30.05.1994

PopKracht und rumpelt

Marusha heißt die Partyqueen der Techno-Szene. Sie ist Kultfigur und Kummerkastentante einer selbsternannten Musikelite.
Unity in the house", kreischt das dünne Mädchen ins Mikrofon und hopst vom linken zum rechten Plattenspieler ihres Mischpults. Unter ihrer grün-orangenen "Miami Dolphins"-Mütze wackeln zwei rote Zöpfe, zu grün gefärbten Augenbrauen trägt sie einen samtenen Catsuit in Gold, Schnürstiefel und ein schlabbriges Oberteil mit integriertem Rucksack.
Sie schwenkt die Arme und kräht, während die nächste Scheibe startet: "Rave it, check it!" Die Jugendlichen, ein paar Meter weiter unten auf der Tanzfläche, bemühen sich nach Kräften.
Diskjockey Marusha, 27, neuer Star der deutschen Techno-Szene, zelebriert ihren Auftritt. Wenn sie die Bühne betritt bei einem der größeren Raves, wie die Veranstaltungen heißen, die jedes Wochenende für Tausende Partywütiger im ganzen Bundesgebiet steigen, johlen die meist zipfelbemützten Tänzer. Vor allem Jüngere zwischen 14 und 16 Jahren verehren Marusha Gleiss.
Vor fünf Jahren noch verkaufte die Tochter eines Deutschen und einer griechischen Mutter in Nürnberg Schuhe, dann organisierte sie in ihrer Heimatstadt den ersten regelmäßigen House-Klub. Ihr Programm war Exhibitionismus: "Ich stand schon immer gern im Mittelpunkt."
Ein Ortswechsel nach Berlin und der Kontakt zur Independent-Plattenfirma Low Spirit, die zu den Pionieren des Technohouse in Deutschland zählt, machten Marusha zum nationalen Szenetip. Low-Spirit-Mitbegründer Fabian Lenz ("DJ Dick"), Bruder des bekannteren Plattenlegers WestBam, wurde ihr Lebensgefährte und wies sie in die Feinheiten des Gewerbes ein. Außerdem engagierte der ehemalige DDR-Jugendfunk DT 64 (heute Radio Fritz) das Temperamentsbündel für die wöchentliche Radioshow "Rave Satellite".
Rasch wurde die Aufsteigerin zur Identifikationsfigur für ostdeutsche Partykids. Auf ORB und Nord III moderiert sie seit einem Jahr ihre eigene TV-Sendung "Feuerreiter". Dabei bedient sich Marusha zügig sämtlicher Versatzstücke der klassischen Fernsehmoderation: sinnleerer Interviews, auswendig gelernter Texte, theatralischer Gesten und Phrasierungen.
Der Durchbruch erfolgte per Schallplatte. Bis auf Platz 3 der Media Control Hitparade kletterte "Somewhere over the Rainbow", ihre Version des Judy-Garland-Klassikers aus "The Wizard of Oz". Mit brüchiger Stimme säuselt Marusha, zu hüpfenden Technobeats und fröhlichen Trommelwirbeln, den Refrain vom Traumland jenseits des Regenbogens. Im dazugehörigen Video krabbeln mechanische Stoffhasen und Babypuppen um die Wette - die Marusha-Fans dürfen sich so alt fühlen, wie sie meistens auch sind.
Die Single verkaufte sich in Deutschland bislang mehr als 500 000mal; in 18 weiteren Ländern, von Frankreich bis Chile, ist die Platte inzwischen im Handel. Anfang Mai bekam Marusha für "Somewhere over the Rainbow" eine goldene Schallplatte. Das ist - noch - ungewöhnlich für jemand aus dem sogenannten Techno-Underground.
Puristen dieser selbsternannten Elite, die sich durch exklusive, möglichst exzentrische Attitüden definiert, ist der singende DJ Marusha suspekt. Kleine-Mädchen-Phantasien und ein populäres Image, stete Präsenz auf den Musikkanälen MTV und Viva und eine Einladung zu "Schreinemakers live" passen nicht ins subversive Schema.
Techno entstand im Garagenmilieu, in alten Bunkern und Tresorräumen, wo mit brachialen Klängen und halluzinogenen Drogen ein Outlaw-Nimbus kreiert wurde. Musik sollte gesichtslos und für jeden machbar werden; Sampling und Computer-Know-how wurden über das Beherrschen von Instrumenten gestellt. Der Zweck der Übung: eine egalitäre Definition des Begriffs Popstar.
Dennoch sucht die Szene, in der schüchterne Studiotüftler überwiegen, verzweifelt nach Frontfiguren wie Sven Väth, die Exzesse auch ausleben (SPIEGEL 45/1993). Da kommt Marusha gerade recht: Mit burschikosem Charme und drogenfreiem Leben steht sie für die Träume vieler Teenager, die sich im Grunde nur durch allwöchentliche Marathonpartys von ihren Eltern abzugrenzen wissen - als weiblicher Prototyp des neuen Popstars, der Gitarre und Schlagzeug gegen Plattenspieler und Sampler eingetauscht hat.
Dazu gehört selbstverständlich die übliche Küchenphilosophie: "Ich verfolge 'ne Message mit meiner Arbeit", tönt die House-Frau, "und diese Message bin ich!" Ihr Musikgeschmack sei "ultra-extrem", wichtig sei vor allem, "daß es kracht und rumpelt".
Ihrer Gemeinde ist die Wahl-Berlinerin Kummerkastentante, große Schwester und Sexsymbol zugleich. Marusha-Fans schicken Liebesbriefe und bitten um Lebenshilfe.
Doch ohne die Firma Low Spirit, behaupten Branchenkenner, hätte der postpubertäre Kult bescheidene Dimensionen behalten. Die Gesellschafter veranstalten jährlich die größte und bestorganisierte Techno-Party Europas ("Mayday") - eine ideale Plattform für Selbstdarsteller am DJ-Pult.
Zum letzten Tanz in den Mai zogen 30 000 Technophile in die Dortmunder Westfalenhalle. 26 DJs spielten 16 Stunden lang, bis morgens um vier wurden Karten verkauft (Preis 60 Mark).
Moderation: Marusha. Y

DER SPIEGEL 22/1994
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