05.09.1994

FußballHEIMISCH IN DER FREMDE

Vom Fußball reden sie kaum noch, die Londoner und sonstigen Briten, denen der Klinsmann zu Kopfe gestiegen ist. Sie lernen Deutsch.
"Ooh aah wunderbar", liest die Boulevardgazette Sun ihren Lesern den Jubel von den Lippen. Der Daily Mirror widmet dem scherenschlagenden Torschützen im Schwebeflug ein ganzseitiges Farbfoto. "Walking on Herr", lautet die Balkenzeile - phonetisches Anspiel auf "walking on air", zu deutsch: Da fühlt sich einer wie im siebten Himmel. Oder, wie Herr Klinsmän aus Germany es ausdrückt, einfach "ssuppa".
Jürgen Klinsmann, 30, ist wieder einmal angekommen. "Ein vertrautes Gefühl in neuer Umgebung", sagt der 65malige Nationalspieler und schnürt seine Stiefel ("mein Handwerkszeug"), die den Profis bei Tottenham Hotspur noch der Nachwuchs wienert und bringt.
Wie er da sitzt, auf der Bank im Trainingsgelände Mill Hill und jeden Kollegen mit persönlichem Sätzle begrüßt, könnte er gut und gern schon seit seiner Jugend hier kicken - und nicht erst seit wenigen Wochen. Zweifel an Form oder Fähigkeiten hat der ehrgeizige Schwabe gar nicht erst aufkommen lassen. Sein simples Rezept: den "Erfolgsdruck durch Erfolg erledigen" - durch fünf Tore in den ersten vier Spielen.
Der in Britannien zur Zeit grassierende Klinsmann-Wahn reicht jedoch über Fußfertigkeit, Ballkontrolle und Torhunger des Importstürmers weit hinaus.
Vor allem Aussehen und Auftreten des Ex-Weltmeisters haben ein Fieber entfacht, das mehr dem Mann im Klinsmann gilt als dem Fußballer im Profi und noch mehr dem Deutschen im Fremden: Der antrittsschnelle Sonnyboy setzt nicht nur seine Weltmeisterschaftsmission als "bester Botschafter des deutschen Fußballs" (Kicker) fort. Die Briten erleben einen "Kraut" zum Gernhaben, einen Abgesandten der guten Deutschen, der eisbrecherisch germanophobe Verhärtungen aufweicht.
Daß die Londonerinnen ihn sexy finden und anhimmeln, dürfte den semmelblonden Bäckersohn und -gesellen kaum irritiert haben, vergötterten ihn doch schon die Amerikanerinnen als eine Art Robert Redford des Soccer. Der einmütige Enthusiasmus der Briten hat ihn jedoch überrascht - besonders nach der verkorksten WM.
Kaum einem in der Vogts-Truppe hat das Ausscheiden gegen Bulgarien mehr zu schaffen gemacht als Klinsmann, in dessen Vorstellungen das Nichterreichen des Finales nicht vorgesehen war. Nun hat er seine Mannschaftskameraden aufgefordert, vor dem ersten Länderspiel nach der WM, am kommenden Mittwoch gegen Rußland, "die Fehler des Turniers aufzuarbeiten". Hauptpunkt seiner Analyse: "Zuviel Ego-Denken, zuwenig Mannschaftsgeist."
Alles, was er im deutschen Team vermißt hat, glaubt er nun in England gefunden zu haben. Sein Ausflug auf die Insel, wo das Spiel noch Spiel ist und das Team wichtiger als die Theorie - eine therapeutische Exkursion zu den Urgründen seines Berufs zwecks Heilung seiner Weltmeisterschaftswunden?
Er habe genug, sagt er, von der "Verwissenschaftlichung des Fußballs" und von jenen Trainern, die er "Professoren" nennt, weil ihre Systeme auf dem Papier, nicht aber auf dem Platz funktionieren. Zwei Lieblingsworte von einem, der auszog, seine Leidenschaft wiederzufinden: "Geradlinig" und "direkt" soll nicht nur das Miteinander der Menschen sein, sondern auch das Spiel.
"Geradlinig" sei Tottenham-Chef Alan Sugar auf ihn zugegangen und habe keinen Hehl aus der Lage des Vereins gemacht: Wegen unerlaubter Geldzuwendungen an einige Spieler gehen die Spurs mit sechs Minuspunkten (entspricht zwei Niederlagen) in die Saison, vom Pokalwettbewerb sind sie ausgeschlossen. Die offene Art gefällt Klinsmann so gut, daß er zusagt.
