich Dollmann, Oberbefehlshaber der 7. Armee, in deren Bereich die Alliierten in ein paar Stunden tatsächlich landen sollten, hatte für den 6. Juni ein "Kriegsspiel" angesetzt, zu dem alle Divisionskommandeure seiner Armee in Rennes (Bretagne) erscheinen sollten - rund 175 Kilometer von der Normandieküste entfernt.

Generalleutnant Wilhelm Falley, Kommandeur der 91. Luftlandedivision, erfuhr unterwegs von alliierten Fallschirmjägerabsprüngen; er kehrte sofort um. In der Nähe seines Gefechtsstandes wurde er erschossen. Amerikanische Luftlandesoldaten waren schon da.

Der Kommandierende General des 84. Armeekorps, Erich Marcks, Sohn eines Historikers, fuhr gar nicht erst los. Der General, der maßgebend an der Planung des "Barbarossa"-Überfalls auf die Sowjetunion mitgewirkt und am fünften Kriegstag im Osten ein Bein verloren hatte, feierte seinen 53. Geburtstag. Um Mitternacht waren Offiziere seines Stabes in _(* Mit General Korten, General Warlimont, ) _(Reichsmarschall Göring, ) _(Generalfeldmarschall Keitel, ) _(Generaloberst Jodl bei einem Besuch des ) _(ungarischen Ministerpräsidenten Sztojay ) _(in Kleßheim. ) seiner Unterkunft erschienen, um ihm zu gratulieren.

"Überrascht, jeder Feierlichkeit abhold, blickte er auf", schilderte Major Friedrich Hayn, im Korps zuständig für die Feindlage, noch Jahre nach dem Krieg gerührt die Bunkerszene: "Die Beinprothese vom Rußlandfeldzug her knarrte beim Aufstehen; eine Hand winkte freundlich und zugleich kühl ab. Jeder trank im Stehen ein Glas Chablis."

Dann, um 01.11 Uhr, ging es los: "Feindliche Fallschirmjäger ostwärts der Ornemündung abgesprungen." War das, rätselten der General und sein Stab, "endlich die Invasion?" Marcks hatte, wie er seiner Frau schrieb, "so den Animus, daß es erst um meinen Geburtstag rum ernst wird"; einem seiner Offiziere sagte er: "Wie ich die Engländer kenne, werden sie am nächsten Sonntag (4. Juni, -Red.) noch einmal in die Kirche gehen und am Montag kommen."

Gegen Mittag hatte Hitler ausgeschlafen. Als die Feindlage auf der täglichen Lagebesprechung vorgetragen wurde, war er guter Dinge: "Die Nachrichten konnten gar nicht besser sein!" sinnierte er: "Solange sie in England waren, konnten wir sie nicht fassen! Jetzt haben wir sie endlich dort, wo wir sie schlagen können."

Die Nachrichten konnten gar nicht schlechter sein. Die Alliierten versetzten dem Nazi-Reich den Todesstoß.

Das Oberkommando der angegriffenen 7. Armee meldete:
* "Der Feind ist in den ersten Morgenstunden zu dem
erwarteten Großangriff . . . angetreten. Nachdem ab
Mitternacht starke feindliche Bomberverbände pausenlos
die Küstenbefestigungen . . . angegriffen hatten, sind
seit 00.30 Uhr größere Fallschirm- und
Luftlandeeinheiten . . . abgesprungen."
* "Seit 05.30 Uhr hat der Feind schlagartig auf der
ganzen Front . . . das Feuer mit mehreren 100
Schiffsgeschützen auf Küstenbefestigungsanlagen
eröffnet. Ab 06.00 Uhr begann darauf das
Landeunternehmen von See her . . . Dem Feind gelang es,
durch gewaltige Überlegenheit in der Luft und zur See .
. . verhältnismäßig schnell in die Tiefe des
Hauptkampffeldes hineinzustoßen. Unter Schutz von Nebel
wurden rasch erhebliche Mengen von Panzern
nachgezogen."
_(* Aus Gründen der Geheimhaltung ) _(unkenntlich gemachte Generalstabskarte. )

Die Invasion - Deckname "Overlord" -, der Sturm auf die "Festung Europa" (Nazi-Jargon), hatte begonnen. Es ging, wie auch Hitler zugeben mußte, um "Sein oder Nichtsein".

Es geschah vor 50 Jahren, und das Jubiläum soll gefeiert werden, von den Staats- und Regierungschefs der siegreichen Alliierten, unter anderem in der Normandiestadt Caen, um die damals wochenlang verbissen gekämpft worden ist. Bundeskanzler Helmut Kohl will daran nicht teilnehmen, ihm liege es nicht, deutsche Niederlagen zu feiern. Da pilgert der spätbegnadete Historiker lieber zu den Soldaten- und Waffen-SS-Gräbern nach Bitburg.

