28.02.1994

Niedersachsen„In den alten Puschen“

Vor dem Auftritt im benachbarten Barßel verpaßt sich der junge Mann in seinem Bad Zwischenahner Hotelzimmer ein lässiges Outfit: Christian Wulff, der Spitzenkandidat der CDU für die niedersächsischen Landtagswahlen am 13. März, legt die Krawatte ab; er steigt in blaßblaue Röhrenjeans.
Am früheren Abend, auf dem Marktplatz in Meppen, hat er sich noch in einer anderen Pose gefallen. Ein freundlicher, etwas farbloser, aber in seinem ganzen Habitus soignierter Herr von 34 schmeichelt sich da den Zuhörern mit der Seriosität eines Sparkassenleiters ein.
In einer Dorfdisco im platten Ammerland soll es nun flotter zur Sache gehen. Unter zuckenden Spotlights nimmt der Stargast auf einem Thron aus Rattan, "heißer Stuhl" genannt, Platz - die von einem Moderator angekündigten "brennenden Fragen" warten auf ihn.
Was er denn als erstes zu tun gedenke, wenn ihm der Wähler die Regierungsmehrheit anvertraue, will ein junger Automechaniker wissen, und der Christdemokrat gibt sich Mühe, der erhofften Tonlage zu entsprechen: "Feiern!" kräht er salopp und strafft dabei herausfordernd den schmächtigen Oberkörper. Das versammelte Landvolk dankt es ihm mit Indianergeheul.
Doch das war's auch schon. Was immer ansonsten zur Sprache kommt - von der vor Ort grassierenden Schweinepest bis hin zu Themen der Wirtschaftsflaute und Arbeitslosigkeit -, versandet im drögen Beamtendeutsch des Christian Wulff. Im Saal regt sich selbst dann kaum noch eine Hand zum Beifall, als er den Bauern in der für ihn typischen Unverbindlichkeit "weitere Einkommenserzielungsmöglichkeiten" verheißt.
Ist das der "Bill Clinton aus Osnabrück" - eine Metapher der Jungen Union, die ihm seither als etwas überkandideltes Markenzeichen anhaftet? Die in Barßel recherchierende Ostfriesen Zeitung vermittelt ihren Lesern einen ungünstigeren Eindruck: Ein "netter Langweiler" habe sich dort vorgestellt, der "konservative Hausmannskost" serviert.
Der Rechtsanwalt Christian Wulff tut sich schwer, und das liegt an seinem Anspruch, den er in nur scheinbarer Selbstgenügsamkeit vor sich herträgt. "Ehrlich oder gar nicht" will der sanft besaitete Katholik seinen Widerpart, den von ihm als "Macho" empfundenen roten Ministerpräsidenten Gerhard Schröder, aus dem Amt drängen. Aber das allein wäre ihm noch zuwenig.
Er möchte ganz allgemein einer "erneuerten Verhaltenskultur" den Weg ebnen. Erschrocken beklagt der Kandidat in einem in 200 000 Exemplaren aufgelegten Handbüchlein die "ins Gerede gekommene Politik unserer Tage". Wohin sein kritisches Auge blickt, sieht es "Mauscheleien, Skandale, Rücktritte am laufenden Band" - einen Sittenverfall insgesamt, dem er den "Mut zur Wahrheit" entgegensetzt.
Um der Glaubwürdigkeit willen schließt die Wulffsche Katastrophenprosa auch die eigene Couleur nicht vollends aus, doch die läßt ihn einstweilen gewähren. Einerseits haben die ausgelaugten niedersächsischen Christdemokraten derzeit keinen besseren Herausforderer; zum anderen kann es kaum schaden, eine ohnedies ziemlich chancenlose Nachwuchskraft zumindest zum großen Saubermann aufzupolieren.
Immerhin nominierten den Youngster in geheimer Abstimmung 96 Prozent der Parteitagsdelegierten - eine heftigen Krächen folgende furiose Flucht nach vorn, aus der der Verlegenheitskandidat jetzt sein Selbstwertgefühl als "Leitwolf" bezieht. Kühn zählt er sich zu den wenigen, die "auch im Bundesmaßstab die neue CDU darstellen".
