05.09.1994

SchweizWanzen und Flöhe

Dokumente aus Moskau klären das Schicksal von Eidgenossen im Dienst der Komintern - und schrecken die Kommunisten noch heute.
Wir haben eine große Zukunft vor uns", schrieb der Maschineningenieur Walter Bickel 1934 aus Moskau nach Zürich. "Hier ist der Arbeiter der Mann an der Sonne."
Wie Bickel zogen in den zwanziger und dreißiger Jahren viele Schweizer Jungkommunisten in die Sowjetunion, um am Aufbau des roten Paradieses mitzuwirken. Die ersten hatten vor allem politische Motive, später trieben Arbeitslosigkeit und trübe Zukunftsperspektiven die Gläubigen zur Auswanderung ins vermeintlich Gelobte Land.
Wegen ihrer guten Ausbildung, ihrer Sprachkenntnisse und ihrer Tüchtigkeit erhielten überdurchschnittlich viele Eidgenossen Arbeitsplätze im Komintern-Apparat oder in wichtigen Betrieben.
Ihr Schicksal hat der Genfer Historiker Peter Huber anhand von Dokumenten aus dem Komintern-Archiv nachgezeichnet**. Die Wahrheit, die alte Kaderakten ans Licht fördern, ist für viele Schweizer Kommunisten ein Schock.
Das Alltagsleben mit der "Vorhut der Arbeiterklasse" fanden manche Auswanderer aus der wohlgeordneten Alpenrepublik schnell bedrückend. Bickels Freundin Olga Meier beklagte die miserablen Wohnverhältnisse: "Hier krabbelt es in der ganzen Wohnung von Wanzen, Schwabenkäfern und Flöhen."
Abstoßend fand sie auch die Privilegien der führenden Kader, die im Hotel logierten und sich Dienstboten hielten. Im Sommer 1937, auf dem Höhepunkt des stalinistischen Säuberungsterrors, berichtete sie von "Verhaftungen en gros", so daß es ihr "haargenau so vorkommt wie in Hitler-Deutschland".
Für den als Setzer tätigen Bickel bewiesen die Verhaftungen dagegen, daß die "Arbeiter hier wachsam sind". Gleichwohl geriet er in die Mühle der Verdächtigungen. "Wegen verschiedener Satzfehler, die er bei seiner Arbeit gemacht hat", so eine Kaderakte, wurde eine Untersuchung eröffnet.
Um den Verdacht der Sabotage auszuräumen, verpflichtete Bickel sich, für die Internationale Kontrollkommission der Komintern (IKK) über die Zusammenkünfte der Schweizer Genossen zu berichten - also Spitzeldienste zu leisten. Tatsächlich notierte er nur Kritik an Funktionären in der fernen Schweiz.
Vorsichtig wie Bickel taktierte auch Koni Meyer, der Abgesandte der Schweizer KP beim Exekutivkomitee der Komintern (EKKI). Anders als viele deutsche Funktionäre stand er seinen Job halbwegs in Ehren durch.
Ende 1936, als die regelmäßigen Treffen der Schweizer in der geräumigen Wohnung des Lenin-Vertrauten Fritz Platten und dessen Frau Berta Zimmermann als konspirativ eingestuft wurden, geriet Meyer selbst in Gefahr. Da er mit den Zusammenkünften, wie Bickel notierte, "wegen der Schwere der Zeit (Prozeß gegen Trotzkisten)" noch rechtzeitig Schluß gemacht hatte, kam er mit einer Verwarnung davon.
Nicht alle hatten soviel Glück. Von den rund 130 Schweizer Kommunisten, die sich damals zur Ausbildung oder zur Arbeit in der Sowjetunion aufhielten, kehrte nur etwa die Hälfte zurück. Nach Hubers Recherchen überlebten 9 die Lagerhaft, 15 gelten als verschollen, und 6 wurden als Volksfeinde, Trotzkisten oder Verräter hingerichtet.