Kohl, schon 1984: "Es ist für den deutschen Bundeskanzler kein Grund zum Feiern, wenn andere ihren Sieg in einer Schlacht begehen, in der Zehntausende Deutsche elend umgekommen sind."

Daß die Alliierten ihn auch diesmal gar nicht dabeihaben wollen, paßt ihm aber auch nicht. In einem von ihm veranlaßten "vertraulichen Runderlaß" des Bonner Außenministeriums untersagte er allen deutschen Diplomaten die Reise in die Vergangenheit. Auch für die Teilnahme an Feiern, die dem "Frieden und der Versöhnung" dienten, bedürfe es einer "Einzelerlaubnis".

Seit der Niederlage Deutschlands und dem Untergang des Nazi-Regimes sind Tausende Bücher, Studien und Aufsätze über den "Längsten Tag" (Buchtitel) erschienen. Doch die Abrechnung mit dem Kriegsherrn Hitler und dem blindem Gehorsam ergebener Generäle steht noch aus. Diese Kriegsgeschichte ist eine "chronique scandaleuse".

Hitler, der, trotz Stalingrad und anderer Niederlagen, immer noch von seinen "Blitzsiegen" in Polen und Frankreich zehrte, half dem Gegner beim Siegen. "Dieser böhmische Gefreite", befand Rundstedt, "entscheidet gewöhnlich zu seinem Schaden." Sein stupider Größenwahn, sein Kleben an jedem Quadratkilometer oft schon verlorenen Geländes kostete Abertausenden deutscher Soldaten das Leben.

"Hier gibt es kein Ausweichen und kein Operieren", tönte er vom fernen Berghof: "Hier gilt es zu stehen, zu halten oder zu sterben." Nur ein einziges Mal ließ er sich in der Nähe der Westfront sehen, überstürzt reiste er wieder ab.

Und die Herren Generäle - vor allem die in Hitlers Umgebung, im Oberkommando der Wehrmacht und im Wehrmachtführungsstab (WFSt.), aber auch die an der Front, sogar jene, die bald, am 20. Juli, gegen ihn aufstehen sollten - sie hatten doch das Kriegshandwerk gelernt. Sie wußten manches besser, aber, um so schlimmer, sie gehorchten.

"Macht Schluß mit dem Krieg, ihr Idioten", trumpfte Rundstedt einmal auf. Und dann machte er weiter. So lange und so oft der Führer ihn ließ.

Den drohenden Zerfall ihrer Frontabschnitte vor Augen, führten sie unsinnige Befehle aus und trieben ihre Soldaten, auch wenn Absetzen oder Rückzug militärische Entlastung gebracht hätten, in Gefechte, die nicht zu gewinnen waren. "Gegen Führerbefehle bin auch ich machtlos", fiel, beispielsweise, Rommel dazu nur ein.

Nach dem Krieg wußten es fast alle besser. General Leo Geyr von Schweppenburg, an der Invasionsfront Oberbefehlshaber der Panzergruppe West, später als "Defaitist" in Ungnade gefallen, urteilte - leider "rückblickend",
" daß es sich bei Hitler und der deutschen "
" Wehrmachtführung um eine Mischung "
" von anmaßend überheblichem Laientum, Unkenntnis des "
" Gegners und der Verhältnisse an der Front und um zu viele "
" Jasager bei seiner fachlich geschulten militärischen "
" Umgebung handelte . . . mitverantwortlichen, "
" charakterlich versagenden Militärs. "

"Unsere beste Waffe war die deutsche Führung", meinte der Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte, General Dwight D. Eisenhower, nach seinem großen Sieg, "die entgegen allen Regeln der Kriegskunst handelte."

Zu gewinnen war, wenn überhaupt je, schon lange nichts mehr. Das mürbe gebombte Reich stand jetzt in einem Allfrontenkrieg, in Frankreich, Italien, auf dem Balkan, in Osteuropa. Die Anglo-Amerikaner hatten zwei Tage zuvor Rom erobert. Die Rote Armee rüstete zu einer Großoffensive. Am 22. Juni, auf den Tag genau drei Jahre nach dem deutschen Überfall, brach sie los, mit unwiderstehlicher Wucht.

