05.09.1994

Nordirland

Den Frieden fürchten

Protestanten sabotieren den Waffenstillstand der IRA: Ihnen droht der Verlust ihrer Privilegien.

Erst ein mißtrauischer Blick durchs Guckloch, dann öffnet Barmann Billy langsam die schwere Stahltür. Die Kneipe "Berlin Arms" in der Belfaster Shankill Road gleicht eher einer Festung als einer Gaststätte - kein Ort, an dem Fremde willkommen sind.

Zweimal im vergangenen Jahr haben katholische Terroristen den Pub im protestantischen Zentrum der nordirischen Hauptstadt aus fahrenden Autos heraus unter Feuer genommen, vier Zecher wurden verletzt.

Seither schützen dicke Holzbretter vor den Fenstern den düsteren Schankraum. Am Tresen gab es vergangene Woche nur ein Thema - den bedingungslosen Waffenstillstand, den die katholische Untergrundorganisation IRA ausgerufen hat.

Kann das Versprechen tatsächlich der entscheidende Schritt zu einem dauerhaften Frieden in der Bürgerkriegsprovinz sein, nach 25 Jahren und 3169 Toten sowie 38 680 Verletzten? Ist der einseitige Gewaltverzicht der IRA-Führer wirklich die historische Chance, welche den Wendepunkt in einem Konflikt bringen wird, der so schwer lösbar schien wie der in Südafrika oder in Nahost?

"Alles Blödsinn, dummes Gerede von Politikern, die keine Ahnung haben": Wie eine lästige Fliege auf seinem Guinness-Glas wischt Stammgast Jimmy Rankin, 25, die optimistischen Prognosen über den Fall der letzten Mauer in Europa beiseite. "Niemals werden wir vergessen oder vergeben, was die katholischen Bastarde uns angetan haben."

Erregt erinnern die Pub-Kumpane an ein IRA-Bombenattentat auf ein Fischgeschäft in unmittelbarer Nähe ihrer Kneipe, bei dem im vergangenen Oktober zehn Menschen ums Leben kamen. Wer das gesehen habe, sagt Rankin, glaube nicht mehr an Frieden in Ulster.

Haß und Abscheu säßen zu tief in den Menschen Nordirlands, der Ruf nach Rache werde - auf beiden Seiten - auch künftig nicht verstummen. Sein Fazit: Der Waffenstillstand sei nicht mehr wert "als ein Haufen Scheiße".

Während die Katholiken in Belfast auf den Straßen tanzten, um den nahen Frieden zu feiern, verunsicherte das IRA-Versprechen weite Teile der protestantischen Bevölkerungsmehrheit. Auch von ihren politischen Führern kam kein Wort der Hoffnung: Vielmehr attackierten sie den britischen Premier John Major, weil der sich mit der IRA eingelassen habe.

Der in seiner Partei und beim Volk ungeliebte Major hatte zusammen mit Irlands Regierungschef Albert Reynolds im vergangenen Dezember eine Erklärung verabschiedet, die der IRA die Abkehr vom Terror ermöglichte und dadurch den Weg für politische Verhandlungen frei machte.

"Nur Vollidioten" trauten der IRA über den Weg, spottete der Unionistenpolitiker William Ross über die vermeintliche Naivität von Major und Reynolds. Der Waffenstillstand sei entweder "ein Trick oder eine Falle".

Der radikale Protestantenführer Ian Paisley verurteilte jedes künftige britische Verhandlungsangebot an die IRA als "Verrat" und "Ausverkauf Ulsters an diesen teuflischen Abschaum"; die IRA-Erklärung bezeichnete er als "Rezept für einen Bürgerkrieg". Rüde forderte der zornige Geistliche Major auf, gegenüber den nordirischen Protestanten nicht wieder "mit falschen Karten zu spielen".

Tatsächlich fühlen sich die Britannien-treuen Unionisten über die wahren Absichten und Pläne Londons zunehmend getäuscht - nicht ganz zu Unrecht.

