13.01.1992

„Die Bastarde fertigmachen“

Was Zensoren vor einem Jahr unterdrücken konnten, belegen neue Studien: Schwere Pannen trübten Amerikas Triumph am Golf. Die erfolgreiche Uno-Diplomatie der US-Regierung war nur ein Vorwand, um die Opposition in Schach zu halten. Von Anfang an wollte Bush den Krieg - und den Kopf seines Gegners Saddam.
Am 27. Februar 1991 um 19.19 Uhr Ortszeit, weniger als zwölf Stunden vor der Waffenruhe im Golfkrieg, landete eine amerikanische Transportmaschine vom Typ C-141 auf einem Stützpunkt tief in der saudischen Wüste. Ihre Fracht: zwei Monsterbomben, die US-Militärs erst nach Beginn des Feldzugs gegen den Irak in Auftrag gegeben hatten.
Die beiden Sprengsätze, jeder 2131 Kilogramm schwer, gehörten zur Klasse jener "smarten" Waffen, mit denen die Amerikaner in den 42 Kriegstagen zuvor erfolgreich irakische Punktziele wie Kommando- und Kommunikationszentralen zerstört hatten.
Die Nachrüstung in letzter Minute hatte indes einen speziellen Adressaten, dessen Name - wie bei einem Postpaket - auf einer der beiden Bomben prangte: Was Techniker jetzt in aller Eile unter den Flügeln zweier wartender F-111-Kampfflugzeuge verankerten, waren "Saddamizer", Saddam-Vernichter.
Noch in den letzten Kriegsstunden wollten die US-Generäle erzwingen, was ihnen bis dahin nicht geglückt war: den Tod Saddams - obwohl die Amerikaner offiziell stets geleugnet hatten, dem gegnerischen Oberbefehlshaber nach dem Leben zu trachten.
Wäre alles nach Plan gelaufen, hätte der irakische Diktator schon bei Kriegsbeginn sterben sollen. Zu den Zielen, die amerikanische Tarnkappen-Flugzeuge in der ersten Angriffswelle bombardierten, zählten alle bekannten irakischen Kommandobunker. Generalleutnant Charles A. Horner, Oberbefehlshaber der alliierten Luftstreitkräfte am Golf, gestand seine Enttäuschung ein: "In Ausübung seiner Pflichten hätte Saddam anwesend sein müssen."
Nun drängten die Militärs auf eine Waffe, die selbst die härtesten Bunker knacken sollte. Ein pensionierter Offizier, der in der Waffenschmiede von Lockheed arbeitete, kam auf die Idee, ausgemusterte Haubitzenrohre als Geschoßmantel zu verwenden.
Innerhalb weniger Wochen war die Bombe vom Typ GBU-28 entwickelt. Bei der Erprobung in Nevada bohrte sich das Geschoß vor der Explosion über 30 Meter tief in die Erde. "Ich müßte lügen", sagt einer der beteiligten Offiziere heute, "wenn ich bestreiten würde, daß sie für Saddam Hussein bestimmt war."
Während schon Gerüchte über die unmittelbar bevorstehende Waffenruhe die Runde machten, erhielten die beiden F-111-Piloten das Briefing für ihren letzten Kampfeinsatz. Sie sollten auf dem Militärstützpunkt Tadschi, 25 Kilometer nordwestlich von Bagdad, einen besonders stark befestigten unterirdischen Bunker bombardieren, der bereits drei Angriffen widerstanden hatte. Die US-Strategen hofften, daß Saddam dort Unterschlupf gesucht hatte.
Über dem Ziel lösten die Piloten ihre Superbomben aus und beobachteten, wie eine fehlging, die andere jedoch die Bunkerdecke in unmittelbarer Nähe eines Entlüftungsschachts durchschlug. Einige Sekunden später zeigte eine gewaltige Detonation die Zerstörung des Kommandostands an.
Doch seine eigentliche Bestimmung fand der Saddamizer abermals nicht, der Diktator hielt sich woanders versteckt.
Der gescheiterte Versuch, die Rückeroberung Kuweits mit dem Tod des Herausforderers in Bagdad zu krönen, steht beispielhaft für den ganzen Krieg: Trotz aller technischen Erfolge wurde das eigentliche Ziel verfehlt.
Der wirkliche Verlauf dieses Waffengangs, der in Tausenden von Fernsehstunden zum Teil live übertragen wurde, ist auch heute noch, ein Jahr nach seinem Ausbruch, weitgehend im dunkeln.
Die Restriktionen, die US-Militärs den Journalisten aufgezwungen hatten, erwiesen sich als so wirksam, daß von vorübergehenden Teilrückzügen alliierter Einheiten kein Wort an die Öffentlichkeit drang. Selbst die größte Panzerschlacht des Kriegs, in der die Amerikaner westlich von Basra 247 irakische Tanks zerstörten, blieb bis heute fast gänzlich unbekannt - sie fand zwei Tage nach der offiziellen Waffenruhe statt.