Der angeblich unbezwingbare Atlantikwall entlang der normannischen und bretonischen Küste war längst nicht fertig, er zerbarst im feindlichen Bombenhagel. Seine Verteidiger waren zu schwach; ausgemergelte Divisionen, die aus Rußland in den Westen verlegt worden waren; Kompanien von Magenkranken und sonstigen Leidenden; Besatzungstruppen, die es sich in Frankreich jahrelang hatten gutsein lassen; viele Soldaten waren zu alt, schlecht ausgebildet, dürftig ausgerüstet, oft nur mit Beutewaffen und nicht "beweglich"; sie mußten auf Fahrrädern und mit Pferdegespannen, wenn vorhanden, sehen, wo sie blieben.

Wozu auch "beweglich"? Hitler hatte ja schon entschieden: "Der Soldat soll sich nur in seiner Festung totschlagen lassen, er braucht nicht beweglich zu sein."

Die Panzersoldaten der SS-Division "Hitlerjugend" wiederum waren viel zu jung, 17, 18 oder 19 Jahre alt. Manche bekamen, weil sie noch nicht rauchen durften, Bonbons statt Zigaretten. "Es ist ein Jammer", fand selbst der OB West, Rundstedt, "daß diese gläubige Jugend in aussichtsloser Lage geopfert wird."

Und wer wollte sich auf die zum deutschen Waffendienst gepreßten "Freiwilligen" aus den besetzten Gebieten - aus Polen, der Tschechoslowakei, Rumänien und Jugoslawien - verlassen, gar auf die 80 000 Mann Osttruppen, Weißrussen, Georgier, Kosaken, Wolgatataren, Osseten? "Es ist zuviel verlangt", meinte Generalleutnant Karl-Wilhelm von Schlieben, "daß Russen in Frankreich für Deutschland gegen die Amerikaner kämpfen sollen." Das sagten die sich auch und liefen schnell über.

Am D-Day, dem Tag des alliierten Angriffs, ermunterte Eisenhower - "Dieses Unternehmen ist als Sieg geplant, und deshalb muß es ein Sieg werden" - seine Truppen:
" Ihr begebt Euch nun auf den großen Kreuzzug: Die "
" Augen der Welt blicken auf Euch, die Hoffnungen und "
" Gebete der freiheitsliebenden Menschen der ganzen Welt "
" begleiten Euch . . . (Ihr) "
_(* Britengeneral Montgomery mit seinen ) _(Hunden "Hitler" und "Rommel". ) werdet die deutsche Kriegsmaschine zerschlagen, die Nazi-Tyrannei . . . hinwegfegen.

Er sagte ihnen auch, wie sie sich in Frankreich, das es nach 1444 Tagen deutscher Besatzung zu befreien galt, benehmen sollten:
" Spiel Dich nicht als Eroberer auf, trage keine "
" Siegermiene zur Schau und sprich nie von der Niederlage "
" der französischen Armee im Jahre 1940 . . . Sei höflich, "
" taktvoll . . . und iß auch niemals des Franzosen "
" Speisekammer leer . . . Sei mäßig, betrinke Dich nicht . "
" . . Die Zeiten sind vorüber, in denen man sich in Paris "
" mit Wein, Weib und Gesang amüsiert hat. "

Ganz Südengland glich, staunte der britische Kriegspremier, Winston Churchill, am Vorabend der Invasion, einem "unübersehbaren Heerlager". 37 alliierte Divisionen standen bereit; 1,5 Millionen Amerikaner, 1,7 Millionen Briten, 175 000 Mann aus den britischen Dominions, vorwiegend Kanadier, 44 000 aus anderen Ländern, die meisten aus Polen und Frankreich. Weitere 40 US-Divisionen warteten in den USA auf ihre Verschiffung nach Übersee.

156 205 Soldaten der Verbündeten landeten am ersten Invasionstag in der Normandie, jede der fünf Divisionen an einem bestimmten Strandstreifen - die beiden amerikanischen in "Omaha-Beach" und "Utah-Beach" im westlichen Abschnitt, die beiden britischen in "Gold-Beach" und "Sword-Beach", die kanadische in "Juno-Beach", östlich davon. "Für die Alliierten und für Deutschland", meinte Rommel, "wird es der längste Tag."

Als der D-Day dämmerte, verwandelte sich die Küste der Normandie, erinnerte sich Infanterie-General Kurt von Tippelskirch, "in ein Inferno von niederprasselnden Bomben und Granaten aus Flugzeugen und Schiffsrohren, das die deutschen Batteriestellungen zudeckte, die Stellungen umwühlte, Drahthindernisse zerfetzte, Minenfelder hochgehen ließ und alle Drahtverhaue zerriß. Unter dem Schutz dieses Höllenfeuers schoben sich die Landungsboote heran".

