28.02.1994

HollandFrau Antje in den Wechseljahren

Ein hafenstraßenmäßig angemaltes Haus am Houtkopersburgwal in Amsterdam. Vor dem Tor sitzt ein blonder Junge im Anarcho-Look und trinkt Bier. Hinter ihm an der Wand lehnt ein unabgeschlossenes Fahrrad. Daneben klebt ein großes Plakat: "Stop making sense, make terror."
Der Junge blinzelt in die Sonne und spitzt den Mund zum Pfeifen. Aber er bringt keinen Ton raus. Es ist wohl nicht die erste Dose.
Plötzlich springt er auf, wirft die Dose in die Gracht und schreit: "Stop je bleekscheet." Halt, du Bleichfurz! Er ist ganz außer sich. Im Laufen greift er nach einem losen Pflasterstein und schleudert ihn hinter dem Mann mit Hut im schwarzen Paletot her, der gerade mit seinem Fahrrad verschwindet.
Doch es hilft nichts, das Rad ist weg. Der blonde Junge flucht noch ein bißchen, greift in seine Hosentasche und zieht eine neue Bierdose hervor. Er wird sich ein anderes Fahrrad greifen, kein Problem. Aber was ist das für ein seltsames Land, in dem die Bürgerlichen den Anarchisten die Fahrräder klauen?
Die Niederlande in der Identitätskrise. Ministerpräsident Ruud Lubbers, der Chef einer Koalitionsregierung aus Christ- und Sozialdemokraten, hat gesagt, die hohe Kriminalitätsrate vor allem bei den jungen Leuten führe zu "Auflösungserscheinungen in der Gesellschaft". Der Fraktionsvorsitzende des Christlich Demokratischen Appells (CDA), Elco Brinkman, der im Mai die Nachfolge von Lubbers antreten will, erläutert dazu: Wer zu lange in der Sonne des Wohlstands liege, könne sich leicht einen Sonnenstich holen.
Um dem Trend zur allgemeinen Verlotterung entgegenzuwirken, will die Regierung jetzt ein paar schattige Plätzchen für die Jugend schaffen. In Arbeitslagern sollen künftig jugendliche Taugenichtse von emeritierten Armeekorporälen an geregelte Arbeit herangeführt werden.
Verraten die Niederländer ihre liberale Tradition? Kommt Frau Antje in die Wechseljahre?
Die großen Parteien sind sich einig: So kann es nicht weitergehen. Ed van Thijn, Sozialdemokrat im Innenministerrang, hat gesagt, der Toleranzbegriff habe sich drastisch verändert. Er sei "ein Synonym geworden für Laxheit, Halbherzigkeit und weiche Knie gegenüber Recht und Ordnung".
Die Niederländer hatten sich daran gewöhnt, tolerant auch gegenüber den Intoleranten zu sein. Erfahrungen, vor allem in Amsterdam, zeigten: Gesetzlosigkeit der harten Art pegelt sich ein. Von einem bestimmten Niveau ab steigt sie nicht weiter, wenn die Obrigkeit der Kleinkriminalität die Zügel schießen läßt. Je liberaler die Atmosphäre, desto mehr verschiebt sich der Schwerpunkt der Kriminalstatistik vom Schwerverbrechen zur Kleinkriminalität.
Fahrradklau wird nicht mal mehr registriert. Hollandräder sind, sofern der Besitzer nicht durch die Verwendung von dicken Ketten anzeigt, daß er an dem System nicht teilzunehmen wünscht, gleichsam Allgemeingut. Holland hat die weltweit liberalsten Gesetze für den Gebrauch von weichen Drogen, aber weniger Fixer und Kokser als seine Nachbarländer.
Dafür ist Amsterdam am Wochenende voll von schmieräugigen Billigtouristen, die hier beim Marihuana-Shagje Kurzurlaub vom Bier machen. In der niederländischen Hauptstadt gibt es über 400, im ganzen Land rund 1500 sogenannte Coffee-Shops, in denen man Joints kaufen kann.
Es gibt Grund zu der Annahme, daß Regierung und Bevölkerungsmehrheit nicht dieselbe Duldungsgrenze haben. In Rotterdam droschen Matrosen der Kriegsmarine mit Fäusten und Latten eine Gruppe Fixer und Hascher zusammen. Die Zeitungen brachten daraufhin tagelang ganze Spalten voll positiver Leserbriefe und "Grußbotschaften". Und die Rotterdamer Taxifahrer ließen ein Werbeflugzeug mit dem Schlepptext "Danke schön, Matrosen" über der Stadt kreisen.
