07.03.1994

BasketballMONSTER UND MESSIAS

Er steht für Disziplin und Ehrgeiz: Detlef Schrempf hat deutsche Wertarbeit ins uramerikanische Spiel eingebracht, die Seattle SuperSonics sind mit ihm zum Favoriten der US-Profiliga avanciert. Doch der Erfolg, für den er wie besessen rackerte, stellt den besten deutschen Basketballspieler nicht zufrieden.
Jeden Sonntag, zur Frühschoppenzeit, wagt Berthold Schrempf einen neuen Versuch, seinen Sohn zu verstehen. Dann sieht der ehemalige Straßenbau- und Kanalarbeiter aus Leverkusen-Neuboddenberg fern, Basketball aus der amerikanischen Profiliga.
Der Sohn nimmt teil am Wettkampf der Dollarmillionäre, meistens gewinnt er sogar. Den Vater macht das eher stutzig als stolz. Auch er sei ja "ein bißchen ehrgeizig" gewesen, aber gleich so streberhaft? Sein Junge, er hat es immer geahnt, sei "irgendwie anders".
Detlef Schrempf, 31, sitzt in East Rutherford (New Jersey) nackt und breitbeinig in der Kabine. Deo, Haargel, Handcreme und CD-Player liegen, ackurat aufgereiht, neben ihm, Bandagen pressen Eisbeutel gegen die Schienbeine. Der Schweiß tropft noch vom Körper, da liest der Profi bereits die Statistik des Spiels, vor allem die eigene. 17 Punkte aus 9 Würfen, 7 Vorlagen. Schrempf war der Beste - die Seattle SuperSonics haben dennoch verloren.
Tage wie dieser sind ohne Sinn. Hatte er nicht vorher in knappen Worten abermals an das Gemeinschaftsgefühl appelliert, hatte nicht Trainer George Karl den Weg des Balles gleichsam programmiert? Und doch haben die vier Schwarzen um Schrempf alles anders gemacht und damit den New Jersey Nets den Sieg geschenkt.
Als die Sündenböcke unter der Brause stehen, setzt sich der Coach kurz dem Blonden gegenüber. Fünf Schrempfs auf dem Feld, sagt Karl, "und wir hätten gewonnen".
So wie der Fußballklub Inter Mailand lange dachte, nur mit Lothar Matthäus und teutonischen Tugenden italienische Meistertitel gewinnen zu können, glaubt nun das Basketballteam aus Seattle an Detlef Schrempf aus Leverkusen, und damit an Arbeit, Einsatz, Disziplin. Seit der Deutsche für Seattle spielt, gelten die SuperSonics, die "Überschallflieger", als Favorit der nordamerikanischen Basketball-Liga NBA.
"Show und Egoismus hasse ich", sagt Schrempf. Bei solchen Sätzen lächeln alle zustimmend; doch sein Banknachbar, Kendall Gill, rückt kaum merklich zur Seite. Denn eigentlich bedauern sie im Team, daß der Spaßvogel Derrick McKee im Tauschgeschäft nach Indianapolis abgegeben wurde - und dafür einer kam, der nie wegen seines Witzes, sondern höchstens dadurch auffällt, daß er auch die größten Basketball-Entertainer zurechtweist: "Charles Barkley sollte sich weniger in Kneipen prügeln."
Wie einst Matthäus in Mailand wird Schrempf nicht geliebt. Doch geduldet und anerkannt wird der Deutsche, weil er, so Ersatzspieler Rick King, "uns Führung und mentale Stärke gibt. Um zu gewinnen, brauchen wir ihn".
Der Weiße als verlängerter Arm des weißen Cheftrainers zur Disziplinierung eines Teams exzentrischer Schwarzer - die Denkraster des Profisports sind so schlicht. Schrempf akzeptiert jede Rolle und gibt, was er hat. Das ist nicht nur ein Job, sondern das Leben an sich. Daran glaubt er.
Von Egotrips a la Barkley träumt er allenfalls. In diesen Momenten versichert er, daß man "nicht alles im Sinne von Verpflichtungen und Loyalität" sehen dürfe, wo doch die Klubs "Menschenhandel" betreiben. Sekunden später ist Schrempf jedoch wieder der, der er immer war: Basketballer, 24 Stunden im Dienst, stets topfit, denn "dafür werde ich bezahlt".