In einem verwegenen Unternehmen hatten die Alliierten, beginnend kurz nach Mitternacht, schon 23 490 Mann im Rücken der deutschen Linien abgesetzt. Fallschirmjäger waren aus 2400 Transportmaschinen abgesprungen, Spezialkommandos mit Hunderten von Lastenseglern ins Invasionsgebiet geglitten. Abgeworfene Gummipuppen in Uniform, mit Feuerwerksraketen behängt, mimten wild um sich schießende Eindringlinge. Mitgeführte Schallplattenspieler und Lautsprecher, Knallkörper und Rauchkerzen täuschten Einschläge schwerer Granaten, Maschinengewehrfeuer und Hilfeschreie Verwundeter vor. Eine chemische Substanz erzeugte Schlachtengeruch (wie immer der riechen mag).

Der britische Luftwaffenoberbefehlshaber, Sir Trafford Leigh-Mallory, war bei seinem Chef, dem Amerikaner Eisenhower, vorstellig geworden und hatte nachdrücklich vor "nutzlosem Hinschlachten" gewarnt. Er rechnete mit unerträglichen Verlusten: mehr als zwei Drittel bei den Besatzungen der Lastensegler, die Hälfte bei den Fallschirmjägern.

Im heftigen Nordweststurm wurden die Fallschirmjäger tatsächlich kilometerweit von ihren Zielen abgetrieben. Ohne Funkverbindung zu ihrer Einheit waren kleine Gruppen in sumpfigem Gelände hängengeblieben. Massenweise Kriegsgerät ging verloren.

Lastensegler landeten in Minenfeldern, zerschellten an Riffen und Bäumen, verfingen sich in Hecken, kippten in Hohlwegen vornüber. "Viele stille Tragödien spielten sich ab", entnahm Feindlage-Major Hayn aufgefangenen Funksprüchen des Gegners.

Gleichwohl, die Verluste der alliierten Luftlandedivisionen waren viel niedriger, als Leigh-Mallory veranschlagt hatte, beispielsweise bei den Engländern 1300 Tote, Verwundete, Gefangene und Vermißte (drei Prozent). "Es tut mir leid", entschuldigte sich der Luftwaffengeneral bei Eisenhower, "daß ich Ihre Last noch schwerer gemacht habe."

Rund 6500 alliierte Kampfflugzeuge flogen an diesem Tag 14 674 Einsätze gegen deutsche Stellungen und Etappengebiete, Tausende Bomben gingen auf Bunker und Nachrichtenanlagen nieder. Die gefürchteten Jagdbomber (Jabos) schossen auf alles, was sich da noch bewegte. "Der gurgelnde Ton von Raketengeschossen war von weitem zu hören", beobachtete Major Hayn: "Feuerstöße flackerten jede Straße entlang. Bald fiel die Feindmaschine aus der Sonne herab, bald sprang sie wie ein Geschoß tief aus dem Horizont heraus . . . Kein einziger eigener Jäger versalzte ihnen das Handwerk."

Eine gewaltige Armada, wirklich die größte aller Zeiten, querte den Ärmelkanal zwischen England und Frankreich - insgesamt 6480 Schiffe, darunter 8 Schlachtschiffe, 22 Kreuzer, 93 Zerstörer und 200 Minensucher. 4222 Landungsboote näherten sich der Küste unter dem Feuerschutz aus unzähligen Schiffskanonen. Minenräumer ließen Minenfelder explodieren, Kampfschwimmer, die mit kleinen Motorbooten unter Land kreuzten, räumten Vorstrandhindernisse.

"Wind und Seegang hatten nachgelassen, die Sonne schien, und die ,Flottenrundfahrt'' auf dem Zerstörer war ein Genuß", schrieb der britische General Bernard Montgomery, Oberbefehlshaber der alliierten Landstreitkräfte und: "Feindliche Flieger waren nicht in der Luft, und auf See wie an Land waren kaum Kampfhandlungen zu bemerken."

Dabei hatte Hitler doch ausdrücklich befohlen: "Luftwaffe und Kriegsmarine müssen den zu erwartenden starken Angriffen aus der Luft und über See mit allen nur greifbaren Kräften in rücksichtslosem Einsatz entgegentreten."

Es geschah etwas "Unglaubliches", wunderte sich der alliierte Marineoberbefehlshaber, Briten-Admiral Sir Bertram Ramsay: "Jede feindliche Reaktion blieb aus."

Eisenhower konnte seine Männer beruhigen: "Kümmert euch nicht um die Flugzeuge über euch, es sind alles unsere." Der deutsche Landser spottete: "Wenn du ein schwarzes Flugzeug siehst, so ist es ein Engländer; wenn du ein weißes siehst, so ist es ein Amerikaner, und wenn du gar nichts siehst, ist es die Luftwaffe."

Major Hayn war entsetzt: "Konnte es je eine bessere Gelegenheit geben, den massierten Gegner lähmend zu packen?"

