30.05.1994

JustizAuf Leben und Tod

Lascher Umgang mit rechten Gewalttätern bringt die sachsenanhaltinische Justiz in Verruf.
Die Nacht zum 1. September 1991 werden die vier Türken nie vergessen. Kurz nach null Uhr weckt splitterndes Glas die Männer, die in ihrem Mercedes-Kleinbus auf einem Parkplatz bei Magdeburg übernachten. Skins reißen die Autotür auf und zerren Hasan Cagla, 34, aufs Pflaster. Ein Täter schießt den Türken, vermutlich mit Leuchtmunition, in Brand. Hasan brennt wie eine Fackel, die Skins schauen zu.
Hasans Freund Ali Cimen, 37, rettet sich in den nebenan parkenden R 4 seines Onkels Naci Cimen, 56, mit dem zusammen die drei tagsüber Blumen verkaufen. Hasans Bruder Hüseyin, 30, gelingt es, den Kleinbus zu starten. Die Skins springen in ihre Autos.
Eine wilde Verfolgungsjagd beginnt. Sie endet, als Hüseyins total demolierter Wagen streikt. Ein Skin reißt einen Begrenzungspfahl aus dem Boden und prügelt auf den Türken ein.
Hüseyin wird von Ali Cimen und seinem Onkel gerettet, die in dem R 4 hinter dem Bus hergefahren sind. Die drei fliehen im Renault weiter.
Die Skins geben nicht auf. Sie treiben den R 4 in eine Sackgasse an der Elbe und drücken das Auto in den Fluß. "Die Türken", sagt ein Skin später aus, "sollten nicht mehr entkommen."
Doch die Insassen des R 4 können sich aus dem Wagen befreien. In panischer Angst schlagen Hüseyin und sein Freund Ali auf ihre Verfolger ein. "Es ging", sagt Hüseyin, "um Leben und Tod." Schließlich flüchten die Skins.
Hüseyins Bruder Hasan lag neun Tage im Koma. Er erlitt Verbrennungen dritten Grades und ein schweres Schädelhirntrauma. An den Folgen des Verbrechens wird er lebenslang leiden: Sein rechter Arm ist gefühllos, ständig plagen ihn Kopfschmerzen, er hat bereits mehrere Hauttransplantationen hinter sich.
Den Tätern geht es besser: Fast drei Jahre nach der Schreckensnacht hat die Justiz immer noch keinen Prozeßtermin anberaumt.
Polizei und Staatsanwaltschaft zeigten von Anfang an nur geringes Interesse an dem Fall; die Ermittlungen liefen schlampig und lustlos. Die Opfer wurden bislang erst einmal vernommen - Anfang September 1991, als sie den Überfall bei der Polizei anzeigten. Seither haben sie von den Ermittlungsbehörden nichts mehr gehört.
Fast zwei Jahre schlummerte das Verfahren bei der Staatsanwaltschaft Magdeburg. Zeitweilig waren die Akten verschollen. "Derartig schludrige Ermittlungsakten", sagt der Cagla-Anwalt Gregor Kochhan fassungslos, "habe ich noch nie gesehen. Bei jedem Verkehrsunfall mit Blechschaden wird genauer ermittelt."
Der Leitende Oberstaatsanwalt Rudolf Jaspers räumt "Ermittlungsfehler" ein, schiebt die Pannen aber auf Anlaufschwierigkeiten nach der Wende: "Damals war die Justiz in Sachsen-Anhalt in einem desolaten Zustand, heute würde uns das nicht mehr passieren."
Eine kühne Aussage angesichts der Ermittlungspannen gegen rechtsradikale Gewalttäter nach den Magdeburger Rassistenkrawallen. Jüngstes Beispiel für den unbeschwerten Umgang sachsen-anhaltinischer Ordnungshüter mit der Gewalt von rechts: In der vergangenen Woche schlugen Skins in Halle einen Asylbewerber zusammen. Die Polizei ließ die Täter laufen.
Im Fall Cagla taugt die Jaspers-Entschuldigung schon deswegen nicht, weil Tathergang und Motive leicht zu ermitteln waren: Die an dem Überfall Beteiligten wurden schnell gefaßt und waren teilweise geständig. Sie seien zu dem Parkplatz gefahren, so der damals 19jährige Steffen, um Türken "fertigzumachen".
Selbst der Name des mutmaßlichen Täters, der Hasan Cagla in Brand geschossen haben soll, findet sich in den Aussagen der Beschuldigten. Doch die Staatsanwaltschaft hat die Skins nicht wegen versuchten Totschlags oder versuchten Mordes angeklagt, sondern lediglich wegen schwerer Körperverletzung und schweren Landfriedensbruchs.
Von den inzwischen etwa 30 ermittelten Tatbeteiligten kam keiner in Haft. Einige von ihnen überfielen ein Jahr später in Magdeburg ein Lokal. Der 23 Jahre alte Torsten Lamprecht kam dabei ums Leben. Einer der Beschuldigten war jüngst auch bei den Magdeburger Vatertagsschlägereien dabei. Y

DER SPIEGEL 22/1994
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