Doch die Inselpresse empfängt ihn mit Hohn und Spott und schürt Neid ob seines Spitzengehalts, rund 100 000 Mark im Monat. Er wird zur "Haßfigur", wegen seiner Fallsucht im gegnerischen Strafraum nennen sie ihn einen "Diver", einen unfairen, feigen Taucher. Zu der Zeile "Mach den Klinsmann" druckt die Sun drei Zeichnungen eines Sturzes ohne Fremdeinwirkung.
Der Gastathlet kontert mit schonungslosem Charme, entschiedener Bescheidenheit und "dem, was ich am beschte kann": Fußball "geradlinig", straight fight. Reporter verblüfft er mit der Frage nach einer Tauchschule. Da die englische Journaille, einem Deutschen allemal, nichts so sehr honoriert wie entwaffnenden Humor, lassen die Reporter ihrem brüllenden Gelächter tags drauf gedruckte Hymnen folgen.
Seither weiß sich Cleansman - der Saubermann - in seiner Lieblingsrolle: everybody''s darling. Als einer, der neben seiner Muttersprache dreier Idiome mächtig und dabei sogar im Englischen etlichen seiner neuen Sportskameraden überlegen ist, ragt er aus dem Mittelmaß fußballerischer Intelligenz so weit heraus, daß manche sein Geschick mit Genialität verwechseln. Unter seinesgleichen zählen freilich Erkenntnisse wie "Das Ballgefühl kommt aus dem Kopf" schon als Lehrsätze aus dem Mund eines Fußballphilosophen.
Daß der Schwabe clever und geschäftstüchtig ist, hat er schon oft bewiesen. Er managt sich selbst, führt seine eigenen Vertragsverhandlungen und spielt auch mit Nebengeschäften große Beträge ein: Allein der Verkauf der Bäcker-T-Shirts mit der Aufschrift "Wir backen wie die Weltmeister" brachte eine knappe Million ein. Finanziell habe er ausgesorgt, sagt er mit ehrlicher Genugtuung, jedoch weit davon entfernt, mit seinem Besitz zu protzen. Das eingespielte Geld legt er in Immobilien an - in Häusle halt.
Er sei kein Angeber und nicht arrogant, heißt es in London, sondern "a very nice guy". Freundliche Worte über einen außergewöhnlich gewöhnlichen Menschen, die weniger über dessen Qualitäten sagen als darüber, wie die Deutschen auf der Insel nach wie vor angesehen sind. Einen unschätzbaren Vorteil besitzt er allerdings gegenüber etlichen seiner Landsleute: Er muß sich nicht verstellen, um nett zu sein.
Außerdem spielt er einen Fußball, wie man ihn im Königreich nicht alle Tage zu sehen bekommt. Klinsmann in England - das ist wie ein Leben nach Drehbuch für Fußball-Seifenopern: Gleich im ersten Meisterschaftsspiel trifft er - und "macht den Klinsmann", den "Dive", die gewollte Schwalbe: Gemeinsam mit Mannschaftskameraden wirft er sich bäuchlings ins Gras, und die Menge johlt. "Come on you Spurs!"
Wenn jetzt der Stadionsprecher "Jürgeen Klinsmäänn" ankündigt, zum Mitbrüllen lang, folgen minutenlange Sprechchor-Ovationen, die Anzeigentafel leuchtet in den deutschen Farben, und doppelt blinkt es "Wunderbar".
So erobert ein Millionär mit festem Wohnsitz am Comer See ein Nordlondoner Armenviertel, wo Fußballer in etwa das Ansehen von Freiheitskämpfern genießen und der "pitch", das Spielfeld, als schönste Grünanlage weit und breit liebevoller gepflegt wird als der heimische Wohnzimmerteppich.
Auf ihrem Weg vom Oxford Circus Richtung Norden stoppen Züge der Victoria Line gerade in fünf U-Bahnhöfen, bis sie die Station Seven Sisters erreichen. Der Gegensatz könnte dennoch kaum krasser sein: Dort einer der Treffpunkte kaufberauschter Konsumenten aus aller Welt, hier ein sozialer Brennpunkt mit gemischtfarbiger Bevölkerung, Rassenkonflikten, Drogenproblemen, Gewaltkriminalität und der zweithöchsten Arbeitslosenquote der Hauptstadt: Tottenham.