Am Invasionstag, als die feindliche Landungsflotte buchstäblich auf dem Präsentierteller dümpelte, waren nur 90 deutsche Bomber und 70 Jäger in ganz Frankreich einsatzbereit - bedingt, die Piloten waren zum Teil schlecht ausgebildet. Im Mai, beispielsweise, waren 712 Flugzeuge durch Feindeinwirkung, 656 aber durch Unfälle verlorengegangen. Nicht einmal zu Aufklärungsflügen hatte es gereicht; der letzte fand elf Tage vor D-Day statt.

Luftwaffensoldaten gab es freilich jede Menge: 337 140 Mann gammelten in der französischen Etappe. Die Mannschaften am Boden machten nicht, wie üblich, das Zehnfache, sondern das Hundertfache des fliegenden Personals aus.

Rommel, der die alliierte Luftüberlegenheit schon in Nordafrika und in Italien zu spüren bekommen hatte, schimpfte: "Es sollte im 5. Kriegsjahr doch allmählich auch bei der obersten Wehrmachtsführung klargeworden sein, daß die Luftwaffe im Zusammenwirken mit dem Heer nicht nur schlachtentscheidend, sondern kriegsentscheidend sein werde."

Hitler beruhigte den aufgebrachten Feldmarschall - wieder einmal. Er versprach tausend Jagdflugzeuge vom Typ Messerschmitt 262 - eine Düsenmaschine, allen feindlichen Mustern überlegen, schneller und in der Lage, jegliche Abwehr zu durchbrechen. Der Einsatz dieser "Wunderwaffe", prahlte Hitler, sollte die Invasion schon in der Anfangsphase zerschlagen. Als es soweit war, war keine einzige Me 262 am Himmel.

Die Alliierten hatten die Messerschmittwerke immer wieder bombardiert. Außerdem hatte Hitler die Produktion dieses Typs verzögert. Er ließ den superschnellen Jäger zu einem - wegen der mitzuschleppenden Bombenlast - lahmen "Blitzbomber" umrüsten. Terror gegen die britische Zivilbevölkerung hatte Vorrang vor der Abwehr feindlicher Pulks über dem Reichsgebiet und der Invasionsfront.

"Die Fachleute der Luftwaffe waren entgeistert", erinnerte sich der damals zuständige Rüstungsminister Speer: "Die Wirkung dieser Kleinbomber war . . . lächerlich unbedeutend."

Die Kriegsmarine war, soweit es sie überhaupt noch gab, auch nicht da, wo sie sein sollte; die meisten der wenigen Einheiten standen in Deutschland und in Norwegen. In den Häfen der 2100 Kilometer langen Kanal- und Atlantikküste befanden sich gerade einmal 5 Zerstörer, 5 Torpedoboote, 36 Schnellboote, 163 Minensucher und 37 Unterseeboote. Personal gab es allerdings, wie bei der Luftwaffe, mehr als genug: 96 084 Marinesoldaten.

"Es passierte nicht viel", resümierte General Eisenhower nach dem Krieg: Die paar Schnellboote, die tatsächlich ausliefen, "störten uns . . . nicht sehr, sie waren ein wenig hilflos". Die U-Boote konnten wegen alliierter Luftangriffe "überhaupt nicht eingesetzt werden".

"Unglaublich" - die feindlichen Landungsboote dampften, motorten, paddelten gegen die Normandieküste, unbehindert, nicht einmal bemerkt von Luftwaffe und Kriegsmarine. Schwer zu schaffen machten den alliierten Soldaten dagegen eine borstige See, hoher Wellengang und auffrischender Wind. Kleine Fahrzeuge wurden abgetrieben oder an den Strand gespült, viele, auch Panzer, versanken mit ihren Mannschaften, andere wurden durch Unterwasserhindernisse oder Minen zerstört oder beschädigt.

Völlig erschöpft, oft seekrank, durchwateten die Invasoren, manche kilometerweit, die Brandung, torkelten, bepackt mit schwerem Kriegsgerät, an Land. Je weiter sie sich der Küste näherten, desto stärker gerieten sie unter Beschuß aus deutschen Bunkern und Widerstandsnestern.

Am schlimmsten war es am amerikanischen Landestreifen "Omaha-Beach", dort, wo Klippen und Steilhänge bis 30 Meter aus dem Meer ragten. Die deutschen Stellungen hatten die alliierten Luftangriffe ziemlich unbeschädigt überstanden; wegen schlechter Sicht waren die meisten Bomben weit im Hinterland abgeworfen worden. Und, rein zufällig, war eine kriegsstarke deutsche Infanteriedivision, die 352., zur Stelle; sie übte gerade den Ernstfall.