Erst jetzt werden die zensurbedingten Geschichtslücken allmählich geschlossen. Zum Jahrestag des Golfkriegs erscheint in den USA eine Flut von Büchern und Studien - bislang sind es bereits rund 30 -, die ein vollständigeres Bild zeichnen. Eines der provozierendsten wurde von einem Reporterteam des Nachrichtenmagazins U.S. News & World Report recherchiert.
Die Aufarbeitung der Geschichte bewirkte einen Wechsel der Perspektive: Hatten die Redakteure der Zeitschrift das Ende des Golfkriegs auf dem Titel noch als "Knockout" gefeiert, so heißt das Buch nun sehr viel bescheidener "Triumph ohne Sieg"*.
Selbstverständlich muß die Geschichte des Golfkriegs nicht vollständig neu geschrieben werden. Der Erfolg amerikanischer Präzisionswaffen, entwickelt in den siebziger Jahren, um die zahlenmäßige Überlegenheit der Truppen des Warschauer Pakts durch wirksamere Technologie auszugleichen, bleibt unbestreitbar.
Die von Stealth-Flugzeugen ins Ziel beförderten Fernlenkbomben zerstörten 47 Prozent aller strategischen Ziele im Irak, obwohl die Maschinen nur knapp zwei Prozent der 67 200 Kampfeinsätze flogen. Sogar Waffensysteme, die zuvor heftig kritisiert worden waren, erbrachten unerwartete Leistungen. So erwies sich die Kanone des Kampfpanzers M1A1 selbst auf Entfernungen über drei Kilometer als treffsicher _(* U. S. News & World Report: "Triumph ) _(without Victory". Random House, New ) _(York; 452 Seiten; 25 Dollar. ) - was nicht einmal der Hersteller angegeben hatte.
Zudem konnten die US-Militärs oft kuriose Erfolge verbuchen. Schon vor dem Krieg gelang es ihnen, über einen Computerdrucker, den die Iraker durch Jordanien schmuggeln wollten, ein Virus in das elektronische System der irakischen Luftabwehr einzuschleusen. Der Effekt: In kritischen Momenten erloschen die Daten auf den Bildschirmen der ratlosen Betrachter.
Detailliert beschreiben die Autoren das zynische Spiel einer US-Regierung, die schon zwei Tage nach dem irakischen Einmarsch in Kuweit zum Krieg gegen Saddam entschlossen war.
So war die Entscheidung, jeden Schritt von der Uno billigen zu lassen, keineswegs der Beginn einer "Neuen Weltordnung" (Präsident Bush), sondern vor allem ein geglückter Versuch, der Auseinandersetzung mit dem von den oppositionellen Demokraten beherrschten Kongreß aus dem Weg zu gehen. "Über die Uno haben wir die Demokraten ganz schön in die Klemme gebracht", berichtet stolz ein hoher Bush-Mitarbeiter.
Auch die zögernden Saudi-Herrscher wurden rigoros auf die Seite der Amerikaner gezwungen. Mit dem Argument, daß der Wüstenstaat unmittelbar bedroht sei, überredete Oberbefehlshaber Norman Schwarzkopf den saudischen König Fahd, die Stationierung ausländischer Truppen zuzulassen. Dabei hatte ein Späher, den Schwarzkopf bereits vor der irakischen Invasion nach Kuweit geschmuggelt hatte, zu diesem Zeitpunkt schon Entwarnung gegeben: Saddams Elitetruppen, die angeblich die Ölfelder im Nordosten Saudi-Arabiens bedrohten, zogen von der Front ab.
Zu Beginn der Operation "Desert Shield", im August und September 1990, hatten die Amerikaner erhebliche Schwierigkeiten, den Truppen- und Waffentransport über See zu organisieren. Hätten die irakischen Einheiten zu diesem Zeitpunkt angegriffen, rechnete selbst General Schwarzkopf mit schweren Verlusten.
Nie zuvor in einem Krieg ist zudem ein so hoher Prozentsatz von US-Soldaten durch Beschuß eigener Truppen umgekommen. Das Pentagon gab nach Kriegsende zu, daß 35 der 148 gefallenen US-Soldaten durch Feuer aus den eigenen Reihen umkamen. Weitere elf GIs starben nach dem Waffenstillstand durch Blindgänger der Alliierten.
Am überraschendsten ist zweifellos das teilweise Versagen der Aufklärung. Obwohl die Amerikaner von Satelliten über unbemannte Drohnen bis hin zu den Videokameras der Aufklärungsflugzeuge alle Mittel einsetzten, um den Gegner zu überwachen, kam es häufig zu gravierenden Fehlleistungen.