Daß Amsterdam sich über die Jahre zum Epizentrum der Schwulen- und Lesbenbewegung entwickelt hat, ist akzeptiert. Daß aber das Fremdenverkehrsamt die Schwulen mit Anzeigenkampagnen in den US-Medien gezielt umwirbt ("Amsterdam - Gay Capital of Europe") und daß die Armee bemüht ist, ihr Homosexuellen-Kontingent zu verdreifachen, das ist nach Maßgabe des gesunden Volksempfindens durch "gedogen" nicht mehr gedeckt.
Gedogen ist das Toleranzmodul im niederländischen Sozialbaukasten. Man darf alles, was nicht ausdrücklich verboten ist, und auch Verbotenes mit Maß, aber nicht zu oft. Das war schon im vorletzten Jahrhundert so, als es in Holland verboten war, katholisch zu beten.
Kampfhunde etwa sind nach dem Gesetz unfruchtbar zu machen. Die Hälfte der Hundebesitzer hat das auch getan. Und die andere Hälfte? Gedoogd.
Wer mit Kokain und Heroin handelt, ist eigentlich reif fürs Kittchen. Trotzdem kann man auf dem Zeedijk in Amsterdam harten Stoff kaufen, soviel man will. Die Polizei kennt die Dealer, aber sie greift nicht ein. Gedoogd.
Holländische Ärzte geben schon seit vielen Jahren routinemäßig denen, die nicht mehr leben wollen oder können, verbotene Todesspritzen. An die 2000 Euthanasie-Tote im Jahr, aber kein verurteilter Arzt. Gedoogd.
Im Sozialbereich ist "Gedogen" ein wesentlicher Grund für die Verdrossenheit der Gesetzestreuen, daß es in Teilbereichen keinen Vorteil bringt, Gesetze zu befolgen. Man habe "Wohlstandsegoisten aus Anarchisten" gemacht, sagt Walter von Lübeck, Sekretär der städtischen Wohnbauvereinigung.
Die Kraakers und Kabouters, die in den siebziger und achtziger Jahren die 200 bis 300 Jahre alten Häuser im idyllischen Grachtenbezirk von Amsterdam besetzten, wohnen zum großen Teil dort noch heute. Zu symbolischen Mietpreisen, mit denen die Stadtväter ihnen die Lust aufs Chaos abgekauft haben.
Das Credo von Nation und Gesellschaft ist der Kompromiß: ein bißchen geben, ein bißchen nehmen. Aber der institutionalisierte Kompromiß schafft soziale Schräglagen. Der altgediente deutsche Holland-Beobachter Günter Vieten hat ausgerechnet, daß jeder erwerbstätige Niederländer (wenn man die Beamten als unproduktiv ausklammert) "fünf Landsleute am Hals hat, für die er mitverdienen muß". Der Einkommensabstand zwischen Werktätigen _(* Karikatur von Sebastian Krüger. ) und Nichterwerbstätigen ist minimal. Das fördert nicht gerade die allgemeine Schaffenskraft.
Holland hat mit die höchste Lebenserwartung (Männer 73,9, Frauen 80,1 Jahre) der Welt, gleichzeitig aber auch die absolut höchste Invalidenquote der Europäischen Union. Die Verschuldung der öffentlichen Haushalte liegt bei 83 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist beinahe doppelt soviel wie in Deutschland.
"Es ist schlimm, sehr schlimm um die Moral bestellt", sagt Premier Lubbers. Alle haben nur noch dies im Sinn: Icke, ikke, ikke en de rest kan stikke. Auf deutsch: Ich, ich, ich, und der Rest kann ersticken.
Doch irgendwann ist auch das Erdgas alle, mit dem vaderdje staat den ganzen Benefiz bezahlt. Dann ist Holland in Not. Der Versorgungsstaat steckt jetzt schon tief in der Krise. Er hat seinen Wohlstand bis dicht vor den Bruchpunkt mit Hypotheken belastet.
Die allgemeine Seelenverfettung hat auch die forschen jungen Leute umfangen. Die Chaoten sind träge geworden. Die Ideale der "Nee beweging" aus den siebziger Jahren sind tot. Man trägt noch die gleiche Uniform: fettige lange Haare, hohe Schnürschuhe, lila Latzhosen. Doch 90 Prozent der jungen Leute schwören heute auf bürgerlichen Komfort.