General Omar Bradley, Oberbefehlshaber der 1. US-Armee, der auf dem Kreuzer "Augusta" vor "Omaha-Beach" schipperte, machte sich ein "Bild der Versenkungen, der Überschwemmungen, der Auswirkungen schweren Abwehrfeuers und des Chaos auf dem Küstenstreifen". Er sah eine "nicht wiedergutzumachende Katastrophe" kommen und erwog schon, den Landeversuch abzubrechen und an die benachbarte "Utah-Beach" umzuleiten.

Nach mörderischen Nahkämpfen gelang der Einbruch in die deutschen Stellungen doch noch. 34 000 US-Soldaten klammerten sich an einen schmalen, ungefähr 2,2 Kilometer langen Küstenstreifen.

Am Abend des ersten Invasionstages waren die Verbündeten zwischen den Flüssen Vire und Orne auf einer Front von rund 50 Kilometern in die "Festung Europa" eingedrungen. Rund 155 000 Mann mit 1000 Panzern und 49 000 Fahrzeugen hielten mehrere Brückenköpfe. Die Ausfälle auch der Landungstruppen waren geringer, als befürchtet worden war. Die Amerikaner verloren insgesamt 6000 Menschen - Tote, Verwundete, Gefangene und Vermißte. Bei den Briten und Kanadiern waren es 4300.

"Die schwierigste und verwickeltste Operation, die jemals unternommen worden ist", war gelungen, stellte Churchill fest. "Die westlichen Schleppenträger des Bolschewismus haben den von Moskau befohlenen Überfall auf den Kontinent begonnen", sprachregelte Reichspressechef Otto Dietrich: "Die deutsche Wehrmacht ist zur Verteidigung der Freiheit Europas und seiner Völker angetreten."

Davon konnte zunächst keine Rede sein, und später reichte es trotz verbissener Gegenwehr auch nicht.

Als die ersten Verbände der alliierten Landungstruppen an der Normandieküste bereits festen Fuß gefaßt hatten, Verstärkung und Nachschub an Panzern, Waffen und Gerät fast nach Belieben über den Kanal geschifft wurden, zerbrachen sich Hitler, die Strategen in seiner Umgebung und die Truppenkommandeure noch - wochenlang! - die Köpfe, ob die gelungene Landung nur ein Ablenkungsmanöver sei, um deutsche Verbände zu binden und sodann an anderer Stelle anzugreifen, oder ob es tatsächlich die Invasion war.

Obgleich erbeutete Operationspläne ("Vor dem Einschiffen zu vernichten") detaillierten Aufschluß über die alliierten Absichten und Ziele gaben, war die militärische Spitze einhellig auf die Hauptlandung am Pas de Calais fixiert. "Dort muß und wird der Feind angreifen", bestimmte Hitler, und daran hielt er bis Anfang August fest: "Dort wird, wenn nicht alles täuscht, die entscheidende Landungsschlacht geschlagen werden."

Von dort war die Entfernung, 50 Kilometer, zwischen Großbritannien und dem Festland, waren die Nachschublinien, und war der Weg zum Zentrum der deutschen Rüstungsindustrie, dem Ruhrgebiet, am kürzesten. Aber in diesem Abschnitt waren auch die deutschen Befestigungen am massivsten, und dort stand die starke deutsche 15. Armee mit 18 Divisionen, rund 300 Panzern und Sturmgeschützen, was der gegnerischen Aufklärung natürlich nicht verborgen geblieben war.

OB West, Rundstedt, beurteilte die Lage am 7. Juni: "Trotz stärksten Einsatzes auf verhältnismäßig engem Raum ist die Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß dieser Angriff nur Vorläufer weiterer Invasionsangriffe ist."

Es sei "selbstmörderischer Wahnsinn", warnte die deutsche Feindaufklärung, Fremde Heere West, am 9. Juni, "ausgerechnet in diesem Augenblick unsere Infanterie und die Panzer aus dem Raum Pas de Calais . . . in Marsch zu setzen, um die Front in der Normandie zu verstärken".

Noch am 8. Juli meinte Hitler: "Trotz allen Risikos ist . . . eine zweite Anlandung des Gegners im Abschnitt der 15. Armee wahrscheinlich."

"In bezeichnendem, aber immer absurder werdendem Mißtrauen", mokierte sich Speer, als es zu spät war, habe Hitler den Angriff in der Gegend von Calais erwartet - "als ob er auch von seinem Gegner verlange, daß er ihm recht gebe".

Spielte vielleicht die unrühmliche Erinnerung an das 1940/41 schon im Ansatz verfehlte "Unternehmen Seelöwe", die zögerlich geplante Invasion der britischen Insel vom Pas de Calais aus, eine Rolle - als handele es sich bloß um eine Flußüberquerung?

