21.11.1994

Ernst und fromm

Jugend ins Kabinett - Kohls Coup mit Claudia Nolte

Die zierliche Frau tat alles, um Helmut Kohl auf sich aufmerksam zu machen. Sie drängelte, grüßte, boxte sich nach vorn durch zu ihm - ohne Resonanz. Schließlich wählte sie eine besonders artige Form der Höflichkeitsbezeugung: Claudia Nolte machte einen Knicks. Da reichte ihr der Kanzler die Hand.

Seit dieser erzwungenen Begegnung auf dem CDU-Parteitag in Dresden 1991 weiß Helmut Kohl, wer Claudia Nolte ist. Sie entspricht so ganz seinem Bild von adretten Jugendlichen: viel Anstand, wenig Hedonismus, lieber konventionell als auf Emanzipation bedacht. So machte er sie im stolzen Alter von 28 Jahren zur Bundesministerin für Frauen, Familie, Jugend und (wie passend) Senioren - ein einsamer Rekord an Jugendlichkeit.

"Ganz Deutschland fragt sich: Packt sie das?" titelte Bild besorgt. Kohl hat da weniger Zweifel. Zumindest entspricht Nolte dem, was in der CDU derzeit Mangelware ist - Frau, jung, Ostdeutsche.

Claudia Noltes Parteifreundinnen, für die diese überraschende Berufung auch ein Affront ist, befürchten indes, daß Kohls Ziehkind keineswegs das Lebensgefühl junger Frauen in Deutschland widerspiegelt - schon gar nicht das der ostdeutschen.

Als Helmut Kohl seiner Damenriege in der Fraktion die "zupackende" Ministerin andiente, "die schließlich die Lebensverhältnisse im Osten kennt", zischelte es: "Der soll mal nachrechnen."

Die vom Kanzler patriarchalischstolz präsentierte Jung-Ministerin war zur Zeit der Wende gerade frischgebackene Diplom-Ingenieurin für Automatisierungstechnik und Kybernetik. Beim Exitus des SED-Regimes zählte sie ganze 24 Jahre. "Die Gnade der jungen Geburt" nennt sie dies, ihr Vorbild Kohl abwandelnd.

Allerdings ist sie von der DDR-Wirklichkeit auf eigene Weise geprägt. Sie entstammt einer katholisch-frommen Familie, die erst in Rostock, dann in Thüringen lebte - in der mehrheitlich protestantischen DDR mit ihrem atheistisch-sozialistischen Weltbild gleichsam in der doppelten Diaspora. Der Ernst, das Eifernde, ihre frühe Erwachsenheit haben mit diesem biographischen Hintergrund zu tun.

Aus religiöser Überzeugung verweigerte sie die Jugendweihe. Sie nahm in Kauf, daß sie deshalb zunächst nicht Abitur machen durfte, machte eine Lehre als Elektronikfacharbeiterin und studierte in Ilmenau an der Technischen Hochschule. Sie war Sprecherin der katholischen Studenten, trat in den Wendemonaten dem Neuen Forum bei, wo sich Bürgerrechtler und kirchlich Gesinnte versammelten. Zur Union, zu deren allerkonservativsten Vertreterinnen in Sachen Familie, Kinder und Abtreibung sie gehört, fand sie Anfang 1990.

Dort wurde sie von den Honoratioren schnell "angenommen und weitergereicht", sagt Claudia Nolte stolz. Vom Feminismus oder auch nur von Frauensolidarität in der männerdominierten Politik hält sie wenig.

Den Mut zur unpopulären Überzeugung hat sich Claudia Nolte bewahrt. Wer wie sie Karriere im Galopp macht, glaubt eben, daß Frauenquoten in der CDU nicht sein müssen. Da ist sogar Mentor Kohl fortschrittlicher. Er mahnte sie wohlwollend: "Als Frauenministerin dürfen Sie das nicht so dogmatisch sehen."

Claudia Nolte stand ganz an der Seite der Rechtskonservativen in der Union, die ein Gesetz gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz verhindern wollten. Da verließ sie sich reichlich naiv auf den flammenden Gegner Norbert Geis (CSU): "Der sagt, das ginge rechtlich nicht."

Als die Reform des Paragraphen 218 debattiert wurde, schloß sie sich der Minderheit an, die ein radikales Abtreibungsverbot forderte. Weil ein Rechtsstaat, der Menschen "zeitweilig das Lebensrecht abspricht", sich selbst in Frage stelle, schien es ihr nur folgerichtig zu sein, daß Frauen, die abgetrieben haben, dafür bestraft werden. Ihr Vorschlag: Wer sein Kind abgetrieben habe, könne ein Jahr im Krankenhaus arbeiten - "zur Wiedergutmachung".

Über das Kuriosum, daß nur selten Frauen für derlei rigorose Morallehren zu haben sind, wohl aber Männer, setzt sie sich unbeschwert hinweg.

Dabei ist Claudia Nolte zwar hoch konservativ, aber durchaus auch unkonventionell - zumindest im eigenen Privatleben. Einerseits tritt sie politisch dafür ein, daß Frauen die berufliche Karriere zurückstellen sollten zugunsten der Kinder und überhaupt des Familienlebens wegen. Andererseits wächst Sohn Christoph, 3, daheim in Ilmenau bei Ehemann Rainer auf, der seinen Job als Diplom-Ingenieur auf halbe Tage reduziert hat. Zu solcher Arbeitsteilung finden sich sonst vorzugsweise linke Polit-Paare bereit.

Ganz ohne Netz und doppelten Boden läßt Kanzler Kohl seine jüngste Ministerin aller Zeiten dennoch nicht auf ihr Ressort los. Die kostenträchtige Neuregelung des Kindergeldes werden zunächst Finanzminister Theo Waigel und Arbeitsminister Norbert Blüm vorantreiben.

Und die schwierige Reform der Sozialhilfe, für die bislang das Nolte-Ressort zuständig war, wird fortan Gesundheitsminister Horst Seehofer übernehmen.


DER SPIEGEL 47/1994
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