14.11.1994

PsychologieImmer nett

Zwei amerikanische Psychologinnen fanden heraus, daß junge Mädchen während der Pubertät ihr Selbstbewußtsein verlieren.
Neeti ist zwölf Jahre alt, selbstsicher, gewitzt und clever. Wenn ihr einer dumm kommt, wehrt sie sich. Wie im Ferienlager, als sie ihrem heimwehgeplagten siebenjährigen Cousin ermöglicht, seine Eltern anzurufen - gegen die ausdrückliche Anweisung des Betreuers. Der erklärt kategorisch: "Jedes Kind, das Heimweh bekommt, hat hier nichts zu suchen." Neeti findet es trotz des Verbots richtig, ihrem Cousin zu helfen: "Menschen sind wichtiger als Vorschriften."
Drei Jahre später ist Neeti verändert. Sie soll einen Aufsatz zum Thema "Wer bin ich?" schreiben und stellt fest, daß sie nichts über sich zu sagen weiß. Sie ist unglücklich und leidet, wie sie sagt, an der "verfälschten Einschätzung" ihrer Person, an der Vision vom "perfekten Mädchen", der sie glaubt folgen zu müssen, und an mangelndem Selbstbewußtsein: "Die Stimme, die dafür eintritt, woran ich glaube, ist tief in meinem Inneren begraben worden."
Fünf Jahre lang begleiteten und dokumentierten die Psychologinnen Lyn _(* Lyn Brown / Carol Gilligan: "Die ) _(verlorene Stimme". Aus dem ) _(Amerikanischen von Dorothea Thieleke und ) _(Wolfgang Fuchs. Campus Verlag, Frankfurt ) _(a. M.; 280 Seiten; 39,80 Mark. ) Brown und Carol Gilligan den Entwicklungsprozeß von rund 100 Mädchen verschiedenen Alters*. Die Interviewpartnerinnen der Studie, die jetzt auf deutsch erschienen ist, waren zwischen 7 und 18 Jahre alte Schülerinnen einer Mädchenschule für begabte, privilegierte Mittelstandskinder in Cleveland (US-Bundesstaat Ohio). Zentrale Themen der Gespräche: Konflikte mit Freundinnen, Eltern oder Lehrern - Situationen, die ihnen abverlangten, sich entweder nach den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zu richten und Streit in Kauf zu nehmen oder sich, um des lieben Friedens willen, anzupassen.
Fazit der Autorinnen: Je älter Mädchen werden, desto bereitwilliger geben sie sich und ihre Ansprüche auf, desto mehr verstummen sie, verlieren ihre Vitalität und ihr Durchsetzungsvermögen.
Mit acht, neun oder zehn Jahren ist die Welt offenbar noch in Ordnung: Die Mädchen sind unbekümmert und rotzig wie die rothaarige, sommersprossige Pippi Langstrumpf. Sie erklären, daß Streit normal ist, weil die Menschen verschieden sind. Sie finden es zwar wichtig, nett und rücksichtsvoll zu sein, haben aber oft keine Lust dazu. Sie erzählen kleine Geschichten, in denen sie sich im Alltag Gehör verschaffen, sich zur Wehr setzen, sich durchsetzen. Wenn ihnen jemand nicht zuhört, versuchen sie es hartnäckig weiter, widersprechen, insistieren.
Klappt das auch nicht, greifen sie mitunter zu rabiaten Methoden - wie Diana, die beim Abendessen zu Hause fortwährend von ihrem Bruder und ihrer Schwester unterbrochen wird und sich darüber maßlos ärgert. Eines Abends nimmt Diana, als ihr wieder das Wort abgeschnitten wird, eine Trillerpfeife und fängt an, laut und durchdringend zu pfeifen. Die Familie erstarrt - und hört ihr zu. "So ist es viel schöner", sagt Diana grinsend.