Oder sind die deutschen Militärs der Kriegslist alliierter Geheimdienste auf den Leim gegangen, die äußerst phantasievoll, mit großem Aufwand Nachrichten streuten, "Geisterarmeen" verschoben, Papp-Panzer und Bootsattrappen massierten - Finten und Aktionen, die einen bevorstehenden Großangriff eben am Pas de Calais simulierten?

"Wir haben eine ganze Menge getan", verriet Eisenhower nach dem Krieg, "um den Feind zu verwirren . . . Durch unsere Täuschungsmanöver wurden die starken Kräfte des Feindes im Raum von Calais gebunden, selbst als wir schon in der Normandie kämpften." Sei''s drum, für die Deutschen waren die Folgen katastrophal. Während die, schwächere, 7. Armee an der Normandiefront allmählich zerrieben wurde, stand die, stärkere, 15. Armee am Pas de Calais untätig herum. Noch in der Nacht zum 10. Juni ordnete Hitler an, sie solle verstärkt werden, Verlegungen einzelner Einheiten in den Bereich der 7. Armee kämen nicht in Frage.

Die "confusion germanique" vor, während und nach der Invasion warf alle Abwehrstrategien über den Haufen, über die sich Hitler und die Befehlshaber im Westen noch gestritten hatten. Dabei waren sie in ein Dilemma geraten, vor dem schon Friedrich der Große gewarnt hatte: "Wer alles verteidigen will, verteidigt nichts."

Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B, Rommel, wollte das hinfällige Reich unmittelbar an der Küste defensiv verteidigen - aber an welcher? Der Oberbefehlshaber West, Rundstedt, dem Rommel unterstellt war, plädierte hingegen für offensive Verteidigung, in gebührendem Abstand zur Küste. Schnelle, starke Panzerverbände sollten aus dem rückwärtigen Raum Gegenangriffe führen, sobald der Landungsschwerpunkt klar zu erkennen war - aber wann und womit?

Rommel wußte: "Wer bei der ersten Landungsphase nicht unverzüglich am Feind ist, kommt bei der enormen Luftüberlegenheit des Gegners niemals mehr zum Zuge . . . Wenn es . . . nicht gelingt, die Alliierten auf See abzuwehren oder in den ersten 48 Stunden vom Festland zu werfen, ist die Invasion geglückt und der Krieg . . . verloren."

Er beschwor Rundstedt:
* Die anglo-amerikanischen Jagdbomber werden bei Tag und
unter Einsatz von Leuchtmitteln bei Nacht über den
Anmarschwegen liegen und jeden Verkehr unterbinden.
* Die alliierten Bombengeschwader werden alle Brücken und
jede Stadt zusammenwerfen, wenn dies die Sperrung einer
Anmarschstraße für einige Zeit verspricht.
* Die motorisierten Truppen werden bereits durch
Luftangriffe auf dem Marsch schwerste Verluste
erleiden.

Genauso kam es dann, doch Rundstedt ließ sich von seiner offensiven Verteidigung, die umfangreiche Truppenverschiebungen voraussetzte, nicht abbringen. Der Feldmarschall hatte übrigens auch keine allzu hohe Meinung von dem Strategen Rommel ("Marschallbubi"), der, wie gemäkelt wurde, nie eine ordentliche Generalstabsausbildung absolviert und seine Meriten nur als Truppenführer erworben hätte.

Der Oberbefehlshaber der Panzergruppe West, General Geyr von Schweppenburg, war ebenfalls für offensive Verteidigung. Er traute sich zu, seine Panzerverbände um Paris innerhalb von 24 bis 48 Stunden aus ihrer "Lauerstellung" gefechtsklar zu machen und in einer Art "Dschungel-Tiger-Taktik" (Geyr) in die Schlacht zu führen - trotz feindlichen Luftmonopols.

Der Streit der Strategen, in dem Hitler mehr dem schneidigen Rommel als dem bedächtigen Rundstedt recht gab, ohne sich allerdings eindeutig festzulegen, war überflüssig. Solange ungewiß war, wo der Gegner landen würde, ob die Landung in der Normandie schon die Invasion war oder nicht, blieb alles Sandkastenpalaver.

So viele Panzer, wie Rommel für seine starre Küstenverteidigung gebraucht hätte, waren überhaupt nicht aufzutreiben. Und für das Scheitern der offensiven Verteidigung sorgte schon die alliierte Luftwaffe. "Es hat keinen Sinn", meinte Eisenhower, "Panzerdivisionen einzusetzen, wenn man nicht weiß, wo sie gebraucht werden."

