06.06.1994

PalästinaEinzige Quelle der Autorität

Der Publizist Avnery, 70, geboren in Beckum (Westfalen), war der erste Israeli, der sich über ein Regierungsverbot hinwegsetzte und Arafat 1982 in Beirut aufsuchte.
Kein Mensch ist in Israel so verhaßt wie Arafat. Es ist, als hätten sich hundert Jahre Feindschaft, Haß und Ängste auf diesen einen Mann konzentriert.
Vielen Israelis ist es rätselhaft, wieso gerade Arafat, der ihnen häßlich und abstoßend vorkommt, von den Palästinensern als Nationalheld gefeiert wird. Die Palästinenser haben kein Nationalabzeichen wie die Juden den Davidstern. Statt dessen haben sie zwei Bilder: den Felsendom von Jerusalem und das Porträt Arafats. Was hat dieser Mensch an sich, daß sein eigenes Volk ihn so verehrt?
Eine Antwort ist, daß Arafat das Schicksal des palästinensischen Volkes verkörpert. Seit seinem 19. Lebensjahr ist er ein Flüchtling. Nie hatte er eine feste Wohnstätte oder ein Privatleben. Seit 35 Jahren irrt er in der Welt umher, immer von einigen Geheimdiensten gejagt, in jedem Augenblick in Lebensgefahr. Einige Male saß er angeblich in arabischen Gefängnissen. Unzählige Male ist er Attentaten mit Glück entgangen.
Der Widerwille, den Rabin und Arafat gegeneinander hegen, ist schon legendär. Sie trennt mehr als persönliche Animosität - zwischen ihnen klafft ein kultureller Abgrund.
Rabin hat nie gegen seine Eltern rebelliert. Er hat die Ideologie der zionistischen Gründergeneration vorbehaltlos übernommen. Sein ganzes Leben lang war er ein Vollstrecker. Arafat dagegen war immer ein Rebell, hat nie die Autorität anderer akzeptiert. Er hat eine neue Vision geschaffen und ist ihr Symbol geworden.
Beide sind keine Intellektuellen. Aber während Rabin in Israel als "analytisches Gehirn" gerühmt wird, ist Arafat ein Mensch der Intuition. Rabin ist kühl, trocken, sachlich, kontaktarm und frei von jeder schöpferischen Einbildungskraft. Bei Arafat eilt die Phantasie der Wirklichkeit weit voraus. Er hat ein Talent für warme, menschliche Beziehungen. Beide sind typische Repräsentanten ihrer Generation - der eine ein "Sabre", ein im Lande geborener Israeli, der andere ein im Exil aufgewachsener Palästinenser.
Araber haben eine besondere Bewunderung für persönlichen Mut, und Arafat ist ein sehr mutiger Mensch. Viele Male hat er sich mit Vorbedacht Gefahren ausgesetzt. 1982 floh er nicht aus Beirut, als die Stadt von israelischen Truppen eingekreist wurde. Er blieb bei seinen Kämpfern, obwohl er wußte, daß der israelische Verteidigungsminister Ariel Scharon ihn nicht lebend gefangengenommen hätte.
Ein Jahr später, als seine palästinensischen Feinde die ihm ergebenen PLO-Truppen im libanesischen Tripoli belagerten, verließ Arafat das sichere Genf und schlich sich in die umzingelte Stadt, um bei seinen Soldaten zu sein. Wie in West-Beirut harrte er dort aus, bis er mit seinen Leuten über See evakuiert wurde.
Er ist der "Vater der Nation", weil er die wichtigste Tat in der Geschichte des palästinensischen Volkes seit der Katastrophe von 1948 vollbracht hat. Ende der fünfziger Jahre, Arafat war ein junger Ingenieur in Kuweit, brach er die Vormundschaft der arabischen Staaten über das palästinensische Volk. Das war das Grundprinzip der neuen Fatah-Bewegung - im Gegensatz zu anderen palästinensischen Organisationen, deren Führer, wie Georges Habasch, glaubten, daß die panarabische Revolution eine Vorbedingung zur Befreiung Palästinas sei.
Wie die zionistische Revolution, die die Juden gelehrt hat, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, hat Arafat sein Volk gelehrt, sich nur auf sich selbst zu verlassen: sein erstes historisches Verdienst.