Selbst den Etablierten, die sich an Kraakers, Kabouters und Dolle Minas jahrelang wundrieben und die totale Negation zum Kotzen fanden, wird die Jugend nun doch langsam zu bourgeois. "An den Akademien, da, wo man noch die Chance hat, etwas Verrücktes zu tun, passiert nichts", fand die Utrechter Dozentin Francis Verdonk. "Keine Vision, keine Ideen, nur das große Nichts."
Die Holländer wollten aus ihrem Königreich einen sozialen Musterstaat machen. Ein Gemeinwesen, das jeden nach seiner Fasson leben läßt und das für jeden sorgt, ohne ihn - wie im schwedischen Wohlfahrtsstaat - zu bevormunden. Aber es ist ein Zwei-Klassen-Staat geworden, in dem die eine Klasse vorwiegend konsumiert und die andere vorwiegend produziert.
Keine Frage, die produzierende Klasse ist wirklich tüchtig. Sie hat Holland zur führenden Agrarnation der Welt gemacht. Sie hat die Normtomaten-Faktorei mit elf Ernten im Jahr geschaffen, die Regelkuh mit dem Appetit-Chip im Ohr und die hausfrauenfreundlich geklonte Kartoffel mit eingebautem Anti-Keim-Effekt. Die Gen-Architektur für die Tomoffel, die überirdisch Tomaten und unterirdisch Kartoffeln trägt, ist im Prinzip auch schon fertig.
Seit es Herman gibt, den Minotaurus aus der Retorte, schwinden die Zweifel daran, daß auch das Turboschwein gebaut wird. Herman ist das Produkt von "genetisch geknutsel". Er entstand in einer Versuchsanstalt in Lelystad in Flevoland aus einer befruchteten Eizelle, der Professor Herman de Boer ein paar menschliche Gene zugefügt hatte.
Das Menschliche steckt in Hermans Sperma: Die von ihm befruchteten Kühe gebären Kälber, die dann später mit Lactoferrin versetzte Milch geben. Lactoferrin ist menschliches Eiweiß, das Menschen vor Entzündungen, vor allem im Darmtrakt, schützt. Für chemotherapierte Krebspatienten, die besonders anfällig gegen Infektionen sind, kann Herman lebensrettend sein.
Holländische Nahrungsmittel sind nicht so schlecht, wie die holländische Küche vermuten läßt. Daß Hollandtomaten nichts als Wasser im vierten Aggregatzustand sind und daß sie, wie in einem italienischen Fachblatt stand, nach Schweißnähten schmecken, weil sie hergestellt würden wie Transistoren, das ist auch nicht wahr. Aber daß Rosen aus Holland zuweilen nach Maggi duften, weil sich die Biotechniker im Gen vergriffen haben, das stimmt.
Es gibt plausiblere Gründe für den schlechten Ruf der niederländischen Landwirtschaft als Maggi-Rosen und Wassertomaten: 70 000 giftverseuchte Müllkippen, hundert Millionen Jahrestonnen Gülle, deren Ammoniakgehalt sogar aufs Wetter schlägt. Die Niederlande sind noch immer, was ihnen 1989 das Haager Reichsgesundheitsinstitut attestierte: das am stärksten verseuchte Land Westeuropas.
Die Agrarkonstrukteure orientieren sich bei den Verträglichkeitsmargen an einheimischen Mägen. Das ist bedenklich. Denn holländische Tafelfreuden stehen in der Tradition der großen Ostindien-Fahrer. Sie füllen den Magen und sind gut gegen Skorbut. Die Holländer speisen, als hätten sie gerade einen Krieg verloren: hochkalorischen Gemüsematsch mit fetten Wurstschnibbeln, den sie "stampoltje" nennen. Oder sogenannten Balkenbrei aus Schmalz, Mehl und Schweineblut oder schorfige fußwarme Kroketten aus Automaten - "aus der Mauer", wie der Volksmund es nennt.
Pittoreske Länder fördern die Legendenbildung. Legende Nummer eins: Die Niederlande sind ein sauber gefegtes Land voll Tulpen, Toleranz und radfahrenden Tatmenschen in Holzklumpen, die fortwährend Matjes essen und leckeren Genever trinken. Ein schönes Bild. Es ist so wahr wie die Geschichte von dem tapferen Hansje Brinker aus Zaandam, der vor vielen, vielen Jahren, als die Erde noch eine Scheibe war, in einer Sturmflutnacht seinen Zeigefinger in ein Loch im Deich steckte und dadurch die Niederlande vorm Absaufen bewahrte.
