28.11.1994

Schulen„Moderne Analphabeten“

SPIEGEL: Herr Rissberger, Sie behaupten, die Schulen verschlafen das Computer-Zeitalter. Doch es gibt für fast alle Schüler Unterrichtseinheiten, in denen sie lernen, mit dem Computer umzugehen.
Rissberger: Es geht nicht darum, die Tasten bedienen zu können. Es geht um eine neue Qualität von Wissensvermittlung, um völlig neue Formen des Unterrichts. Computer können viel anschaulicher komplizierte Sachverhalte darstellen. Wenn es beispielsweise darum geht, den Zerfall einer chemischen Verbindung zu erklären oder das Innere eines Vulkans plastisch zu machen, ist mit spezieller Software ein kindgerechteres, leichteres und effektiveres Lernen möglich.
SPIEGEL: Wie soll das funktionieren?
Rissberger: Der Computer kann mit den Erfahrungen und Methoden der besten Pädagogen ausgestattet werden, er paßt sich automatisch dem Lerntempo und der Leistungsfähigkeit jedes Kindes an, die Schüler können zu Hause lernen oder im Klassenzimmer, wann und wo sie wollen. Mit den neuen Programmen können alle Sinne aktiviert werden, über Schrift, Bild, Ton und Film.
SPIEGEL: Aber die Kinder starren den ganzen Tag stumm auf den Bildschirm.
Rissberger: Das tun die nicht, keine Sorge. Die Praxis zeigt, daß Schüler miteinander reden, sich helfen, sehr aktiv sind, während sie vor dem Rechner sitzen. Außerdem wissen wir durch langjährige Pilotprojekte, daß Mädchen und Jungen mit dem Computer mehr Spaß beim Lernen haben.
SPIEGEL: Soll der Computer den Lehrer ersetzen?
Rissberger: Auf keinen Fall, das Gerät wird immer nur ein zusätzliches Werkzeug im Unterricht sein, aber ein äußerst nützliches. Der Lehrer wird weit weniger sein Wissen vermitteln müssen oder etwa sagen, was richtig ist und was falsch. Vielmehr sind seine Qualitäten als Erzieher und Berater der Kinder gefragt.
SPIEGEL: Viele Lehrer lehnen den Computer ab.
Rissberger: Nur weil sie keine Erfahrungen damit haben. Vor über 2000 Jahren war Platon gegen die Einführung der Schrift in der Bildung; er war der Überzeugung, wer mitschreibt, der kann nicht mehr konzentriert zuhören. Vor wenigen Jahren bekämpften viele Pädagogen noch den Taschenrechner, obwohl er unter den Schülern längst verbreitet war. In den Schultaschen von morgen werden tragbare Computer ganz selbstverständlich Hefte und Bücher ergänzen und teilweise ersetzen. Der Computer behindert das Denken nicht, er fördert es. Tatsache ist, daß Lehrer, die an Pilotprojekten beteiligt waren, am Ende nicht mehr auf den Rechner verzichten wollten.
SPIEGEL: Trotzdem bleibt es nur bei einzelnen Versuchen. In den USA, Kanada oder Japan gehören Computer in den Klassenzimmern teilweise schon zum Alltag.
Rissberger: Da sind wir am entscheidenden Punkt. Viele Kultusminister, überhaupt die meisten Bildungspolitiker, sind moderne Analphabeten. Die lassen ihre Mitarbeiter am Computer arbeiten. Sie selbst können mit den Geräten kaum umgehen. Für die Zukunft wäre das etwa so, als könnte der Chef einer Fahrschule nicht Auto fahren. Die verantwortlichen Politiker müssen jetzt handeln, sie müssen die Schüler mit Computern und Lern-Software ausstatten, flächendeckend. Sonst verpassen wir international den Anschluß. Zu Hause sind viele Kids ohnehin mit modernsten Geräten versorgt.
SPIEGEL: Oft fehlt den Schulen das Geld, um die teuren Computer zu kaufen.
Rissberger: Die Finanzminister sollten da Prioritäten setzen. Das wichtigste Fundament von Wirtschaft und Wissenschaft ist das Humankapital. Unsere Kinder müssen gut auf die Zukunft vorbereitet werden. In den USA gibt es bereits Hochschulen, die künftig nur noch Studenten zulassen, die über ein leistungsfähiges Notebook verfügen. Und das Gerät muß mit dem Netz der Universität kompatibel sein.
SPIEGEL: Was wollen Sie aber mit den Kindern anfangen, die sich von der ganzen Technik überfordert fühlen? Nicht alle Jungen und Mädchen sind mit dem Computer vertraut.
Rissberger: Schwierigkeiten haben meist nur die Erwachsenen, die Kinder wissen genau, wann es ihnen zuviel wird. Meine Tochter Lisa hat bereits vor der Grundschule entweder mit einem Farbstift auf Papier gemalt, mit Kreide auf die Straße oder am Computer des Vaters eine Einladung zum Geburtstag gestaltet - aber meistens hat sie lieber draußen rumgetollt. Y

DER SPIEGEL 48/1994
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 48/1994
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Schulen:
„Moderne Analphabeten“

  • Brexit-Parodie: Schauspieler Andy Serkis als May-Gollum
  • Debattenkultur: Die seltsamen Rituale des britischen Parlaments
  • Turner Fabian Hambüchen: Der schwierigste Abgang
  • Überraschende Entdeckung: Geckos können übers Wasser laufen