Sein zweites war die Organisation der palästinensischen nationalen Bewegung. Er hat einen sehr persönlichen, aber in der arabischen Tradition verankerten Führungsstil. Er gibt sich große Mühe, Entscheidungen zu vermeiden, die auf der Abstimmungsniederlage einer Minderheit gründen. Wer in der Minderheit bleibt, wird ein Feind. Arafat zieht es vor, einen Konsens herzustellen im Sinne des islamischen "Idschmaa" - Diskussion, bis alle einer Meinung sind.
Das hat westliche Partner oft irritiert. Sie wollten klare und schnelle Entscheidungen und mußten feststellen, daß Arafat ein kompliziertes Spiel treibt; daß er verschiebt, verzögert, einen Schritt vorwärts und dann auch wieder einen rückwärts macht. Viele, die ihm heute vorwerfen, ein Diktator zu sein, haben ihn früher als beschlußunfähigen Zauderer beschimpft. Aber was wie ein endloses Stocken aussah, war oft eine unmerkliche Bewegung vorwärts.
Auf diese Art hat er die palästinensische Bewegung Schritt für Schritt zum Kompromiß geführt - von der Forderung, daß beinahe alle Juden aus Palästina vertrieben werden müßten, wie die Gründungscharta der PLO von 1964 vorsah, bis zum Oslo-Abkommen. Immer war Arafat der Masse seines zerstreuten Volkes weit voraus. Aber nur wenige wußten das.
Sein größtes Verdienst ist, daß er während mehr als 35 Jahren eine widerspenstige Nationalbewegung voll innerer Widersprüche weitgehend zusammengehalten hat. Das ist wenigen Revolutionsführern gelungen, obwohl kaum eine Bewegung so schweren Spannungen ausgesetzt war. In der PLO gibt es Linke und Rechte, orthodoxe Religiöse und rabiate Atheisten, Moslems und Christen, radikale Revolutionäre und Konservative, Anhänger des bewaffneten Kampfes und Befürworter der gemäßigten Diplomatie.
Nur einmal wäre er beinahe von dem Seil gestürzt, auf dem er schon so lange tanzt. Als Staatspräsident Anwar el-Sadat 1977 dem ägyptischen Parlament mitteilte, daß er im Begriff sei, nach Jerusalem zu fliegen, war Arafat im Saal und klatschte mit. Wahrscheinlich sah er in der Sadat-Initiative eine große Chance für die palästinensische Sache. Aber als Arafat nach Beirut zurückkam, erwartete ihn eine offene Revolte. Seine Anhänger betrachteten Sadat als Verräter. Arafat beeilte sich zu erklären, daß der Ägypter ihn überrumpelt habe.
Wer ist der Mensch hinter der Fassade?
Mohammed Abd el-Rauf Arafat el-Kudwa, wie Arafats Geburtsname angeblich lautet, war das sechste von sieben Kindern eines palästinensischen Händlers aus dem Gazastreifen. 1927 wurde der Vater von seinen Kompagnons nach Kairo geschickt, wo er mit Samen und Gewürzen handelte. Seine Energie und Geldmittel widmete er einem endlosen Prozeß um das Erbe seiner ägyptischen Mutter.
Jassirs Mutter Sahwa stammte aus der Familie Abu Saud, die der Jerusalemer Aristokratie angehört. Einer der Vorsteher dieses Clans war ein Mitarbeiter des Großmuftis Hadsch Mohammed Amin el-Husseini.
Die Geburt Arafats ist von Sagen umwoben. Laut einer ägyptischen Urkunde ist er am 24. August 1929 in Kairo geboren. Nach der offiziellen palästinensischen Version kam er in Jerusalem am 4. August 1929 zur Welt, im Hause seines Onkels, neben der jüdischen Klagemauer, zu Füßen der heiligen Aksa-Moschee. Dieses Haus wurde, wie die anderen in dieser Umgebung, nach der Eroberung Jerusalems durch die israelische Armee im Juni 1967 abgerissen, um den Platz vor der Mauer freizulegen.
Die Mutter starb, als Arafat vier Jahre alt war, und damit begann seine Wanderschaft. Er kam mit den Stiefmüttern nicht aus. Seit frühester Kindheit war er ein besonderer Junge, rebellisch, dominierend und aktiv, der gern herumkommandierte.