Einer der engagiertesten Genossen, Fritz Platten, wurde 1942 im Lager von ** Peter Huber: "Stalins Schatten in die Schweiz, _(Schweizer Kommunisten in Moskau: ) _(Verteidiger und Gefangene der ) _(Komintern". Chronos Verlag, Zürich 1994; ) _(632 Seiten; 78 Mark. * Mit dem deutschen ) _(Funktionär Hugo Eberlein beim ) _(Gründungskongreß der Komintern in Moskau ) _(1919. ) einem Aufseher erschossen. Platten hatte 1917 Lenins Eisenbahnfahrt von Zürich nach Petrograd organisiert und dem bolschewistischen Revolutionsführer im Jahr darauf bei einem Attentatsversuch das Leben gerettet.
Seine Frau Berta Zimmermann, die - als Parteilose - im EKKI den konspirativen Verbindungsdienst OMS leitete, war laut Auskunft des Geheimdienstes schon "am 2. Dezember 1937 zum Tod durch Erschießen verurteilt worden. Die Anklage lautete auf antisowjetische Tätigkeit, Spionage und Terrorismus. Das Urteil wurde am gleichen Tag vollstreckt". Die Frau war von Genossen denunziert worden.
Für denselben Dienst wie Berta Zimmermann arbeitete auch Lydia Dübi. Sechs Jahre lang führte die Baslerin unter dem Decknamen "Pascal" die OMS-Außenstelle in Paris. Die Berichte in ihrer Kaderakte belegen ihre wachsende Verzweiflung über fehlende Unterstützung.
Zum Rapport in die Zentrale bestellt, glaubte Lydia Dübi, Vorwürfe im Gespräch mit ihren Vorgesetzten klären zu können. Vier Wochen wartete sie in Moskau vergebens auf einen Termin. Dann wurde sie verhaftet und am 3. November 1937 zum Tode verurteilt.
Die Familie Dübi in der Schweiz, die auch nach dem Verschwinden Lydias treu zur Partei hielt, erfuhr erst 1957 aufgrund privater Nachforschungen von ihrer Hinrichtung. Bruder Franz blieb dennoch bis 1971 Sekretär der Basler Sektion.
Die Schweizer Kommunisten und ihre 1944 neu gegründete Partei der Arbeit (PdA) haben sich der stalinistischen Schreckensherrschaft nie gestellt. Funktionäre wie Dübi oder die Spitzengenossen Jules Humbert-Droz und Edgar Woog, die das Ausmaß des Terrors kannten, offenbarten sich nicht öffentlich. Blinder Glaube, verzweifelter Starrsinn und tiefe Enttäuschung ließen es nicht zu, das Scheitern einzugestehen.
Die Enthüllungen aus den Moskauer Archiven kommen deshalb für manche Schweizer Kommunisten, die ihre kleine Partei als eine Art Familiengemeinschaft betrachteten, der Verletzung ihrer Intimsphäre gleich.
Er solle die alten Geschichten ruhenlassen, verlangten Zuhörer von Huber, als er seine Recherchen präsentierte. Einige vermuteten gar, daß die Dokumente "von Jelzin gefälscht sind, um die KP vollends zu diskreditieren".
Doch angesichts der großen Menge von Personendossiers allein im Komintern-Archiv ist Verdrängen nicht länger möglich. Nun können auch die Überlebenstricks der unteren Chargen, die kleinen Rachestücke und Petzereien der Mitläufer ans Licht kommen.
Walter Bickel nützten seine Spitzeldienste für die IKK nichts. Er verlor seine Arbeitsstelle in Moskau, sein Einbürgerungsgesuch wurde abgelehnt. Aber am Ende erhielt er, anders als manche seiner rückkehrwilligen Genossen, die Ausreiseerlaubnis.
Seiner Frau Olga, die vorausfuhr, setzten die Grenzer noch einmal zu: "Diese Hunde, die ekligen, die Russen, haben mir all mein Schweizer Geld abgenommen." Y
** Peter Huber: "Stalins Schatten in die Schweiz, Schweizer Kommunisten in Moskau: Verteidiger und Gefangene der Komintern". Chronos Verlag, Zürich 1994; 632 Seiten; 78 Mark. * Mit dem deutschen Funktionär Hugo Eberlein beim Gründungskongreß der Komintern in Moskau 1919.

DER SPIEGEL 36/1994
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