Von allen Vorurteilen stimmt nur, daß die Holländer eine traditionell tolerante Nation sind. Im 16. und 17. Jahrhundert hielten sie die Tore weit geöffnet für Juden und Hugenotten, die anderswo in Europa verfolgt wurden.
Doch die Geschichte der niederländischen Toleranz hat auch schwarze Löcher: die Ausrottungsfeldzüge gegen südafrikanische Hottentotten und südamerikanische Indianer, die blutrünstigen Strafexpeditionen gegen vertragsbrüchige Gewürzinseln, die Massaker während des indonesischen Unabhängigkeitskrieges. Fast nichts davon ist volkspädagogisch bewältigt.
So gnadenlos, wie die holländische Konquista es tat, haben selbst die Briten ihre Kolonien nicht ausgebeutet. In den niederländischen Besitzungen Südamerikas wurden Sklaven zur Abschreckung von Ochsen gevierteilt oder mit Haken in der Brust zum Austrocknen in die Sonne gehängt.
Holländische Sklavenbarone waren 200 Jahre lang Marktführer im transatlantischen Menschenhandel. Die ethische Grundlage für den wirtschaftlichen Rigorismus lieferte der Calvinismus mit seiner rassisch durchwachsenen Prädestinationslehre. Aus den Negern, so predigte damals der calvinistische Theologe Johan Picardt, müsse man "die Lendenfäulnis" herauspeitschen, denn der Herr im Himmel habe sie erschaffen, daß nur die Knechtschaft ihnen zum Heil gereiche.
Die Holländer sind ganz gewiß keine schlimmeren Rassisten als andere Europäer. Sie haben, weil sie Kaufleute sind, ihr Menschenbild stets nur den jeweils vorherrschenden geschäftlichen Rahmenbedingungen angepaßt. So wie in den dreißiger Jahren, als sie scharfe Einwanderungsbestimmungen gegen deutsche Juden verhängten, um sich Erleichterung von dem erwarteten Druck von seiten der Hitleristen zu verschaffen.
Das ist es wohl auch, was die Holländer dem dominanten Nachbarn im Osten so übelnehmen: daß sie sich von ihm so gründlich kompromittieren ließen.
Von allen Völkern, die von der großdeutschen Dampfwalze im Zweiten Weltkrieg niedergewalzt wurden, haben die Niederländer die größten Probleme, sich pauschal als Opfer zu fühlen. Nach Kriegsende waren 450 000 Kollaborateure registriert, die sich im Umgang mit den Besatzern schmutzige Finger geholt hatten.
Weil die Polizei den deutschen Judenmördern so wirkungsvoll zulieferte, konstatierte Adolf Eichmann zufrieden: "In Holland ging alles wie am Schnürchen." Nach dem Krieg gab ein SD-Beamter namens Willy Lages zu Protokoll, die Jagd auf die Juden wäre ohne die holländische Unterstützung nur zu zehn Prozent durchführbar gewesen.
Die Hingabe, mit der die Niederländer alljährlich am 4. Mai ihren "Erinnerungstag" begehen, so meint der Literaturpreisträger Louis Ferron, solle bloß verschleiern, daß sie in jenen Jahren keine Helden waren. Im Zweiten Weltkrieg verlor Holland in Europa rund 3000 Soldaten, weit weniger als etwa die britischen Dominions Südafrika und Neuseeland, die weitab von den Kriegsschauplätzen lagen. Die Opfer unter der Zivilbevölkerung waren im Verhältnis dazu wesentlich größer. Allein der Terrorangriff der deutschen Luftwaffe auf Rotterdam am 14. Mai 1940 kostete fast 1000 Menschenleben.
Louis Ferron will an seinen Landsleuten "eine gewisse Faszination" für die Nazis entdeckt haben. Tausende Denkmäler, die an die deutsche Besatzung und an die Judenverfolgung erinnern. Aber kein einziges, das daran erinnert, wie bereitwillig sich die Holländer mit dem Unrecht arrangierten. Der Widerstand, den sie heute feiern, brach erst richtig aus, als die Besatzer schon auf dem Rückzug waren.
Die Wunden der Vergangenheit wollen nicht vernarben. Im Gegenteil. Der Moffenhaat, der Haß auf die Deutschen, gewinnt wieder an Boden. "In den Köpfen meiner Landsleute", sagt Ben Knapen, Chefredakteur des liberalen NRC Handelsblad, "ist eine Mauer errichtet worden, die sich aus Steinen von Arroganz, Angst und Minderwertigkeitsgefühlen gegenüber dem deutschen Nachbarn zusammensetzt."