Es ist nicht ganz klar, wo er sich im Palästina-Krieg von 1948 befand. Einer Version zufolge war er bei der Truppe des legendären Abd el-Kadir el-Husseini, eines entfernten Verwandten des Großmuftis. Einer anderen Version nach hielt er sich in der Nähe El-Alameins auf, um bei den Beduinen für die Palästinenser deutsche Waffen zu kaufen, die seit der großen Schlacht in der Wüste herumlagen.
Nach dem Krieg studierte er Ingenieurwissenschaften in Kairo. Dort verdiente er sich den Spitznamen Jassir - etwa: "Der, dem alles leichtgemacht wird". Aber mehr als in Mathematik zeichnete er sich in der stürmischen Studentenpolitik aus.
Eine seiner frühen Taten war, eine mit Blut geschriebene Petition an den damaligen ägyptischen Ministerpräsidenten General Mohammed Nagib zu schicken mit der kurzen Mahnung: "Vergiß Palästina nicht!" Diese dramatische Aktion brachte ihm am 13. Januar 1953 die erste Meldung in einer Zeitung ein. Al-Ahram berichtete darüber in einigen Zeilen auf Seite 8. Allerdings war sein Name falsch geschrieben: "Farhat".
Als Delegierter der Union palästinensischer Studenten nahm er an seiner ersten Konferenz teil: einem Kongreß der internationalen Jugend im kommunistischen Prag. Dort gab er sich als "Mister Palestine" aus und benutzte zum erstenmal das palästinensische Kopftuch, die schwarz-weiße Kufija, so drapiert, daß sie entfernt an die Umrisse Palästinas erinnert.
Schon in seiner Jugend hat Arafat, wie viele Führer, die Wichtigkeit von Symbolen erkannt. Die Kufija, die Khaki-Uniform, der spärliche Bart sind seine Kennzeichen. Wie die weiße Mähne Ben-Gurions und die schwarze Augenklappe Dajans geben sie ein Bild, das sich leicht einprägt. Arafat weiß sehr gut, daß ein nationaler Führer auch ein Schauspieler sein muß, und mehr als einmal hat er sich als solcher gerühmt.
Wenn keine Kameras in der Nähe sind, hat er die Kufija nicht auf. Der barhäuptige, kahlköpfige Arafat ist eine andere Person als die Fernsehfigur. Plötzlich sieht er aus wie sein sanfterer Bruder Fathi.
Er ist ruhelos wie Quecksilber, immer aktiv, mit schneller Auffassungsgabe und gutem Erinnerungsvermögen für Menschen und Situationen. Es sieht so aus, als ob er nie schliefe. Um zwei Uhr nachts ist er am besten. Er hat kein Zeitgefühl, und seine Unpünktlichkeit ist sagenhaft.
Im Gespräch mit Gästen hat er das Talent, schon im ersten Augenblick eine entspannte, warme Beziehung herzustellen. Es gibt in seiner Umgebung keine äußeren Kennzeichen der Autorität. Seine Leute unterbrechen ihn freimütig, kritisieren ihn auch in Anwesenheit Fremder. Sein Büro gleicht manchmal mehr dem Hof eines chassidischen Rabbis als dem Hauptquartier einer revolutionären Bewegung. Dennoch sahen selbst die wichtigsten Mitbegründer der Bewegung, etwa Abu Dschihad und Abu Ijad, in seiner Nähe wie zweitrangige Figuren aus.
Was am wichtigsten ist: Arafat hat Fortune. Das beweisen die Attentate, denen er entronnen ist, während seine besten Freunde und Mitarbeiter vom israelischen Mossad und von arabischen Sicherheitsdiensten umgebracht worden sind.
Auch seine Rettung bei dem Flugzeugunglück im April 1992 in Libyen sah wie ein Wunder aus. Seine kleine Maschine geriet in einen Sandsturm. Der Pilot meldete, daß er eine Notlandung versuchen müsse. Arafats Leibwächter banden alle im Flugzeug vorhandenen Kissen und Polster um den Körper des Chefs, und dann umarmten sie ihn. Der Pilot und einige Insassen verloren ihr Leben, Arafat blieb so gut wie unversehrt.
"Ihr seht, Allah beschützt mich", sagte er seinen Mitarbeitern und weigerte sich weiterhin, endlich einen Stellvertreter zu ernennen.
Auch politisch ist er anscheinend unzerstörbar. Er hat Fehler begangen, die einen anderen Politiker vernichtet hätten, zum Beispiel die Unterstützung Saddam Husseins im Golfkrieg. Zwei Jahre später war er wieder ein begehrter Partner.