Hat ihn nicht der Generalsekretär Peter Hintze nachgerade zum "Prototypen" für diesen angeblichen Reformprozeß ernannt? In Momenten der Unsicherheit erkennt der Jurist solche Elogen freilich als "flüchtige Rhetorik". Er weiß ja, daß selbst relativ zahme Attacken, die er auf "das Bonner Durcheinander" ritt, den höchsten Unwillen hervorriefen. Der Quengler aus Hannover, schalt man ihn, ergehe sich in "peinlichen Profilierungsversuchen".
Dabei müßten sich Kohl und Co. über das wahre Naturell ihres Kollegen aus der Provinz längst im klaren sein. Mag der auch von Niedersachsens christdemokratischem Oldtimer Wilfried Hasselmann zum "James Bond der CDU" hochgejazzt werden - der smarte Christian Wulff eignet sich nicht zum Rebellen. Statt risikoreich anzuecken, ist es ihm wichtiger, "in der Kontinuität" seiner politischen Organisation zu stehen.
Und das hat er immer schon so gehalten. An Jahren noch jung, bewirbt sich in Hannover ein altgedienter Multifunktionär um die Macht. Der Fraktionschef im Rat der Stadt Osnabrück, der auch auf Landesebene den Führungsgremien seiner Partei angehört, machte bereits 1978 von sich reden. Da reiste er als Sprecher der Schüler Union Deutschlands zu den Sitzungen des CDU-Bundesvorstandes nach Bonn.
"Schreiben Sie das auf", ermunterte ihn Helmut Kohl, wenn er sich mit "Wortmeldungen zu Fragen meiner Generation" in die Beratungen einmischte - heißer Ansporn für einen immer strebsamen Eleven. Er hatte sich zielbewußt den Konservativen angeschlossen, als in den Klassenzimmern noch die Antiautoritären die Szene beherrschten.
Dem in Osnabrück frühzeitig nur von der Mutter erzogenen Sproß einer geschiedenen Ehe mag die Partei so zur zweiten Heimat geworden sein. Er selbst spricht gestelzt von einem "Stück Suche nach einem Freundeskreis", der ihm allem voran einen anderen Politik-Entwurf anbot als der davongegangene Vater. Der war "Sozialliberaler".
In solchen Erfahrungen könnten die besonderen Beißhemmungen des Christian Wulff liegen, wenn es nun darum geht, der CDU eine tiefgreifende Umorientierung nahezubringen. Mutig bekennt sich der Kandidat zwar, etwa mit Heiner Geißler oder Rita Süssmuth zu sympathisieren, aber das in Grenzen. Störenfriede wie der nahezu gleichaltrige Bundestagsabgeordnete Stefan Schwarz, der den Kanzler gar "übers Fernsehen" angreift, sind ihm suspekt.
So kämpft in Stade oder Lüneburg ein angespannter Softie um Wählerstimmen, dessen buchhalterisch vorgetragene Botschaften sich merkwürdig verläppern. Er wolle die, die ihm zuhörten, nicht in Ekstase versetzen, erklärt der Jurist entsagungsvoll, als ob er das je könnte, sondern "die Reflexionsfähigkeit" fördern: "Wir müssen über unser Miteinander neu nachdenken; wir müssen wieder mehr Zeit füreinander finden . . ."
Sein Hang zu menscheln soll auch ein Manko überdecken. Was bleibt der Clinton-Kopie noch, nachdem ihm sein Rivale auf den vermutlich wahlentscheidenden Politikfeldern Wirtschaft und Umwelt robust den Schneid abgekauft hat. An den Rand gedrängt, verlangt er den Anbau von Raps, um daraus Treibstoff zu gewinnen - oder die Produktion von Joghurtbechern aus Holz, "der Kompostierung zuliebe".
Schärfen schleichen sich in diese leisen Töne bloß bei seinem Lieblingsthema ein. Wendet sich Wulff dem Stichwort "starker Staat" zu, macht er subtil die Gegner aus, die ihn vermeintlich schädigen. Gibt es da nicht in Niedersachsen so ein "rot-grünes Lebensgefühl", das den Polizisten "die Fesseln angelegt hat"? Muß er befürchten, daß sich die Landesregierung zur Freigabe von Drogen hinreißen läßt?