Die Abneigung der Holländer gegen die Deutschen geht weit über die üblichen Ressentiments unter Nachbarn hinaus. Nach einer Erhebung des Haager Clingendael-Instituts halten nur 15 Prozent der jungen Leute zwischen 15 und 19 die Deutschen für akzeptabel.
71 Prozent der Befragten fanden, daß die Deutschen dominierend, 60 Prozent daß sie arrogant, 46 Prozent daß sie kriegslüstern sind. Kurzum "aggressive, schreiende und biertrinkende Schweine", wie die linksliberale Volkskrant schrieb. Schlimmer denken auch Serben nicht über Kroaten und umgekehrt.
Wenn sich solche Ansichten im Umgang mit Touristen aus dem Ruhrpott in Zandvoort oder Bergen aan Zee gebildet hätten, wären sie vielleicht zu vertreten. Jedoch die meisten, die so denken, kennen Deutschland nur aus den billigen Fernsehserien, in denen die Deutschen als trottelige Befehlsempfänger dargestellt werden.
"Mir drängt sich der Vergleich mit dem Antisemitismus auf", sagte der Kulturhistoriker Hermann von der Dunk aus Utrecht zum SPIEGEL. "Da hielten sich irrationale Vorurteile über Jahrhunderte - bei Menschen, die Juden überhaupt nicht kannten." Zwei Drittel der jungen Leute konnten nicht mal eine einzige deutsche Partei benennen.
Wenn es stimmt, was der Literaturwissenschaftler Bernd Müller, vormals Dozent an der Freien Universität in Amsterdam, über das Deutschenbild der Niederländer lehrt, dann können die Goethe-Institute in Amsterdam und Rotterdam dichtmachen. Dann ist das deutsch-niederländische Verhältnis nämlich unverbesserlich. "Das negative Bild ist Teil der Kultur", sagt Müller. "Hier besteht ein Deutschlandbild, das losgelöst ist von jeder historischen und persönlichen Erfahrung."
Der Fußballnationalspieler Ronald Koeman wußte schon, wie er seinen Landsleuten eine Freude machen konnte, als er sich 1988 nach einem Länderspiel gegen die Deutschen in Hamburg vor laufenden Fernsehkameras mit einem schwarzrotgoldenen Trikot den Hintern abwischte.
Die Holländer sehen durch Solingen, Hoyerswerda und Mölln und durch die Verschärfung des deutschen Asylrechts ihr Deutschlandbild bestätigt. Im letzten Sommer gab ein Bote von Radio Nederland im Bonner Bundeskanzleramt mehrere Säcke mit Hörerpostkarten ab, auf denen groß drei Worte standen: "Ik ben woedend" (Ich bin wütend).
Für Völkerverbrüderer gibt''s auch daheim Grund genug zur Wut. Die Regierung Lubbers hat die Asylgesetze tüchtig angeschärft - obwohl die holländische Asylantenrate nur knapp ein Zehntel und, in Relation zur Bevölkerung, nur knapp die Hälfte der deutschen beträgt.
Mit Rassisten gehen Niederländer hart ins Gericht. Wer einen Neger "zwarte Piet" (schwarzer Peter) oder "roetmop" (Rußmops) nennt, riskiert eine Haftstrafe. Der Deutschenhaß dagegen bleibt im allgemeinen folgenlos. Der Amsterdamer Schriftsteller Harry Mulisch meint, es sei auch gar kein richtiger Haß, eher eine Art Irritation, "als würde man neben jemand im Fahrstuhl stehen und darauf warten, daß er endlich aussteigt". Wer in der Amsterdamer Altstadt sein Pilsje auf deutsch bestellt, muß damit rechnen, daß er durstig von der Theke scheidet.
Die schlechte Nachbarschaft sackte Mitte Februar auf einen neuen Tiefpunkt durch, als die Deutsche Aerospace, Mehrheitseignerin der Fokker-Flugzeugwerke, die Entlassung von 1900 niederländischen Mitarbeitern ankündigte. Das zurückhaltende NRC Handelsblad bekundete in einer Schlagzeile "Verbijstering en Ontgoocheling" (Entsetzen und Enttäuschung). Premier Lubbers hatte vor Jahresfrist schon die Veräußerung als "Verkauf unserer Kronjuwelen" angeprangert.