Nun steht er vor der schwersten Aufgabe seines Lebens - dem Übergang von seiner Rolle als Chef einer revolutionären Bewegung zur Rolle des Defacto-Chefs eines Staates im Werden. Kann er das?
Niemals mußte ein Führer einen neuen Staat unter solchen Bedingungen schaffen. Als David Ben-Gurion im Jahre 1948 Israel gründete, war schon alles vorhanden. Die Briten hatten ein gut organisiertes Land hinterlassen, und die selbständigen zionistischen Institutionen funktionierten seit 20 Jahren. Man brauchte nur die Schilder an den Türen zu ändern.
Nelson Mandela hat einen Staat übernommen, der zwar unter blutigen Auseinandersetzungen gelitten hat, dessen Überlebensfähigkeit aber erprobt ist. Zwischen Südafrika und Palästina gibt es noch einen anderen Unterschied: Präsident Frederik Willem de Klerk übergab die Macht an Mandela in einem Zug, während Arafat sich mit einem unglaublich komplizierten "Zwischenzustand" zufriedengeben muß, ohne daß das Endziel definiert ist. Die "Selbstregierung" hat kümmerliche Kompetenzen, die fanatischen israelischen Siedler spuken weiterhin in den besetzten Gebieten herum, und viele Paragraphen des Autonomieabkommens sind für die Palästinenser demütigend.
Die palästinensische Verwaltung beginnt mit nichts. Die israelische Herrschaft, wie die frühere jordanische, hatte alle selbständigen palästinensischen Institutionen untersagt und mit Gewalt zerschlagen. Im Westjordanland und im Gazastreifen wurde jede palästinensische Wirtschaftsinitiative verhindert, um den Markt für israelische Produkte zu sichern. Eine Infrastruktur besteht so gut wie nicht.
Aber noch bevor der erste palästinensische Beamte sein Amt angetreten hatte, _(* Oben: 1969 in Jordanien; unten: 1992 ) _(mit dem libyschen Revolutionsführer ) _(Muammar el-Gaddafi. ) wurde Arafat schon überall in der Welt beschuldigt, die Probleme nicht gemeistert zu haben.
Die erste Aufgabe, gute Beamte für die neue palästinensische Verwaltung zu finden, ist beinahe unlösbar. Veteranen der PLO, die jahrzehntelang den Kampf im Exil geführt haben, konkurrieren mit den Palästinensern "von innen", welche die Leiden der Besatzung ertragen haben; würdige Notabeln mit jungen Burschen, die aus den Gefängnissen und aus dem Untergrund auftauchen; Kämpfer, die jahrelang täglich ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, mit Fachleuten ihres Alters, die zur selben Zeit an den besten Universitäten der Welt ausgebildet worden sind. Arafat wird seine ganze Gewandtheit brauchen und noch viel mehr, um zwischen diesen widersprüchlichen Ansprüchen zu lavieren.
All das muß getan werden, obwohl die PLO praktisch bankrott ist. Seit dem Golfkrieg haben arabische Regime die Organisation planmäßig erdrosselt. Es ist kein Geld da, um die neue Polizei zu ernähren und auszustatten, um den Witwen der "Märtyrer" (gegen 1500 sind in der Intifada gefallen) und den Invaliden (mehr als 10 000) die Pensionen zu bezahlen.
Die Riesensummen, die von Amerika und anderen Staaten großzügig versprochen wurden, sind bisher nicht gezahlt worden. Saudi-Arabien hat die finanzielle Blockade der PLO immer noch nicht aufgehoben. Argwöhnische Palästinenser sprechen schon von einer weltweiten Verschwörung gegen Arafat.
Wenn nicht innerhalb weniger Monate eine grundlegende Veränderung der wirtschaftlichen Situation in Gaza und Jericho stattfindet, wird der Anfang des Friedensprozesses zusammenbrechen.
Im Mittelpunkt des Minenfeldes steht ein Mensch, der mehr und mehr dazu neigt, alle Entscheidungen selbst zu treffen. Und wie alle Politiker, die viele Jahre lang die Verantwortung getragen haben, ist er argwöhnischer, härter, ungeduldiger geworden, weniger bereit zuzuhören.
