30.05.1994

FrauenDer letzte Putzlumpen

Eine Münchner Psychologin hat herauszufinden versucht, warum Mütter ihre Kinder umbringen.
Der kleine Timo, 27 Monate alt, kann sich nicht wehren. Er liegt rücklings auf einer Matratze auf dem Fußboden, als ihm seine Mutter plötzlich Mund und Nase zudrückt. Timo erstickt innerhalb weniger Minuten.
Der nur ein Jahr ältere Bruder Marcel stirbt kurz darauf. Die Mutter würgt den schlafenden Sohn in seinem Bett, bis er blau anläuft und sich nicht mehr bewegt. Später alarmiert sie selbst die Polizei.
Die zweifache Kindestötung, begangen am Silvesterabend 1993, traf Angehörige und Freunde unvorbereitet: Die Täterin, die 32 Jahre alte Hausfrau Heike H. aus Köln, galt als vorbildliche Mutter. Ihr Alltag war fast ausschließlich auf das Wohlbefinden der Söhne ausgerichtet. Um den Kindern viele Wünsche zu erfüllen, sparte sie bei sich selbst an Kleidung und Essen.
Die Münchner Rechtsanwältin und Psychologin Annegret Wiese, 38, hat eine Reihe ähnlicher Fälle untersucht und ausgewertet. Sie beschreibt in einem Buch "Mütter, die töten"* eine Reise durch die Abgründe der weiblichen Psyche.
Wie sehr Kindestötung die Öffentlichkeit bewegt, zeigte vor Pfingsten der Prozeß um den Leidensweg des kleinen Tobias Hofmann aus Bamberg, dem seine Mutter einen tödlichen Fußtritt versetzt hatte (SPIEGEL 21/1994). Die Mutter wurde vom Landgericht Bamberg zu neun, der Vater zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt.
Daß Mütter töten, ist eher selten, in Deutschland werden jährlich rund zehn Fälle registriert. _(* Annegret Wiese: "Mütter, die töten". ) _(Wilhelm Fink Verlag, München; 366 ) _(Seiten; 58 Mark. ) Doch Autorin Wiese glaubt, daß viele Frauen, unbewußt, Haßgefühle gegenüber ihren Kindern entwickeln.
Die meisten Frauen könnten ihre negativen Impulse jedoch verarbeiten, ohne ihrem Nachwuchs Leid anzutun. Diejenigen, bei denen die Abwehr versagte, fielen vor der Katastrophe kaum auf: Sie wirkten defensiv, schüchtern, gelegentlich überangepaßt.
Bei ihrer Tat brechen sie gleich zwei Tabus: Sie verstoßen gegen das fünfte Gebot und, schlimmer noch, löschen Leben aus, das sie selbst gegeben haben. Damit verletzen sie ein ungeschriebenes Gesetz: den bis heute tief verwurzelten Mythos von der natürlichen, allumfassenden, selbstlosen Mutterliebe.
Gerade diesem überhöhten Ideal, stellte Autorin Wiese fest, wollten die betroffenen Frauen nacheifern. Sie hätten den Ehrgeiz, perfekte Mütter zu sein, bei der Versorgung und Erziehung keine Fehler zu machen - und seien an ihren eigenen Ansprüchen gescheitert.
Im Chaos von Kochtopf, Windeln und Kinderbett verlören sie erst die Übersicht und dann die Selbstkontrolle. Bislang mühsam verdrängte Aggressionen gegen die Kinder brächen hervor und mündeten in tödliche Gewalt.
In den Fällen, die Psychologin Wiese analysierte, fand sich eine Gemeinsamkeit: Die Täterinnen hatten ein extrem gestörtes Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter. Als sie selber noch Kinder waren, trauten sie sich jedoch nicht, Schmerz und Zorn zu zeigen, sie spielten statt dessen das brave Mädchen.
Dieser Befund inspirierte die Psychologin zu einer kühnen These. Die in der frühen Kindheit unterdrückte Aggression gegen die Mutter, vermutet sie, richte sich später gegen den eigenen Nachwuchs. Die Katastrophe bahne sich über mehrere Generationen an.
Kindertötung, schreibt sie, sei "ein Aufflammen archaischer Wut". Zur Gewaltexplosion komme es oft, wenn die Kinder erste Versuche unternähmen, sich aus der Umklammerung zu lösen.
Tatsächlich stellt sich bei Aufarbeitung der Straftaten oft heraus, daß die Frauen ihre Kinder als eine Art Eigentum angesehen haben, nur lebensfähig mit einer funktionierenden Mutter.
Sie habe ihre Söhne getötet, erklärte die Kölner Hausfrau dem Staatsanwalt, "weil ich eine schlechte Mutter war, weil ich nicht all das getan habe, was eine gute Mutter tun muß".
Mitunter spielen auch mütterliche Allmachtsphantasien eine Rolle. Zum Letzten entschlossene Mütter erschienen wie "ein unheilvoller Messias", schreibt Autorin Wiese, besessen von der Mission, sie müßten die Kinder durch den Tod "erlösen".
"Das ist das Beste für das Kind", erklärte eine Mutter hinterher. Eine andere gab als Tatmotiv an, das Kind wäre ihr sonst womöglich weggenommen worden, hätte "irgendwie getrennt von mir existieren" müssen.
Das ist für Frauen mit Freitodabsichten eine unerträgliche Vorstellung. Ein Viertel aller Mütter, die ihre Kinder töten, _(* Mit Anwalt (M.) vor dem Landgericht ) _(Bamberg. ) unternehmen hinterher einen Selbstmordversuch, wollen zusammen mit ihren Söhnen und Töchtern in den Tod gehen. Fachleute sprechen in solchen Fällen von "erweitertem Suizid".
Auffallend ist, daß die Opfer der Mütter fast immer Jungen sind, nur in drei der untersuchten zwölf Fälle mußten Mädchen sterben. Wenn Väter ihre Kinder töten, ist das Verhältnis umgekehrt.
Die meisten im Wiese-Buch beschriebenen Frauen lebten in einer festen Beziehung. Doch die Männer bekamen entweder von den Problemen ihrer Partnerinnen wenig mit oder trugen durch eigenes Fehlverhalten zur Tragödie bei.
"Ich fühlte mich behandelt wie der letzte Putzlumpen", klagte eine 33jährige, die aus Verzweiflung über Demütigungen in der Ehe und Überforderung im Haushalt ihre achtjährige Tochter ertränkte. Ein Suizidversuch mißlang.
"Er wird mit dem lieben Gott einen besseren Vater haben", erklärte eine andere Mutter, nachdem sie ihren Sohn umgebracht hatte. Ihr Partner habe, glaubte sie, als Vater versagt.
Wenn Müttern bewußt wird, was sie getan haben, geraten sie häufig in einen tranceähnlichen Zustand. Der Kölner Staatsanwalt Karl Utermann, der mehrmals Vernehmungen wegen Kindestötungen führte, erlebte, daß beschuldigte Frauen in ihrem seelischen Elend "regelrecht erstarrten".
Der Staatsanwalt: "Wenn sie weinten, dann nur ein trockenes, ein totes Weinen." Y
* Annegret Wiese: "Mütter, die töten". Wilhelm Fink Verlag, München; 366 Seiten; 58 Mark. * Mit Anwalt (M.) vor dem Landgericht Bamberg.

DER SPIEGEL 22/1994
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