Die Niederländer leiden schrecklich daran, im Ausland so oft mit Deutschen verwechselt zu werden. Wahr ist ja auch: Sie sind ein bißchen größer, blonder und - die Amsterdamer ausgenommen - gründlicher und weniger trinkfest. Aber sonst sind sie den Deutschen so ähnlich wie der rechte Holzklumpen dem linken. Woraus Tiefenpsychologen den Verdacht herleiten, daß der holländische Deutschenhaß auch eine Art Selbsthaß ist.
Die einzigen Deutschen, die - durch Investitur - vom Moffenhaß verschont blieben, waren die drei letzten Prinzgemahle. Prinz Claus, der Gatte von Königin Beatrix, ist sogar ein Volksliebling. _(* NS-Führer Anton Adriaan Mussert bei ) _(der Abnahme einer Parade. ) So schön traurig haben die Holländer die Deutschen am liebsten.
Gnadenlos verfahren holländische Medien mit Niederländern, die danach trachten, den Moffen für Geld zu gefallen. Talktante Linda de Mol und Multikanalschwätzer Rudi Carrell sind, wie es neulich in der Volkskrant hieß, Hollands "Rache an Deutschland". Bella Linda sei wie eine Holland-Tomate: "geschmacklos und zur besseren Haltbarkeit bestrahlt". Merkwürdig, daß der Banaltonkünstler Johannes (Jopie) Heesters aus Amersfoort, der in der Nazizeit in Deutschland groß Karriere gemacht hatte, relativ glimpflich davonkam.
Doch die Deutschen mögen dieses pfiffige, blonde Völkchen - außer im Juli und August, wenn es mit seinen Caravans die Mosel-Wiesen verschandelt und die deutschen Autobahnen blockiert. Zehn Monate lang können die Niederländer machen, was sie wollen, die Deutschen nehmen ihnen nichts übel. Nach einschlägigen Umfragen sind den Deutschen unter ihren neun Nachbarvölkern die Niederländer die liebsten.
Das war nicht immer so. Immanuel Kant sprach den Holländern jegliches "Gefühl des Schönen und Erhabenen" ab. Er schrieb: "Sie haben hier gänzlich Nullität, die sie zum negativen Beispiel geeignet macht." Wobei des großen Denkers Reflexionen hier ausschließlich vom Gefühl bestimmt waren, weil er die Holländer gar nicht kannte.
Deutschlands Gegenwartsbild von den Holländern wird wesentlich geprägt von Frau Antje, einer vom Niederländischen Molkereibüro in die Welt gesetzten pommesfritesblonden Kultfigur, die speziell auf den deutschen Käseverbraucher angesetzt ist. Frau Antjes Glaubwürdigkeit hat auch nicht darunter gelitten, daß sie in eine Kokain-Affäre verwickelt war und daß sie sich mal für den Playboy auszog. Die Deutschen glauben ihr trotzdem, daß Holländer-Käse schlank macht. Y *VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:
Holland in Not *
Die Krise des sozialen Versorgungsstaates, hohe Kriminalitätsraten und schwindender Gemeinsinn gefährden den traditionellen Liberalismus und den Zusammenhalt der niederländischen Gesellschaft.
Das gesunde Volksempfinden hat die Hauptschuldigen schon fixiert: die Ausländer, vor allem die Asylanten. Drei von vier Holländern sind der Meinung, die Fremden müßten "sich anpassen oder verschwinden".
Hochkonjunktur hat auch wieder das alte Klischee vom häßlichen Deutschen. Dabei sind Niederländer und Deutsche - jedenfalls in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht - geradezu mustergültige Nachbarn.
Der Wertewandel droht das alte Parteiengefüge zum Einsturz zu bringen. Die Radikalen wittern ihre Chance. Stimmen die Prognosen, müssen Christliche Demokraten und Sozialdemokraten bei den Kommunalwahlen am Mittwoch und bei den Parlamentswahlen Anfang Mai mit katastrophalen Einbrüchen rechnen.
Die Politikverdrossenheit hat sogar die Politiker erfaßt. Seit dem Auszug des populären Ed van Thyn aus dem Rathaus findet sich, abgesehen von chancenlosen Randexistenzen, kein Kandidat für das Amsterdamer Bürgermeisteramt.
[Grafiktext]
_180_ Deutschland und die Niederlande im Vergleich (1992)
[GrafiktextEnde]
* Karikatur von Sebastian Krüger. * NS-Führer Anton Adriaan Mussert bei der Abnahme einer Parade.
Von Wiedemann, Erich

DER SPIEGEL 9/1994
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