Heidar Abd el-Schafi, der würdige alte Vorsitzende der palästinensischen Verhandlungsdelegation in Madrid, ist erbost über die scheinbar willkürliche Art, in der Arafat jetzt Menschen ernennt und absetzt. Er verlangt, daß eine kollektive Führung die Verantwortung übernimmt. Aber auch er gibt zu, daß die Schuld bei den Kollegen Arafats liegt, die seit Jahren allen schweren Entscheidungen aus dem Weg gingen und froh waren, sie Arafat überlassen zu können.
Viele der treuesten Anhänger Arafats, die ihm überallhin gefolgt sind, verlangen jetzt demokratische Institutionen. Aber sogar die schärfsten Kritiker wissen, daß Arafat jetzt eine unglaublich wichtige Funktion hat: Er ist die einzige Quelle der Autorität. Eine andere gibt es nicht.
Das wird nicht dadurch erleichtert, daß Rabin und seine Leute - mit Ausnahme von Schimon Peres - bei jeder Gelegenheit Arafat mit Verachtung überschütten. So sagte Umweltminister Jossi Sarid, ein Führer der linken Merez-Partei, vor dem Kairo-Abkommen: "Wir müssen Arafat den Arm umdrehen, aber nicht brechen." Die endlosen Verhandlungen über Kleinigkeiten - ein Kilometer hier, ein Polizist da, die Hartnäckigkeit, mit der auch die kleinsten, psychologisch wichtigen Zugeständnisse verweigert werden - haben der anfänglichen Freude der Palästinenser ein Ende gesetzt.
Ein Problem, das Arafat zudem in Israel - und im Westen überhaupt - verfolgt, betrifft seine "Unglaubwürdigkeit".
In Wirklichkeit ist Arafat zwar so glaubwürdig - oder unglaubwürdig - wie jeder andere Politiker. Aber es gibt eben Politiker, denen man alles abnimmt - Rabin zum Beispiel -, und andere, denen man einfach nichts glaubt, so etwa einst Richard M. Nixon in Amerika ("Würden Sie von diesem Mann einen Gebrauchtwagen kaufen?"). _(* Mit US-Präsident Bill Clinton am 13. ) _(September 1993 in Washington. )
Das Problem Arafats besteht darin, daß er, ganz die arabische Art, eine deutliche und kurze Antwort vermeidet. Klipp und klar zu sprechen gilt bei Arabern als unhöflich, primitiv. Im westlichen Fernsehen ist aber gerade so eine Antwort das Zeichen für Glaubwürdigkeit.
Arafat macht das gleiche wie Rabin: Er paktiert mit dem Gegner von gestern, gibt aber öffentlich extreme Aussprüche von sich, um seine Opposition zu neutralisieren. Jeder Satz Rabins macht die Palästinenser wütend, jedes Zitat Arafats wird in Israel als "Vertragsbruch" verschrieen.
Tatsächlich jedoch ist Arafat seinen Verpflichtungen bislang nachgekommen. Das Hauptbeispiel: Elf Monate vor dem Libanon-Krieg 1982 hat Israel mit der PLO indirekt (unter amerikanischer Vermittlung) ein Waffenstillstandsabkommen geschlossen. Arafat hat es eingehalten und konnte sogar die Extremisten in seinen Reihen bändigen. Aber Israels Verteidigungsminister Ariel Scharon hat das Abkommen im Juni 1982 gebrochen und ist in den Libanon einmarschiert, um Arafat zu vernichten. Der Vorwand: Die Terroristen Abu Nidals, Todfeinde Arafats, hatten einen Anschlag gegen den israelischen Botschafter in London verübt.
Seine arabischen Feinde beschreiben Arafat als einen müden alten Mann, einen palästinensischen Marschall Petain, der bereit sei, jedes Diktat des Feindes anzunehmen. Andere vergleichen das Kairo-Abkommen mit dem Versailler Vertrag.
Erst der Einmarsch palästinensischer Soldaten in Gaza und Jericho, mehr oder weniger als Polizisten verkleidet, hat wieder einen Sturm der Begeisterung ausgelöst. Aber Arafat weiß, daß damit nur der erste Schritt zum Endziel getan ist - der Errichtung eines palästinensischen Staates mit seiner Hauptstadt Ost-Jerusalem. "Mister Palestine" ist dort noch lange nicht angelangt. Y
Mahnung an Palästina mit Blut geschrieben
Vor dem Absturz im Sandsturm noch einmal umarmt
* Oben: 1969 in Jordanien; unten: 1992 mit dem libyschen Revolutionsführer Muammar el-Gaddafi. * Mit US-Präsident Bill Clinton am 13. September 1993 in Washington.