Die große Geste eines Barkley, der seine Überlegenheit zur Schau stellt, liegt Schrempf nicht. Auch er liebt Dunkings, und doch preßt er den Ball nur in den Ring. Das Beherrschen des Spiels ist die Aufgabe und nicht seine Schönheit. Selbst das Gardemaß von 2,07 Meter scheint Produkt seines Willens zu sein, und so bleiben keine Schwächen. Schrempf steht für deutsche Wertarbeit im uramerikanischen Spiel.
Was ablenkt, wird bestenfalls beiläufig wahrgenommen. So hektisch wie devot unterrichtet ihn Öffentlichkeitsarbeiter Marc Moquin, welche PR-Anfragen er wieder abgebogen hat: Schrempf nickt nicht einmal, sondern referiert weiter über die Teams, die ihm den Titel streitig machen.
Natürlich ist sein Spiel nicht ohne Faszination; wenn er allein den Gegner so hart attackiert hat wie eine sechsköpfige Handballabwehr den Kreisläufer, schleicht er danach arrogant und siegesgewiß über das Feld wie Shir Khan, der Tiger aus dem "Dschungelbuch".
Bei Freiwürfen ist keinem so wie ihm die Sicherheit anzusehen: Da steht einer, der weiß, daß sein zehntausendfach geprobtes Ritual definitiv dazu führt, daß der Ball durch den Ring fällt.
Zackig tritt er an die Linie, kaut den Kaugummi, drückt die Zunge gegen die Backen und öffnet den Mund. Er tippt den Ball dreimal auf, hebt ihn fast zärtlich hoch und geht zugleich in die Hocke, starrt auf den Korb, als wollte er ihn hypnotisieren. Er stützt den Ball mit links und stößt ihn mit rechts - wenn der Punktgewinn angesagt wird, ist Schrempf längst auf dem Weg in die eigene Hälfte, biegt bei Gratulationen nur leicht die Hand zur Seite.
Wenn Schrempfs Vater solche Szenen daheim im Wohnzimmer beobachtet, scheint ihm sein Sohn noch kräftiger als früher, noch stärker: "Er hatte ja immer nur den Sport im Kopf."
Weil die Mitspieler zu rauchen begannen, ist er mit 13 Jahren vom Fußball zum Basketball gewechselt, radelt täglich elf Kilometer zum Training nach Leverkusen. Als ihm einer den Kiefer ausrenkt, legt die Zahnklinik eine Schiene an: Eigentlich darf der Schüler drei Wochen lang keinen Sport treiben, doch am nächsten Tag spielt er wieder - das Landrat-Lucas-Gymnasium muß sich für das Bundesfinale qualifizieren. Da füllt sein Trainer Otto Reintjes einen Bewertungsbogen aus: "Detlef kann ein guter Bundesliga-Spieler werden."
Dem reicht das nicht. Als er den Eltern, die bis dahin nicht ein Spiel von ihm gesehen hatten, sagt, daß er nach Amerika will, antworten die: "Mach nur, Junge." Er findet eine High-School im Staate Washington, wo er als "dead shrimp", tote Krabbe, verspottet wird - und bleibt, bis sie ihn "Det the Threat" nennen: Detlef, die Bedrohung.
Als er erkennt, wie im scheinbar körperlosen Basketballspiel hingelangt wird, geht er zum Zusatztraining in die Hinterhöfe, dorthin, wo einem die Arme gebrochen werden, bis man die Tricks kennt. Jeder Spitzenspieler, sagt der wohl nächstbeste deutsche Profi, der Leverkusener Henning Harnisch, müsse "basketballverrückt" sein. Doch Schrempf ist ihm "fremd" - fanatischer "als alle, die ich kenne".
Dennoch demütigten ihn die Profis der Dallas Mavericks über vier Jahre. In den letzten Minuten, wenn das Spiel schon gewonnen war, durften sich die Neulinge profilieren; doch die Stars warfen Pässe, die nicht zu fangen waren. Schon am ersten Tag verstand Schrempf, warum: "Du versuchst nun mal, einem andern den Job zu nehmen."