So schickten Kommandeure vor Ort lieber ihre eigenen Spähtrupps vor, als sich auf Angaben aus dem Hauptquartier in Riad zu verlassen. Dort wetterte wiederum General Schwarzkopf über die miserable Qualität der Analysen, die von den Satellitenauswertern stammten.
Maßlos hatten die Amerikaner insbesondere die Zahl der irakischen Truppen überschätzt. So errechnete das Pentagon die Stärke des Gegners zu Beginn des Landkriegs auf 540 000 Mann - Schwarzkopf fürchtete gar, seine Bodentruppen würden dem Feuer von 623 000 Irakern ausgesetzt sein.
Die Zahlen ergaben sich aus der Interpretation der Satellitenbilder und der Überwachung des Funkverkehrs der gegnerischen Einheiten. Analytiker des Pentagon hatten auf diese Weise 43 irakische Divisionen identifiziert und sie mit der durchschnittlichen Sollstärke amerikanischer Divisionen von 16 000 Mann hochgerechnet.
Erfahrene Nahostexperten gehen aber davon aus, daß Bagdads Divisionen im Höchstfall 8000 Soldaten umfassen. Doch selbst diese Annahme hätte die tatsächliche Truppenzahl noch überschätzt. Vor allem die an der Grenze zu Saudi-Arabien stationierten Einheiten, Saddams "Wegwerfarmee" (U. S. News), bestanden vermutlich aus hastig aufgebauten Brigaden, die sich zu 90 Prozent aus oppositionellen Kurden und Schiiten zusammensetzten. Während des wochenlangen Bombardements ihrer Stellungen war hier die Zahl der Deserteure besonders hoch.
Aus Gefangenenverhören ergab sich nach dem Krieg, daß viele Kämpfer nie aus dem Urlaub zurückkehrten, der jedem Saddam-Soldaten nach 21 Tagen Frontdienst zustand. Als am 17. Januar der Luftkrieg ausbrach, befanden sich wohl nur zwischen 300 000 und 350 000 irakische Soldaten in und um Kuweit. Zu Beginn der Bodenoffensive am 24. Februar hatte sich die Zahl wahrscheinlich auf 200 000 verringert.
Analog zur Stärke der gegnerischen Truppen muß auch die Zahl der irakischen Kriegsopfer revidiert werden. Obwohl sich Schwarzkopf weigerte, einen "body-count" durchführen zu lassen, hatte der Pentagon-Geheimdienst DIA nach dem Ende der Kampfhandlungen die Zahl der irakischen Gefallenen auf 100 000 beziffert - allerdings vorsichtig hinzugefügt, daß die Fehlerquote bei 50 Prozent liegen könnte.
Doch selbst die untere Schätzung - 50 000 tote Iraker - ist, so die Autoren von U. S. News, deutlich zu hoch. Irakische Kriegsgefangene berichteten, daß die täglichen Bombardements ihrer Stellungen in der Wüste zwar Terror verbreitet, aber keine Massaker verursacht hätten. Bei der Rückeroberung Kuweits stießen die vorrückenden Truppen der Alliierten häufig auf Abschnitte, in denen Dutzende von Leichen lagen, niemals aber waren Tausende an einer Stelle niedergemacht worden.
Mittels komplizierter Modellrechnungen, welche die Zahl der gefangenen, entkommenen und verwundeten Soldaten berücksichtigen, kommen die Autoren zu neuen Erkenntnissen: Danach sollen auf dem kuweitischen Kriegsschauplatz 8000 bis 25 000 Iraker gefallen sein.
Intern beklagen US-Militärs, daß angeblich übertriebene Berichte von Massakern an fliehenden Irakern sie um den vollständigen Sieg gebracht hätten. Denn neben Druck aus Saudi-Arabien und Ägypten soll es vor allem die Reaktion der Öffentlichkeit auf blutige Gemetzel gewesen sein, die Präsident Bush bewog, den Landkrieg schon nach 100 Stunden zu beenden.
Schwarzkopf hatte dagegen eine Kampfdauer von 144 Stunden (sechs Tage) geplant. Deshalb gelang es den alliierten Truppen nicht, die Republikanischen Garden vor Basra vollständig zu vernichten. Nach dem Krieg beschwerten sich viele US-Militärs, daß Saddams Elitesoldaten, höhnisch ihre Waffen schwenkend, unversehrt in Sichtweite der GIs abgezogen seien.
Wenig später mußten die Sieger dann tatenlos zusehen, wie die entkommenen Gegner einen Aufstand der Schiiten blutig niedermetzelten. Panzerführer Anthony Widner, der miterlebt hatte, wie die Gardedivision "Leuchtendes Medina" sich nach Basra in Sicherheit bringen konnte, ist heute überzeugt: "Wir hätten die Bastarde fertigmachen müssen." o
* U. S. News & World Report: "Triumph without Victory". Random House, New York; 452 Seiten; 25 Dollar.

DER SPIEGEL 3/1992
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