Zu einem Zeitpunkt etwa, als die Major-Regierung längst über Mittelsmänner Kontakte zur IRA und deren politischem Ableger Sinn Fein aufgenommen hatte, behauptete der Regierungschef vergangenen November noch unverfroren im Unterhaus: Schon bei dem Gedanken an Beziehungen zu "diesen Mördern und Schurken" drehe sich ihm "der Magen um".

In den protestantischen Ulster-Parteien, deren Abgeordnete Major vor einer Niederlage bei der Abstimmung über den Maastricht-Vertrag bewahrt haben, wächst seither die Angst, daß London ohne Rücksicht auf die Wünsche der nordirischen Protestanten zusammen mit Dublin ein politisches Arrangement für die Zukunft der seit 72 Jahren geteilten Insel anstreben könnte.

Alarmiert hat die Bevölkerungsmehrheit auch die Major-Erklärung, Großbritannien habe in der Provinz keine "eigenständigen oder strategischen Interessen" mehr - das ließ sich als Ankündigung eines allmählichen Rückzugs interpretieren.

Bislang konnten sich die rund 800 000 protestantischen Bürger Nordirlands, die von schottischen und englischen Siedlern abstammen und sich deshalb nicht als Iren verstehen, auf die "unverbrüchliche Partnerschaft" (Margaret Thatcher) mit London verlassen. Britische Standfestigkeit galt als Bollwerk gegen die katholischen Vereinigungsbestrebungen mit der Republik Irland.

Mit knapp drei Milliarden Pfund (7,3 Milliarden Mark) jährlich alimentiert Großbritannien die Provinz großzügig. Die massiven Zuschüsse für Ulsters marode Wirtschaft kamen überwiegend Protestanten zugute. Sichere Jobs im Öffentlichen Dienst fielen ebenfalls fast ausschließlich an Protestanten. Die schwerbewaffneten britischen Truppen, _(* Nach der Verkündung des ) _(Waffenstillstands am vergangenen ) _(Mittwoch. ) von den derzeit etwa 670 000 Katholiken als "Besatzer" verachtet, schützten nicht nur vor katholischem Terror - sie sind auch attraktive Arbeitgeber.

Bis zu 20 000 protestantische Jobs allein im Sicherheitsbereich gehen verloren, wenn die Armee, wie angekündigt, ihre Truppenstärke im Lauf der nächsten Jahre reduziert. Den Protestanten, die auf Grund der höheren Geburtenrate unter Katholiken schon bald in die Minderheit geraten könnten, droht dann ein Schicksal, unter dem heute viele Ulster-Katholiken leiden: Arbeitslosigkeit und ein Leben in ewiger Armut.

Wegen solch unerfreulicher Aussichten könne man den Eindruck gewinnen, so der Londoner Daily Telegraph, daß die nordirischen Protestanten in Wahrheit "den Frieden fürchten".

Das bestätigte sich auf fatale Weise in der Nacht zum vergangenen Freitag, nur 22 Stunden nach Inkrafttreten des Waffenstillstands: Die radikale Protestantenmiliz UFF erschoß in Belfast einen Katholiken.

Doch selbst wenn die Friedenssaboteure die IRA nicht zu Gegenschlägen provozieren sollen: Die Terroristen beider Seiten, fürchtet Nordirlands Polizeichef Sir Hugh Annesley, werden die Provinz auch künftig nicht zur Ruhe kommen lassen. Außer Dienst gestellte Untergrundkämpfer - zumeist Jugendliche ohne berufliche Zukunft - könnten ihre Aktivitäten einfach auf "das organisierte Verbrechen verlegen".

Schon heute erpressen Milizionäre beider Konfessionen im Mafia-Stil von wohlhabenden Glaubensbrüdern "Spenden für die gerechte Sache". Sie kassieren Schutzgelder von Geschäftsleuten, kontrollieren den Drogenhandel der Insel ebenso wie illegales Glücksspiel und den Vertrieb von Pornokassetten.

Annesley: "Warum sollten sich die Terroristen auflösen, wenn sie im kriminellen Milieu weiterhin viel Geld verdienen können?" Y

[Grafiktext]

_151_ Opfer des Nordirlandkonflikts seit 1969

[GrafiktextEnde]

* Nach der Verkündung des Waffenstillstands am vergangenen Mittwoch.

DER SPIEGEL 36/1994
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