Auch für Jessie ist es mit acht Jahren kein Problem, sich Gehör zu verschaffen und ihren Gefühlen Luft zu machen. Doch mit neun sind Gefühlsausbrüche für sie Grund zur Sorge, mit elf ist sie regelrecht ängstlich. "Etwas Falsches oder etwas in der falschen Form zu sagen", erklärt sie, "ist fürchterlich."
Die achtjährige Lauren weiß, daß lautes Sprechen zu "Schwierigkeiten" führen kann. Wenn sie hingegen leise, lieb, nett und unkompliziert ist, loben alle sie für ihr gutes Benehmen. Je älter sie wird, desto mehr verstummt sie und verschließt sich. Sie ahnt, daß es sinnlos ist zu sagen, was sie fühlt und denkt - denn offenbar interessiert sich niemand dafür.
Eindrucksvoll ist der Scharfsinn, mit dem die Mädchen ihren Weg in die Anpassung und ihre zunehmende Selbstentfremdung beschreiben und analysieren. In ausführlichen Protokollen erzählen sie davon, daß ihnen häufig niemand so recht zuhören will, daß selten jemand auf sie eingeht, daß ihre Erlebnisse mit Geringschätzung und Desinteresse abgetan werden.
Sie erzählen, wie sie versuchen, sich auf die eigenen Gedanken und Gefühle zu verlassen, wie sie versuchen, sich selbst ernst zu nehmen, auch wenn sonst niemand das tut.
Übereinstimmend erklären die Mädchen, daß sie Frustgefühle und Ärger gegenüber Freundinnen und Eltern runterschlucken, aus Angst, sie zu verärgern. Sie äußern ihre Wünsche und nehmen sie wieder zurück, sie berichten den Psychologinnen überschwenglich von ihren Gefühlen und Gedanken, distanzieren sich aber plötzlich davon oder formulieren sie um, bis sie entstellt sind.
Auch Stimme, Tonfall und Sprechweise, so Brown und Gilligan, verändern sich. Sobald sie in der Pubertät sind, reden die Mädchen zögerlicher, unklarer, mit leiser, verhaltener Stimme. Und der Satz "Ich weiß nicht", bei dem die Kleinen sich überhaupt nicht aufhalten, taucht bei älteren Mädchen immer häufiger auf und offenbart die innere Zerrissenheit, die Unsicherheit und schließlich die Kapitulation: Auf andere zu hören scheint verläßlicher, als sich auf sich selbst zu verlassen - wenn ein Echo fehlt, bleibt die Identität wackelig.
Brown und Gilligan beobachten die zunehmende Verunsicherung ihrer jungen Interviewpartnerinnen und folgern, daß die Mädchen sich "nicht wirklich" entwickeln. "Sie weisen vielmehr Anzeichen für einen Verlust und einen Kampf auf." Es werde deutlich, "daß sie sich in einer Sackgasse befinden, wenn es um ihre Fähigkeit geht, in einem Konflikt zu handeln".
Eine zwingende Erklärung dafür, warum die Stimmen der jungen Mädchen so nachhaltig verstummen, warum sie unaufhörlich Streit vermeiden und sich verdruckst durch sämtliche Beziehungen lavieren, geben die Autorinnen nicht. Offenbar spielen Familienkonflikte eine Rolle: Die Mädchen beobachten immer wieder, daß ihre Mütter bei Auseinandersetzungen nachgeben. Auch die Frage, ob die während der Pubertät einsetzende Verunsicherung von Dauer ist, bleibt offen.
Neeti jedenfalls ist mit 15 hin- und hergerissen. Einerseits, sagt sie, wolle sie "ein wirklicher Mensch" sein. "Doch möchte ich dabei auch immer noch nett sein und auf keinen Fall irgendwelche Probleme machen." Y
* Lyn Brown / Carol Gilligan: "Die verlorene Stimme". Aus dem Amerikanischen von Dorothea Thieleke und Wolfgang Fuchs. Campus Verlag, Frankfurt a. M.; 280 Seiten; 39,80 Mark.

DER SPIEGEL 46/1994
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