Von Uri Avnery

DER SPIEGEL 23/1994
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 23/1994
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Palästina:
Einzige Quelle der Autorität

Video 03:39

Videoanalyse zum Parteitag "Die CSU ist in einem desolaten Zustand"

  • Video "Zwei Reporter in Burma verhaftet: Das letzte Wort hat immer noch das Militär" Video 02:37
    Zwei Reporter in Burma verhaftet: Das letzte Wort hat immer noch das Militär
  • Video "E-Sport an der Universität: Der Weg zum Diplom-Zocker" Video 02:14
    E-Sport an der Universität: Der Weg zum Diplom-Zocker
  • Video "CSU-Parteitag: Zum Streiten machen wir die Haustüre zu" Video 02:25
    CSU-Parteitag: "Zum Streiten machen wir die Haustüre zu"
  • Video "Neue Jupiter-Animation: Sturzflug in den Großen roten Fleck" Video 01:17
    Neue Jupiter-Animation: Sturzflug in den "Großen roten Fleck"
  • Video "Officer down: Britische Polizei lacht über ausgerutschten Kollegen" Video 01:04
    "Officer down": Britische Polizei lacht über ausgerutschten Kollegen
  • Video "Abschied mit Tränen: Wolfgang Kubickis letzter Auftritt im Landtag" Video 02:00
    Abschied mit Tränen: Wolfgang Kubickis letzter Auftritt im Landtag
  • Video "Ex-SPD-Chef Kurt Beck über GroKo-Gespräche: Der gleiche Mist wie bei Jamaika" Video 02:12
    Ex-SPD-Chef Kurt Beck über GroKo-Gespräche: "Der gleiche Mist wie bei Jamaika"
  • Video "Star Wars am Wohnhaus: So haben Sie Darth Vader noch nie erlebt" Video 01:26
    Star Wars am Wohnhaus: So haben Sie Darth Vader noch nie erlebt
  • Video "Waffenschau in Washington: USA präsentieren Beweise für Irans Einmischung im Jemen" Video 00:56
    Waffenschau in Washington: USA präsentieren Beweise für Irans Einmischung im Jemen
  • Video "Bei Schnee auf die Rennstrecke: Weißes Rauschen" Video 00:55
    Bei Schnee auf die Rennstrecke: Weißes Rauschen
  • Video "Roy Moore erkennt Wahlergebnis nicht an: Der Kampf geht weiter" Video 02:13
    Roy Moore erkennt Wahlergebnis nicht an: "Der Kampf geht weiter"
  • Video "Tatort: Mit dem Blitzkrieg Bop gegen die AFD, brillant!" Video 04:29
    "Tatort": "Mit dem Blitzkrieg Bop gegen die AFD, brillant!"
  • Video "Filmstarts im Video: (Hoffentlich nicht) der letzte Jedi" Video 05:51
    Filmstarts im Video: (Hoffentlich nicht) der letzte Jedi
  • Video "Virales Video: Star-Wars-Crashtest" Video 01:22
    Virales Video: Star-Wars-Crashtest
  • Video "Großes Glück: Baby mit externem Herzen überlebt" Video 01:26
    Großes Glück: Baby mit externem Herzen überlebt
  • Video "Brexit-Abstimmung im Parlament: Rückschlag für May" Video 01:00
    Brexit-Abstimmung im Parlament: Rückschlag für May
  • Video "Weinstein über Hayek: Alle sexuellen Vorwürfe von Salma sind nicht korrekt" Video 00:58
    Weinstein über Hayek: "Alle sexuellen Vorwürfe von Salma sind nicht korrekt"
  • Video "Schlappe für Trump: Skandal-Republikaner verliert Wahl in Alabama" Video 01:46
    Schlappe für Trump: Skandal-Republikaner verliert Wahl in Alabama
  • Video "Jerusalem-Demo in Berlin: Mein Herz, mein Boden, mein Blut ist Palästina" Video 03:35
    Jerusalem-Demo in Berlin: "Mein Herz, mein Boden, mein Blut ist Palästina"
  • Video "Videoanalyse zum Parteitag: Die CSU ist in einem desolaten Zustand" Video 03:39
    Videoanalyse zum Parteitag: "Die CSU ist in einem desolaten Zustand"