Knapp 30 Minuten Fußweg die High Road entlang sind es bis zum Stadion White Hart Lane, wo die Spurs ihre Heimspiele austragen. Zwei Kilometer Tristesse in multikulturellem Milieu, ausgebrannte Häuser, verrammelte Läden, deren Besitzer die Mieten nicht mehr zahlen konnten, Schlangen vor der Ausgabestelle für Sozialhilfe, und vor einem "Ladbroke''s"-Wettbüro trinken sich Penner um Hoffnung, Würde und das letzte Stück Verstand.
Aber kaum jemand käme auf die Idee, den Großverdiener aus Deutschland zu verteufeln - im Gegenteil. "Wir sind Jürgen dankbar", sagt Maureen, die Wirtin des Pubs "The Corner Pin" an der Ecke Park Lane, gleich neben dem Stadion, "weil er für uns spielt."
Auf der anderen Straßenseite, in einem der Fan-Shops des Vereins, haben Jugendspieler Trikothemden mit der Nummer 18 und dem Namenszug Klinsmann auf dem Rücken produziert, bis ihnen wegen ungebrochener Nachfrage schließlich die Buchstaben ausgingen.
Seit der Blondschopf zum Kader gehört, sind alle Spiele ausverkauft - bis zum Ende der Serie. Der Aktienkurs des Klubs klettert beständig, Klinsmanns Ablösesumme von gut fünf Millionen Mark ist an der Börse schon wieder reingeholt.
Die Steigerung von Fußball ist bekanntlich britischer Fußball. Da vor allem in der Unterschicht die Identifikation mit der Mannschaft religiöse Züge annehmen kann, entscheiden Fußballspiele als Höhepunkte kulturellen Lebens auch über ein Stück Alltagsglück.
Als Klinsmann am vorvergangenen Mittwoch zum erstenmal das "Glory, glory, Tottenham Hotspur" aus 25 000 Kehlen entgegenschallt, "isches mir kalt ''n Buckel ''nunter".
Hunderte verfolgen neuerdings die Alltagsarbeit der Profis in Mill Hill, wo erstmals ein Deutscher das Emblem mit dem "audere est facere" auf der Brust trägt: "Wagen heißt machen."
Wenn er steht, sozusagen im Leerlauf, verkörpert der Neue eine merkwürdige Mischung aus schlaksig und steif. Geradezu wesensfremd muß ihm die Gangart des maßvoll aufrechten _(* Beim "Dive" mit Teamkollegen nach ) _(seinem ersten Tor. ) Schreitens sein. Als diene Gehen vor allem dazu, dem Vornüberfallen zuvorzukommen, scheinen seine Füße meist das Gewicht des vorauseilenden Oberkörpers auffangen zu müssen - eine Vorstufe zur typischsten Fortbewegungsart des Jürgen Klinsmann: Sein Lauf ist sein Markenzeichen.
Ohne Ball trabt er wie ein junges Pferd über die Weide, unvergleichbar mit dem Hasten irgendeines anderen Rasensportlers, auf und nieder schwingt die blonde Mähne im Rhythmus der Schritte, die er betont, jeden einzeln, die Knie emporwerfend - unterstrichene Worte in einem gleichförmigen Text.
Erst im Sprint vollendet sich Klinsmanns Laufkultur zur raubkatzenhaften Mischung aus Kraft und Geschmeidigkeit. Aus diesem höchsten Aggregatzustand fußballerischer Energiezusammenballung feuert er gefährliche Schüsse ab und erzielt die schönsten Tore.
Der beste Deutsche, der seit dem legendären Bernd Trautmann für einen britischen Klub kickt - im Mutterland des Fußballs findet er endlich wieder, wovon er sich auf jeder Station seiner Wanderung weiter entfernt hat: das Spiel. Und die Mannschaft.
"Hier läuft jeder für jeden", sagt er mit kritischem Blick auf die deutsche Nationalequipe. Der Zusammenhalt einer Elf hänge nicht davon ab, daß man sie schon am Tag vor dem Match ins Hotel bestellt. In Tottenham treffen sich die Spieler zwei Stunden vor dem Anpfiff, jeder kommt im eigenen Wagen.
"Von der ersten Minute an habe ich mich hier wie zu Hause gefühlt", sagt der Mann aus Geislingen. Er scheint an seinem Bestimmungsort angekommen zu sein, heimgekehrt in die Fremde. Y
Der Cleansman spielt seine Lieblingsrolle
Die Klubaktien steigen, die Spiele sind ausverkauft
* Beim "Dive" mit Teamkollegen nach seinem ersten Tor.
Von Jürgen Neffe

DER SPIEGEL 36/1994
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