Uwe Blab, sein deutscher Leidensgenosse in Dallas, flog heim. Henning Harnisch gab nach drei Wochen im College "den Gefühlen nach", mochte nicht akzeptieren, daß Basketball in den USA Selbstaufgabe verlangt. Schrempf hielt durch, ließ sich nach Indiana verschachern - und schaffte die Karriere, die er einst wie am Reißbrett geplant hatte.
So wurde er zu jener Art Symbolfigur wie der Regisseur Wolfgang Petersen oder der Schauspieler Armin Mueller-Stahl: Deutsche, die Amerika erobern, Einzelkämpfer, die sich selbst in Boom-Zeiten nicht recht fassen lassen.
Schrempf geht, wie NBA-Profis gehen. Die Füße scheinen zu rollen, die Schultern schwingen, alles lässig, demonstrativ cool. Der Kollege Shawn Kemp trägt Nerz, Sam Perkins Sonnenbrille, Schrempf trägt immerhin das Hemd über der Hose und guckt, wie die anderen, hartnäckig an Fans und Hoteldirektoren vorbei.
Gesprächen versucht Schrempf sich zu verweigern, auch wenn er sich ihnen stellt. "Ich habe es geschafft", sagt er dann, und "der Ehrgeiz", quetscht er noch durch die Lippen, "ist eine Sache von Professionalität". Dabei bewegt er die riesigen Hände nervös vor dem Körper, als kneteten sie sich einen Ball.
Was treibt, was peitscht ihn wirklich voran? Die Angst, nicht zu genügen? Manchmal lacht er das verlegene Lachen derer, die ihren eigenen Worten nicht trauen. Wenn er im Sprung zwischen zwei Sprachen Stilblüten produziert ("Kindergarden-Gärtnerin"), findet er das nicht lustig; es ist ihm peinlich. Erinnerungen erzählt er meist nur in Andeutungen.
Als Kind sei er sehr lang und sehr dünn gewesen - die Körperhaltung großer Kinder, leichter Rundrücken und eingezogener Kopf, brachte Schulkameraden auf die Idee, ihn "Monster" zu rufen. Das war die Zeit, als er den Sport der Großen entdeckte. Er begann zu arbeiten und hat bis heute nicht aufgehört. Das Problem vieler NBA-Profis - wer zu den Dollars vorgedrungen ist, glaubt, daß der Kampf nun vorbei ist - kennt er nicht. Wie andere Arbeiter des Sports, der Tennisspieler Jim Courier etwa oder die Skifahrerin Katja Seizinger, ist er nie wirklich mit sich zufrieden.
Mit Deutschland, sagt er, hat er abgeschlossen. Er bittet nur noch, daß die Nation beim Hören der Hymne mehr Rührung zeigen möge; den Zweiten Weltkrieg, diesen "großen Block auf dem Rücken", müßten die Deutschen abwerfen, weil, ganz einfach, "jedes Land 'ne Geschichte" habe.
Doch nicht einmal sportlich klappt es mit Deutschland noch. Bei Olympia in Barcelona beklagte "Messias", wie er bei den Mitspielern hieß, die "einfache Taktik"; alles meinte er allein bewerkstelligen zu müssen und machte daher viele Fehler. Daß die Kollegen von ihm lernten, aber erst ohne ihn Europameister wurden, hat ihn nachhaltig irritiert.
Seine Heimat, wenn er denn eine hat, ist Seattle. Dort lebt er mit seiner Frau, der Hürdenmeisterin Mary Wagner und seinen Söhnen Alexander und Michael. Aber auch hier, wo er den Erfolg fand, findet er keine Gelassenheit. Weil Jungprofis wie Shaquille O'Neal, 22, im Zeitraffer das Geld verdienen, für das Schrempf ein Jahrzehnt rackerte, muß der weiter spielen, immer weiter: "Das nächste Jahr ist meines." Dann soll auch Schrempfs Gage von 1,5 auf 4 Millionen Dollar aufgestockt werden.
So bleibt er ein Getriebener, den niemand begreift. Seine Welt sind die vier mal zwölf Spielminuten, 82 Ligabegegnungen, die Play-offs und die Zahlen, die der Computer ausspuckt. Verliert er, bricht die Welt des Detlef Schrempf jedesmal neu zusammen. Y
"Er ist fanatischer als alle, die ich kenne"

DER SPIEGEL 10/1994
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