Erst nach solchen Nadelstichen bequemt sich der Sozi Gerhard Schröder, seinen Herausforderer überhaupt zu bemerken. Da habe sich "einer das Image eines Erneuerers" angelacht, höhnt der Ministerpräsident, und komme nun doch nur "in den alten Puschen" daher - ein richtiger "Mini-Stoiber".
Natürlich ist das übertrieben, aber es beschreibt das Dilemma des Kandidaten. Dessen konturenschwaches Profil sorgt jetzt auch in Kreisen für spürbare Ernüchterung, die ihn nach seinem Aufstieg lärmend begrüßten. Einen "Kometen über dem Emsland" nannte etwa die Frankfurter Allgemeine den Newcomer. Heute verspottet das Blatt nicht nur ihn, sondern die ganze Niedersachsen-CDU als die "zweitbeste SPD".
Daß der Spitzenmann derart ins Trudeln geriet, liegt an seiner mangelnden Autorität in der verharschten Union. Schüchtern verkroch sich der "Wulff im Schafspelz", so das Zeitgeist-Magazin Tempo, als er den von ihm gewünschten Frauenanteil auf der Landesliste nicht durchsetzen konnte. Doch auch danach mißfällt das Aufgebot gewichtigen Parteigängern: Er vermisse den wirtschaftspolitischen "Sachverstand", rügt der hannoversche Keksfabrikant Hermann Bahlsen, Präsident der Unternehmerverbände.
Flops wie der Versuch Wulffs, seinem Schattenkabinett die populäre TV-Moderatorin Sabine Christiansen einzuverleiben (und sich dann einen Korb zu holen), belegen die Unerfahrenheit des emsigen Reformators. Und ärger noch: Er kann sich keineswegs sicher sein, im Falle einer Niederlage wenigstens den Oppositionsführer spielen zu dürfen.
Denn da steht der Fraktionschef Jürgen Gansäuer davor, dessen unverhohlener Anspruch, im Amt bleiben zu wollen, mitten im Wahlkampf einer Demontage der christdemokratischen Nummer eins gleichkommt. Das hat den Leitwolf "tierisch geärgert", aber ihm fehlt die Power, das im Grunde Selbstverständliche einzufordern. Bis zum 13. März wird der Streitpunkt ausgespart.
Jürgen Gansäuers Vorstoß ist das bislang bemerkenswerteste Indiz dafür, daß sich Niedersachsens Konservative eine Art Pausenfüller zum Kandidaten erkoren. Seit dem Ende des glitzernden Provinzregenten Ernst Albrecht ins schwarze Loch gestürzt, setzt die Partei auf Zeitgewinn. Da mag es dem Landesvorsitzenden Josef Stock als gute Idee erschienen sein, weil er sich selbst kaum für wählbar hielt, einen Ersatzmann vorzuschieben.
In der Rolle des wahren Geburtshelfers aber darf sich der große Strippenzieher aus Bonn fühlen. Helmut Kohl habe von seiner sich anbahnenden Bewerbung sehr viel "früher als andere gewußt", läßt der Enkel vorsichtig durchblicken. Doch nun sieht es so aus, als goutiere der Kanzler das "neue Gesicht der CDU" nur noch bedingt. Anläßlich einer Wahlkampfveranstaltung in Osnabrück nimmt er kaum Notiz von ihm - eine Distanz, die auch Wulff unangenehm berührt.
Der Bundesvorsitzende, gibt er kleinlaut zu, sei dort zweifellos "reserviert aufgetreten", um sich alsdann selbst zu ermutigen. Da will er "gar nicht drumrum reden": Zwischen dem von ihm verkörperten "Aufbruch" und der "Linie Kohls" lägen halt Differenzen. Y
Seit dem Ende Ernst Albrechts ein schwarzes Loch
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__25_ Niedersachsen-Wahl, Umfrage: Mehrheit f. eine rot-grüne
Koalition
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Von Hans-Joachim Noack

DER SPIEGEL 9/1994
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