Am Invasionstag wußte man, wo Panzer gebraucht wurden, aber sie waren nicht da, wurden nur vereinzelt, zu spät oder überhaupt nicht eingesetzt.

Hitler schlief ja noch.

Die 21. Panzerdivision hätte in knapp zwei Stunden den Kampfraum um Caen, wo der britische Landeangriff steckengeblieben war, erreichen können. Sie wollte sofort, aber sie durfte nicht gleich.

Auch über die dem Oberkommando der Wehrmacht direkt unterstellten, nordwestlich von Paris stationierten Reserven, die 12. SS-Panzerdivision "Hitlerjugend" und die Panzer-Lehr-Division (zusammengestellt aus Einheiten verschiedener Panzerschulen), konnte Rundstedt nur m it ausdrücklicher Zustimmung Hitlers verfügen.

Noch ehe die ersten alliierten Truppen von See her angelandet waren, hatte Rundstedt, um 4 Uhr morgens, das fünf Kilometer vom Obersalzberg einquartierte Oberkommando der Wehrmacht telefonisch um Freigabe der Panzerreserven und Unterstellung unter seinen Befehl gebeten.
" OB West ist sich im klaren darüber, daß einem "
" etwaigen Großangriff des Gegners nur durch sofortige "
" Gegenmaßnahmen erfolgreich begegnet werden kann. Dazu ist "
" eine Unterstellung aller verfügbaren Reserven "
" erforderlich . . . Es sind dies die 12. SS-Panzerdivision "
" und die Panzer-Lehr-Division. Falls sie umgehend "
" bereitgestellt und möglichst früh in Marsch gesetzt "
" werden, können sie noch im Laufe des Tages an der Küste "
" eingreifen. Unter diesen Umständen bittet OB West um "
" Freigabe der Reserven. "

Erst um 14.30 Uhr - 14 Stunden nach den ersten alliierten Luftlandungen! - gab das Führerhauptquartier dem Antrag statt. "Endlich um 16 Uhr", notierte der OB West, "sagte man mir, daß ich über diese Panzerdivisionen verfügen könnte. Das bedeutete", folgerte er, daß "ein Gegenangriff nicht vor dem Morgen des 7. Juni bewerkstelligt werden konnte".

"Wieder einmal", kommentierte der stellvertretende Chef des Wehrmachtführungsstabes, General Walter Warlimont, "ein Beispiel für das Chaos der Führung im Führerstaat."

Am 10. Juni bombardierten britische Kampfflugzeuge das Hauptquartier der Panzergruppe West. General Geyr von Schweppenburg wurde schwer verwundet, sein Stabschef und zwölf seiner Stabsoffiziere wurden getötet. Ihre letzte Ruhe fanden sie in einem Bombenkrater. Ein riesiges Kreuz aus poliertem Eichenholz, darauf ein Adler und ein Hakenkreuz, schmückten das Soldatengrab.

Der für den nächsten Tag angesetzte Großangriff mit schnellen, starken Panzerverbänden - Rundstedts und Geyrs offensive Verteidigung - fand nicht statt. *HINWEIS: Im nächsten Heft Der Atlantikwall - ein "riesiger Bluff" - Das alliierte Täuschungsmanöver - Die wichtigste Wetterprognose, die es je gab *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Die Invasion *

der Amerikaner, Briten und Kanadier im Juni 1944 besiegelte die totale Niederlage des schon schwer angeschlagenen Nazi-Reichs. Deutschland befand sich jetzt, an allen Ecken und Enden Europas, in einem Allfrontenkrieg. Mit unvorstellbarer Wucht stürmten die alliierten Divisionen den angeblich unüberwindbaren "Atlantikwall" entlang der französischen Kanalküste. Die Fehler und der Starrsinn des Obersten Befehlshabers, Adolf Hitler, und der Kadavergehorsam deutscher Generäle beschleunigten die Katastrophe der Wehrmacht in der Normandie. 116 000 deutsche Soldaten kamen in dem sinnlosen Gemetzel um. Der SPIEGEL berichtet darüber in einer dreiteiligen Serie.

[Grafiktext]

_178_ Invasion in der Normandie - Operation ''''Overlord''''

[GrafiktextEnde]

* Mit General Korten, General Warlimont, Reichsmarschall Göring, Generalfeldmarschall Keitel, Generaloberst Jodl bei einem Besuch des ungarischen Ministerpräsidenten Sztojay in Kleßheim. * Aus Gründen der Geheimhaltung unkenntlich gemachte Generalstabskarte. * Britengeneral Montgomery mit seinen Hunden "Hitler" und "Rommel".

DER SPIEGEL 21/1994
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